Lambrou, Thanassis

Lebenslauf

Athanassios (in der Kurzform: Thanassis) heißt nach griechischer Überlieferung, in der Sprache der Mythen: der Unsterbliche. Wenn die Eltern es ernst gemeint haben, kann ihm eigentlich nichts passieren. Er wird die Banalitäten des Alltags, erst recht die eines Beamtenlebens, überstehen wie einer, dem ein Gott über die Schulter spuckte. Und siehe da, es hat von Anfang an funktioniert. Im Alter von vierzehn fängt der Junge an, Verse zu machen. So beginnt es meistens, als acte gratuit, familiär unbegründbar, als absurder Sprung aus der Art. Die einzig erkennbare Kausalität wäre also die der Namensgebung, die bei dem griechischen Hang zur Übertreibung so ungewöhnlich nicht ist.

Cover TraklSeine Heimatstadt: Lamia (180 Kilometer nördlich von Athen, in der Nähe von Thermopylae) – damals ein Kultort, heute eine Provinzstadt mit hunderttausend Einwohnern in der Region Phthiotida, Mittelgriechenland. 1962 geboren (das Jahr kommt mir bekannt vor), bis zum Abitur dort geblieben. Die Eltern zeigten wenig Verständnis für seine literarischen Versuche, haben ihn aber nach Kräften unterstützt. Auch das kenne ich. So stürzt er sich ins Studium, insgesamt vierzehn Jahre lang, davon fünf in Rechtswissenschaften an der renommierten Aristoteles-Universität von Thessaloniki, mit großem Enthusiasmus, und versucht der Beste zu sein.

Eine Zufallslektüre bringt den Wendepunkt – der Roman «Hyperion» von Friedrich Hölderlin, Ende der siebziger Jahre in einer griechischen Übersetzung entdeckt. Ein Text, der sein Leben veränderte, wie er sagt. Daraufhin fasste er den Entschluss, Deutsch zu lernen. Im Sommer 1985 besucht er zum ersten Mal Deutschland, das Land einer umgekehrten Sehnsucht. Dort hatte sich etwas ereignet, das an die heimatlichen Wurzeln rührte und von dem er glaubte, dass es immer noch dort zu finden war. Oder etwa nicht?

Einsame Zeit, intensiver Deutschkurs, lange Wanderungen durch das Land der Träumer, erste eigene Übersetzungsversuche. Nachdem er mit Griechenland ausbildungstechnisch abgeschlossen hat, geht er nach Freiburg, fängt in der Stadt Heideggers ein Zweitstudium an, promoviert im Fach Philosophie und ist: Dr. Athanassios Lambrou.

Cover LambrouWeit aber kommt er damit nicht. Wenn schon nicht die Heimat, so ruft ihn der Staat doch zurück. Als guter Grieche muss er seinen Militärdienst ableisten, anderthalb Jahre Patrouillengang an der griechisch-türkischen Grenze. Soviel Loyalität muss sein, will man sich die Zukunft zu Hause nicht völlig verbauen. (Auch das kommt mir bekannt vor, wobei ich mir keinerlei Hoffnungen machte: Der Staat, der mich damals zu Schießübungen zwang, sollte mich nicht mehr wiedersehen.) Große herrliche Einsamkeit, vermerkt der angehende Dichter über diese Zeit, die ihm im Rückblick heute als eine Phase romantischer Konzentration erscheint.

Im Sommer 1998 besteht er die Aufnahmeprüfung für den diplomatischen Dienst. Seither ist er in diversen offiziellen Gebäuden angestellt, an deren Eingang die schöne, blauweiß gestreifte Flagge mit dem weißen Kreuz sichtbar ist (die so sehr an Meer und Schiffahrt erinnert), nacheinander als Presseattaché, Leiter der Kulturabteilung in München und danach als Botschaftsrat in Berlin. Er gibt dort sein Bestes, wie es sich für einen fleißigen Griechen mit seinen Talenten gehört. Aber das genügt ihm mitnichten. Außerhalb der Dienststunden schreibt er Gedichte, Essays und übersetzt aus dem Deutschen, was ihm am Herzen liegt: Georg Trakl, Rilkes Duineser Elegien, Hölderlin und den Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe. Fünf Gedichtbände entstanden so nebenher, sie tragen allesamt urgriechische Titel wie «Triptychon», «Labyrinth» und «Meditation».

Mit freundlicher Genehmigung entnommen aus: Freund Th., Nachwort von Durs Grünbein. Aus: Thanassis Lambrou: Labyrinth. Gedichte, Griechisch-Deutsch. Elfenbein Verlag 2014.

Thanassis Lambrou

Thanassis Lambrou, ©privat

Daten

Lyriker und Übersetzer
geb. 1962 in Lamia
lebt in Berlin

Werk

In den Jahren 1998-2001 Leiter des Sonderkurses Literarische Übersetzung beim Goethe Institut, Athen. Tätigkeit als Lyriker, Essayist und Übersetzer der deutschsprachigen Literatur. Seit 1992 sind die unten aufgeführten eigenen Bücher (Gedichte und Prosastücke) und Übersetzungen, sowie zahlreiche Veröffentlichungen von Gedichten, Aufsätzen, Buchkritiken, Übersetzungen in verschiedenen literarischen Zeitschriften und Zeitungen erschienen.

Buchveröffentlichungen

1. Sammlung, (Περισυλλογή, Gedichte und Prosa), Athen 1992,
2. Von der Umkehr in die Herkunft der Kunst (Abhandlung in deutscher Sprache), Frankfurt a. M. 1994,
3. Triptychon (Τρίπτυχο, Gedichte und Prosa), Athen 1995,
4. Unwiederbringlich, (Ανεπιστρεπτί, Gedichte und Prosa), Athen 2000,
5. Labyrinth, (Λαβύρινθος, Gedichte), Athen 2004,
6. Meditation (Μελέτη θανάτου, Gedichte), Athen, 2012.
7. Zu Goethes Faust (Abhandlung), Athen 2014.

Übersetzungen (Auswahl)

8. Friedrich Hölderlin: Hymnen und Fragmente (Zweisprachige Ausgabe mit ausführlichem Kommentar), Athen 1996,
9. Ingeborg Bachmann: Das dreißigste Jahr (Erzählungen), mit einem Nachwort des Übersetzers, Athen 1996, erstmals ins Griechische übersetzt.
10. Durs Grünbein, Entfernte Inschrift, Gedichte und Essays (Zweisprachige Ausgabe, erstmals ins Griechische übersetzt), mit Anmerkungen und mit einem Nachwort des Übersetzers (das Buch wurde mit finanzieller Unterstützung von Inter Nationes veröffentlicht), Athen 1997, (zweite, stark erweiterte Ausgabe unter dem Titel Der Astronom-Gedichte aus zwei Jahrzehnten, Athen, 2012, das Buch wurde mit finanzieller Unterstützung von Inter Nationes-Goethe Institut veröffentlicht und mit dem Griechisch-Deutschen Übersetzungspreis ausgezeichnet),
11. Hans Magnus Enzensberger, Essays aus vier Jahrzehnten, Auswahl des Übersetzers in Zusammenarbeit mit dem Autor, Vorwort: Hans Magnus Enzensberger, erstmals ins Griechische übersetzt, Athen 2000,
12. Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe, erstmals ins Griechische übersetzt, mit ausführlichem Kommentar und mit einem Nachwort des Übersetzers (das Buch wurde mit finanzieller Unterstützung von Inter Nationes veröffentlicht), Athen 2001,
13. Thomas Mann: Versuch über Schiller (erstmals ins Griechische übersetzt, mit ausführlichem Kommentar), Athen 2002,
14. Friedrich Hölderlin: Hymnen, Elegien und Fragmente (mit ausführlichem Kommentar), zweite stark erweiterte Ausgabe, Athen 2006, (mit dem Übersetzerpreis der Hellenic Society of Translators of Literature ausgezeichnet).
15. Angelus Silesius: Cherubinischer Wandersmann, Athen 2013.
16. Georg Trakl: Gedichte (Auswahl), Αthen 2014.

In Vorbereitung (Auswahl)

Rainer Maria Rilke: Duineser Elegien (Übersetzung, Kommentar in Essayform).
Thomas Bernhard: Heldenplatz (Theaterstück).

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