Jugendliche Helden auf der Suche nach der Zukunft

Interview mit Filippos Mandilaras, Jugendbuchautor

Filippos Mandilaras ist einer der bekanntesten Jugendbuchautoren Griechenlands. In diesem Jahr wurde er für sein Buch „Leben wie im Aufzug“ mit dem griechischen Staatspreis für Literatur ausgezeichnet. Seine Übersetzerin Doris Wille sprach während des literaturfestivals berlin 2014 mit ihm über seine „Street“-Trilogie und insbesondere seinen Roman „Hyänen„.

Du hast Auszüge aus deinem Buch „Hyänen“ vorgestellt, einem dystopischen Jugendroman. Das heißt, es geht um einen Roman, der eine negative Utopie entwirft. Er beginnt am Tag X, dem Tag, den alle in Griechenland fürchten: am Tag des Staatsbankrotts. Alle, die konnten, haben Athen verlassen. Zurückgeblieben sind Alte, Arme und eine große Zahl an Jugendlichen. Sie alle müssen sich in einem Großstadtdschungel durchschlagen, in dem Chaos, Plünderungen, Brandstiftung und Gewalt herrschen. Wie haben diese düsteren Bilder auf das jugendliche Publikum in Berlin gewirkt?

Es war ein gemischtes Publikum, das die Lesung aus „Hyänen“ besucht hat. Es bestand vor allem aus deutschsprachigen, aber auch aus griechischsprachigen Schülern. Einige der griechischsprachigen Jugendlichen, die Griechenland mitten in der Krise erlebt hatten, erinnerten sich an düstere Augenblicke ihres Lebens. An damals, als ihre Familien schließlich zum Auswandern gezwungen wurden. Die anderen hatten, wie ich sehen konnte, sehr wohl erfasst, wie ernst die Lage und wie wichtig die Entscheidungen waren, die ein Gleichaltriger in so einer Situation treffen muss. Es war so, als würden sie für kurze Zeit in die dystopische Welt eindringen, die die Heldin durchlebt. Ich bin sicher, dass ihnen dieses Gefühl der Machtlosigkeit überhaupt nicht gefiel, das die Heldin empfindet, wenn sie vom Strudel der Ereignisse mitgerissen wird.

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Die Hauptfigur ist Martha, ein 16jähriges Mädchen, das wohl behütet aufgewachsen ist. Von einem Moment zum anderen muss sie plötzlich allein um ihr Überleben kämpfen. Ihre Eltern haben sie in Athen zurückgelassen. Entspricht das der Realität im Griechenland der Krise? Es ist ja schließlich ein Land, in dem der Familienzusammenhalt immer sehr stark war.

Soweit ich weiß, nicht. Die Familie bildet immer noch den Mittelpunkt, auch dann, wenn ihre Mitglieder schon erwachsen sind. Das kann etwas Positives sein, besonders in Zeiten, in denen das soziale Gefüge Risse bekommt. Andererseits wirkt die Familie aber auch einer gesunden Entwicklung ihrer jüngeren Mitglieder hinderlich sein. Die Tatsache, dass die Familie ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit verliert und die Gesellschaft gezwungen ist, sich neu an einem kooperativen, gemeinschaftlichen Modell zu orientieren, könnte durchaus dazu führen, dass dieses Zentrum einen Teil seiner Kraft verliert. Dadurch eröffnen sich aber neue Möglichkeiten für die jungen Leute, zu improvisieren und ihren eigenen Mittelpunkt, ihren eigenen Weg zu finden.

Du sagst über Martha, dass sie wie ein modernes Rotkäppchen ist. Was meinst du genau damit?

Ja, wenn jemand „Hyänen“ als eine Allegorie über den Übergang von der Pubertät zum Erwachsenwerden liest, dann ist Martha tatsächlich ein modernes Rotkäppchen. Es wird von seinen Eltern in den stockdunklen Großstadtwald geschickt. Über Wölfe und Hyänen haben sie mit ihr nicht einmal andeutungsweise gesprochen. Da muss Rotkäppchen improvisieren, um gegen die Wölfe und Hyänen zu bestehen, die ihm auflauern. Es muss auch improvisieren, um seinen Weg zu finden, denn hier, in dieser modernen Version des Mythos, gibt es weder die Großmutter noch den Jäger.

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Es gibt ja kaum einen Jugendlichen in Deutschland, der nicht von der Krise in Griechenland gehört hat. Konntest du beim Festival feststellen, ob sie die vorurteilsbeladenen Klischeebilder, die die Boulevardpresse verbreitet, übernommen haben oder schien es eher so, dass sie differenzierter über die Krise nachgedacht haben?

Es schien mir, dass die deutschen Jugendlichen, die im gleichen Alter wie Martha sind, die Krise so kannten, wie sie die griechischen Inseln und Tsatsiki kennen. Als ob die Krise ein Teil des Bildes darstellt, das sie von Griechenland und den Griechen haben. Was sie berührt hat, ist der Fall Marthas, eines Mädchens in ihrem Alter, das zum Opfer dieses wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und moralischen Zusammenbruchs wird.

Das Buch „Hyänen“ ist der zweite Band der „Street“-Trilogie. Sie beginnt mit „Irgendwo dazu gehören“, einem Buch, das sich indirekt auf den Mord an Alexandros Grigoropoulos 2008 bezieht, in dessen Folge Athen brannte. Der dritte Band „Leben wie im Aufzug“, für den du mit dem Staatspreis für Jugendliteratur 2014 ausgezeichnet wurdest, lässt die düsteren Chaosvisionen hinter sich. Es schildert, wie in der Krise und durch die Krise Initiativen wie Kollektive und Tauschhandel entstehen. Hat diese Krise für die griechische Gesellschaft auch positive Seiten? Besonders auch für junge Menschen?

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Sicher hat sie auch positive Seiten und wir werden sie höchstwahrscheinlich langfristig als den Ausgangspunkt einer „Renaissance“ ansehen. Nur begreife ich nicht, warum wir in einen Abgrund stürzen mussten, um die Flügel entdecken, die an unseren Rücken verkümmert waren. Jedenfalls haben die Jugendlichen trotz der erschreckenden Arbeitslosigkeit zum ersten Mal seit der Wiederherstellung der Demokratie 1974 das ganze Feld für sich, um ihre eigene Lebensweise zu entwickeln, die mit allem Alten brechen wird. Und genau das tun sie, glaube ich.

Die Bücher der Trilogie, die du in einem schnellen Rhythmus (2009, 2010 und 2011) geschrieben hast, sind sehr dicht am Verlauf der Ereignisse und ausgesprochen aktuell. Hattest du vielleicht vor, so etwas wie eine Chronik der Krise zu schreiben, eine Art Dokumentation?

Jedes literarische, auf Fiktion beruhende Werk verfügt über ein Herz, also den zentralen Sinn, aber auch über einen Körper, das heißt, die Umgebung, in der es spielt. In diesem Sinne und weil alle drei Romane der „Street“-Trilogie beim Schreiben den alltäglichen Ereignissen dieser Zeit (2008-2011) folgten, sie vorhersahen oder auf sie reagierten, bilden sie – ja – eine Art Dokumentation. Ich kann mir vorstellen, dass sie in ein paar Jahren von Jugendlichen auch so genutzt werden. Trotzdem sind und bleiben sie Fiktion.

Dein neues Buch, an dem du gerade arbeitest, ist wieder ein Roman über und für Jugendliche. Es hat ein vollkommen anderes Thema. Es beschäftigt sich mit dem „Körper“ von Jugendlichen in der Pubertät und trägt den Arbeitstitel „Party auf der Dachterrasse“. Sind die schwierigen Zeiten also vorbei? Ist jetzt Party angesagt?

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Das klingt vielleicht seltsam, aber, ja, ich glaube, dass das Schlimmste für die Jugendlichen vorbei ist. Lass es mich erläutern: Die Jugendlichen, die 2008 in der Pubertät steckten oder in die Pubertät kamen, haben bis 2011 einige albtraumhafte Jahre erlebt, als zum Mord an Grigoropoulos die Angst vor der Staatspleite, die Wirtschaftskrise und die Arbeitslosigkeit der Erwachsenen hinzukamen. Die Überflussgesellschaft, in der sie aufgewachsen waren, brach zusammen. Ein Vertreter der Staatsmacht hat ihnen das Recht auf Unsterblichkeit genommen, indem er grundlos einen Gleichaltrigen ermordete. Zugleich hat man ihnen das Recht zu träumen genommen.

Die heutigen Jugendlichen haben mit dieser Generation gar nichts mehr zu tun. Die Wirtschaftskrise und das gesellschaftliche Chaos hat ihre Spuren hinterlassen, aber sie selbst haben eine Art Unschuld wiedergefunden. Sie sind zu den ursprünglichen Bedürfnissen eines jeden Heranwachsenden zurückgekehrt: Ich lerne meinen Körper kennen und danach den Körper des anderen. Ohne dass sie Angst haben, dass jemand ihnen plötzlich den Lebensfaden abschneiden könnte. Der Mord an Grigoropoulos ist etwas Furchtbares, etwas Angsteinflößendes, aber es ist vorbei. Es ist Geschichte, genau wie die ganze lang aufgestaute Wut und Empörung, die im Sommer 2012 überschäumte.

Die Jugendlichen wachsen heute mit der Angst vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch auf. Aber das bildet für sie nur eine zusätzliche Motivation, noch kreativer, innovativer, uneigennütziger und kooperativer zu werden. Sie haben jedes Recht zu feiern und bei jeder Gelegenheit Partys zu veranstalten, weil die Welt (vielleicht) wieder ihnen gehört. Und diese Welt wartet darauf, von ihnen definiert zu werden! Jedenfalls will ich das hoffen. Und ich sehe es auch bei meinen Begegnungen mit ihnen. Etwas ist im Entstehen begriffen, dort draußen vor den Schulen, und es ist ganz lebendig und noch nicht da gewesen. Da sollten wir genau hinhören!

Übersetzung und Fotos: Doris Wille. Teaser-Foto: M. Prinzinger (Ausstellung „No Respect„, Grafitti und Street Art im Onassis Cultural Center Athen, 11. April – 13. Juli 2014). Vgl. auch die schöne Website des Patakis-Verlags, die sich an jugendliche Leserinnen und Leser richtet: https://www.i-read.i-teen.gr.

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