Dimitris singt beim Kochen oder an der Schank

Ein Original und sein Café „Prosa“ in der Wiener VHS Hietzing, von Robert Streibel

Dimitris Papaoikonomou hat Literaturwissenschaft studiert, ein Café auf Zakynthos betrieben, in einer Münchener Bar gejobbt und kam vor 4 Jahren nach Wien, wo er in einem Ausflugslokal im Wienerwald als Kellner arbeitete. Als die Wiener VHS Hietzung einen neuen Pächter für das Café suchte, machte ein Kunde Robert Streibel, den Leiter der VHS, auf Dimitris aufmerksam … und jetzt sind alle Beteiligten glücklich.

Dimitris singt beim Kochen oder an der Schank. Eigentlich ist er Philologe und deswegen heißt sein Café in der VHS Hietzing „Prosa“. Dimitris ist nach zwei Jahren in Hietzing im Westen Wiens längst zu einer Anlaufstelle im Grätzl (österreichisch für „Viertel“) geworden, er ist nicht nur Koch, nicht nur der Pächter des Caféhauses in der VHS Hietzing, er ist längst eine Institution. Wenn Dimitris singt, kann es vorkommen, dass einer von der Kartenrunde draußen im breiten Wienerisch meint: „Dimitris, muss ich mir Sorgen machen, hast du Zahnweh?“

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Dimitris ist jetzt auch Kaffeeröster, ©Robert Streibel

Um den Wiener Dialekt zu verstehen, braucht es schon ein besonderes Einfühlungsvermögen, da genügt es nicht, einige Jahre hier gelebt zu haben. Und der Wiener „Schmäh“, der ist einfach schwer zu verstehen. Ist das jetzt bösartig, wenn jemand zu dir sagt, dein Gesang klingt, als ob du Zahnschmerzen hättest? Doch Dimitris weiß, wie es gemeint ist und reagiert amüsiert. Zu singen hört er deshalb nicht auf.

Spätestens seit die Kartenrunde im Sommer bei ihm Station gemacht hat, weil‘s in ihrem Stammlokal einfach zu heiß war, hat er geahnt, dass er jetzt integriert ist. Drei, vier Kartenspieler sitzen dann und spielen und trinken, manchmal beginnen sie um 10:00, und manchmal wird es dunkel, bis sie aufhören. Doch dann hat es zu regnen begonnen, und nichts war mit dem schönen Sommerquartier der vier Wiener. Und dann fragen sie den Dimitris, ob sie ihm nicht eine Pergola bauen dürfen. Nach einigen Tagen steht die Pergola und alle freuen sich. Gäste gestalten ihr Caféhaus mit. Wo gibt’s das? Nur im Shabby Chic-Caféhaus in der VHS.

In den Töpfen wachsen Bohnen und aus denen wird dann ein Bohnengulasch gemacht: 5 Portionen sind sich ausgegangen. Für alle sorgt Dimitris, mit Amir und Sayed lernt er Deutsch in der Praxis und versucht ihnen Wienerisch beizubringen, die Kinder dürfen Erdbeeren naschen und für die Bienen am Dach wurden in den Hochbeeten besondere Pflanzen angebaut. Dimtiris kann viel, aber Imker ist er nicht, doch selbstverständlich vertreibt er den VHS-Honig, den die 500.000 Bienen produzieren.

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Café „Prosa“, ©Robert Streibel

Die Debatte über Integration ist in den letzten Monaten ständig zu hören, auf allen Kanälen, und beim Mittagessen scherze ich mit Dimitris. „Bist Du jetzt integriert oder bist Du assimiliert? Am besten Du setzt ein Zeichen. Du musst Deine Speisekarte ändern. Mach ein Assimilierungsmenü.“ Von der Idee bis zur Umsetzung der ersten Schritte dauert es einen Nachmittag und in Gedanken kocht er bereits. Jetzt ist das der lokale Renner. Dimitris kennt die Wiener Küche vom Servieren, weil er doch lange auch in einem Ausflugslokal gekellnert hat. Aber Wiener Küche selbst kochen? Die Umgebung berät ihn, und einer aus der Kartenrunde kocht einen Schweinsbraten für ihn. Aber ist das jetzt Integration oder Assimilierung? Menüs werden kreiert, wo das Wienerische auf Griechenland stößt. Und wenn es uns mittags in der VHS besonders gut schmeckt, dann sind die Namen so poetisch, wie es sich für ein Café „Prosa“ gehört. „Ein Griesnockerl fährt nach Griechenland, freundet sich mit einem Zucchini an und hat eine Affäre mit Feta. Eifersüchtig ist nur die Olive.“ Ein blöder Scherz beim Mittagsessen und schon ist das Assimilierungsmenü geboren.

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Assimilierungsmenü mit Grießnockerl und Zucchini, ©Robert Streibel

Kochen ist nicht alles, denn Dimitris ist in der Zwischenzeit auch Kaffee-Sommelier. Den Kurs hat er bei Prof. Leopold Edelbauer vom Institut für Kaffee-Expertenausbildung besucht. Wo? Natürlich an der VHS Hietzing. Und jetzt röstet er den eigenen Kaffee. Wie wird er heißen? Stardust. Denn hier leuchten die Sterne immer, auch bei Tag. „Mehr als ein Café“ heißt die neue Werbelinie, denn im Café „Prosa“ findet ab Jänner nicht nur ein Sprachen-Café statt, wo geflüchtete Menschen ihre Deutschkenntnisse erproben können und es gibt nicht nur ein Mal im Monat das Politik-Café. Natürlich hilft Dimitris auch Geflüchteten und manche kommen und helfen ihm, einfach so. Und wenn die Griechisch-Kursleiterin in der VHS überraschend krank wird, dann springt Dimitris ein und serviert griechischen Kaffee und erklärt Grammatik. Doch wer Backgammon spielen will mit ihm, der hat eher selten Chancen, denn meistens gewinnt Dimitris haushoch.

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Dimitris und sein Café „Prosa“, ©Robert Streibel

Im Sommer gibt es improvisierte Rembetiko-Konzerte, dabei ist die bunte Lichterkette die einzige Beleuchtung neben den Tischlampen, ein wenig improvisiert, aber gemütlich, fast wie in Griechenland, denn der Straßenlärm kann auch als Meerrauschen interpretiert werden.

Und bald wird wieder das „Größte Festival für die kleinsten Produzenten“ stattfinden, denn Dimitris vertreibt Produkte griechischer Kleinproduzenten. Was alles möglich ist mit 8 Tischen und einer kleinen Küche! Für die VHS Hietzing ist Dimitris ein Gewinn, das gibt’s nur ein Mal in Wien.

Dimitris singt und seit er hier in der VHS das Caféhaus betreibt, nimmt er auch Gesangsstunden – nicht, um seine Kartenrunde günstig zu stimmen, sondern weil es im Spaß macht. Und wo lernt er singen? Natürlich in der VHS, am Freitag Nachmittag bei Aramaghan Sharjarian. Sie ist streng, aber jetzt atmet er schon richtig. Das wird ein Konzert werden, wenn er dann auf der Bühne singt!

Text: Robert Streibel. Fotos: Robert Streibel.

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3 Gedanken zu “Dimitris singt beim Kochen oder an der Schank

    • Hallo Daniela,
      Ich habe gerade Ihren Kommentar gelesen.
      Genre würden wir was organisieren.
      Sie können ab 24/04 vorbei kommen um drüber zu sprechen!

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