Das große Wundenlecken

Uraufführung von Gerasimos Bekas am Theater Augsburg

„Das große Wundenlecken“, Stück von Gerasimos Bekas am Theater Augsburg: diablog.eu sprach mit dem jungen Autor, Träger des von der taz ausgelobten „Open Mike“-Publikumspreises 2014 für Nachwuchsautoren, über Hintergründe und Entstehungsgeschichte von Text und Aufführung. Premiere feierte das Stück am 23.9., es wird über die ganze Spielzeit regelmäßig auf dem Spielplan stehen, die nächsten Termine sind: 2. und 7.10., 12. und 14.10, 22.und 26.10. Weitere Termine finden sie unter Theater Augsburg hier.

Wer wünscht sich das nicht: ein sinnerfülltes Leben, ein friedvolles Miteinander der Menschen und einen knackigen Body? All das und noch viel mehr verspricht die geheimnisvolle griechische Körpertechnik Marmoryoga! Das Eintauchen in die Vergangenheit ermöglicht deren zukunftsweisende Bewältigung. Sogar die Wiedergeburt Augsburgs als führende europäische Metropole scheint durch die Errichtung einer mentalen Achse zwischen Augsburg und Athen denkbar!

Der deutsch-griechische Autor Gerasimos Bekas nimmt uns in seinem eigens für das Theater Augsburg geschriebenen Theaterstück mit auf die Suche nach dem „inneren Griechen“. Ein bizarrer Parcours – voll von fiktiven und realen Gemeinsamkeiten zwischen Griechenland und Bayern – inszeniert von der israelischen Regisseurin Sapir Heller.

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Gerasimos Bekas: Das große Wundenlecken, Theater Augsburg, ©Kai Wido Mayer

Was ist dein persönlicher deutsch-griechischer Hintergrund? In welcher Sprache schreibst du? Welche empfindest du als deine „Muttersprache“?

Mein Vater ist Grieche und meine Mutter Deutsche. Ich bin als „Deutscher“ in Deutschland geboren. Meine frühe Kindheit habe ich vor allem in Preveza verbracht, mit 8 Jahren kam ich als „Grieche“ nach Franken und bin in der Nähe von Würzburg aufgewachsen. Die Sprachen, in denen ich schreibe, kann ich nicht klar trennen. Irgendwie wirken sie immer zusammen. Oft denke ich Griechisch und schreibe Deutsch, selten umgekehrt. Wortwörtlich ist Deutsch meine Muttersprache und es ist definitiv die Sprache, die ich am Besten beherrsche.

In deinem Stück spielt eine bestimmte Meditationsform eine Rolle. Was ist Marmor-Yoga genau?

Das Patent ist noch nicht durch, deswegen will ich nicht zu viel verraten. Sagen wir es so, die bisherigen Versuche, dem modernen Menschen einen Wellness-Ausweg aus seiner allseitigen Überlastung zu verkaufen, überzeugen mich nicht. Marmor-Yoga verbindet die Versprechen auf Seelenheil, körperliche Fitness und Selbsterfüllung auf ideale Weise. Nach einem Marmor-Yoga Zyklus strahlen Menschen so hell wie der Parthenon in der Athener Mittagssonne. Es zehrt von der deutschen Griechenland-Sehnsucht und lässt vor allem die uralte bayerisch-griechische Bande wieder aufleben, die bislang in den Geschichtsbüchern höchstens unter Sonstiges zu finden ist.

Was für Beziehungen hast du zwischen Augsburg und Griechenland „ausgegraben“, als du dich mit deinem Stück auseinandergesetzt hast?

Augsburg und Athen haben viel gemeinsam. Sie tragen schwer unter der Last, dass ihre Blütezeit hinter ihnen liegt und hoffen insgeheim auf ein Wunder, das sie wieder an die Weltspitze katapultiert. Finanziell sieht es in beiden Städten auch eher mau aus. Beeindruckt haben mich die persönlichen Geschichten. Deutsch-Griechische Liebesgeschichten aus der Zeit König Ottos, Gerichtsprozesse nach der deutschen Besatzung Griechenlands, Irgendwo taucht da immer mal ein Augsburger auf und wenn man danach sucht, sticht es einem natürlich besonders ins Auge. Zum Beispiel sind Bayerische Rekruten von Augsburg aus nach Athen gestartet um Teil des griechischen Heeres von König Otto zu werden. Da gab es ein großes Volksfest und die Augsburger haben die Soldaten mit Fähnchen verabschiedet.

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Gerasimos Bekas: Das große Wundenlecken, Theater Augsburg, ©Kai Wido Mayer

Wie funktioniert deine Zusammenarbeit mit der israelischen Regisseurin Sapir Heller?

Sapir Heller ist großartig. Sie weiß, was sie will und hat dabei den Mut offen und kreativ zu bleiben. Wir haben uns bei einer Zusammenarbeit im Maxim Gorki Theater kennen gelernt und schnell gemerkt, dass wir nicht nur vom Theater das Gleiche wollen, sondern dass wir super zusammenarbeiten können. Das ist natürlich ein Geschenk. Man sieht, wie das Stück wächst und sich entwickelt und ist nie auf sich allein gestellt, weil man sich gegenseitig immer zu Rate ziehen kann.

Vier Schauspieler vom Theater Augsburg sind im Juni nach Athen gekommen, um sich auf dein Stück einzustimmen. Wo seid ihr überall gewesen und was habt ihr gemeinsam erlebt?

Ein Ziel der Reise war, den Schauspielern die Möglichkeit zu geben, Athen aus der Nähe zu erleben und sich von den Klischees zu befreien, die zwangsläufig durch die Jahre der Krisenberichterstattung entstanden sind. Wir waren viel in Exarcheia unterwegs, haben das ganze Zentrum abgelaufen und sind auch etwas außerhalb Athens unterwegs gewesen. Die vier sollten die Gelegenheit bekommen, sich einen persönlichen Eindruck vom Stadtleben zu machen, auf „normale“ Athener zu treffen und zu verstehen wie bayerisch geprägt das heutige Athen immer noch ist.

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Gerasimos Bekas: Das große Wundenlecken, Theater Augsburg, ©Kai Wido Mayer

Wie war die Stimmung bei der Premiere in Augsburg? Wie hat das Publikum auf dein Marmor-Yoga reagiert?

Es war eine tolle Premiere. Ich war etwas nervös, weil „Das große Wundenlecken“ kein konventionelles Stadttheaterstück ist. Es bringt den Zuschauer zwar zum Lachen, fordert ihn aber auch ganz schön und konfrontiert ihn mit ernsten Themen und Fragen. Die Augsburgerinnen und Augsburger habe ich als sehr offenes und enthusiastisches Publikum erlebt und das war natürlich für das ganze Team ein sehr schöner Moment.

Interview: Michaela Prinzinger und Gerasimos Bekas. Fotos: Kai Wido Mayer, Thembi Wolf.

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