Zeit für Perspektiven

Dokumentarfilmfestival Thessaloniki 2016

18. Dokumentarfilmfestival März 2016 in Thessaloniki: Nicht nur für Griechenlands Regisseure war dies Anlass, ihre Filme zu präsentieren. Gerade das internationale Flair des Festivals sorgt für die richtige Perspektive. Griechenlandblogger Florian Schmitz zieht ein Fazit.

Manchmal könnte man meinen, die Welt habe immer nur ein Problem. Zumindest bekommt man das Gefühl, wenn die allgemeine Berichterstattung sich auf ein Thema eingeschossen hat. Es ist ein harter Kampf, auf dem roten Teppich der Leitmedien Beachtung zu finden. Und wenn man sie hat, kann es mit dem zweifelhaften Ruhm dann auch schnell vorbei sein. So war es mit Griechenland, als die Flüchtlingswelle die deutschen Bahnhöfe erreicht hatte und uns so nebenbei an den Syrienkrieg erinnerte, der in Fernsehen, Radio und Zeitungen schon lange keine große Rolle mehr spielte.

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Das Olympion ist das Zentrum des Dokumentarfilmfestvials in Thessaloniki. © EUdysseus

Ach ja, da war ja was

In diesem Jahr war die Flüchtlingskrise ein Schwerpunktthema des Dokumentarfilmfestivals in Thessaloniki. Bereits im Rahmen der Eröffnungszeremonie wies der scheidende Festivaldirektor, Dimitris Eipides, auf die globalen Ausmaße der Situation hin. Und auch im Rahmen der vielen Filme, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, wurde der Festivalbesucher daran erinnert: Die Flüchtlingskrise ist kein Phänomen der letzten zwei Jahre.

Der griechische Film „Dreaming of Life“ begleitet Flüchtende auf dem Weg von Lesbos nach Idomeni und fokussierte so auf die jüngste Geschichte der Flüchtlingskrise. Dabei brachte der Film interessante Aspekte zur Sprache. Beispielsweise zahlen Flüchtlinge überdurchschnittlich viel für die Fähre nach Athen und werden in der Regel in einem überteuerten Bus von dort bis an die Grenze gebracht. Auch kam zur Sprache, dass nicht alle Flüchtlinge gleich sind, dass es Konfliktpotenzial unter den vielen ethnischen Gruppierungen gibt und dass sie auf dem Weg durch Europa unterschiedlich behandelt werden. So wurden Bilder von Camps auf Lesbos gezeigt, die bestimmte Nationalitäten offensichtlich bevorzugen und besser unterbringen.

Die meisten Flüchtlings-Dokumentationen aber sind älter. Der Film „I am Dublin“ zeigt die Geschichte von Ahmed, der in Lampedusa ankommt, dort seine Fingerabdrücke hinterlässt und über Finnland nach Schweden kommt. Es beginnt eine Odyssee der Illegalität. In Italien sieht er keine Zukunft, taucht in Stockholm unter. Dann schiebt man ihn nach Finnland ab. Deutlich wird: Die Dublin-Abkommen halten keine Lösungen parat.

Dublin als Psychose

Auf besondere Weise wurde dies auch im dänischen Beitrag „Dreaming of Denmark“ deutlich. Der traumatisierte 15-jähriger Wasiullah aus Afghanistan schafft es allein nach Kopenhagen. Zu Hause wurde er missbraucht und erniedrigt. In einer Einrichtung für minderjährige Flüchtlinge findet er Rückhalt, lernt fließend Dänisch und schließt Freundschaften. Dann soll er abgeschoben werden und flüchtet nach Norditalien. Bei der dortigen Caritas sagt man ihm: „Unsere Einrichtungen sind voll. Über deinen Fall wird in frühestens einem halben Jahr entschieden. Das bedeutet, dass du den ganzen Winter über auf der Straße bist.“

Dimitris Eipides tritt in diesem Jahr als Festivalleiter zurück. © EUdysseus

Dimitris Eipides tritt in diesem Jahr als Festivalleiter zurück. © EUdysseus

Immer weiter driftet der Junge in psychotische Zustände, kann sich nicht mehr erinnern, wer seine Freunde sind, erkennt den Regisseur nicht wieder. Während er anfänglich in Italien noch von Dänemark träumt und ein Freund aus Kopenhagen ihn besuchen kommt, verschließt er sich im Verlauf immer mehr in sich selbst. Der Regisseur fragt ihn: „Willst Du nach Dänemark?“ Verwirrt antwortet er: „Warum? Warum soll ich nach Dänemark?“ Wasiullahs Vergessen ist nichts anderes als die Waffe gegen den permanenten Schmerz der zerstörten Hoffnung. Es ist ein Schutzmechanismus, der die Demütigungen eines ganzen Lebens tief in der Seele vergräbt.

Konjunktur für griechische Dokumentaristen

Trotz der internationalen Ausrichtung des Festivals, ist es vor allem eine Gelegenheit für griechischen Dokumentarfilmer, ihre Werke zu zeigen. 73 von 186 gezeigten Beiträgen kamen aus Hellas. Für Dimitris Eipides, der als ‚Vater‚ des Festivals gilt und im nächsten Jahr nicht mehr als Leiter zur Verfügung steht, ist das eine positive Entwicklung. Dabei seien auch das Festival selbst und die neuen Medien für die wachsende Produktion verantwortlich, da es heute einfacher ist, Dokumentarfilme zu sehen. „Ich denke, die größte Motivation für einen Dokumentarfilmer ist es, den Zuschauer zu erreichen. Wenn jemand Geld ausgibt, um mit einer Kamera auf die Straße zu gehen, dann gibt es dafür einen Beweggrund. Dieser Mensch will etwas zeigen, einen sozialen Zweck erfüllen.

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Der Dokumentarfilm gewinnt immer mehr an Bedeutung. © EUdysseus

Auch Menelaos Karamaghiolis, einer der bekanntesten Dokumentarfilmer des Landes, sieht im Dokumentarfilm die Möglichkeit, der weltweiten Berichterstattung über Krisen-Griechenland etwas entgegenzusetzen. Bereits im letzten Jahr hatte er einen Film über Flüchtlinge in Athen präsentiert. In diesem Jahr zeigte er „Eine 2. Chance.“ Ein Straftäter aus Litauen sitzt im griechischen Jugendvollzug. Ein engagiertes Bildungsprogramm bietet ihm die Möglichkeit, aus dem Teufelskreis der Kriminalität zu fliehen. Das sind Facetten Griechenlands, die dem Schwarz-Weiß der medialen Berichterstattung mit unerwarteten Nuancen begegnen.

Die griechischen Filmemacher wehren sich gegen Simplifizierungen. Sie zeigen das Unerwartete, arbeiten Geschichte auf, sind selbstkritisch und stellen Zusammenhänge her. „Die Welt wird von Bildern überschwemmt, die immer nur einen kleinen Ausschnitt der Realität widerspiegeln. Der Dokumentarfilm ist anders. Er vermag eine Situation ganzheitlich erfahrbar zu machen. Das ist sehr wichtig, vor allem für Griechenland, das so häufig im medialen Fokus steht“, so Karamaghiolis.

Begegnung und Perspektivwechsel

Dass ein Dokumentarfilm Situationen nicht nur erfahrbar macht, sondern die Augen öffnen kann, zeigt Lydia Konsta mit ‚Light Thickens.‚ 9 griechische / deutsch-griechische Künstler setzen sich mit den Traumata der deutschen Besatzung in Griechenland auseinander. Aus Gesprächen mit Opfern und Zeitzeugen entstehen Kunstwerke, die zu Symbolen der Begegnung mit der Vergangenheit werden. Auch Dorothea begleitet das Projekt. Sie lebt in Thessaloniki und ist mit einem Griechen verheiratet. Ihr Vater Helmut war als Wehrmachtssoldat in Griechenland. Auch wenn er selbst nicht an Massakern beteiligt war, übernimmt er Verantwortung.

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Regisseurin Lydia Konsta im Gespräch mit dem Publikum. © EUdysseus

„Kämpfen kann man da gar nicht mehr sagen. Ein Hinmetzeln unbewaffneter, unschuldiger Leute und Zivilisten – einfach Totschießen. (…) Aber es war ja eben der von Hitler erklärte, ganz andere Krieg, der gleich zur Vernichtung führen sollte. Aber hier muss noch eigens Tun von Soldaten, bis hin zum Sadismus dazugekommen sein“, berichtet Helmut. Es sind Worte, die ausgesprochen werden müssen in Zeiten, in denen der Konflikt um Reparationszahlungen und Zwangskredite alte Wunden tief aufgerissen hat. „Europa hat eine schlimme Tradition des Hasses und Kampfes. Wenn wir Frieden haben wollen, müssen wir zusammenarbeiten“, erklärt Konsta auch in Bezug auf die internationale Kooperation unter Dokumentarfilmern.

In der Tat ist das Dokumentarfilmfestvial in Thessaloniki ein Ort der Begegnung. Menschen treffen aufeinander und setzen sich auseinander. Informationen werden sinnvoll kombiniert, eine differenzierte Sicht ergibt sich. So bietet das Festival nicht nur die Möglichkeit, die kritische Situation Griechenlands in einem größeren Kontext zu überdenken. Auch wird deutlich, dass die eigentlichen Ursachen der europäischen Krise ein Muster aufweisen, das sich weit über die Grenzen des Kontinents erstreckt.

Text: Florian Schmitz. Fotos: ©EUdysseus.

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