Lebkuchen und Melomakarona

Geschichte und Rezept von Eleni Torossi

Rechtzeitig vor St. Nikolaus versetzt diablog.eu die geneigten Leserinnen und Leser in vorweihnachtliche Stimmung. Schriftstellerin Eleni Torossi hat uns ein Rezept für ganz besonderes Weihnachtsgebäck verraten, zu dem es auch eine kleine Geschichte zu erzählen gibt. Viel Spaß beim Probieren und Ausprobieren!

Pünktlich wie jedes Jahr zu Nikolaus erhalte ich das obligatorische Päckchen Lebkuchen aus Nürnberg. Es ist für meine Tante Ourania inzwischen zur Tradition geworden, mich und unsere Verwandten mit Nürnberger Pfefferkuchen zu versorgen.

Dieses Mal bin ich auf den Inhalt besonders gespannt, denn Tante Ourania hat mir schon am Telefon neue Experimente angekündigt.

»Was denn?«, fragte ich sie.

»Ah, sei nicht so ungeduldig. Das wirst du schon sehen! Aber ruf mich an, ich will hören, wie du mein Backexperiment findest.«

Als ich das Päckchen öffne, steigt mir ein betäubender Duft nach Zimt, Nelken, Piment und Kardamom in die Nase. Und ich habe sofort das Bild meiner Tante vor mir: Wenn sie ihre Ärmel hochkrempelt, um den Teig zu kneten, ihre weiche Brust sich dabei sanft bewegt und ihre dicken Finger anmutig das Gebäck formen, dann verströmt ihr Körper genau den gleichen Duft wie das Weihnachtsgebäck.

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Dieses Mal hat Tante Ourania offensichtlich nicht nur Lebkuchen, sondern auch Melomakarona, in Honig getauchte griechische Weihnachtsplätzchen, genauer übersetzt: Honignudeln, gebacken – die aber nichts mit Pasta zu tun haben. Voller Freude schiebe ich mir eins in den Mund. Mmh – perfekt! Aromatisch, schön weich und von Honig durchtränkt, wie es bei Melomakarona sein soll. Nur die Gewürzkombination ist mir etwas fremd. Auf einem Zettelchen klärt mich Tante Ourania dann auf: »Liebe Eleana, wusstest Du, dass die Nürnberger Lebkuchen ursprünglich aus dem Orient kommen? Das erklärt auch die Gewürze: Zimt, Muskatnuss, Ingwer, Nelken, Kardamom und Koriander. Für meine Melomakarona habe ich dieses Mal die gleichen Gewürze genommen, wie sie in den Nürnberger Lebkuchen zu finden sind.«

Ich esse noch eine dicke Honignudel und beiße gleich danach in einen Lebkuchen. Tatsächlich – der würzige Geschmack ist fast identisch! Der einzige Unterschied: Die weichen Melomakarona lösen sich mürbe im Mund auf und schmecken intensiv nach Honig, während der Lebkuchen einen festen und trockenen Biss hat.

Ich rufe Tante Ourania sofort an. »Dein griechisches Weihnachtsgebäck ist einfach herrlich! Aber findest du es nicht etwas weit hergeholt, dass Lebkuchen eine orientalische Erfindung sind?«

»Keineswegs!«, versichert mir meine Tante. »Ich habe extra alles nachgelesen, um dich, alte Zweiflerin, zu überzeugen: Es gibt Schriften aus dem Jahr 350 vor Christus, die die Zutaten für kleine runde Fladenbrote angeben. Aber man fand auch Überreste des trockenen Gebäcks in den Gräbern der Pharaonen im alten Ägypten. Die beweisen, dass es diese gewürzten Pfefferkuchen schon damals dort gegeben hat. Gewürze und Lebkuchen kamen erst mit dem heiligen Nikolaus in den Westen.«

Weihnachtsstimmung, Tounas

»Wie meinst du das?«

»Du weißt doch, dass der heilige Nikolaus aus der Stadt Patara an der Mittelmeerküste in Kleinasien stammt, oder? Das war aber kein Türke, damals gab es ja die Türkei noch gar nicht. Er war ein orientalischer Grieche und hieß Nikolaus Myriotis«, erläutert meine Tante.

»Ein orientalischer Grieche, ja? Tante, hast du dir das wirklich nicht ausgedacht?«

»Nein, das ist allgemein bekannt! Man sagt, dass Bischof Nikolaus zwischen 270 und 320 nach Christus geboren wurde, und er hieß Myriotis, weil er der Bischof der Stadt Myra wurde. Die Stadt Myra liegt in der Nähe von Antalya, damals Lykien, und es werden sehr viele Geschichten über den Bischof Nikolaus erzählt, und vor allem über die Wunder, die er vollbrachte. Er war der Schutzpatron der Seeleute, der reisenden Händler, der Pilger, der Ausgewanderten und der Kinder. Oft sieht man ihn auf Ikonen in der Kirche ein Schiff durch stürmischen Seegang lenken. Den heiligen Nikolaus beanspruchen übrigens alle für sich. Die Katholiken stellen ihn mit einem rotweißen Bischofskleid und einem Hirtenstab dar, die orthodoxen Christen malen ihn auf ihren Ikonen in einem schlichten blauen Kleid und mit einem Schiff in den Händen. Die Türken beanspruchen ihn auch als ihren Landsmann. Aber alle feiern ihn am 6. Dezember.«

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»Das ist ja sehr interessant! Ein Heiliger mit verschiedenen Gesichtern, der viele Religionen und Kulturtraditionen in seiner Person vereint. Das ist mir sympathisch«, sage ich.

»Außerdem«, meint meine Tante, »bin ich sicher, dass er in den westlichen Ländern den orientalischen Lebkuchen mit seinen Gewürzen bekannt gemacht hat. So gab es im Mittelalter eine ganze Zunft, die der Lebküchner, die Lebkuchen gebacken hat. In den Klöstern gab es auch Lebkuchenbäckereien. Und du weißt ja, dass es üblich ist, aus Lebkuchenteig einen Nikolaus zu formen. Noch Fragen?«

»Ja, also der heilige Nikolaus brachte auch die orientalischen Gewürze für den Lebkuchen mit. Oder … die Händler brachten die Gewürze und der Heilige beschützte sie.«

»Genau, so ungefähr muss es gewesen sein. Und deswegen haben die hanseatischen Städte auch seine Farben geerbt, rot und weiß …«

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»Liebe Tante, das sind wirklich schöne Geschichten. Aber jetzt erzähl mir doch bitte, wie man Melomakarona macht. Übrigens, wenn ich so eine Honignudel zwischen den Fingern halte und da reinbeiße, muss ich immer an dich denken: rundlich, weich und zugleich mit Biss und duftend! Liebe Tante, ich werde dich ab jetzt Honignudel nennen.«

»Wehe! Sonst bekommst du kein Rezept mehr von mir!«, sagt Tante Ourania und lacht.

»Na schön, sonst verhungere ich womöglich noch!«, lenke ich schnell ein.

»Also gut – aber Vorsicht, der Sirup ist das A und O! Du darfst beim Aufkochen nicht zu lange warten und die Melomakarona nicht zu lange darin schwimmen lassen. Man muss genau den richtigen Moment erwischen – so wie im Leben auch, liebe Eleana!«

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MELOMAKARONA

ZUTATEN:

500 ml Olivenöl • 100 g Zucker • 60 ml Weinbrand • 1 gestr. TL Nelkenpulver • 1 gestr. TL Zimt • 1 gestr. TL Ingwerpulver • 1 Msp. Kardamom • 200 ml Orangensaft • fein geriebene Schale von 2 Orangen • 1 kg Mehl • 2 TL Backpulver • Zimt, Sesam und grob geriebene Walnüsse zum Bestreuen

FÜR DEN SIRUP:

500 g Honig • 300 ml Wasser • 120 g Zucker

ZUBEREITUNG:

Öl, Zucker, Weinbrand, Nelkenpulver, Zimt, Ingwerpulver, Kardamom, Orangensaft und -schalen gut verrühren. Das Mehl und das Backpulver nach und nach zugeben. Alles verkneten, dann längliche Plätzchen formen. Mit einer Gabel Einkerbungen in die Plätzchen ritzen; in den Rillen halten später Honig und Walnüsse besser. Auf ein gefettetes Blech legen und im vorgeheizten Ofen bei 200° C etwa 30 Minuten backen. Abkühlen lassen.

Alle Zutaten für den Sirup bei niedriger Hitze ca. 10 Minuten aufkochen lassen. Den Schaum entfernen. Den Sirup über die lauwarmen Melomakarona gießen. 1 Minute ruhen lassen. Eventuell die Plätzchen kurz umdrehen. Vom Blech nehmen, mit Zimt, Sesam und Walnüssen bestreuen.

Entnommen mit freundlicher Genehmigung©2009 by LangenMüller in der F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München, aus: Eleni Torossi: Warum ich Tante Iphigenia einen Koch schenkte. Verlag Langen Müller. Im selben Verlag ist in diesem Jahr der Roman „Als ich dir zeigte, wie die Welt klingt„ herausgekommen. Fotos: M. Prinzinger, P. Tounas (Weihnachtsmarkt)

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2 Gedanken zu “Lebkuchen und Melomakarona

  1. Gibt es das Buch von Eleni torossi mit den tollen Rezepten auch in griechischer Sprache? Ich würde es sehr gern einer griechischen Freundin schenken.
    Mit besten Grüßen
    Margret K.

    Ps und danke bei dieser Gelegenheit für Ihre buchvorschläge und Ihre Homepage insgesamt. Als Griechenlandfan schaue ich fast täglich rein und freue mich über neue interessante Beiträge.

    • Liebe Margret, es ist zuerst auf Deutsch erschienen, aber Eleni Torossi arbeitet an einer griechischen Version. Liebe Grüße und Danke für das Lob!

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