Lebensraum

Interview mit Elena Socratous, Theaterregisseurin

5. und 6. März 2015: Berlin-Premiere von „Lebensraum„, einem Stück von Thanasis Triaridis, das am 19. und 20. März auch in Frankfurt/Main zu sehen sein wird, bevor es in Griechenland und Zypern gezeigt wird. diablog.eu sprach mit der Regisseurin Elena Socratous über die Grundidee und über den Ansatz, Theater als eine Art psychologisches Experiment zu inszenieren.

„Lebensrαum„
von Thanasis Triaridis
Regie: Elena Sokratous, Bühne: Vasiliki Christopoulou, Licht: Cecilia Tselepidι, Dramaturgie: Gerasimos Bekas
Mit: Kostis Kallivretakis, Konstantinos Gerakis
Musik: Panos Voulgaris, Sounddesign: Daisy Chain, Video/Fotos: Panagiotis Paschalidis, Grafik/Design: Petros Zavrakas,
Koordination: Christina Kamperi, Wissenschaftliche Begleitung: Eftychia Papagianni, Übersetzung: Mirja Lahidjanian und Maria Thomas

Ein Experiment. Ein Versuchsleiter und ein Teilnehmer. Das Publikum in der Rolle des Publikums (oder auch nicht). Ein Stück, ein echtes Experiment, ein Stück zwischen Wahrheit und Illusion, zwischen Theater und Realität. Ein Theatersaal voll mit Tätern und Opfern in abwechselnden Rollen. Keiner darf unbeteiligt bleiben, jeder muss seine Rolle wählen.

Notiz der Regisseurin:
Die Menschen werden gut geboren. Bis jemand ihren Lebensraum bedroht. Dann werden sie ungemütlich. Vor allem wenn es dunkel ist. Die Menschen fürchten sich vor der Dunkelheit. Dies ist erwiesen. Sie fühlen sich hingegen sicher, wenn sie ihren Lebensraum einem „Experten„ anvertrauen. Jemandem, der sie überzeugt hat. Egal womit. Und wer überzeugt ist, der kann auch schnell böse werden, wenn es sein muss. Sehr böse. Und du?

https://www.facebook.com/lebensraum.berlin/?fref=ts, https://www.facebook.com/events/1667293996853461/

Lebensraum, poster_Berlin

Warum trägt das Stück den Titel „Lebensraum„? Dabei werden Erinnerungen an das Dritte Reich wach. Ist das beabsichtigt?

Der Titel „Lebensraum“ bezieht sich auf unseren geistigen Lebensraum und wie wir mit ihm umgehen, ob wir ihn an etwas oder jemanden abgeben, auf welche Weise wir ihn schützen und wieviel Macht jemand hat, wenn er es schafft, den geistigen Raum eines einzelnen oder mehrerer Menschen zu besetzen. Manchmal überlassen wir unseren Lebensraum freiwillig jemandem, der als „Experte“ auftritt und manchmal reagieren wir panisch, wenn wir uns in unserem Lebensraum bedroht fühlen. Das Stück und unsere Inszenierung beziehen sich nicht auf das Dritte Reich, wo der Lebensraum territorial definiert war und politisch benutzt wurde.

Warum habt ihr genau dieses Stück von Thanasis Triaridis ausgewählt?

Vor ungefähr zwei Jahren lernte ich Jannis Evangelou kennen, einen Mitarbeiter von Thanasis in Deutschland, und er stellte mir unter anderem auch dieses Stück vor, das schon auf Deutsch übersetzt vorlag, aber in keinem der beiden Sprachräume aufgeführt worden war. Schon beim ersten Lesen wurde mir klar, dass ich es möglichst bald inszenieren wollte. Ich wurde überwältigt von Gedanken und Gefühlen, ja, einem regelrechten Bildergewitter, und vom ersten Moment an fühlte ich mich vollkommen vertraut mit dem Stück. Ich hatte sogar schon konkret Kostis Kallivretakis und Konstantinos Gerakis in den beiden Hauptrollen vor Augen. Wenn ich versuchen würde, ein Stück zu schreiben, das mir als Regisseurin auf den Leib geschneidert ist, wäre es mir bestimmt nicht so gut gelungen wie Thanasis. Und dabei kannten wir uns damals noch gar nicht.

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Lebensraum, Kostis Kallivretakis und Konstantinos Gerakis, ©P. Paschalidis

Was hat der Begriff „Lebensraum„ mit dem Heute und mit uns im deutschsprachigen und im griechischsprachigen Raum zu tun?

Heute wird der geistige Lebensraum der Menschen als Einzelwesen, aber auch in seiner Gesamtheit, bedroht, missachtet und zum Werkzeug der „Mächtigen“. Ausgehend von der territorialen Bedeutung des Lebensraums kann ich die Flüchtlinge im Nahen Osten hier nicht unerwähnt lassen. Ihr Lebensraum ist bedroht, und sie suchen zu Wasser und zu Land neuen Lebensraum, um wieder aufatmen und leben zu können. Allerdings besetzt die Propanda, die von fast allen Massenmedien, den Politikern, den „Experten“ und den Journalisten betrieben wird, unseren geistigen Lebensraum, nicht nur dieses Thema betreffend, sondern zum Beispiel auch das der derzeitigen deutsch-griechischen Beziehungen. Es werden Zorn und Hass erzeugt… Auf diese Weise wird die Praxis des „Teile und herrsche“ und die Theorie der Masse angewandt. Das war auch der erste Gedanke, den Eftychia Papagianni, Doktorandin der Psychologie und unsere wissenschaftliche Mitarbeiterin, nach der Lektüre des Stückes äußerte. Sie zitierte die bekannten Worte von Bernays:

„Die bewusste und intelligente Manipulation der organisierten Gewohnheiten und Meinungen der Massen ist ein wichtiges Element in der demokratischen Gesellschaft. Wer die ungesehenen Gesellschaftsmechanismen manipuliert, bildet eine unsichtbare Regierung, welche die wahre Herrschermacht unseres Landes ist.“

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Lebensraum, Kostis Kallivretakis und Konstantinos Gerakis, ©P. Paschalidis

Welche Rolle spielen psychologische Experimente in dem aktuellen Stück, das du inszenierst? Wie werden sie im Stück eingesetzt und wie beeinflussen sie das Geschehen?

„Versuche bringen die Menschheit weiter“ sagt eine Figur des Stücks bezeichnenderweise. Ich füge hinzu, dass Experimente auch oft eine hervorragende Rechtfertigung für Gräuel- und Gewalttaten und sadistisches Verhalten darstellen. Oft sind wir geschockt, wenn wir anhand von psychologischen Versuchen erfahren, wozu Menschen unter bestimmten Umständen fähig sind. In Zusammenarbeit mit Vasia Christopoulou, unserer Bühnenbildnerin, haben alle Beteiligten zusammen eine Mischung aus Theater und psychologischem Experiment kreiert. Ich möchte hier keine Einzelheiten verraten, sondern nur auf das bekannte Milgram-Experiment hinweisen, das uns gezeigt hat, welche extremen Folgen übertriebener Gehorsam haben kann und auf die moralische Dimension im „Trolley-Problem“ der Engländerin Philippa R. Foot. Der Handlungsweise des „Spezialisten“ oder „Manipulators“ in unserem Experiment liegt die Theorie von der „Psychologie der Massen“ zugrunde, wie sie von Gustave Le Bon beschrieben wurde.

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Lebensraum, Kostis Kallivretakis und Konstantinos Gerakis, ©P. Paschalidis

Die Zuschauer sind bei dir keine passiven Konsumenten, sondern ein aktives Element im Zusammenspiel von Bühne, Schauspielern und Publikum. Ist für dich Theater überhaupt ein Experiment?

Ich nehme wahr, dass wir Menschen in einer lähmenden Untätigkeit verharren, und eine der wichtigsten Aufgaben des modernen Theaters ist es meiner Ansicht nach, den Zuschauer wachzurütteln, der im Alltag gelernt hat, seine Hände in Unschuld zu waschen, und meint, mit seinen Handlungen nichts bewirken zu können. Ich kann Untätigkeit als Antwort nicht gelten lassen. Daher kann ich auch kein Theater ohne Einbeziehung des Publikums machen. Mir ist es lieber, wenn im Publikum negative Gefühle ausgelöst werden, die Menschen verletzt oder wütend sind, als wenn sie gar nichts fühlen. Die größte Niederlage wäre für mich, wenn die Menschen den Saal verließen, ohne dass sich etwas – und sei es auch nur für ein paar Minuten – in ihnen geregt hätte. Niemand darf sich hundertprozentig sicher fühlen und niemand hat das Recht, sich bequem einzurichten in unserer Gesellschaft. Und da ich das nicht allen Menschen nahebringen kann, versuche ich es zumindest einem kleinen Teil der Gesellschaft mit Theater nahezubringen und auf diese Weise den öffentlichen Dialog voranzutreiben. Theater kann unser Bewusstsein regelrecht formen und uns dazu bringen, achtsamer in unserem Handeln zu sein.

Interview: Michaela Prinzinger. Übersetzung: Nina Bungarten. Fotos: P. Paschalidis.

Aufführungen:
Theater im Aufbau Haus, Kreuzberg-Berlin (5., 6. März)
Theater Landungsbrücken, Frankfurt am Main (19., 20. März)
Θέατρο Θησείον, Athens (7., 8., 9., 10. April)
Θέατρο Blackbox, Thessaloniki (14., 15., 16., 17. April)
Θέατρο Λιθογραφείο, Patra (19., 20. April)
Θέατρο WhereHaus 612 , Nicosia (22., 23. April)
Θέατρο ΕΘΑΛ, Limassol (25. April)

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