Der Fall Farmakonisi

Interview mit Anestis Azas, Theaterregisseur

Das Theaterstück „Farmakonisi or The Right of Water“ feiert bei der Wiesbaden Biennale am 1. und 2. September Deutschland-Premiere. Michaela Prinzinger hat für diablog.eu mit dem Regisseur Anestis Azas über die Entstehung und des Stücks gesprochen. Das Stück wird mit Übertiteln in englischer und deutscher Sprache gezeigt.

Dein Stück „Farmakonisi“, das bei der Theaterbiennale in Wiesbaden 2016 als Deutschlandpremiere zu sehen sein wird, ist dokumentarisches Theater. Wie lautet deine Interpretation dieses Genres?

Dokumentarisches Theater ist für mich eine Art und Weise, Theaterstücke zu schreiben – aufgrund von Recherchen über ein bestimmtes Thema, das mich interessiert. Seit 2011 beschäftige ich mich mit diesem Genre, und das wiederum hat mit der Situation in Griechenland zu tun, mit der angespannten wirtschaftlichen, politischen und sozialen Lage, die verschiedene Erzählungen hervorbringt und auch verschiedene Arten, die Wirklichkeit auf dem Theater wiederzuspiegeln. Meine Art von Theater ist aus dieser Krise heraus entstanden – auf der Suche nach einer „Sprache“ oder einem „Weg“, die aktuellen Entwicklungen szenisch darzustellen. Das hat sicherlich mit dem traurigen Niedergang der traditionellen Medienlandschaft in Griechenland zu tun, die mittlerweile nur noch Lärm und Krawall erzeugt. Es geht darum, ein anderes Narrativ zu entwickeln, das sich der herrschenden Mainstream-Wahrnehmung entgegenstellt.

Wie seid ihr darauf gekommen, den Fall „Farmakonisi“ zum Thema eines Theaterstücks zu machen?

Schon seit einiger Zeit wollte ich mich mit der aktuellen Flüchtlingsfrage aus griechischer Sicht befassen. So einigte ich mich mit Giorgos Loukos, dem damaligen Leiter des Athener Festivals auf ein solches Stück, das dann im Sommer 2015 aufgeführt wurde. Zu „Farmakonisi“ hat mich ein Zeitungsartikel angeregt. Im Februar 2015 las ich, dass ein griechisches Gericht einen 21-jährigen syrischen Flüchtling zu 145 Jahren Haft verurteilt hat. Er soll der alleinige Verantwortlich für den Untergang eines Flüchtlingsbootes vor Farmakonisi sein. Das war der erste Schiffbruch solcher Art, der die griechische öffentliche Meinung beschäftigte und der in unserem kollektiven Bewusstsein als „kleines griechisches Lampedusa“ haften geblieben ist. Diese Nachricht hat mich schockiert und aufgerüttelt. Wie ist es möglich, dass in einem so komplexen Fall ausgerechnet ein so junger Mann zu einer so harten Strafe verurteilt wird? Wie ist dieses Urteil zustande gekommen? Da habe ich mit Recherchen begonnen, um zunächst einmal selber zu verstehen, was dort abgelaufen ist.

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Eure Art von Theater arbeitet mit Schauspielern und Laien. In „Farmakonisi“ treten ein Kriegsfotograf und der Vorsitzende des Griechischen Flüchtlingsforums auf. Sind diese Auftritte relativ spontan oder werden sie vorher exakt geprobt?

Sie werden geprobt, aber die Genauigkeit der Texte kann variieren. Wir stimmen uns ab, worüber wir sprechen wollen, was für Fragen vorliegen, und was in den Antworten der Experten erzählt werden soll. Aber die Experten sind relativ frei, sich so zu äußern und so zu sprechen, wie sie wollen. Allerdings ab einem gewissen Punkt, nämlich nach mehreren Vorstellungen, stabilisiert sich der Text und wird immer genauer.

Im Stück beschreibt ihr eure Treffen mit Verantwortlichen der Küstenwache, eure Recherchearbeit, eure Gefängnisbesuche bei dem zu 145 Jahren Haft verurteilten „Schleuser“. Das heißt, das Stück entsteht erst im Verlauf der Recherche. Wie muss man sich die gemeinsame Arbeit an einem Stück wie diesem bei euch vorstellen?

Viele Telefonate, viele Interviews, Transkription der Interviews, Montage der Texte, E-Mails an Beteiligte und Beamte, viele Stadtfahrten zu den verschiedenen Interview-Orten, viel Kaffee und Zigaretten, viele Stunden, in denen man diskutiert und sich überlegt, wie das ganze szenisch aussehen soll, und relativ wenige Proben (die aber sehr effektiv sein müssen), denn die Energie bei so einem Prozess entsteht in der Text-Entwicklung. Der endgültige Text steht meistens erst zwei oder drei Tage vor der Premiere fest.

Du bist seit kurzem, zusammen mit Prodromos Tsinikoris, Leiter der Experimentalbühne des Nationaltheaters Athen. Was hast du in der nächsten Zeit dort vor? Welche Schwerpunkte sind dir wichtig?

Wir wollen jungen Theatermachern aus Griechenland ein Forum bieten und ihnen die Möglichkeit geben, den Weg ins Ausland zu finden. Der Schwerpunkt liegt bei jungen Theaterregisseuren und Nachwuchsautoren. Unserer Meinung nach wurden sie bislang in der griechischen Theaterszene nicht genug gefördert. Wir haben sehr gute Schauspieler, aber nicht so viele sehr gute Regisseure. Das hat mit der Gesamtstruktur der Theaterlandschaft zu tun und damit, wie man in Griechenland pädagogisch ans Theater herangeführt wird. Gleichzeitig sind wir an einem lebendigen Theater interessiert, das sich in die politische Debatte um Fragen, die unsere Gesellschaft beschäftigen, einmischt. Unser diesjähriges Programm wird ganz neue Gruppen zeigen, die zum ersten Mal auftreten, genauso wie Regisseure und jüngere Autoren, die bereits Erfahrung haben. Wir planen ein Nachwuchsfestival, aber auch Gastspiele aus dem Ausland. Die Premiere eines eigenen neuen Stücks von Prodromos Tsinikoris und mir wird es voraussichtlich im Sommer 2017 geben.

Interview: Michaela Prinzinger und Anestis Azas. Fotos: Thomas Daskalakis, Karol Jarek, Aliki Evangelinou.

Das Stück

Anestis Azas, einer der wichtigsten jungen Regisseure Griechenlands, hat einen Akt der Verzweiflung inszeniert. Schonungslos ehrlich. Radikal persönlich.
Athen, Juli 2015. Eine Gruppe junger Schauspieler probt ein Stück über den Fall »Farmakonisi«. Ein junger syrischer Flüchtling wurde zu 145 Jahren Haft verurteilt, als Verantwortlicher für den Tod von elf Menschen auf einem 2014 gesunkenen Flüchtlingsboot. Dabei verursachten das Unglück mutmaßlich die griechischen Grenzbeamten. Die Schauspieler reinszenieren den Gerichtsprozess, hören Zeugen und Überlebende, während ihr eigenes Leben in Griechenland längst nahezu aussichtslos ist. Geschlossene Banken, zerfallender Staat, Korruption und 50.000 Flüchtlinge pro Monat. Sie führen einen zähen Kampf um Gerechtigkeit, obwohl sogar das Geld für Benzin fehlt.
»Farmakonisi« ist Zeugnis der Hoffnung einer jungen Generation Griechenlands, die ihre Zukunft verteidigt und das Theater als ihren politischen Freiraum besetzt.

Besetzung

Inszenierung Anestis Azas
Text Anestis Azas, Martha Bouziouri & Team
Dramaturgie Martha Bouziouri
Bühne / Kostüme Eleni Stroulia
Licht Cecilia Tselepidi
Sound Design Panagiotis Manouilidis
Videos Kostas Babis

Mit Martha Bouziouri, Vassilis Koukalani, Aris Laskos, Theano Metaxa, Giorgos Moutafis, Yonous Muhammadi

Termine

Do, 01.09.2016
Deutschland Premiere Malsaal, Staatstheater Wiesbaden 21:00 – 22:30
Karten 15/8 EUR

Fr, 02.09.2016
Deutschland Premiere Malsaal, Staatstheater Wiesbaden 19:00 – 20:30
Karten 15/8 EUR

Mehr Infos auf www.staatstheater-wiesbaden.de und www.wiesbaden-biennale.eu

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