„Wir wissen, was Flucht bedeutet“

Artikel von Giannis Papadopoulos

Friedensnobelpreis 2016: Emilia Kamvysi und Stratis Valiamos aus Lesbos sowie die US-amerikanische Schauspielerin Susan Sarandon wurden – stellvertretend für die gesamte Inselbevölkerung, die sich dem Flüchtlingsstrom stellen muss – von der Athener Akademie, der Griechischen Kulturstiftung, dem Griechischen Olympischen Komittee und der griechischen Rektorenkonferenz als Kandidaten für den Friedensnobelpreis 2016 vorgeschlagen. diablog.eu hat einen Artikel von Giannis Papadopoulos übersetzt, der die Geschichte dreier Frauen aus Lesbos – darunter Emilia Kamvysi – erzählt, welche die Erfahrung von Vertreibung am eigenen Leib gespürt haben.

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Emilia Kamvysi, Maritsa Mavrapidi, Efstratia Mavrapidi, ©Titina Chamaltzi

Selbst an einem Morgen wie diesem, an dem starker Wind das Meer aufpeitscht, schwimmen zwei schwarze Punkte am Horizont. Es sind mit Männern, Frauen und Kindern überladene Schlauchboote, die gerade von der türkischen Küste abgelegt haben.

Wenn die 85-jährige Maritsa Mavrapidi könnte, würde sie die von ihrer Haustür zum Strand von Skala Sikamias führende Seitenstraße hinunterlaufen, um dort jeden einzelnen Ankömmling mit einem Lächeln zu begrüßen – wie sie es schon so oft in der Vergangenheit getan hat. Denn sie weiß, was Flucht bedeutet.

„Unsere Mütter flüchteten 1922 als junge Frauen aus der Türkei. Sie kamen ohne irgendein Gepäck an“, sagt sie. „Wir wissen, was Flucht bedeutet. Deswegen tun uns die Flüchtlinge so leid.“

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Emilia Kamvysi, Efstratia Mavrapidi, Maritsa Mavrapidi, ©Enri Canaj

In letzter Zeit geht Maritsa Mavrapidi nur bei mildem Wetter aus dem Haus. Ihre Cousinen, die 83-jährige Militsa (Emilia) Kambysi und die 89-jährige Efstratia Mavrapidi, wären bei der Begrüßung der Neuankömmlinge gern dabei gewesen. Aber auch sie meiden Tage mit starkem Wind.

„Wir hätten nicht erwartet, dass die Leute bei Sturm kommen. Gott steh uns bei!“, sagt Maritsa Mavrapidi. „Kaum sind sie dem Boot entstiegen, werfen sie sich nieder und küssen die Erde. Unfassbar und erschütternd. Viele Säuglinge sind darunter … Es tut einem im Herzen weh, wenn man sieht, in welchem Zustand die kleinen Kinder sind. Sie zittern vor Kälte.“

Wir sitzen zusammen mit den drei Frauen im Erdgeschoss von Militsa Kambysis Haus. An der Rückseite des Gebäudes beginnt der Olivenhain des Dorfes, vorne ist das Meer zu sehen. „Ich wohne hier unten, weil ich im ersten Stock Freiwillige untergebracht habe, die den Flüchtlingen helfen“, sagt sie.

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Emilia Kamvysi, ©Titina Chamaltzi

Auf dem Tisch, unter Dutzenden von Fotos ihrer Kinder, Enkel und Urenkel, sticht ein eingerahmter Zeitungsausschnitt heraus. Darauf sind die drei Frauen zu sehen: Militsa Kambysi gibt einem Säugling, der gerade mit seiner Mutter von der türkischen Küste angekommen ist, die Flasche, und die beiden anderen alten Frauen schauen liebevoll zu.

Dieses Foto von Lefteris Partsalis machte im vergangenen Oktober international die Runde und machte die drei Frauen und ihre Verwandten völlig unerwartet zu öffentlichen Personen. Militsa Kambysi erzählt, dass ihr Sohn großes Lob für seine Mutter bekam, als er Silvester auf der Insel Paros verbrachte. Maritsa Mavrapidi erinnert sich voller Stolz, dass ein Lehrer das Foto in der Klasse ihres Enkels zeigte. Und Efstratia Mavrapidi war beeindruckt von all den Telefonanrufen, die aus verschiedenen Ländern Europas eintrafen. „So viele Menschen haben an uns gedacht“, sagt sie.

Maritsa Mavrapidi, ©Enri Canaj

Maritsa Mavrapidi, ©Enri Canaj

Gemeinsame Wurzeln

Die drei Frauen teilen aber nicht nur die Anerkennung, die sie erfahren haben. Sie haben gemeinsame Wurzeln und ein ähnlich hartes Leben. Ihre Mütter kamen 1922 zum Ende des Griechisch-Türkischen Kriegs in Fischerbooten von den gegenüberliegenden Inseln Moschonisia (heute: türkische Ayvalik-Inseln) nach Lesbos. Die Bilder dieses Exodus, die sie später ihren Töchtern beschrieben, erinnern an das aktuelle Eintreffen syrischer Flüchtlingen auf der Insel.

„Meine Mutter kam mit drei Kleinkindern aus der Türkei“, erinnert sich Efstratia Mavrapidi. „Sie hatte keine Kleidung für das Baby. Sie hat ihren Unterrock zerrissen, um das Kind zu wickeln“. Der Vater von Militsa Kambysi war mit einer anderen Frau in der Türkei verlobt. „Sie hatten schon Nähmaschine und Kleiderkiste für die Flucht gepackt, doch dann wurden seine Verlobte und ihre Mutter getötet. Er kam alleine nach Lesbos und lernte hier dann meine Mutter kennen“, sagt sie.

Aus Erzählungen wissen sie, dass nicht alle Inselbewohner die kleinasiatischen Flüchtlinge herzlich empfangen haben. „Die Einheimischen befürchteten, dass sich die Flüchtlinge hier niederlassen“, sagt Maritsa Mavrapidi. „Schließlich haben einige auch tatsächlich Land gekauft und hier geheiratet.“ Einer der Orte der Insel, wo sich die griechischen Kleinasiaten niederließen, war Skala Sikamias, der Hafen des Gebirgsdorfs Sikamia. Hier, an diesem Ort, dem Geburtsort des Schriftstellers Stratis Myrivilis, haben die griechischen Flüchtlinge Jahre der Armut verbracht.

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Maritsa Mavrapidi, ©Titina Chamaltzi

„Sie hatten ein unglückliches Leben und bekamen viele Kinder, genauso wie die Einwanderer, die jetzt zu uns kommen“, sagt Militsa Kambysi. „Die griechischen Flüchtlinge kamen in den kleinen Räumen der Olivenmühlen unter, dort, wo die Einheimischen ihre Oliven lagerten. Vier Familien teilten sich einen einzigen Raum, der durch herabhängende Teppiche unterteilt wurde“, sagt Efstratia Mavrapidi.

Die meisten Flüchtlingsfamilien, so auch die der drei Frauen, erwarben nach und nach eigene Häuser und befassten sich mit Olivenanbau. Eine Arbeit, die auch ihre Nachkommen ausüben. „Wir lebten in Armut, wie unsere Mütter“, sagt Maritsa Mavrapidi.

„Wenn man sieht, wie viele Leute ertrinken„

Die Zeit hat bei den drei Frauen Spuren hinterlassen. Eine hört schlecht, eine ist gehbehindert, runzelige Gesichter haben sie alle. Nur eine, die Älteste, trägt ein Kopftuch. Alle drei mussten sich den Anforderungen des Landlebens stellen. „Bis zur Entbindung habe ich in allen vier Schwangerschaften bei der Olivenernte mitgearbeitet“, sagt Militsa Kambysi und erinnert sich, dass ihr Mann sie einen Tag nach der Geburt bat, bei der Ernte weiter mitzuhelfen.

„Ob wir müde waren? Aber sicher. Das war ein Überlebenskampf auf den Feldern. Den ganzen Tag bei der Olivenernte, abends Brotteig kneten und das Brot im Holzofen backen, dann alles reinigen und morgens wieder auf dem Feld stehen“, sagt Efstratia Mavrapidi. Maritsa Mavrapidi hat zwar die Schule besucht, musste aber in der zweiten Klasse abgehen, um auf den kleinen Bruder aufzupassen, solange die Mutter auf dem Feld war. „Seitdem hatte ich ein Geschwisterkind nach dem anderen auf dem Arm“, sagt sie.

Efstratia Mavrapidi, Emilia Kamvysi, Maritsa Mavrapidi, ©Enri Canaj

Efstratia Mavrapidi, Emilia Kamvysi, Maritsa Mavrapidi, ©Enri Canaj

Trotz der Entbehrungen der Vergangenheit sagen alle drei Frauen, dass es ihnen jetzt im Alter gut gehe. Sie lachen viel, wenn sie zusammenkommen, und bei gutem Wetter sitzen sie kurz nach Mittag auf einer Bank mit Blick auf die Ägäis. Sie haben Kinder, Verwandte und Freunde, die sich um sie kümmern: Während wir im Haus von Militsa Kambysi waren, kamen drei Leute vorbei, um zu grüßen und zu schauen, ob alles in Ordnung ist. Später kam auch ihre Tochter und brachte Essen. Allen drei Frauen macht das Leid zu schaffen, das sie ringsum sehen.

„Es ist so bedrückend zu sehen, wie viele Menschen ertrinken. Das Herz wird einem schwer“, sagt Militsa Kambysi. In der letzten Zeit schaltet sie den Fernseher gar nicht mehr ein, um keine schlechten Nachrichten hören zu müssen.

Seit der Ankunft der ersten Boote am Dorfstrand spenden die drei Frauen, genau wie viele andere Inselbewohner, den Flüchtlingen ihre alten Kleider. Neben dem Säugling auf dem bekannten Foto hielt Maritsa Mavrapidi noch zwei weitere Säuglinge auf dem Arm, bis freiwillige Helfer die Eltern unter den neu angekommenen Flüchtlingen ausfindig gemacht hatten. Innerhalb eines Jahres kamen mehr als 500.000 Flüchtlinge und Migranten vorwiegend an die Strände im Norden der Insel.

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Efstratia Mavrapidi, ©Titina Chamaltzi

Mit Händen und Füßen

„Die Flüchtlinge freuten sich, uns zu sehen und begrüßten uns gerührt“, sagt Efstratia Mavrapidi und erinnert sich voller Dankbarkeit, dass ausländische Ärzte von Freiwilligenorganisationen sofort zu ihr eilten, nachdem sie im Haus hingefallen und sich am Bein verletzt hatte. Militsa Kambysi kann das Bild eines Kindes aus Syrien nicht vergessen, das ihr ein Stück Brot anbot. Und Maritsa Mavrapidi beschreibt eine Szene, die sie sehr bewegt hat: „Ein Kleinkind kam zu mir und schob seine Hand in meine. Ich dachte, es wolle Geld und sagte ihm, dass ich keins hätte. Daraufhin merkte ich, dass es mich umarmen und küssen wollte. Vielleicht habe ich es an seine Großmutter erinnert“, sagt sie.

Bei den meisten Begegnungen mit den Flüchtlingen in Skala Sikamias verständigten sich die drei Frauen mit Händen und Füßen. Manchmal war aber auch Frau Konstantina bei ihnen, eine Verwandte, die zwar in Skala Sikamias geboren wurde, aber 40 Jahre in Ohio/ USA gelebt hat und sich auf Englisch verständigen kann. Mit der Mutter auf dem berühmten Foto verstanden sie sich ganz ohne Worte. Die drei hielten das quengelnde Baby und beruhigten es, bis die Mutter trockene Kleidung anhatte.

„Die Flüchtlinge sind friedfertige Menschen. Sie sollen ruhig kommen. Vielleicht schaffen sie΄s weiter ins Ausland, vielleicht finden sie Arbeit“, sagt Maritsa Mavrapidi. „Man muss sie nicht fürchten. Es sind nur Menschen, die wahrgenommen werden wollen“, ergänzt Militsa Kambysi. „Viele umarmen uns spontan, wenn sie uns sehen.“

Text: Giannis Papadopoulos. Wiederabdruck des Artikels mit freundlicher Genehmigung aus der griechischen Tageszeitung „Kathimerini„ vom 17.1.2016. Übersetzung: A. Tsingas. Fotos: Enri Canaj. Illustration: Titina Chamaltzi.

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8 Gedanken zu “„Wir wissen, was Flucht bedeutet“

  1. jassou, was für eine tolle Geschichte, und was für tolle Menschen. Wenn bloß alle Menschen so wären.

    Könnte alle drei Frauen küssen für ihr tollen Charakter.

    vg, kv

  2. Es ist schön zu lesen, dass die Frauen in einem so hohen Alter noch so viel Herzenswärme haben. Was für ein schönes Beispiel für viele im restlichen Europa, deren Herzen so verhärtet sind, obwohl es ihnen gut geht (oder gerade deshalb?).
    Und welches Glück für die ankommenden Flüchtlinge, mit Offenheit und Entgegenkommen empfangen zu werden.
    Danke, dass es solche Menschen gibt, die das Wort Mensch auch verdient haben.

  3. Ich habe dieses berühmte Foto auch gesehen.Was für tolle Menschen.So viel Herzenswärme würde ich mir hier im reichen Deutschland auch wünschen.Ich wünsche diesen drei Engeln noch ein langes, glückliches Leben.Mögen sie all die Liebe und Hilfe dreifach zurück bekommen.
    Aber wir sollten auch all die anderen unermüdlichen Helfer nicht vergessen ,welche für die Flüchtlinge kochen und sie um sorgen, obwohl die meisten von ihnen selbst kaum etwas zum Leben haben.So selbstverständlich sollte Hilfe überall sein

  4. ja Heike, du hast Recht, wir sollten auch an die vielen anderer Helfer und Helferinnen und den vielen ehrenamtlichen Initiativen denken, und wenn es uns möglich ist Sie zu unterstützen.

    Ich finde die Bleistiftzeichnungen wunderschön. vg, kv

    Möchte noch auf eine Veranstaltung in Berlin hinweisen:

    „Flüchtlingsarbeit auf Lesbos – Möglichkeiten und Grenzen“
    Fr, 26. Februar, 19:00 – 21:00
    Das Ökumenische Zentrum und das Friedenszentrum Martin Niemöller Haus laden ein:
    „Flüchtlingsarbeit auf Lesbos – Möglichkeiten und Grenzen“
    Bildvortrag von Claus Kittsteiner, , der seit mehreren Monaten an der
    internationalen Flüchtlingshilfe auf der Insel Lesbos teilnimmt.
    Klaus Kittsteiner ist Projektorganisator vor Ort der ‚Initiative: Respekt für Griechenland – Volunteers for Lesvos‘
    Erfahrungsbericht von August 2015, November 2015 – Januar 2016
    Am: 26. Februar 2016, um: 19 Uhr
    Im: Ökumenischem Zentrum, Wilmersdorferstraße 163 10585 Berlin
    Weitere Infos: https://respekt-für-griechenland.de/

    • Danke, lieber kokkinos vrachos, für deine immer sachdienlichen Hinweise, ich gebe das gleich weiter auf fb zu den diabloggers.eu!

      • Kalimera Michaela, ja das ist nett von dir, da ich nicht bei Facebook bin.

        LG aus Hamburg und ein schönes Wochenende, kv

  5. Ohne Worte: Der erschütternde Brief einer Lehrerin von Lesbos

    Die Flüchtlingskrise ist ja immer noch und immer wieder in aller Munde – aber der Mensch an sich stumpft halt ab und alle täglichen Meldungen werden irgendwann halt irgendwie “normal”. Leider!

    Nicht “normal” ist allerdings dieser Brief – ein Hilferuf – einer engagierten Lehrerin von der Insel Lesbos, der in englischer Sprache in der Chaniapost erschienen ist.

    https://radio-kreta.de/ohne-worte-der-erschutternde-brief-einer-lehrerin-von-lesbos/

    vg, kv

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