Das „Miteinander“ wiederfinden

Interview mit Eva Stefani, Dokumentarfilmerin

Bis zum 11.1. nächsten Jahres ist die Ausstellung „Tempus Ritualis“ noch in Berlin zu sehen. Darin geht es um ein deutsch-griechisches Kunstprojekt zu neuen Gemeinschaftsritualen. Die Künstler und Künstlerinnen der Ausstellung nehmen die Krise in Griechenland zum Ausgangspunkt, um neue soziale Entwicklungen und kulturelle Muster zu untersuchen: Welche gemeinschaftsstiftenden Rituale können in Zeiten der Krise entstehen? Welche Initiativen, Formen von Solidarität und Vergemeinschaftung sind in der Krise zu beobachten? Inwiefern kann beispielsweise im künstlerischen Milieu ein stärkerer Zusammenhalt und ein kontinuierlicher Dialog beobachtet werden? Unser Redaktionsmitglied Paschalis Tounas hat sich mit der Dokumentarfilmerin Eva Stefani getroffen, deren Film „Die Badenden“ während der Ausstellung zu sehen ist.

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Frau Stefani, gehört „Die Badenden“ zu einem bestimmten Typ von Dokumentarfilm? Wovon handelt er und wann wurde er gedreht?

„Die Badenden“ ist ein Dokumentarfilm, dessen Dreharbeiten 2006 begonnen haben und der 2008 fertiggestellt wurde. Er handelt von Menschen, die griechische Kurorte besuchen. Ich bin von Methana und Aidipsos bis Ikaria und Philippi gereist und habe versucht, das Leben der Kurgäste in all ihren Facetten festzuhalten. Der Film basiert auf einer Langzeitdokumentation, ein Dokumentarfilm-Genre, das einen langen Vorlauf voraussetzt, den Aufbau einer Beziehung vor den eigentlichen Dreharbeiten. Das Ziel ist, sich an die Umgebung in dem Maße anzupassen, dass eine Innensicht der Dinge entsteht.

Glauben Sie, dass die Badekur, die ja eher eine kulturelle Praxis der Vergangenheit ist, nun mit neuen Elementen in unserer heutigen Zeit, in unserem „Tempus“, nun wieder zu einem „Ritual“ werden kann?

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Bei den Badekuren geht es eigentlich hauptsächlich um Kommunikation. Auch wenn die meisten Badenden an die heilende Kraft des Wassers oder des Moores glauben, so kommen sie doch hauptsächlich zu den Heilquellen, um andere Menschen zu treffen und Kontakte zu knüpfen. An solch einem Ort kommen zwar die unterschiedlichsten Schichten zusammen, aber die Menschen sind etwa im gleichen Alter, das die Soziologen als „drittes Alter“ bezeichnen. Das heißt, es sind Senioren.

Viele reisen schon seit Jahren dorthin, um alte Freunde zu treffen und mit ihnen den Sommer zu verbringen. In den Badeorten bewegen sich die älteren Menschen ohne Hemmungen. Den Winter über haben sie eher für sich gelebt, im Sommer finden sie durch die Gesellschaft Ausdrucksformen, die sie oft selbst überraschen. Des öfteren hat man das Gefühl, dass man sich in einem Zeltlager mit Pubertierenden befindet, wo Streiche gespielt werden, Leidenschaften und Liebschaften entstehen.

Als der Film 2008 fertig war, zeigten sich schon die ersten Anzeichen der Krise. Wenn man sich den Film heute anschaut, merkt man, dass die Streitigkeiten und hitzigen Debatten der älteren Menschen über politische Themen Aufschluss über den ökonomischen und kulturellen Zustand des Landes geben.

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In Ihrem Dokumentarfilm überrascht uns die Leidenschaftlichkeit der älteren Menschen und ihr revolutionäres Potenzial, wenn man ihnen den Raum dafür gibt. Sind ältere Menschen in Übergangszeiten wie diesen eine Randgruppe? Leben sie quasi außerhalb der Gesellschaft?

Das sogenannte „dritte Alter“ ist potenziell revolutionär. Voraussetzung dafür ist, dass alte Menschen eine „Stimme“ in der Öffentlichkeit bekommen. Im Gegensatz zum Klischee vom älteren Menschen, der schon mit dem Leben abgeschlossen hat, versuche ich zu zeigen, dass es sich um eine sehr aktive gesellschaftliche Gruppe handelt, die dem Leben viel abgeklärter, aber auch viel heiterer begegnet als viele von uns Jüngeren.

In Ihrem Film zeigen Sie immer wieder Gebäude im Zustand des Verfalls. Im Film sind einige umgewandelt worden in neue Hoteleinheiten, die den Kurtourismus promoten sollen, während andere vor sich hin verrotten. Sie zeigen hauptsächlich Kurgäste, die in Wohnwagen, Zelten oder verlassen wirkenden Gebäuden wohnen und nicht in modernen Hoteleinheiten mit speziellen individuellen Anwendungen oder Spa. Was wollen Sie durch diesen Blickwinkel ausdrücken?

In meinem Film hat mich der Begriff „Gemeinschaft“ interessiert. In modernen Hoteleinheiten, den sogenannten Spa oder Wellnesshotels, gibt es keine Gemeinschaft. Die Menschen fahren als Einzelwesen dorthin, um ihre körperliche und seelische Gesundheit zu pflegen und zu fördern. Ziel ist nicht der Kontakt mit den anderen, sondern die spezielle Einzelbehandlung. Die „zeitgenössischen Badenden“ schaffen in ihren Spas keine Gemeinschaft, weil sie sie nicht nötig haben. Ganz anders als in den alten Anlagen, die preiswerter waren und über Jahre immer von denselben Gästen besucht wurden. Jedes Jahr kommen sie wieder, um ihre Freunde zu treffen. Die menschliche Gemeinschaft ist wahrscheinlich die wichtigste Therapieform.

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Was meine eigene Vorliebe für alles Alte betrifft, so kann ich das nicht so genau erklären. Auf jeden Fall üben alte Dinge, die nur noch bruchstückhaft vorhanden sind oder sich im Verfall befinden, eine Faszination auf mich aus, die ich selber kaum verstehe. Vielleicht, weil ich darauf projizieren kann, was ich will und eine Vergangenheit erschaffe, wie ich sie mir vorstelle.

Meine Entscheidung, mich auf die alten Anlagen zu konzentrieren, entsprang aber keinem Faible für das „schöne Alte“, sondern weil ich die Bedeutung des Gemeinschaftsgefühls und des Zusammenhalts aufzeigen möchte, die in den heutigen Wellnesszentren verloren geht.

Was ist Ihre Ansicht zur Situation des Dokumentarfilms heute? Dadurch, dass sich die griechische Gesellschaft aufgrund der Krise sehr stark verändert, entsteht in der Kunstszene viel Neues. Gibt es unter den Dokumentarfilmern einen kontinuierlichen Dialog und einen im Vergleich zu früher stärkeren Zusammenhalt?

Meiner Meinung nach gibt es einen stärkeren Dialog unter den Dokumentarfilmern, besonders unter den jungen Filmemachern, wie z. B. die Gruppe „Docu Trance“. Das ist auch die einzige Gruppe, die sich mit Formfragen im Dokumentarfilm beschäftigt. Die Krise hat sich für den griechischen Dokumentarfilm immer wieder als Hindernis erwiesen. Die Filmemacher transportieren dezidiert das Thema Krise und vergessen dabei ganz die Frage des filmkünstlerischen Ausdrucks. Das Ergebnis ist eine Ansammlung anklagender Dokumentarfilme. Doch der Dokumentarfilm sollte in erster Linie Filmkunst sein und kein Informationsmaterial zum aktuellen Zeitgeschehen.

Tempus Ritualis –  Ausstellung vom: 25. Oktober 2014 – 11. Januar 2015, Ort: Galerie im Körnerpark, Schierker Str. 8, 12051 Berlin

Teilnehmende Künstler_innen: Lena Athanasopoulou, Christina Dimitriadis, Nina Fischer & Maroan el Sani, Pia Greschner, Susanne Kriemann, Lia Nalbantidou, Christine Schulz, Eva Stefani, Evanthia Tsantila
Kuratiert von Christina Dimitriadis, Christine Nippe, Evanthia Tsantila. In Thessaloniki wurde die Ausstellung vom SMCA – State Museum of Contemporary Art Thessaloniki gefördert und im CACT – Thessaloniki Center of Contemporary Art präsentiert.
Das Projekt wird gefördert vom Goethe Institut Thessaloniki, ifa – Institut für Auslandsbeziehungen e.V., Outset. Greece, Aegean Airlines und AHK – Deutsch-Griechische Industrie- und Handelskammer.

Fotos: Teilnehmende Projekte der Ausstellung, Filmstills aus „Die Badenden„, Paschalis Tounas, Nicos Ligouris, Teaserfoto: Giorgos Makkas (aus der laufenden Ausstellung “Visual March to Prespa 2007 – 2014. Α process of experiencing the landscape”, SMCA-Moni Lazariston)

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