Zimmer gesucht

Erzählung von Michaela Prinzinger

Vergangenheitsbewältigung, Frauenfreundschaft und deutsch-griechische Befindlichkeiten: Das sind die Ingredienzien einer Erzählung von Michaela Prinzinger, die in Thessaloniki spielt. Sie wurde vor kurzem in der Anthologie „Gefährliche Ferien. Griechenland“ veröffentlicht. Illustriert wird die Erzählung durch Aufnahmen des in Thessaloniki lebenden Fotografen Ingo Dünnebier.

Die junge Frau tippte die gängigste Adresse für Online-Buchungen in Hotels und Pensionen in die Tastatur. Gleichzeitig klemmte sie sich den Hörer mit hochgezogener Schulter ans Ohr.

„Am besten im Zentrum, gleich in der Nähe der großen Uferpromenade. Von dort ist man ganz schnell bei allen Sehenswürdigkeiten“, hörte sie eine Stimme sagen, die ganz nah klang, obwohl sie 1.500 Flugkilometer entfernt war.

„Okay“, stimmte sie zu und überflog die Angebote. „Du hast mir doch ein Hotel empfohlen, wie hieß es noch mal?“

Hotel Rosina in der Tsimiski-Straße 113.“

„Ja, hier ist es. Das sieht nett aus, ich buche es.“

„Schön, ich kann dich leider nicht abholen, ich erklär dir später, warum. Aber wir telefonieren, sobald du da bist. Ich freu mich auf dich, Maláko!“

Das war ihr ganz privates Codewort: Maláko, die weibliche Form von Malákas, dem wohl häufigsten Wort der griechischen Sprache, das in jedem zweiten Satz unter Freunden und Feinden vorkommt. Was die Übersetzung betrifft, gehen die Meinungen weit auseinander. Die Vorschläge reichen von „Alter“ oder „Tussi“ bis hin zu „Wichser“ und „Schlampe“.

Stadt am Meer

Thessaloniki, ©Ingo Dünnebier

Ihre beste Freundin Anna war seit einem halben Jahr in Thessaloniki und schrieb an irgendeiner Forschungsarbeit. Astrid hatte nicht genauer nachgefragt, worum es darin ging, und Anna hatte nie davon erzählt. Jedenfalls musste es sich um ein historisch-juristisches Thema handeln.

Für Astrid war es einfach nur an der Zeit, sich wieder mal in den Armen zu liegen, glorreiche Jugendzeiten und Männergeschichten Revue passieren zu lassen und Zukunftspläne zu schmieden. A & A, Astrid & Anna. Zwei wie Pech und Schwefel, hätte man sagen können – kürzlich hatte sie diesen alten Filmschinken an einem langweiligen Abend gesehen.

Die Tage bis zur Abreise aus Berlin vergingen wie im Flug, in der Firma war viel los, aber sie hatte geschworen, sich die Vorfreude auf diese Reise keinesfalls vergällen zu lassen, auch wenn es stressig wurde und ihre Sekretärin Druck machte. Da Anna mit ihrem knapp dotierten Stipendium nur ein winziges Zimmerchen hatte, lag es nahe, sich ein Quartier zu suchen. Ein bisschen Abstand konnte nicht schaden.

Billigflieger, Handgepäck, Bordmagazin, Meal Deal, Uhrzeit umstellen. Bewusst hatte sie auf den Luxus einer Airline mit mehr Fußfreiheit verzichtet. Das war ihre Art, Solidarität mit Anna, dem Gastarbeiterkind, zu zeigen. Auch war sie gleich auf Annas Vorschlag, doch im einfachen Hotel Rosina abzusteigen, eingegangen. Dabei hätte sie sich ein Fünf-Sterne-Hotel leisten können.

Es war Nebensaison und der Flughafen wirkte wie eine verlassene Raumstation, die wegen eines Angriffs von Außerirdischen evakuiert werden musste. Sie fragte sich zum Flughafenbus durch. Und schon ging es auf schlecht gefederten Sitzen fast vierzig Minuten Richtung Innenstadt. Auch das war eine stille Hommage an ihre Freundschaft mit Anna, die immer knapp bei Kasse war. Sie wunderte sich ein bisschen über sich selbst. Anna bekam doch gar nichts davon mit, mit welcher Fluglinie sie reiste oder ob sie jetzt ein Taxi vom Flughafen ins Zentrum nahm oder den Linienbus. Aber irgendwie fühlte sie sich verpflichtet, die ökonomische Lage in Annas Heimatland zu berücksichtigen und nicht mit ihrem deutschen Geld zu prassen. Hoffentlich würde Anna wenigstens eine Einladung zum Essen akzeptieren. Sie war jetzt in Annas „Revier“ und eigentlich permanent und zu allem eingeladen. Ihrer Freundin musste es schon schwer genug fallen, sie nicht gebührend beherbergen und bekochen zu können. Da konnten Gastarbeiterkinder mit ihrem Gastgeber-Stolz ganz schön penetrant werden.

Die Tsimiski-Straße 113 war nicht schwer zu finden, Google Maps sei Dank. Unter südlicher Dezembersonne blinkte ihr die Aufschrift des Hotels entgegen. Nur der Name Rosina war eigenartig. Griechische Hotels hießen sonst Electra, Macedonia oder Mediterranean Palace, Hotel El Greco oder Olympia, Andromeda oder Minerva, Eleni oder Niki Apartments.

aufgewühltes Meer

Thessaloniki, ©Ingo Dünnebier

Von der Haltestelle des Flughafenbusses am YMCA waren es einige Querstraßen bis zur Tsimiski 113, zum Glück hatte sie nur einen kleinen Rollenkoffer dabei. Das Hotel Rosina lag an einer Straßenkreuzung, ein dreistöckiges Haus mit einem Erker, flankiert von zwei kleinen Balkonen. Der Eingangsbereich war mit Marmorplatten verkleidet, ein gediegener, mit den üblichen Prospekten gespickter Mahagoni-Tresen thronte rechts vom Treppenhaus. Astrid holte die Buchungsbestätigung heraus, und die Rezeptionistin sagte: „Room 304.“

Ihr Blick streifte das goldgerahmte Foto eines Mädchens auf dem Tresen, das wie ein altes Familienerbstück wirkte. Dunkle Augen, schulterlanges Haar, das Gesicht einer Dreizehnjährigen. Sie kramte in ihrem Gedächtnis: Dieses Mädchen kam ihr irgendwie bekannt vor. Sie wunderte sich, dass ein so privat anmutendes Bild an der Rezeption stand. Es hätte eher in die Vitrine eines muffigen Wohnzimmers gepasst.

Es stellte sich heraus, dass das kleine Hotel keinen Fahrstuhl hatte. Kein Wunder, bei den Schnäppchenpreisen. Das Schwerste in ihrem Koffer waren die Bücher, die sie Anna mitbringen sollte. Sie hatte sie in dem Buchladen abgeholt, den die Freundin ihr genannt hatte, ohne weiter auf die Titel zu achten, und sie dann eilig, noch immer in die Stofftasche mit dem Logo der Buchhandlung gewickelt, in ihren Koffer gepackt.

Astrid war nie ein Bücherwurm gewesen wie Anna. Trotzdem waren A & A immer gut miteinander ausgekommen. Es gab andere Dinge, die sie verbanden. So etwas wie die endlos langen Nachmittage in der Wohnung von Annas Eltern, wenn Anna mit Engelsgeduld mit ihr Englischvokabeln paukte oder ihr die Mathehausaufgaben erklärte.

Astrid angelte nach ihrem Handy und tippte Annas Nummer ein. Doch sie hörte zunächst nur eine unverständliche griechische Tonbandstimme und danach eine englische, die „Please, hold the line“ sagte. Nachdem sie ihr eine Weile gelauscht hatte, legte sie auf. Anna würde sich schon melden. Sie war, im Gegensatz zu ihr, immer die Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit in Person.

In vielem waren sie unterschiedlich: Anna war dunkelhaarig, Astrid hellblond; Anna war die altkluge Musterschülerin, Astrid die aufmüpfige Rebellin; Anna war die Hochbegabte aus der Gastarbeiterfamilie, Astrid die Schulverweigerin aus dem Akademikerhaushalt; Αnna wollte durch Bildung aufsteigen, Astrid war des Klavierunterrichts, der Ballettstunden und der französischen Desserts überdrüssig. Und trotzdem waren sie Freundinnen geworden, damals in der ersten Gymnasialklasse. A & A wurde das Markenzeichen ihrer Freundschaft, und so wurden sie auch von den anderen genannt. „Habt ihr heute schon A & A gesehen?“ Wo Astrid war, war auch Anna nicht weit und umgekehrt.

Hausnummer, Gegensprechanlage

Thessaloniki, ©Ingo Dünnebier

Astrid beschloss, erst einmal etwas essen zu gehen. Sie hatte den Morgenflug genommen und bekam schon langsam Appetit. Sie spazierte Richtung Aristoteles-Platz und setzte sich in einer Seitengasse in einen kleinen Bougátsa-Laden. Anna hatte ihr von dieser Spezialität vorgeschwärmt. Astrid war stolz darauf, das Wort richtig auszusprechen. Das „g“ war die große Hürde: Kein deutsches G, sondern ein Laut, der hinten am Gaumen geformt wurde und ein Mittelding zwischen R und G war. Und die Betonung auf der zweiten Silbe. Die richtige Betonung der Silben sei wichtig im Griechischen, hatte ihr Anna erklärt.

Hinterm Tresen stand ein junger Mann. „Miá Bougátsa, parakaló“, sagte sie mit einem schalkhaften Augenaufschlag und bestellte damit die süße Variante des Blätterteigkuchens, der, mit Grießpudding gefüllt und mit Puderzucker bestäubt, auf einem Tellerchen in kleine Stücke geschnitten und warm serviert wurde. Es schmeckte köstlich. Dann warf sie einen kurzen, prüfenden Blick auf ihr Handy, aber es wurde kein eingegangener Anruf angezeigt, keine Whatsapp-Nachricht, auch im Facebook-Messenger lag keine Nachricht von Anna vor. Sie schickte ihr den Sticker mit den beiden Eichhörnchen und den hüpfenden Herzen, vielleicht reagierte sie darauf. Das Foto von der Bougátsa postete sie schnell noch auf Instagram, etwas schräg angeschnitten und mit einem Filter bearbeitet, der die Füllung grünlich verfärbte und den Blätterteig in ein knalliges Rotbraun tauchte. #Thessaloniki. #Bougatsa. Sie wartete nicht ab, bis die ersten Likes eintrafen.

Nachdem sie gezahlt hatte, schlug sie den Rückweg über die Hafenpromenade in Richtung des Weißen Turms ein. Ein kühler Wind fuhr ihr durchs Haar, und sie zog den Mantel enger. An der Ecke zur Gounari-Straße zögerte sie kurz, beschloss dann aber, noch nicht ins Hotel zurückzukehren, sondern erst dem Wahrzeichen der Stadt, dem Weißen Turm, einen Besuch abzustatten. Davon hatte ihr Anna erzählt. Von der obersten Etage habe man einen herrlichen Blick über die Betonwüste, die sich dem blauen Meer entgegenstemmte. Ja, so poetisch hatte es Anna ausgedrückt. Als sie am Eingang des Museums eintraf, klebte dort ein nachlässig und anscheinend in großer Eile beschriebener Zettel, auf dem sie ein englisches Wort in Großbuchstaben identifizieren konnte: „STRIKE“. Klar, auch von dieser griechischen Gewohnheit hatte sie schon von Anna gehört.

Sie machte kehrt und lief nun doch zum Hotel Rosina. Diesmal stutzte sie am Eingang. Die Marmortafel, die am linken Pfeiler angebracht war, hatte sie bei ihrer Ankunft überhaupt nicht bemerkt. Sie trug eine Inschrift auf Griechisch und Englisch, die englische konnte sie entziffern: „In deep gratitude dedicated to Dr. Georgios Karakotsos and his family and Walter, the Austrian officer, the Malachim who saved our lives“. Reflexartig machte sie ein Foto von dieser Gedenktafel, machte sich aber keine tieferen Gedanken über die Botschaft. Sie kannte keinen Griechen mit diesem unaussprechlichen Namen und auch keinen österreichischen Walter. Was bedeutete Malachim? Sie googelte es schnell: Malach, hebräisch, für „Engel“ oder „Bote“, Plural: Malachim.

Das sah Anna ähnlich. Lotste sie in ein Hotel mit einer Geschichte, die sie eigentlich gar nicht hören wollte. Was hatte sie mit der deutschen Vergangenheit in irgendwelchen Ländern Europas am Hut? Sie begann sich zu ärgern. Immer dieser erhobene Zeigefinger, immer dieser Auftritt als Moralapostel, immer diese Opferhaltung. Sie versuchte, dem Blick des fremden Mädchens auf der Fotografie an der Rezeption auszuweichen. Rosina, das musste ihr Name sein.

Sie ging die Treppe zu ihrem Zimmer hoch, hievte ihr Gepäck auf die Kofferablage und ließ die Schlösser aufschnappen. Den Stoffbeutel mit Annas Büchern legte sie auf den kleinen Schreibtisch, dann hängte sie ihre Kleider auf. Auf dem Bett ausgestreckt starrte sie an die Decke. Noch immer kein Lebenszeichen von Anna. Ach, die kann mich mal, die Maláko. Liebe und Hass lagen nah beieinander bei besten Freundinnen.

Als sie die Bücher schließlich doch aus dem Stoffbeutel holte, fiel ihr Blick sofort auf das ernste, frühreife Kindergesicht. Deshalb war ihr die Fotografie an der Rezeption so bekannt vorgekommen! Das Buch trug den Titel: 548 Tage. Unter anderem Namen.

Stühle, Fensterscheibe

Thessaloniki, ©Ingo Dünnebier

Sie schlug das Kapitel „Walter“ auf und las: „Von April 1943 bis Ende Oktober 1944 hatten wir uns in der Wohnung der Familie Karakotsos versteckt: Tsimiski-Straße 113, drittes Obergeschoss. Die 113 lag ganz in der Nähe der Tsimiski-Straße 35, wo unsere eigene Wohnung war, aber auch nicht weit von der Tsimiski-Straße 22, wo sich das Geschäft meines Vaters befand. Es war Kühnheit, dass wir uns weiterhin im Stadtzentrum aufhielten, wo uns alle kannten. Es war Feigheit, dass unsere Eltern nicht den Entschluss fassen konnten, mit falschen Papieren – wie viele es taten – den Zug ins italienisch besetzte Athen zu nehmen, nach Albanien zu reisen oder zu den Partisanen in die Berge zu fliehen.“

Sie vertiefte sich in die Lektüre. Zimmer 304 im Hotel Rosina. Konnte es sein, dass sie in genau dem Zimmer schlief, in dem vor 75 Jahren inmitten einer von deutschen Truppen besetzten Stadt dieses jüdische Mädchen überlebt hatte? Rosina Pardo begann damals unter dem Namen Roula Karakotsou ein Tagebuch zu schreiben. Konnte es sein, dass Rosina an genau diesem Schreibtisch gesessen hatte und in ihrer klaren Kinderschrift Eintragungen in ein Schulheft mit rotbraunem Deckblatt gemacht hatte? Dr. Georgios Karakotsos hatte Rosinas Vater den Ausweis eines verstorbenen Cousins überlassen. Somit hatte auch sie einen anderen Namen und eine andere Identität angenommen, war plötzlich griechisch-orthodoxe Christin. Dadurch bekam sie die Chance, den Deportationen zu entgehen und im Herzen einer besetzten Stadt, außerhalb des Ghettos und hinter der gut bürgerlichen Fassade der Tsimiski-Straße 113 weiterzuleben.

Seite für Seite erfuhr sie mehr von Rosinas Geschichte. Walter, der österreichische Offizier, der in der deutschen Kommandantur im Hotel Majestic am Ajias-Sofias-Platz ein- und ausging, war immer wieder bei Dr. Karakotsos’ Familie zu Gast. Phädra Karakotsou hatte mit ihm zusammen am Wiener Musikkonservatorium studiert, und Walter hatte sich nach seiner Versetzung nach Thessaloniki bei ihr gemeldet. Astrid sah den gutaussehenden Mann vor sich, wie er mit lässigem Schritt und in gutsitzender Uniform in die Tsimiski-Straße strebte, um am Klavier des befreundeten Arztes Wiener Walzer von Josef Lanner und Karl Millöcker zu spielen. Und Rosina lauschte in ihrem Versteck den fröhlichen Melodien, dem heiteren Lachen der Gastgeber, während auf der Straße Menschengrüppchen in schäbigen Mänteln und mit dem gelben Aufnäher in großer Eile dahinstolperten, um ihre wütend bellenden Bewacher nicht zu reizen.

Die Vergangenheit ist nie vergangen, dachte Astrid. Sie holt uns immer wieder ein. So war es auch ihrem Großvater ergangen, hoch angesehener Richter mit respektablem Vermögen, dessen Verflechtungen mit der Waffen-SS erst kurz vor seiner Pensionierung ans Licht kamen. Natürlich passierte ihm nichts, er ging ein paar Monate früher als geplant in Rente, und der Mantel des Schweigens wurde über die Angelegenheit gebreitet. Seine guten Beziehungen zu den Eliten von Politik und Wirtschaft erwiesen sich als nützlich.

Anna hatte sich immer besonders gut mit Astrids Großvater verstanden, hatte ihn bewundert für seinen scharfen Verstand und seine analytischen Fähigkeiten, für seine Plädoyers und FAZ-Artikel.

Astrids Großvater war der Grund, warum Anna Jura studierte. Er hatte die Sehnsucht nach Gerechtigkeit in ihr Herz gepflanzt. Wie herb musste für sie die Enttäuschung gewesen sein, als die Geister der Vergangenheit ihren Mentor einholten, und er sich als Täter entpuppte. Der über die Fachkreise hinaus respektierte Dr. G., der in der FAZ so eloquent für Toleranz und eine zweite Chance für jugendliche Straftäter plädierte, war als junger Soldat ein Mitläufer gewesen, der menschenunwürdige Befehle widerspruchslos ausgeführt hatte.

Astrid holte ihr Mobiltelefon heraus und googelte die Geschichte der Stadt Thessaloniki. Madre d’Israel, Jerusalem des Balkans, Hochburg der Sephardim, einer der größten jüdischen Friedhöfe der Welt, auf dessen Gelände heute die Aristoteles-Universität stand, multikultureller Melting Pot am Mittelmeer, bis ein Feuer 1917 einen Großteil der Stadt vernichtete, dann Verfolgung und Deportation der jüdischen Bevölkerung bis in den Tod, 50.000 insgesamt, darunter mehrere Tausend Kinder. Das hatte sie alles nicht gewusst. Wie man so vieles nicht weiß, wonach man nicht fragt oder forscht.

Straßenbahn und Fischer

Thessaloniki, ©Ingo Dünnebier

Durch all diese Zahlen und Fakten schimmerte nun Rosinas Gesicht hindurch, ihre persönliche Geschichte, die ganz anders klang als die namenlosen, unbegreiflichen Ziffern, die wie ein spinnennetzartiges Koordinatensystem über der Stadt und der Landkarte Europas lagen. Und dazu nahm das Bild eines österreichischen Offiziers Gestalt an, der so ganz anders als ihr Großvater gehandelthatte. Als die Deutschen in Dr. Karakotsos‘ Wohnung ein Zimmer für Wehrmachtsangehörige beschlagnahmen wollten, aber nicht eingelassen wurden, ließ er die entsprechende Aktennotiz verschwinden, so dass man die fünfköpfige Familie fortan in Ruhe ließ.

Rosina beschrieb den Besuch der Gestapo folgendermaßen: „Meine beiden Schwestern und Mutter versteckten sich hinter den Fensterläden auf dem Küchenbalkon. Vater und ich schlossen uns im Schlafzimmer ein und schlüpften in unserer Verzweiflung in den Schrank. Die Deutschen klopften an, mussten sich über das abgeschlossene Zimmer gewundert haben, unternahmen jedoch nichts weiter und zogen schließlich wieder ab. Es gibt Fälle, in denen man das Verstreichen der Zeit nur mit Herzschlägen zählen kann. Das vergisst man ein Leben lang nicht mehr.“

Würde sie heute Nacht schlafen können? Oder würde sie wachliegen angesichts der ausgestandenen Ängste und zum Himmel gesandten Stoßgebete der versteckten Familie, als die Gestapo vor der Tür stand?

„Was wirfst du mir vor?“, schrieb sie an Anna, per SMS, Facebook-Messenger und Whatsapp. Dann postete sie das Foto von der Gedenktafel auf Instagram. #Thessaloniki. #Malachim. Doch Anna schwieg und ließ sie allein mit ihrer Frage. A & A hatten eine lange Geschichte, aber ob ihre Freundschaft auch eine Zukunft hatte? Innerhalb weniger Stunden war alles in Frage gestellt. Noch heute Morgen war Astrid mit ihrem Rollköfferchen ahnungslos aus dem Haus gegangen und zum Berliner Flughafen gefahren. Und jetzt saß sie in Rosinas Zimmer in Thessaloniki, und ihre beste Freundin war wie vom Erdboden verschluckt.

Seit damals, als herausgekommen war, was sich Dr. G. hatte zuschulden kommen lassen, trug Anna einen stummen Vorwurf mit sich herum. Sie hatte ihn nie ausgesprochen, schien aber ihre Freundin mit verantwortlich für die Taten ihres Großvaters zu machen. Astrid hatte von seinem Erbe ihre Firma aufgebaut und musste daher auch die Schuld des Erblassers übernehmen. War vielleicht Dr. G. einer der jungen SS-Wachleute gewesen, die auf dem Eleftheria-Platz, dem Platz der Freiheit, die jüdische Bevölkerung stundenlang gedemütigt hatten? War der blutjunge G. beim Besuch der Gestapo in Dr. Karakotsos’ Wohnung mit dabei gewesen? War Anna bei ihren Forschungen auf eine Spur gestoßen, die zu ihrem Großvater führte?

Es wurde Zeit, dass Anna ein Lebenszeichen von sich gab. Es war unfair von ihr, sie mit all diesen Fragen allein zu lassen. Pling, wie zur Bestätigung gab ihr Mobiltelefon den Nachrichtenton von sich. 21.00 am Galeriusbogen. Sorry für die Verspätung. Astrid beschloss, sich noch ein halbes Stündchen hinzulegen und etwas Ordnung in ihre Gedanken zu bringen, bevor sie sich auf den Weg machte.

Stadtansicht

Thessaloniki, ©Ingo Dünnebier

Annas rote Jacke leuchtete ihr schon von weitem unter dem spätrömischen Triumphbogen entgegen. Verlegen standen sie sich gegenüber, keine tat den ersten Schritt. „Komm“, sagt Anna schließlich und lotste Astrid wortlos durch die Fußgängerzone Richtung Meer bis zur Ausgrabungsstätte des Galeriuspalasts. Aber selbst als sie in einem kleinen Mezze-Lokal Platz genommen hatten, schwiegen sie noch immer.

„Ich kann das nicht mehr länger mit ansehen, ich gebe euch einen halben Liter Hauswein aus“, meinte der Wirt zu Anna, nachdem er die Speisekarte gebracht und die beiden eine kleine Weile aus dem Augenwinkel beobachtet hatte. Er stellte einen kupferfarbenen Weinkrug mit zwei Gläsern auf den Tisch.

„Ihr Griechen, immer die Spendierhosen an!“ Astrid musste lachen. „Ein guter Trick, wenn das sogenannte Opfer die sogenannten Täter beschämt.“

„Nein, das ist einfach Gastfreundschaft. Gute alte Tradition aus der Antike!“, kommentierte Anna und fasste nach Astrids Hand.

„Du kannst mir den Buckel runterrutschen.“

„Du mir auch.“

Als sich der Wirt hinter seinen Tresen zurückzog, lächelten sich A & A zu. Es war wie in den guten alten Schulzeiten, als sie sich gegen die Welt der Erwachsenen verschworen. Astrid legte den Stoffbeutel mit Annas Büchern auf den Tisch.

„Ich habe Rosinas Geschichte gelesen“, meinte sie. „Du hast ja recht, mein Großvater hätte anders handeln können. In jeder Diktatur gibt es Spielraum für Widerstand. Aber die Frage unserer Generation ist doch letztlich: Was hat das alles mit uns zu tun?“

„Genau“, erwiderte Anna. „Und wie leben wir mit unserem Unbehagen? Wir müssen uns der Vergangenheit stellen, in Hinblick auf die Zukunft.“

Astrid hob ihr Weinglas, in dem sich Annas Gesicht spiegelte. Eins war klar: An diesem verlängerten Wochenende würden sie nicht über Jugendzeiten, Männergeschichten und berufliche Zukunftspläne plaudern. Es würde tiefer gehen, vielleicht wehtun.

Anna hob ebenfalls ihr Glas. „Prost, Maláko“, sagte sie und lächelte Astrid zu.

Text: Michaela Prinzinger, mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus: Gefährliche Ferien. Griechenland. Diogenes-Verlag 2018.

Anm. der Autorin:
Die verwendeten Zitate stammen aus der Publikation: Rosina Asser Pardo:
548 Tage unter falschem Namen. Vom Untergang der jüdischen Gemeinde Saloniki, herausgegeben von Ulrich Baumann und Uwe Neumärker, übersetzt von Athanassios Tsingas; Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, 2018, 88 Seiten, ISBN: 978-3-942240-30-7.
Rosina Asser-Pardo und die Familie Karakotsos sind Personen der Zeitgeschichte, darüber hinaus ist die Handlung der Erzählung jedoch frei erfunden.

Buchumschlag, Liegestühle

 

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Ein Gedanke zu “Zimmer gesucht

  1. Bin sprachlos …
    Erschütternd. Toll.

    Beste Grüße, Michaela !
    Christoph

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