Die Deutschen sind an allem schuld

Interview mit Nikos Dimou, Schriftststeller

Wahlen stehen vor der Tür, wieder werden alte Klischees aus der Schublade geholt. Und so manchen Schriftstellern wird vorgeworfen, Krisengewinnler zu sein, wenn sich ihre Bücher gut verkaufen, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Nikos Dimou ist, trotz seiner 80 Jahre ein unruhiger und jugendlicher Geist, der seinen Landsleuten gern den Spiegel vorhält. Seine Bücher „Über das Unglück, ein Grieche zu sein„ und „Die Deutschen sind an allem schuld„ haben im deutschsprachigen Raum eine große Leserschaft gefunden.

Der Philosoph Nikos Dimou, geb. 1935 in Athen, studierte in Athen und München und ist Autor von über 60 Büchern. Bekannt wurde der streitbare Intellektuelle durch seine Fernsehtalkshows, Radiosendungen und vielbesuchten Blogs. Sein berühmter Aphorismenband “Über das Unglück, ein Grieche zu sein” erschien zuerst 1975 und wurde in der deutschen Erstausgabe 2012 auch hier ein Bestseller. Näheres zum Autor erfahren Sie in unserem „Who is who„.

Nikos Dimou, Die DeutschenNikos Dimou, Unglück

 Im letzten Jahr ist Ihr Buch „Die Deutschen sind an allem schuld“ herausgekommen. Wie kam es dazu?

Es ist ein Buch, das es eigentlich gar nicht gab. Es ist ein Un-Buch, sozusagen. Es besteht aus mehreren, zusammenhängenden Texten, die aus verschiedenen Quellen stammen, aber nie als Buch konzipiert waren. Im Grunde ist es eine Erfindung meines deutschen Verlags. Nach dem großen Erfolg von „Über das Unglück, Grieche zu sein“ wollte man eine Fortsetzung, genauso wie bei Godzilla, wo erst das Filmmonster, dann sein Sohn und dann sein Enkel die Hauptrolle spielen.

 Das „Unglück“ war zu einem Kultbuch geworden, das ein bestimmtes Bedürfnis befriedigt hat. Es hat aber lang gedauert, bis es auf Deutsch erschienen ist, so als hätte es auf den richtigen Zeitpunkt warten müssen, um auch hier ein bestimmtes Bedürfnis zu befriedigen…

Das stimmt. Und auf der Suche nach einem Nachfolger stieß meine Lektorin auf meiner Website auf eine Reihe von Dialogen, die ich Mitte der Neunzigerjahre für eine amerikanische Zeitschrift auf Englisch verfasst hatte. Die ergänzte ich durch teils unveröffentlicht gebliebene, teils neu geschriebene Dialoge. Zwei auf Deutsch verfasste Vorträge wurden zum Vor- und zum Nachwort.

Ich glaube, die Krise ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass Griechenland nie ein Teil der westlichen Kultur und ein organisierter, moderner Staat wurde. Doch die Texte aus beiden Büchern sind so aktuell geblieben, weil sie etwas über den Seelenzustand und die Mentalität der Griechen aussagen, die sich nicht so schnell ändern.

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©diablog.eu

 Sind die Deutschen heimliche Masochisten, dass Ihnen so ein Titel gefällt?

Das glaube ich nicht. Der Umschlagentwurf bringt die Botschaft gut rüber, finde ich: Da sind ein antiker Grieche und Goethe zu sehen und darüber der Titel „Die Griechen sind an allem schuld“, wobei „Griechen“ durchgestrichen und durch die „Deutschen“ ersetzt wurde. Ein Teil unseres Unglücks war es ja, dass Winckelmann das Ideal des antiken Griechentums entdeckt und in ganz Europa bekannt gemacht hatte. Und dieses Ideal kam dann als Rückwanderer wieder zu uns und sagte: Ihr seid doch keine balkanischen Bauern, sondern Nachfahren des Perikles.

Daraus entstand ein Ego, das zu groß ist für einen so kleinen Staat. Aber der Titel sagt noch mehr über die Verantwortung der Deutschen für das Schicksal der Griechen aus, nicht nur über den Idealtypus des Griechen, sondern auch über die Krise. Die Deutschen können uns nicht verstehen, und umgekehrt ist es genauso. Zwischen uns klafft ein riesiger Abgrund. Die Griechen sagen: Ihr Deutschen seid staubtrockene Protestanten und Arbeitsmaschinen, ihr habt keine Lebensart. Während die Deutschen sagen: Ihr Griechen seid große Faulenzer, hängt den ganzen Tag am Strand ab, reißt Touristinnen auf und lebt von geklautem oder geborgtem Geld.

Wenn sie uns ein bisschen besser verstünden, könnten sie uns auf eine viel effektvollere Art helfen. Es ist, als ob man einem Bettler, bevor man ihm die Almosen in die Hand drückt, einen Vortrag darüber hält, wie unfähig er doch ist. Und während wir dankbar sein müssten, dass uns die Deutschen und die anderen Europäer Geld mit nur 2% Zinsen leihen, das uns sonst 7% kosten würde, beschimpfen und hassen wir sie dafür. So wird in den griechischen Medien Merkel persönlich und auf unflätige Weise für die Krise verantwortlich gemacht.

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 Wie kam es zu dieser Anfälligkeit der Griechen für Verschwörungstheorien, im Sinne von „Die Deutschen sind an allem schuld“?

Das hat eine sehr lange Vorgeschichte, das geht bis in die Antike, aber auf jeden Fall bis in byzantinische Zeit zurück, und ganz schlimm wird es nach dem Kirchenschisma, der Spaltung in Ost- und Westkirche. Die Westler können nur schwer die große Rolle der orthodoxen Kirche beim ideologischen Entstehungsprozess der neugriechischen Identität nachvollziehen. Hier trifft sich seltsamerweise die Kirche mit dem anderen großen Ideologieproduzenten, nämlich der Linken.

Nur diese beiden haben eine interpretatorische Weltsicht entwickelt, die politische Rechte interpretiert die Welt nicht, sondern administriert bloß die Macht. Und diese beiden stimmen in einem Punkt überein: Sie sind beide – aus ganz verschiedenen Gründen – antiwestlich eingestellt. Die Orthodoxie ist antiwestlich, weil sie alle anderen Glaubensrichtungen für Häresien hält. Also sind die Westler fluchbeladene Sünder, die eine Bedrohung für uns darstellen.

Das führte zu einer permanenten Phobie der Ostkirche, der Westen würde sie unterjochen wollen. Das ging vor dem griechischen Freiheitskampf soweit, dass man den die Osmanen und den Sultan für das kleinere Übel hielt im Vergleich zu den Westlern, die diese neuen Ideen über Demokratie, Gleichheit, Freiheit verbreiten. Erst nach der Revolution hat sich die Kirche sehr angestrengt, um zu beweisen, dass sie immer schon dafür war.

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Doncat, ©diablog.eu

 Und was war mit der Linken?

Die Linke andererseits war gegen den kapitalistischen und imperialistischen Westen ausgerichtet. Während die Linken ursprünglich Kosmopoliten waren, vollzog sich nach dem Fall der Mauer und dem Ende des eisernen Vorhangs eine Kehrtwendung hin zum Nationalismus. Diese beiden Mächte stecken hinter den meisten Verschwörungstheorien, wenn man ein wenig an der Oberfläche kratzt.

Haben Sie schon von der Theorie über die Kondensstreifen gehört? Man besprüht uns mit Gift, damit wir uns schön brav verhalten und nicht aufmucken. Wissen Sie, wie viele Griechen daran glauben? 34%! Die ausländischen Mächte besprühen uns mit Gift, weil sie den ganzen Süden unterjochen wollen, auf der Suche nach billigen Arbeitskräften. Und weil sie an unsere Bodenschätze kommen wollen, ohne dafür zu bezahlen. In der soziologischen Forschung findet man, dass Verschwörungstheorien ein Merkmal kleiner und unterentwickelter Gesellschaften sind.

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Die berühmte griechische Geste: Die Mountza, ©Petros Zervos

 Mich erinnert das alles an meine Heimat Österreich, ein Land, das einst ein Großreich war und aus dem Ersten Weltkrieg geschrumpft und zerstückelt hervorging. Auch dort findet man eine Kombination von Provinzialismus und Größenwahn vor.

Da haben Sie vollkommen recht. Unser Größenwahn, mit dem wir schon in der Schule indoktriniert wurden, ist: Wir sind das auserwählte Volk, gemeinsam mit den Juden. Nur, dass wir Antisemiten sind und nicht akzeptieren wollen, dass auch die Juden auserwählt sind. Bei einer europaweiten Umfrage waren die Griechen zu 97% stolz darauf, als Griechen geboren zu sein. Der europäische Durchschnittswert war 32%.

Auf der anderen Seite gibt es den Underdog-Komplex, man fühlt sich wie ein geprügelter Hund. So kommt es zu diesem Widerspruch: Ich bin toll, aber statt das anzuerkennen, macht man mir das Leben schwer, ignoriert mich. Demzufolge hassen sie mich und ziehen mich über den Tisch. Diese übertriebene Ich-Pose führt dazu, dass ich mich ungerecht behandelt und hintergangen fühle.

Generell fühlt man sich in Griechenland als Spielball ausländischer Mächte. Die Niederlage aus dem kleinasiatischen Feldzug von 1922 war hausgemacht, auch die Junta war hausgemacht. Es steht auf einem anderen Blatt, dass sich das Ausland diese Entwicklung zunutze gemacht hat. Aber generell sind bei uns an allem Bösen die anderen schuld.

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 Es hat also etwas mit der Ausformung unserer Identität, unseres Ichs zu tun.

Früher hieß es immer, die Griechen seien keine Rassisten. Aber schon 1987 wurde eine europäische Studie durchgeführt, in der sich zeigte, dass ein großer Prozentsatz Vorbehalte gegen Juden und Muslime hat, von Pakistani und Albanern ganz zu schweigen, die es damals nicht in dieser Zahl gab. Von den griechischen Roma reden wir gar nicht, da wären es 100%.

Diese Angst vor dem Anderen überwindet man nur durch Bildung und Erziehung, durch Familie und Schule. Aber so eine Erziehung gibt es in Griechenland nicht. Die Familie wird deinen Rassismus verstärken. Und der Faschismus ist eine Weiterentwicklung des Rassismus. Diese Art von Bildungspolitik gibt es bei uns nicht.

Und ich mache mich hier verhasst, wenn ich Dinge sage wie: Der schlimmste Tag der letzten Jahrzehnte war nicht der 21. April 1967, sondern der 22. Da dachte ich, jetzt wird es eine große Protestbewegung geben, sei es auch nur einen Schweigemarsch, da man uns die Freiheit genommen hat. Aber alle sind zur Arbeit gegangen, ohne zu reagieren. Protestiert haben vielleicht mal 200 Leute, erst nach 1971 regte sich der Widerstand.

Die Menschen hatten nicht gelernt, ihre Rechte zu verteidigen, sondern nur ihre Interessen. Berufs- und Gewerkschaftsinteressen werden in Griechenland mit großer Verve unterstützt.

 Da Sie das Thema Familie angesprochen haben: Welche Rolle spielt die Familie, da wiederum die Mutterfigur in Griechenland. Befreundete Intellektuelle haben den Begriff „Matriarchat“ verwendet. Ist das tatsächlich so?

Ja, nicht nur in Griechenland, sondern generell im europäischen Süden. Auch die italienische Mamma ist ein Diktator. Sie verkörpert ein Unterdrückungssystem, das zur Kastration des Sohnes führt, zum Phänomen des Muttersöhnchens. Erst gestern habe ich in einer Statistik gelesen, dass 70% der griechischen Studenten bei ihrer Familie leben, während der europäische Durchschnitt bei 28% liegt.

Der Hauptgrund, warum ich zum Studium nach Deutschland ging, war, dass ich mich von meiner Mutter befreien wollte. Meine Mutter war ein wunderbarer Mensch, aber ich war der einzige Sohn und sie hätte mich erdrückt, wenn ich nicht weggegangen wäre.

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©Frieder Schubert

 Aber verkörpert das System Familie nicht auch das Prinzip „Gewalt“? Es wurde in der letzten Zeit ja immer wieder, in Filmen und Theaterstücken zum Beispiel, das Thema „Gewalt“ in der griechischen Gesellschaft angesprochen…

Das hat aber nicht nur mit der Familie zu tun, sondern mit einem allgemeineren Klima. Bis vor Kurzem konnte man als Pazifist zum Beispiel den Dienst an der Waffe nicht verweigern, das galt als Landesverrat. Unsere Schulbücher sind voller Gewalt, aber natürlich nur solche Gewalt, die andere auf uns ausüben. Denn wenn Griechen Gewalt ausüben, sind sie Helden.

Der griechische Militärdienst war bis vor Kurzem ein schrecklicher Spießrutenlauf, der einem zum Mann machen sollte. Also waren Familie, Schule, Militär und Geschichte von Gewalt geprägt. Aber auch die Linke sagt, in Marx´ Worten: „Gewalt ist die Hebamme der Geschichte.“ Nur damit könne man den Lauf der Geschichte verändern.

Also gibt es fünf Quellen für die Verherrlichung von Gewalt. Und alle, die dagegen waren, galten als Feiglinge und Ausgestoßene. Das war schlimmer, als Millionen von den Banken zu stehlen. Denn wenn du stiehlst, bist du clever. Wenn du gegen Gewalt bist, giltst du als armer Tropf.

Veröffentlicht in: Griechenland Zeitung 2014. Fotos: Michaela Prinzinger, Frieder Schubert. Illustration: Petros Zervos.

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Ein Gedanke zu “Die Deutschen sind an allem schuld

  1. Wie erfrischend die Analyse, wie befreiend der Ausbruch aus den Schuldzuschreibungen: Gäbe es die anderen nicht, man müsste sie erfinden, damit ja nicht unsrer Denkmuster unterbrochen werden.

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