Homerika

Elena Pallantza über einen Gedichtband von Phoebe Giannisi

Homerika“: Wie zeitgenössische griechische Lyrik auf moderne Art mit der antiken Tradition in Dialog tritt – Phoebe Giannisis Gedichtband liegt in deutscher Übersetzung von Dirk Uwe Hansen vor. diablog.eu-Redaktionsmitglied Elena Pallantza, selbst Lyrikerin und Übersetzerin, ist bezaubert von Original und Übertragung.

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Die Edition zeitgenössischer griechischer Literatur ist in Deutschland so selten, dass sie stets freudige Überraschung auslöst, insbesondere im Fall von Lyrik. Nur ganz wenigen Namen gelingt es, diese Hürde zu nehmen und dem unrentablen Genre eines kleinen Landes Gehör zu verschaffen. Und das ist schade, da die jungen griechischen Lyriker eine literarische Tradition fortsetzen, die – nicht nur – sprachliche Grenzen überwunden hat.

„Homerika“ von Phoebe Giannisi, kürzlich von Dirk Uwe Hansen für den Verlag Reinecke & Voß ins Deutsche übersetzt, ist eine mutige Wahl und kommt allen zugute, die moderne Experimente mit Mythenmaterial schätzen, was neue und unerwartete Gedankenkombinationen erlaubt.

Verbannt fern von Gott und umherirrend…
ich war bereits einmal Knabe, Mädchen, Pflanze,
Vogel und flutenttauchender, stummer Fisch
Empedokles, 490-430 v. Chr.

Der Fischer hatte keine Ahnung von Homer
J. Ritsos, Relationen 1939

Es ist das vierte Buch der griechischen Lyrikerin Phoebe Giannisi. Der Titel „Homerika“ klingt nach Altphilologie, sowie auch die Titel der 42 Gedichte: Heimkehr, Sirenen, Kirke, Unterwelt, Lotophagen, Ithaka, Penelope. Die Namen sind uns vertraut. Sie führen uns mit Lichtgeschwindigkeit an homerische Orte, insbesondere der Odyssee: auf die Insel der Zauberin Kirke, in die Unterwelt, in Penelopes Kammer, an den Strand, wo Nausikaa dem schiffbrüchigen Odysseus begegnet. Mythische Figuren werden lebendig und erscheinen wie durch einen kleinen (Zeit)Spalt, indem jemand von ihren Taten erzählt, ihre Gedanken liest, das Wort an sie richtet oder ihnen eine Stimme verleiht.

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Phoebe Giannisi: Aigaio_Exulat, ©Sofia Camplioni und Christos Athanasiou

Haben wir es also mit einem Buch zu tun, das die Geschichten von Homer neu erzählen will? Eine Art lyrischer Miniaturen epischer Szenen? Nicht wirklich. Zum einen begreift der Leser sehr schnell, dass er nicht in einem hermetisch abgeriegelten homerischen Umfeld gelandet ist. Die „Helden“ sind nicht in Raum und Zeit eingesperrt. Sie gehen ihren „antiken“ Tätigkeiten nach – reiben sich mit Öl ein, sitzen am Webstuhl, ziehen sich Sandalen an – mit der gleichen Natürlichkeit, mit der sie Auto fahren, fernsehen, einen Swimmingpool besitzen, die Waschmaschine betätigen.

Vergangenheit und Gegenwart sind durchlässig, durchdringen einander. Eine homerische Episode fügt sich mühelos in einen ganz normalen griechischen Sommer von heute ein: der Sand im Schuh der Fuß / die Pinie im Sand das Auto im Schatten / der Fremde am Strand schläft bei der Pinie er kam von weit her / hat Länder und Meere durchquert / Kiesel Sand Spaziergänge und Gespräche / ein Großvater spricht über seinen Enkel sammelt Muscheln.

Zum anderen sind die mythischen Personen nicht in ihrem homerischen Selbst gefangen. Sie bewegen sich in ihren Identitäten genauso frei wie durch Raum und Zeit, sind keine kompakten Charaktere, sondern eher offene, wandelbare Abbildungen. Oft leihen sie sich untereinander Eigenschaften und Erfahrungen. Hinzu kommt, dass sie nicht immer mit dem Erzähler des jeweiligen Gedichtes identisch sind, der übrigens dauernd wechselt, von der Erzählform in der dritten Person zur Ich-Erzählung oder zu einem „Du“ (das den Leser miteinbezieht).

Von Gedicht zu Gedicht macht sich somit hinter der vordergründigen Vielfalt die Wirkung einer verbindenden Kraft bemerkbar. Eine wandelbare einheitliche Stimme erhebt sich allmählich hinter der inszenierten Pluralität und verbindet den einen Text mit dem anderen; wie ein zerbrochenes Ich, das seine verschiedenen Anteile zusammennäht: sein fragmentarisches Gedächtnis, seine zerstückelte Wahrheit, seine Widersprüche. Um sich schließlich mit den anderen zu identifizieren, in der Erkenntnis des gemeinsamen menschlichen Schicksals: und die Begegnung ist ganz sicher plötzlich / die Gesichter aus den Fugen geraten / wenn auch rundherum der Platz wimmelt von wilden Tieren / von verwandelten Gefährten natürlich von mir selbst / der Gefährte bist du / seine Leiden sind nichts als deine bisherigen / und zukünftigen Leiden.

Warum dann Homer als Bezugsrahmen? Die allgemeine Antwort darauf ist spätestens seit Yeats, Kavafis und Joyce immer gleich: Der Mythos, ein flexibles und variables Material, ist die einfachste, vertrauteste und verständlichste Weise, die großen Fragen der menschlichen Existenz aus heutiger Sicht neu zu stellen. Die mythische Vergangenheit wird bewusst auf die jeweilige dichterische Gegenwart projiziert. Es ist die berühmte mythic method – nach der unübertroffenen Definition von Eliot das ultimative dichterische Werkzeug, „a way of controlling, of ordering, of giving shape and significance to the immense panorama of futility and anarchy which is contemporary history“.

Auch in den „Homerika“ werden solche Fragen gestellt – über unvermeidliche Verluste, über nicht andauerndes Glück, über die Grenzerfahrung des Wanderers: Kann jemand mit der Erinnerung leben ohne / auf ein Wiederkehren zu hoffen? oder Ist es nicht für Sterbliche ein Schutz / das Glück nicht zu kennen? oder Auch wenn ich jetzt fragen kann/ welcher Ort die Herkunft ist / das „Dort“ oder das „Hier“ / der Aufbruch oder die Ankunft.

Die dichterischen Antworten darauf sind scharfsinnig, originell, weise, melancholisch, humorvoll und feinfühlig. Sie wirken nie melodramatisch und werden von den mythischen Motiven wirksam unterstützt. Odysseus, Symbol der Irrfahrt, der Flucht und der Heimkehr par excellence, vielfach bewährt in der literarischen Tradition, wird bis hin zum Paradigma der äußeren und inneren Vereinsamung und des Identitätsverlustes erweitert: Wie kann der einen Namen tragen/ der vorher ein Niemand war.

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Phoebe Giannisi: Aigaio_Performance, ©Dafni Papadopoulou

Penelope gibt sich intensivem Schwimmen hin, um zu vergessen: das Lied das Zählen die Wiederholung versteinern / das Lied vom Pool rettet mich / rettet mich vor dem Wissen dass / er mich nicht liebt. Die Sirenen besitzen ein rotes Auto und verkörpern die Versuchungen der Liebe, die Verführung. Das Land der Lotophagen, den ewigen Sommer, ein (Urlaubs-)Paradies, in das wir für immer eintauchen wollen, und Ähnliches mehr.

Phoebe Giannisi benutzt jedoch den homerischen Stoff nicht nur als Ideen- und Symbolquelle, um noch eine weitere postmoderne Penelope zu kreieren, die über die Ungleichheit von Frauen und Männern, über die Vergänglichkeit der Liebe und über die Ungleichzeitigkeit der Sehnsucht nachdenkt. Ihre Gedichte haben eine sinnliche Dimension und folgen einem biologischen Rhythmus. Es geht um den menschlichen Körper, die Atmung, Geräusche, aber auch um Elemente und Jahreszeiten. Darüber hinaus haben wir es hier mit dem Thema „Gedächtnis“ zu tun.

„Wir sind das, woran wir uns erinnern“, sagt der Neurowissenschaftler und Nobelpreisträger Eric Kandel. „Unsere Erinnerungen sind das Gewebe, aus dem der Stoff unseres geistigen Lebens besteht.“ Atmung, Erinnerung und Gewebe weisen auf die Dichtung selbst und deren Bestandteile hin: Inspiration, Rhythmus, Sprache, Weben (der Zusammenhang Text/Textil im Lateinischen) und Komposition (im griechischen ist der Rhapsode derjenige, der die Oden zusammennäht). Denn jede Dichtung spricht auch über sich selbst. Für den aufmerksamen Leser führen all diese Aspekte zu einer besonderen Lesart der Gedichte.

Je mehr sich der Leser mit den Gedichten vertraut macht, desto mehr wird er in die Vergangenheit geführt und folglich auf einen Weg der Selbsterkenntnis – ein zusätzlicher Aspekt der Odyssee-Metapher als andauernder Heimkehr.

Wenn wir uns der Vergangenheit zuwenden, tun wir das ja in erster Linie nicht, um die zeitliche Abfolge der Ereignisse zu rekonstruieren, sondern um unsere Herkunft zu begreifen. Zwischen dem ersten und dem letzten Gedicht des Buches liegt eine Reise, auf der man sich selbst kennenlernt. Vom Unzusammenhängenden: Hörst du den Sänger deiner selbst / Niemands Worte / Irrfahrten eines vielgewanderten Mannes / Wind Meer Versäumnis verlorene Gaben soll er zählen gelangen wir zur Zusammenkunft, zum Bewusstsein der Einheitlichkeit des Ichs: Viel Leben verging bis ich eine Frau wurde / es war schwer für mich groß zu werden / und jetzt sage ich dass ich / Frau bin und dabei ein Mädchen / ich habe jetzt beides / und beides ist meines.

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Phoebe Giannisi: Aigaio_Performance, ©Dafni Papadopoulou

Wenn wir uns die Vergangenheit in Erinnerung rufen, versuchen wir unsere subjektive Zeit in den kosmischen Turnus, in den Rhythmus des Universums einzubetten. In seinem umfassenden Werk „Mythos und Denken bei den alten Griechen“ sagt der Kulturanthropologe Jean-Pierre Vernant: „Für das Individuum geht es nicht darum, sich selbst in der Kontinuität eines inneren Lebens zu begreifen. Es geht ihm darum, sich im Rahmen einer allgemeinen Ordnung zu positionieren, die Kontinuität zwischen ihm und dem Kosmos auf allen Ebenen zu rekonstruieren, indem es die menschliche Existenz mit der gesamten Natur, das menschliche Schicksal mit der Ganzheit des Seins, den Teil mit dem Ganzen verbindet.“

Dies erklärt auch die eigenartige dichterische Sprache, die außerordentlich schlicht ist, beinahe unpoetisch, ohne lyrische Schnörkel. Es gibt keine Interpunktion. Narrative Perioden wechseln sich mit elliptischen Sätzen ab. Wiederholungen, aufeinanderfolgende unverbundene Aufzählungen (Asyndeta), Ringkompositionen, bilden eine keuchende, zerbrochene Stimme, die darum kämpft, sich zu artikulieren, deren Subjekt sich in einer Art Manie befindet oder sich zu erinnern versucht.

Gleichzeitig handelt es sich um fließende Rede, die einem Rhythmus unterliegt, wie die Atmung, und die danach strebt, mit dem Rhythmus der Umwelt in Einklang zu kommen: mit dem Zirpen der Insekten, mit dem Krächzen der Möwen, mit dem Schaukeln des Bootes auf dem Wasser, mit dem Rauschen der Wellen; mit fallendem Regen; mit dem Wechsel der Jahreszeiten und den alltäglichen Beschäftigungen des Menschen.

Der Körper dieser Stimme gerät durch den Rhythmus in Austausch und Kommunikation mit der Landschaft, beinahe werden sie identisch. Der Rhythmus dient ja nicht nur als Stütze unserer Erinnerung (und des Auswendiglernens), sondern ist auch jener Aspekt der Dichtung, der am stärksten unseren ganzen Körper betrifft (was sich besonders bei der Rezitation bemerkbar macht).

Ich kehre zur Frage „Warum Homer?“ zurück und komme zu folgendem Schluss: Mittels Homer verweist uns die Dichterin direkt auf das archaische Denken zurück, zu den ältesten Wurzeln der Dichtung, auf deren mündlichen Ursprung. Auf eine Kultur, die im Übergang von der Mündlichkeit zur Schrift, Erinnerung und Dichtung noch als untrennbar betrachtet wurde, da Mnemosyne, die Mutter der Musen, die Beschützerin der Poesie ist. Wo die etymologische Verwandtschaft von griechischen Wörtern wie menos/Wut, Manie und Muse, Vergessen/Lethe und Wahrheit/A-letheia, Atmung und Inspiration gleichsetzende Verbindungen impliziert.

Wo die Seele noch nicht vom Körper getrennt ist, sondern sie ganz durchdringt – durch Wind und Atmung. Wo Dichtung und Gesang als Weg, als Reise, begriffen werden, d.h. als körperliche Erfahrung. Und der Dichter, als heilige Person, wie auch der Seher, bringt seinen Zeitgenossen die Weisheit der alten Zeiten, da die Muse ihn mitten in die Vergangenheit versetzen kann. In den Bildern der „Homerika“, auf den ersten Blick skizzenhaft und elementar, wie Kinderzeichnungen, sind ganz geschickt die Elemente einer ganzen Kultur versteckt, denen wir in den Mysterien und in der Seelenlehre der Orphiker, in den mnemotechnischen Übungen der Pythagoreer oder in den Reinigungsritualen und im Verwandlungskreis des Empedokles begegnen.

Ich würde sogar sagen, dass die Gedichte von Phoebe Giannisi im Grunde als die moderne dichterische Wiedergabe und die freie Verarbeitung von solchen mnemotechnischen Übungen und Einweihungsriten, wie die der antiken Sänger, gelesen werden können. Sie sind einem reifen dichterischen Plan untergeordnet, der ihren historischen Ursprung und die strenge intellektuelle Vorarbeit und wissenschaftliche Annäherung nicht verrät. Dadurch gelingt es sogar, die Unschuld und Frische des ersten Males zu konservieren: „Geworfen ins Jetzt / mit dem Schwung des Gestern und des Morgen singst du / Stimme / des Frühlings / den Wind beladen mit Düften / von anderswo von hier und von dem was kommt… beladen doch leicht / wie etwas Leichtes doch Volles / fliegt und singt / wie dein Kopf / mit der Welle ans Ufer gespült / den Ruderern den Rhythmus gibt.

Auf der Rückseite der deutschen Ausgabe lesen wir die dichterische Intention: „Als ich die Homerika schrieb, wollte ich Gedichte schreiben, die gehört werden, auch wenn man sie nur liest. Ich wollte, dass der Rhythmus der Stimme ebenso hörbar wird wie der Rhythmus der Welt, der Jahreszeit, des Wetters, der Tiere und Menschen bei ihren Beschäftigungen, wie die Geräusche der Stadt und die Geräusche der Landschaft.“ Die Intention dieses Buches ist es also, einen schriftlichen Text auch zu einem mündlichen zu machen.

Es gelingt ihm durch seine Form und seine Sprache. In der griechische Ausgabe wird das schriftliche Projekt durch eine CD mit Aufnahmen der Gedichte auf dem Berg Pilio während einer zweitägigen sommerlichen Wanderung ergänzt – mit den Stimmen von Zikaden und Vögeln, eines Obsthändlers und von Musik aus der Taverne im Hintergrund. Ich muss an dieser Stelle erwähnen, dass Phoebe Giannisi mit ihren Klanginstallationen und der räumlichen Öffnung von Lyrik der deutschen Lyrikerin Barbara Köhler (dichterisch) begegnet, deren Werk sie sogar ins Griechische übersetzt hat und der das Gedicht „Kirke I“ der „Homerika“ gewidmet ist.

Eine künstlerische Intention, die sich primär auf die Sprache selbst stützt, stellt natürlich eine zusätzliche Herausforderung für den Übersetzer dar. Der Rhythmus der griechischen Wörter, die beabsichtigte Nebeneinanderstellung von ähnlich klingenden Wörtern, die Integration von altgriechischen Wörtern, die verstreuten Reime, das Versmaß, die Alliterationen gehen verloren – Elemente, die bei der Übersetzung von Lyrik nach wie vor problematisch sind, umso mehr im Falle eines „mündlichen“ Buches.

Dirk Uwe Hansen, Dozent für klassische Philologie an der Universität in Greifswald und selbst Dichter, gelingt es mittels einer knappen, schlichten und parataktischen Sprache einen deutschen Text zu schaffen, der die Unmittelbarkeit des Originals widergibt und der sogar mit lauter Stimme im Wald gelesen werden könnte.

Text: Elena Pallantza. Videos: Phoebe Giannisi. https://phoebegiannisi.net/en/

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