Tamata: die griechischen Votivtäfelchen

Eintrag ins Vokabelheft von A. Tsingas

Hinter der Pforte des Byzantinischen und Christlichen Museums in Athen öffnet sich der einladende Hof. Zurzeit zieht ein riesiger, im Sonnenlicht flirrender Gegenstand das Auge magisch an. Aus der Ferne ist nicht gleich auszumachen, worum es sich handelt. Schlafwandlerisch führen die Schritte dorthin. Die Form eines aufgebockten kleinen Schiffs zeichnet sich immer mehr ab, sein Material ist aber irritierend, es sieht aus wie Fischschuppen, die das harte Licht der südlichen Sonne reflektieren. Nähert man sich, kommt die Erkenntnis: Das nunmehr aufgegebene Boot, das tatsächlich einmal Flüchtlinge transportiert hat, ist über und über mit meist silbernen Tamata, kleinen Votivtafeln bedeckt…

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„Tama“ wird im Griechischen die Votivgabe genannt, die der jeweiligen Kirche gestiftet wird, wenn ein Wunsch in Erfüllung geht. Die kleinen Tafeln sind der öffentlich bezeugte Dank für ein gnadenhaft empfundenes Geschehen in kritischer Situation. In der Regel handelt es sich um ein kleines Metallplättchen mit einem aufgeprägten Motiv, das das Thema des erfüllten Wunsches symbolisiert. In den griechisch-orthodoxen Kirchen sind so manche Ikonen damit behängt.

Auch an diesem Schiff erscheinen bekannte Bilder: ein Baby, ein Herz, ein Soldat, Brautkronen, menschliche Gliedmaße, ein Auto. Aber die meisten anderen wirken befremdlich, denn sie sind beschriftet. Zu lesen sind Namen mit Geburtsjahr und weit entfernten Geburtsländern – Syrien, Afghanistan, Somalia, Algerien, Bangladesch, Palästina, Iran, Irak, Kurdistan. Es sind ganze 10.000 Votivtäfelchen für Gerettete, die das Mittelmeer überwinden konnten. Ich spüre einen Kloß im Hals, denn die Gedanken wandern ganz von selbst zu den Ertrunkenen, die Europa, das gelobte Land, nicht lebend erreicht haben.

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Die Installation der griechischen Künstlerin Kalliopi Lemos mit dem Titel „Pledges“ (Fürbitten) wird vom Byzantinischen und Christlichen Museum Athen als Teil der Feierlichkeiten für die 100 Jahre seit seiner Gründung präsentiert. Bis zum 30. September 2014. Lemos hatte 2009 ihre Installation „At Crossroads“ am Brandenburger Tor präsentiert: www.byzantinemuseum.gr. Foto: A. Tsingas

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