Die griechischen Regisseure und die „Krise“: Wege aus der Stigmatisierung

Artikel von Florian Schmitz

Kürzlich sind in Thessaloniki die 57. internationalen Filmfestspiele zu Ende gegangen. Unter den rund 200 Beiträgen aus aller Welt, haben auch 56 griechische Regisseure ihre Filme präsentiert. Dabei wehren sie sich gegen die andauernde Krisenstigmatisierung. Ein Beitrag für diablog.eu von Florian Schmitz.

Griechische Regisseure haben es nicht leicht heutzutage. Falsch. Regisseure haben es nicht leicht heutzutage. Immer mickriger werden die Budgets, während illegale Downloads die Einnahmen in den Keller drücken. Aufgrund der finanziellen Probleme, mit denen Griechenland seit Ausbruch der globalen Finanzkrise sowie Europas sinnloser Totsparpolitik zu kämpfen hat, leiden Hellas´ Cineasten besonders. Das ihnen auferlegte Krisenstigma aber hilft da wenig. Nichts anderes als Krisenfilme erwarte das Ausland vom neuen, griechischen Kino, beklagen sie. Viele weigern sich, die universellen Probleme unserer Zeit auf ihr Land zu reduzieren.

Keine Filme für den Moment

Sofia Exarchou ist eine der vielversprechendsten Regisseurinnen des neuen, griechischen Kinos. Mit ihrem Jugenddrama „Park“ ist sie auf Festivals weltweit zu sehen. In San Sebastián wurde sie mit einem Förderpreis für Nachwuchsregisseure geehrt und auf dem Filmfestival Thessaloniki erhielt sie den Preis der öffentlichen Rundfunkanstalten Griechenlands (ERT). Wie viele ihrer Kollegen sieht es auch Exarchou nicht als ihre Aufgabe, die sogenannte griechische Krise zu porträtieren. Gleichzeitig spielen die Probleme des Landes auch in ihrem Film eine große Rolle.

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Regisseurin Sofia Exarchou im Gespräch mit dem Publikum, ©motionteam.gr

„Ich denke, dass man von 99% Prozent der griechischen Filme heute erwartet, irgendetwas mit der Krise zu tun zu haben. Ich kann verstehen, dass die Menschen im Ausland verstehen wollen, was in Griechenland los ist, aber man macht einen Film nicht für einen bestimmten Moment. Wenn man die Geschichte schreibt, will man auch, dass Menschen in zehn Jahren noch etwas damit anfangen können”, erklärt die Regisseurin. Dabei erzähle der Hauptspielort ihres Filmes, das verwahrloste olympische Dorf vor den Toren Athens, nicht nur die Geschichte des heutigen Griechenlands, sondern der westlichen Welt allgemein.

Die verfallenen Gebäude und Sportanlagen sind Zeugen einer Vergangenheit, deren Hoffnung im Europa von 2014 zu einer Dystopie verkommen ist. Hier verbringen ihre jugendlichen Protagonisten den Sommer. Was zunächst nach Anarchie und Spaß aussieht, ist in Wirklichkeit eine Existenz jenseits des Randes einer Gesellschaft, für die Zukunft per se keine Rolle mehr spielt. Die einzelnen Schicksale spiegeln sich in den Gesichtern der Figuren wider, in ihren zwischenmenschlichen Handlungen und nicht zuletzt auch im Ort. Die poetisch-realistische Bildsprache bedarf dabei keiner großen Dialoge. Überzeugend sind auch die beiden Hauptdarsteller, Dimitris Kitsos und und die überragende Dimitra Vlagkopoulou, die auf dem Festival für ihre Leistung als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde.

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„Park“: das verfallene, olympische Dorf vor Athen als Schauplatz, ©Sofia Exarchou

Die Krise als Erwartungshaltung

Kein griechischer Regisseur bezweifelt die dramatische Lage des Landes. Ähnlich wie in „Park“, spiegeln sich die Härte des Alltags, die psychischen Auswirkungen wirtschaftlicher und politischer Instabilität sowie die lähmende Perspektivlosigkeit auch in der Mehrzahl ihrer Filme wider. Doch den Filmemachern geht es um eine umfassendere Sichtweise. Dabei ist es weniger problematisch, dass Griechenland auf die Krise reduziert wird, als dass man die Krise auf Griechenland reduziert. Arbeitslosigkeit und Rassismus sind nun einmal keine griechischen Patente, sondern immer bedrohlicher werdende Szenarien, die überall auf der Welt eine Rolle spielen.

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Schauspielschüler Dimitris Kitsos in „Park“, ©Sofia Exarchou

Dieser Ansicht ist auch Regisseur Yannis Sakaridis. In seinem Film „Amerika Square“ macht er Athen zum Schauplatz globaler Entwicklungen. Dabei lässt er den griechischen Krisenalltag nicht außer Acht. Einer seiner Protagonisten ist ein arbeitsloser Enddreißiger, der bei seinen Eltern wohnt. Die Perspektivlosigkeit treibt ihn in den Rassismus, wobei er auch vor drastischen Maßnahmen nicht zurückschreckt. Sein Jugendfreund ist ein Tattookünstler, der in seinem illegalen Laden über den fehlenden Sinn des Lebens sinniert, bis er sich in eine afrikanische Sängerin verliebt, die als illegale Einwanderin in der Athener Unterwelt feststeckt. Vierter im Bunde ist ein syrischer Vater, der versucht, mit seiner Tochter nach Deutschland zu kommen.

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Yannis Sakaridis mit seinem Team von „Amerika Square“, ©motionteam.gr

Alle vier Protagonisten befinden sich in irgendeiner Form auf der Flucht vor einer Realität, die ihnen ein Leben in Würde abspricht. Damit trifft Yannis Sakaridis den Puls der Zeit. Ihm gelingt es auf unterhaltsame Art und Weise die Ausweglosigkeit einer Generation zu porträtieren, die nicht an die Probleme eines einzelnen Staates, sondern an die Auswirkung von Globalisierung und neoliberaler Politik geknüpft sind. „Das ist ein Film über die Epoche nach der Krise, nach dem Brexit und nach Trump. Es ist ein internationales Problem, das uns alles angeht. Es ist also keine griechische Krise, sondern eine internationale, wenn man so will“ , erklärt Sakaridis den Hintergrund.

Auf dem Festival in Thessaloniki ist er dafür mit dem Preis der internationalen Filmkritikervereinigung ausgezeichnet worden. Natürlich geht es dem Regisseur nicht darum, die Situation Griechenlands kleinzureden. Doch er will sie auch nicht überdramatisieren, gerade im Vergleich zur Situation von Menschen, die aus Krisengebieten stammen. Dass sich viele griechische Filme der letzten Jahre stark mit der Krise im eigenen Land auseinandergesetzt haben, hat für ihn auch mit Erwartungen aus dem Ausland zu tun: „Ich denke, dass das griechische Kino zum einen reflektiert, was wirklich passiert, und zum anderen, welche Erwartungen von europäischen Festivals an uns gestellt werden.“

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In Griechenland ist Yannis Stankoglou ein gefeierter Star. Mit „Amerika Square“ kann er auch auf mehr Erfolg im Ausland hoffen, ©Yannis Sakaridis

Im Stigma der Krise

Somit zeigt sich auch in der Unterhaltungsbranche der Trend, die vielen Probleme Europas auf Griechenland zu fokussieren. Die Krise hält das Land fest im Griff. Dies aber wird nicht nur durch die nach wie vor katastrophale wirtschaftliche Lage Griechenlands bemerkbar, sondern auch in der Außenwahrnehmung. Das Land und die Krise sind zu Synonymen geworden. Diese Fehleinschätzung zielt jedoch weit an der Realität vorbei. Denn auch, wenn es für die reicheren Länder Europas im ersten Moment bequem erscheinen mag, auf diese Weise von den eigenen Problemen abzulenken, wird die Rechnung langfristig nicht aufgehen. In einer globalisierten Welt spielen Landesgrenzen kaum noch eine Rolle, und das gilt auch für den Film.

So geht es griechischen Regisseuren nicht allein darum, sich vom Stigma der Krisenterminologie zu befreien. Vielmehr spricht aus Filmen wie „Park“ und „Amerika Square“ die Notwendigkeit, einen neuen Standpunkt einzunehmen und die Krise als das zu betrachten, was sie ist: ein Phänomen der gesamten westlichen Welt, das unmittelbar verbunden ist mit den Konflikten im Nahen Osten oder Billigproduktionsstätten in Asien. Es sind diese Probleme, die Europa eint und die ein Nationalstaat alleine nicht zu bewältigen vermag. Griechenlands Filmemacher sind längst nicht mehr auf ihr Land beschränkt. Thematisch und produktionstechnisch agieren sie europäischer denn je. Und nicht nur deswegen lohnen die Exkurse ins griechische Kino. Auch dieses Jahr ist auf dem Filmfestival in Thessaloniki deutlich geworden, dass die Kreativität des Landes unter der Krise alles andere als gelitten hat.

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„Amerika Square“: die Protagonisten auf der Flucht vor der Realität oder sich selbst, ©Yannis Sakaridis

Text: Florian Schmitz. Fotos: motionteam.gr, Sofia Exarchou, Yannis Sakaridis.

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Ein Gedanke zu “Die griechischen Regisseure und die „Krise“: Wege aus der Stigmatisierung

  1. Diese Regisseure thematisieren die Krise, hoffen auf einen Preis bei internationalen Wettbewerben und möchten zugleich, „sich vom Stigma der Krisenterminologie zu befreien“.
    Viel Glück dabei.

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