Die Reise nach West-Berlin

Zefi Kolia entführt uns in die bunte Westberliner Kultur- und Besetzerszene der frühen 80er Jahre

Im Erzählband „Passengers“ schreiben ein Syrer und zwölf griechische AutorInnen, die in der EU leben, ihre Erinnerungen, Gedanken, Sorgen und Hoffnungen zu Europa nieder. Zefi Kolia erzählt von einer Reise nach Berlin, als die Mauer noch stand.

I am a passenger
And I ride and I ride
I ride through the city’s backside
I see the stars come out of the sky
Yeah, they´re bright in a hollow sky
You know it looks so good tonight…

Iggy Pop, Lust for Life, West-Berlin 1977

Checkpoint Charlie

Die Hose kniff ein wenig, sie hatte Hunger und musste pinkeln; sie war es leid, seit dem Morgengrauen unterwegs zu sein, freute sich auf ein Bier und darauf, ihren Hintern, der von den unbequemen Sitzen bereits völlig taub war, mal wieder weicher zu betten. Pavlos schnarchte neben ihr, bei jedem Atemzug bewegten sich sanft die kastanienbraunen Locken seines Ponys und so, wie er sich zusammengerollt hatte, sah er aus wie ein Riesenbaby, eingehüllt in einen lilafarbenen Umhang mit Motiven des Gottes Shiva. Auch sie war müde, schließlich waren sie beide heute schon seit fünf Uhr früh auf den Beinen, um vier Stunden vor Abflug am Flughafen Athen-Ellinikon zu sein. Sie hatte aber seitdem kein Auge mehr zugetan; es war ihre erste Reise mit dem Flugzeug, ihre erste Reise nach Europa und ihre erste Reise mit Pavlos. Da konnte man doch nicht schlafen! Sie fühlte sich wie Alice im Wunderland, die in den Kaninchenbau gesprungen war.

plakat der fluglinie malev

Die Reise war bislang fast angenehm verlaufen, wenn man von der Frau absah, die sich auf dem Flug neben den beiden die ganze Zeit bekreuzigte. Beim Start hatte sie sogar nach Zoës Hand gegriffen und sie so fest gedrückt, dass sich Zoës Ringe fast verformt hätten. Als sich die Schlange an einem der Ringe auch noch in ihren Nagel bohrte, schrie sie laut auf, was die ältere Frau zusätzlich verunsicherte; sie bat Zoë daraufhin gleich um Entschuldigung und hantierte mit einem Talisman herum, den sie aus ihrem Dekolleté geholt hatte. Sie war Witwe und wollte die Familie ihres Sohnes besuchen, der in einer Brauerei arbeitete, wie sie ihnen – natürlich ungefragt – erzählt hatte. Auch sie war jetzt auf dem Billigflug der ungarischen Fluggesellschaft „Malev“ nach Ostberlin, wie alle Passagiere, die das Flugzeug bis auf den letzten Platz füllten. Es war August und die meisten Fluggäste waren deutsche Touristen, die, geröstet wie Oktopusse auf dem Grill, aus dem Urlaub auf den griechischen Inseln zurückkehrten. Ihre Rucksäcke sahen aus wie Packsättel, an denen Zelte, Wanderschuhe, Schweizer Taschenmesser, Töpfe und anderer Krimskrams hingen. Eine griechische Gruppe, Mitglieder der KPG, die nach Ostberlin wollte, war mit Tüten aus dem Duty-free-Shop beladen. Nachdem sie sich endlich hingesetzt hatten, tranken sie Kaffee, pafften und unterhielten sich lautstark.

Zum Glück hatten Pavlos und Zoë Raucherplätze buchen können. Pavlos hatte, im Gegensatz zu ihr, schon mal ein Flugzeug von innen gesehen, aber nur bei einem Inlandsflug; er war mit seinen Eltern nach Kreta geflogen. Und so gab er ein wenig an. Er hatte gute Plätze ausgesucht und wusste, dass man zum Essen Wein bestellen konnte; außerdem meinte er, dass sie keine Angst vor dem Fliegen haben müsse, denn statistisch gesehen sei es wahrscheinlicher, von einem afrikanischen Elefanten zertrampelt zu werden, als mit dem Flugzeug abzustürzen. Zoë fragte sich, wie ein afrikanischer Elefant sie zertrampeln solle, wenn sie doch noch nie in Afrika gewesen war.

„Sind wir bald da?“

„Mensch, Pavlos, woher soll ich das wissen? Ich flieg‘ ja auch zum ersten Mal hin.“

Er machte kurz ein Auge auf, stellte die Frage und machte es dann wieder zu. Er schlief im Flugzeug und hatte vorher auch schon im Bus geschlafen. Sie dagegen machte kein Auge zu. Für sie war alles interessant, sie war begeistert, aber auch ein wenig ängstlich. Die Landung war etwas holprig  und sie drückte Pavlos‘ Hand so stark, dass auch seine Ringe sich fast verformt hätten. Am Flughafen Berlin Schönefeld bekam sie Platzangst und wollte zu ihrer Mama, tat aber so, als sei sie tapfer, um Pavlos zu imponieren, dem es nämlich auch nicht besser ging. Sie waren allein in ein Land gekommen, ohne dessen Sprache zu können, um Freunde zu besuchen, die zwar in dieser Stadt lebten, aber nicht in dem Staat, in dem sie jetzt gelandet waren. Ganz schön kompliziert. Nachdem sie ihr Gepäck geholt hatten, wurden sie von schlecht gelaunten Polizisten gefragt, ob sie auf Transit nach West-Berlin seien, man verglich ihre Gesichter mit den Passfotos und zeigte ihnen dann den Weg zum Transitbus. Kaum war Zoë in den Bus mit der Fahrzielanzeige „Checkpoint Charlie“ gestiegen, verwandelte sie sich in eine Romanheldin. Da konnte man doch nicht schlafen!

Die Taschenromane der Spionagereihe „SAS“ – kurz: Son Altesse Sérénissime (Ihre Durchlaucht) – von Gerard de Villiers haben die beiden regelrecht verschlungen, und „Checkpoint Charlie“ war ihr Lieblingsbuch. Seine Durchlaucht, Prinz Malko Linge, der Spion mit den goldenen Augen, verlässt sein Schloss in Österreich und seine feurige Verlobte Gräfin Alexandra Vogel, um wieder einmal – für viel Geld – der freien Welt und der CIA zu dienen. Er hat den Auftrag, den ostdeutschen Nobelpreisträger der Physik, der die Westeuropäer unterstützt, indem er die streng geheimen militärischen Daten der sowjetischen Wissenschaftler ausspioniert, nach Westberlin zu bringen. Die gut bewachte Berliner Mauer und der berühmte Checkpoint Charlie stehen im Ruf, nicht mal eine Fliege, die sich dem Sozialismus entziehen und in die barbarische kapitalistische Welt umsiedeln will, durchzulassen, was aber für den österreichischen Agenten nur eine Fingerübung ist, der er sich gerne stellt, um mit dem Geld die Renovierung seines Schlosses in Lietzen fortsetzen zu können. Malko erfüllt diesen Auftrag, indem er dem halbtoten Wissenschaftler auf dem Luftweg zur Flucht verhilft, während er selbst am Checkpoint Charlie über die Grenze geht, aber erst, nachdem auf den Seiten des Romans reichlich Blut (und Sperma) geflossen ist.

Durch die Romane von Gerard de Villiers hatten sie viel über die Humangeographie einer großen Anzahl von Ländern erfahren; aber vor allem hatten sie die Geheimdienste dieser Länder studieren können. Im vorliegenden Fall kam auf je sechs Ostdeutsche ein Stasiagent, der jede Facette ihres Alltags genau beobachtete. In vielen Fällen mussten die Menschen erfahren, dass Familienmitglieder, enge Freunde, Nachbarn und Kollegen, die sie für vertrauenswürdig gehalten hatten, für die Stasi arbeiteten. Die Gesellschaft der DDR wurde ständig von der Stasi kontrolliert, um Kontakte mit dem Westen zu unterbinden. Es handelte sich um den wirksamsten Polizeistaat der Geschichte – zu diesem Schluss jedenfalls waren sie durch den Blick durch die goldenen Augen des österreichischen Agenten gekommen.

frau an fluss bei bruecke

Die Grenzkontrolle am legendären Checkpoint war langweiliger als erwartet. Weder Spione waren zugegen noch die sogenannten ostdeutschen Schwalben, die unbedingt in den Westen wollten – es gab nur müde Reisende, die geduldig in der Schlange die Kontrolle der grimmigen Grenzer über sich ergehen lassen mussten. Russische Soldaten mit Kalaschnikows musterten sie ausdruckslos, während eine Gruppe Vopos systematisch den Bus und das Gepäck der Reisenden filzte. Pavlos wurde in ein kleines Zimmer gesperrt und aufgefordert, sich bis auf die Unterhose auszuziehen; Zoë fand es lächerlich, dass man diesen schlaftrunkenen jungen Mann mit dem lockigen Haar und den rosa Wangen verdächtigen konnte. Ihr eigenes Gesicht mit dem kurzen New-Wave-Schnitt war viel kantiger. Gefühlte fünf Minuten lang verglich der Grenzbeamte ihr Aussehen mit dem Foto in ihrem Reisepass, auf dem sie noch langes Haar mit Dauerwelle trug. Sie hatte das Foto vor anderthalb Jahren machen lassen, als sie mit ihren Eltern nach Bulgarien gefahren war. Der Ort und die Situation waren insgesamt bizarr, die Grenze verlief mitten auf der Straße und Zoë hätte gern mit ihrer Kodak Instamatic ein paar Erinnerungsfotos geschossen, inklusive der ostdeutschen Fahne mit dem Emblem, das an Hammer und Sichel erinnerte, und der aufgereihten Panzer; aber da war die warnende Stimme von Malko Linge, die meinte, dass in dem Fall ihre nächste Station die Stasizentrale sein würde. Sie stiegen wieder in den Bus und überquerten in Schrittgeschwindigkeit die mit Stacheldrahtverhauen und Panzersperren versehene Todeszone. Dann ging der Schlagbaum hoch und sie wurden von amerikanischen Soldaten in Empfang genommen. Auf dem Schild stand: „Sie betreten den amerikanischen Sektor“.

Zoë bereitete sich für die Invasion in den freien Teil Europas vor und legte eine dicke Schicht lila Lippenstift auf. In diesem Teil Berlins wartete Makis auf die beiden.

Seit der Schulzeit war er Pavlos΄ bester Freund. Vor zwei Jahren hatten sie in den Ferien zu dritt auf Santorin gezeltet. Das war im August, gleich nach der Schule und den Zulassungsprüfungen für die Uni. Sie hatten die Zelte am Strand von Perissa aufgestellt, das eine für Pavlos und Zoë, das andere für Makis. Neben weiteren Zelten gab΄s auch das von Marianne und Inge. Makis hatte mit Marianne angebändelt, obwohl sie zuerst dachten, Marianne und Inge seien Lesben – es gab ein ziemliches Durcheinander mit all dem Bier und den Joints. Paul hatte mit Inge gevögelt, was er aber nie zugegeben hat. Bei Makis und Marianne dagegen war es nicht nur ein Fick, sondern die große Liebe. Sie blieb den ganzen Winter über in Griechenland, in einer winzigen Waschküche auf Pavlos‘ Dachterrasse – und dann wurde sie auch noch schwanger. Das Ende vom Lied: Makis schaffte die Zulassungsprüfung zur griechischen Uni nicht und zog nach West-Berlin, wo er jetzt mit Marianne und Baby Margarita lebt, mit ihrer deutsch-griechischen Liebe und der guten deutschen Sozialhilfe. Sie wohnen in Kreuzberg.

Kreuzberg

Das Haus befindet sich in der Manteuffelstraße in der Nähe des Görlitzer Bahnhofs an der Linie U1. (Als ich das Mietshaus sah, bekam ich den Ohrwurm „Our house in the middle of the street“ von Madness. Und überhaupt habe ich hier das Gefühl, in einen Popsong gestolpert zu sein.)

Das waren die ersten Informationen, die Zoë in ihr Notizheft schrieb; es sollte ihr Tagebuch werden, die Grundlage eines Reiseberichts für die „Journalistenwerkstatt“, wo sie studierte. Die Wohnung befand sich im dritten Stock eines rechteckigen Wohnblocks mit Innenhof, von dem aus sich ein verführerischer Duft nach Auberginen à la İmam bayıldı verbreitete, der sie an ihre Oma erinnerte. Die meisten Mieter waren Türken, wie ihr Marianne mitteilte. Zur Begrüßung gab es eine warme Umarmung und eine etwas fade Mahlzeit aus kaltem Kartoffelsalat mit sauren Gurken und gekochtem Kabeljau. Aber das Bier war schön kühl und Baby Margarita schlief schnell ein, müde von den Fremden, die sie wie ein Plüschtier behandelten. Sie machten es sich auf den altmodischen Sofas gemütlich, streckten ihre Beine auf den indischen Kissen aus, zündeten sich filterlose Zigaretten aus dem Duty-free-Shop an und gaben sich dem Wachtraum hin, in einer heilen Welt zu leben.

grafitti über hauseingang

Das Frühstück war viel besser, mit dampfendem Filterkaffee, Eiern und Weißwürsten mit süßem Senf, eine Kombination, die zwar eklig aussah, aber geschmacklich unwiderstehlich war. Die Küche war fabelhaft, mit alten rosa und hellgrün gestrichenen Möbeln, so dass das Ganze an ein Plattencover erinnerte. Makis schlug vor, gemeinsam einkaufen zu gehen; und so setzte Marianne Baby Margarita in den Kinderwagen. Das Kind mühte sich an einem Vollkornzwieback ab, der größer zu sein schien als sein Köpfchen. Zoë stopfte das Tagebuch und die Kodak Instamatic in ihre Tasche. Es war ein strahlender Tag und die Erkundung konnte beginnen.

Die Manteuffelstraße kreuzt die breitere Oranienstraße und der Kiez hat seinen Namen vom hiesigen ehemaligen Postzustellbezirk Berlin SO 36 (Südost 36). An einigen Gebäuden –heruntergekommene Vorkriegsbauten, die von den Bombenangriffen verschont worden waren – hängen rote Fahnen mit einem schwarzen Blitz im Kreis und dem Schriftzug BESETZT. Psychedelische Graffiti und bunte Fensterläden zieren ihre Fassaden. Sie wurden von Aktivisten in Besitz genommen, die sich zu Wohngemeinschaften zusammengeschlossen haben und dort wohnen, um die örtlichen Behörden daran zu hindern, die Gebäude abzureißen. In meinen Ohren klingt das großartig; unsere Gastgeber sagen, wir werden jetzt Freunde besuchen, die dort wohnen. Ganz allgemein muss ich sagen (und ich werde das später in meiner Arbeit noch ausführlicher beschreiben), dass die Leute, Läden und Gebäude in diesem Bezirk so farbenfroh, frei und freundlich sind, als würden sie der grauen, militärischen Kälte auf der anderen Seite der Mauer die Zunge rausstrecken. Ist das vielleicht Absicht?

Sie haben Lebensmittel in einem türkischen Gemischtwarenladen gekauft, Brot vom türkischen Bäcker und Gemüse beim türkischen Obsthändler. Die schnurrbärtigen Ladenbesitzer in weißen Schürzen sahen genauso aus wie die Lebensmittelhändler in Griechenland, bevor die Supermärkte in Mode kamen; die Frauen trugen Kopftücher und weite Röcke, wie einige von Zoës Tanten im Dorf ihres Vaters. Besonders beeindruckt war sie von einem Mädchen, das beim Obstwiegen half – sie war höchstens zwölf Jahre alt und ihr kindliches Gesicht wurde bereits von einem Kopftuch eingeengt. Zoë erfuhr, dass gewisse strenggläubige Moslems von den Mädchen verlangten, einen Hidschab zu tragen, das Kopftuch also, das ihnen die islamische Religion auferlegt. Sie fand das sehr ungerecht – sie war richtig aufgebracht bei dem Gedanken, dass ein Mädchen den Wind nicht in den Haaren spüren durfte. Sie selbst betrachtete ihre Haare als den kostbarsten Schmuck und veränderte immer wieder Frisur, Farbe und Stil. Würde ihr jemand diese Freude nehmen, würde sie vor Kummer vergehen. Oder sie würde rebellieren. Es tröstete sie nur der Gedanke, dass auch diese Mädchen bald gegen den schrecklichen Brauch aufbegehren und  ihn abschaffen würden, so wie sich die griechischen Mädchen einst gegen Haarbänder und dunkelblaue Schürzenkleider in der Schule gewehrt hatten. Immerhin war sie hier in West-Berlin in einer der freiesten Gesellschaften Westeuropas und nicht in irgendeinem entlegenen Dorf in Anatolien. Die Entwicklung dieser Mädchen war vorprogrammiert.

flohmarkt und mann in rotem t-shirt

Sie überquerten den Wochenmarkt, der sich wie ein Halbmond um das Kottbusser Tor legte, und Zoë machte Fotos von ein paar Punks mit farbenfrohen Iros, Sicherheitsnadeln und Springerstiefeln, die an einem türkischen Imbiss Döner aßen. Sie ließen den Grillgeruch und den Lärm der Verkaufsstände bald hinter sich und machten sich auf den Weg zum östlichsten Teil von Kreuzberg, wo die Mauer an drei Seiten die Stadt umschloss. Trotz der Parolen und bunten Graffiti drängte sich ihnen ein eigenartiges Gefühl des Ausgeliefertseins auf. Schließlich landeten sie in einer Bierkneipe. An der Fassade des Vorkriegsgebäudes war die Frontpartie eines Autos angebracht. Im Innenhof gab es eine Bar mit integriertem Spielplatz. Auf einer Seite lag noch Bauschutt von den Bombenangriffen der Alliierten. Vielleicht hatte man den Haufen bewusst als Deko behalten. Marianne ging mit der Kleinen zu einem aufblasbaren Planschbecken, Pavlos und Makis schwelgten wieder in Erinnerungen an die Schulzeit. Zoë machte ein paar Fotos vom Barmann, der Fassbier in überdimensionale Gläser zapfte. Sie war es leid, Englisch sprechen zu müssen, um sich zu verständigen; sie setzte sich an die Theke, griff sich einen halben Liter Weiße, holte ihr Notizbuch heraus und fing wieder an zu schreiben. Schließlich war sie ja eine angehende Journalistin.

The city’s backside

Wir sind jetzt schon fast eine ganze Woche in West-Berlin. Zwei-drei Dinge, die ich erfahren habe: Nach dem Mauerbau war der Westen der Stadt eingeschlossen, niemand konnte raus, weil draußen die Russen mit den Panzern standen. Für die Westberliner wurde es eng mit Lebensmitteln und Treibstoff. Sie kamen nur über den Winter, weil die Amerikaner beides über die Luftbrücke einflogen. Als schließlich die Transitstrecken nach Westdeutschland wieder geöffnet wurden, verließ jeder, der es sich leisten konnte, Hals über Kopf die Stadt, West-Berlin leerte sich zunehmend. Um diesen Trend zu stoppen, gewährte die westdeutsche Regierung denen, die bleiben, oder dorthin ziehen wollten, finanzielle Anreize. Für die jungen Leute aus ganz Europa wurde West-Berlin zu einer attraktiven Großstadt. Einige der Vorzüge: niedrigere Steuern als in Westdeutschland, Gehaltszulagen, Befreiung vom bundesdeutschen Wehrdienst. (Damit waren alle Probleme von Marianne und Makis gelöst.) Besonders in Kreuzberg, wo über hunderttausend Türken leben, ist alles viel billiger – Mieten, Essen, Freizeit. Diese östliche Westberliner Ecke ist nicht nur der Bezirk der Einwanderer, sondern auch der Studenten und Künstler, der Punks, der Intellektuellen und Anarchos. Die Hausbesetzungen haben ein lokales, alternatives und soziales Netzwerk von Läden für Tauschhandel, Kindergärten, experimentellen Handwerkerkollektiven, gemeinsamen Anbaugärten und viele andere großartige Einrichtungen hervorgebracht, die den Menschen, meist jungen Leuten, das Leben erleichtern. Marianne zum Beispiel hat für Baby Margarita fast nichts Neues kaufen müssen: Bettchen, Kinderwagen, Schlafdecken und dergleichen hat sie im Tauschladen bekommen. Hier gibt es auch Basare und Wochenmärkte, auf denen man alles Mögliche finden kann: Haushaltswaren (wir haben uns eine lila Schirmlampe, vier bayerische Kristallgläser und einen roten Teekessel für den Gasherd besorgt), Küchengeräte, Fahrräder und Motorräder, Naturkosmetik, Kleidung und Imbissbuden mit Döner oder Wurst mit Pommes – ein leckeres Gericht, dem Pavlos und ich nie widerstehen können. Esse ich im Moment auch gerade wieder, eine saftige Currywurst. Hoppla, eben ist mir Soße aufs Heft gespritzt. Na dann! Geplant ist, drei Wochen hier zu verbringen, aber wenn die Kohle ausreicht – in diesem Fall die Märker – bleiben wir auch einen ganzen Monat. Und wenn’s nicht reicht, ist es auch egal, dann futtern wir uns eben in den besetzten Häusern durch.

Mit den Rädern fuhren sie zum Picknicken in einen Park direkt am Fluss. Fluss, Kanäle, Brücken, Seen – Wasser ohne Ende. Sie kamen an einem öffentlichen Schwimmbad vorbei, vor dem an die hundert Menschen in der prallen Sonne Schlange standen und darauf warteten reinzukommen. Deshalb also waren alle so wild auf die griechischen Inseln, das macht Sinn. Auch der Park war voll, Großfamilien waren beim Grillen, Kinder spielten Frisbee, Straßenmusiker improvisierten, ein paar Freaks hingen mit ihren Hunden rum. Der Tag war angenehm warm und beschaulich, Kähne glitten gemächlich übers Wasser, begleitet von Enten und Schwänen; Zoë fühlte sich ein bisschen wie die Manga-Heldin Candy Candy – allerdings in der Punkversion: Momentan trug sie ihre Haare grasgrün. Picknickdecken wurden ausgebreitet, die sie ebenso wie Bier, Tee und Bücher mitgebracht hatten; Zoë schrieb Tagebuch, die anderen lasen und Baby Margarita schob sich Erde in den Mund.

zwei frauen und ein mann auf picknickdecke

Die Tage in Berlin waren lang und die Nächte kurz, das Licht entschwand nie ganz am Horizont. Nachts spiegelte sich die gelbliche Mauerbeleuchtung in der Spree wider. Lokale Künstler hatten die Vorkriegsgebäude und die verlassenen Fabrikhallen futuristisch dekoriert. Die ausgebombte und geteilte Stadt glich einem Kunstwerk, das noch im Werden war. Vor ein paar Jahren hatten David Bowie und Iggy Pop eine Weile hier gelebt und sich in Schöneberg eine Wohnung geteilt, einige legendäre Platten sind dort entstanden. Und Marianne behauptete, eine Freundin von ihr hätte sogar mal mit Iggy geschlafen.

Diese Freundin, Silke, führte Zoë und Pavlos ins Berliner Nachtleben ein. Das erste Kennenlernen fand in Silkes Stammlokal statt, dem Kuckucksei, wo man für zwei D-Mark Kaffee und ein großes Stück Sachertorte bekommen konnte. Silke stürmte in die Kneipe wie ein schwarzer Wirbelwind: Lippenstift, Haare, Kleidung, Fingernägel – alles an ihr war schwarz. Sie schnappte sich Zoë und küsste sie auf den Mund, Pavlos ebenso. Sie war mit einem Freund aus Jugoslawien da, beide sahen imposant aus, wie Mitglieder einer Punkband. Nach ein paar Bier fremdelte niemand mehr; man lachte und tanzte, die Nacht brach an. Es hieß, man sollte sich wiedersehen und Silke lud alle ein, am nächsten Abend ins SO36 zu kommen, wo Freunde von ihr live spielen würden: Dort hatte sie auch Iggy kennengelernt. Marianne und Makis wären gern mit von der Partie gewesen, aber wegen des Babys ging das nicht. Zoë und Pavlos mussten sich jetzt sofort entscheiden, ob sie Lust hatten mitzugehen. Es war die Chance. Und sie schlugen zu.

Das Treffen war für den frühen Abend auf dem Mariannenplatz angesetzt. Noch war es hell. Zoë in kurzem Kleid, halb schwarz – halb weiß, mit erdbeerroten Haaren, Pavlos in gestreifter Hose und einem von ihm selbst zurechtgeschnittenen Sex Pistols-T-Shirt. Sie waren als Erste am Mariannenplatz und folgten dem Plattenweg zu einem alten Gebäude, das aussah wie eine gotische Burg und fast direkt an der Mauer stand. Davor und zwischen den Bäumen waren Dutzende von Zelten, Wohnwagen, alte Militärfahrzeuge und alle möglichen selbstgebauten Objekte zu sehen, Leute gingen ein und aus. Es war eine surreale Hippiekulisse und Zoë konnte gar nicht schnell genug die Kodak Instamatic aus der Tasche ziehen; sie fotografierte Leute, die Wäsche wuschen, andere, die kochten oder einfach friedlich ihren Joint rauchten. Noch bevor Pavlos ihr sagen konnte, dass sie wahrscheinlich gerade große Scheiße baute, kam ein Mann mit rasiertem Schädel auf sie zu, er sah aus wie ein Wikinger. Er fuchtelte rum und schimpfte auf Deutsch. Die beiden wären wahrscheinlich vor Schreck in Ohnmacht gefallen, wenn nicht Silke in dem Moment wie eine „Dea ex machina“ in Ledermontur mit Stachelnieten aus einem Opel Kadett gestiegen und mit offenen Armen auf den Wikinger zugegangen wäre. Sie raunte ihm etwas ins Ohr und verschwand dann mit ihm in einem der Zelte. Obwohl sie ganz beschwingt wieder rauskam, warf sie den beiden einen bösen Blick zu; dann stiegen alle drei ins Auto. Kaum war die Wagentür zu, küsste Silke beide auf den Mund.

bäume und stand mit plane

Unsere abenteuerliche Nacht im SO36 ist jetzt schon zwei Tage her, aber erst jetzt habe ich den Mut gefunden, darüber zu schreiben. Wo soll ich anfangen? Na gut, ich fang‘ mit dem „Bethanien“ an, dem ehemaligen Krankenhaus am Mariannenplatz. Ein Künstlerkollektiv hat es vor dem Abriss gerettet, es wurde dann von Künstlern besetzt und ist inzwischen ein alternatives Wohnprojekt. Da es in der „Todeszone“ der Mauer liegt, ist es neutrales Territorium, was bedeutet, dass die Gesetze hier nicht greifen; Drogen werden hier in großem Stil verkauft. Wenn ich das vor zwei Tagen gewusst hätte, hätte ich natürlich keine Fotos gemacht. (Andererseits besitze ich dadurch eine exklusive Fotoreportage.) Wie auch immer, Silke hat uns  dort vor großem Ärger bewahrt, uns dann aber später ins Chaos gestürzt und ich habe keinen blassen Schimmer, wie wir da wieder rausgekommen sind. Ich schreib‘ einfach auf, an was ich mich noch erinnern kann, was zugegebenermaßen nicht gerade viel ist. Der Club befindet sich in der Oranienstraße; wie ich gestern von Marianne erfahren habe, wurde er nach der Besetzung und Zusammenstößen mit der Polizei von einem Musiker mit Kultstatus eröffnet. Von außen machte der Laden nicht viel her, aber die Leute standen Schlange, um reinzukommen. Silke ignorierte sie einfach, zog uns an allen vorbei zum Eingang, küsste den Türsteher auf den Mund – und schon waren wir drin. Kaum eingetreten, staunten wir über das eigenartige Publikum, aber noch mehr verblüfften uns die Plakate aus früheren Konzerten: Bauhaus, Dead Kennedys, Joy Division, Iggy Pop, David Bowie. Wir waren völlig perplex; in was für einen Musiktempel waren wir da reingestolpert! Unser Trip hatte also längst begonnen, noch bevor uns das Goofy-Löschpapier angeboten wurde. Wir holten uns Getränke und warteten auf den Auftritt der Band „Die Haut“, eine Post-Punk-Kapelle. In der Zwischenzeit erschien auch der Jugoslawe, der uns einen schwarzen Joint gab, ein Grund mehr, uns auf die Party zu freuen. Als die Gruppe die Bühne betrat, geriet die Menge sofort außer Rand und Band, der Saal bebte, Chaos. Pavlos und ich in Ekstase. Und wer stieg nach ein paar Songs ebenfalls auf die Bühne, um mitzusingen? Nick Cave – jawohl, unser Freund – der Sänger der „Birthday Party“! Als wir das geschnallt hatten, schmetterten auch wir zusammen mit den Deutschen „Ja, ja, ja!“. Silke brachte noch mehr Getränke und bot uns kleine Papierschnipsel mit Goofys Konterfei drauf zum Lutschen an. Wir machten mit. Danach weiß ich nur noch, dass mich etwas Farbiges verfolgte, und dass sich der Raum ausdehnte wie im Wunderland. Auch hatte ich das Gefühl, der Elefant, den ich vor wenigen Tagen im Zoo gesehen hatte, komme auf mich zugestürmt; und ich musste daran denken, wie recht Pavlos mit den Flugzeugabstürzen hatte. Schließlich ging dann doch noch alles gut aus, wir haben΄s überlebt. Alles klar. (Das mit den Drogen soll nicht im Artikel erscheinen.)

Konzert am Reichstag

Sie hatten Berlin zu Fuß, per Fahrrad und Öffis durchpflügt. Überall waren sie natürlich nicht, bis Charlottenburg sind sie gekommen, ab da war es nicht mehr besonders interessant.

säulen und menschen mit fahrrädern

Einmal waren sie auf dem Kurfürstendamm (dem Kudamm, wie die Berliner sagen), einem breiten Boulevard mit vielen Boutiquen. Schön, aber irgendwann wurde es langweilig. Am interessantesten war die Strecke dorthin: Die Bahn fuhr mit hoher Geschwindigkeit und gedämpftem Licht am verlassenen Bahnsteig der Bahnhofs Alexanderplatz vorbei, ohne anzuhalten. Sie durchquerten unterirdisch den Osten der Stadt und fuhren durch eine der Geisterstationen auf der Strecke. Die Haare standen ihnen zu Berge, diese Stadt war eine einzige geografische Anomalie.

Am 9. August fand zum Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Nagasaki ein großes Freiluftkonzert statt. Für den Weltfrieden. Vor dem Reichstag, dem ehemaligen Parlament, als Berlin noch Hauptstadt und Deutschland noch nicht geteilt war. Dort, wo Hitler die Volksmassen mit feurigen Reden auf den Nationalsozialismus und die Überlegenheit der arischen Rasse eingeschworen hatte. An diesem Tag erinnerte aber nichts an die schreckliche Vergangenheit, ganz im Gegenteil; Menschen jeglicher Herkunft kamen unter Transparenten mit Friedensbotschaften und mit einer gemeinsamen Leidenschaft zusammen, der Musik. Deutsche, Slawen, Türken, Afrikaner, Lesben und Schwule, Jung und Alt, ein menschlicher Regenbogen, ein bunter Strom der Liebe und der Völkerverständigung, ohne aufgeblasene Reden und großspurige Erklärungen. Und gleich hinter dem Brandenburger Tor ignorierten Hunderte von jungen Ostdeutschen das Polizeiverbot und waren so nah wie möglich an die Mauer herangekommen, um auf ihre Art am großen Friedenskonzert teilzuhaben. Eine vielsagende Momentaufnahme dieser amputierten Stadt. Zoës Kodak Instamatic glühte und machte Worte überflüssig. Während es langsam dunkel wurde und eine Band nach der anderen auftrat, wurde die Atmosphäre immer spektakulärer – fast spacig. Und als die Godmother of Punk Nina Hagen zwischen Rauchschwaden und roten Blitzen auf die Bühne fegte, bat sie das Publikum, leise zu sein, um den Applaus der Berliner auf der anderen Seite der Stadt hören zu können. Sie widmete das erste Lied ihren alten Freunden hinter der Mauer: „Wir leben immer noch“.

Nachwort

In Berlin blieben sie einen knappen Monat. Wenn sie dran dachten, riefen sie mit einer Telefonkarte ihre Eltern in Griechenland an; die waren natürlich schon in Sorge und beschwörten sie zurückzukehren. Um die Wahrheit zu sagen, sie waren völlig pleite; ihre Devisen waren aufgebraucht und es gab keine Möglichkeit, D-Mark aus Griechenland zu bekommen. Um ihre Freunde nicht zu belasten, aßen sie manchmal die Reste aus Baby Margaritas Breigläschen. Aber sie hatten reichlich Erfahrungen gemacht.

Auf dem Rückflug schrieb Zoë ein Nachwort in ihr Tagebuch.

Gestern Nacht gab΄s eine Abschiedsparty. Es ist zweifelhaft, ob Makis je wieder nach Griechenland zurückkehren kann – er muss warten, bis er 40 wird, oder die griechischen Wehrpflichtgesetze müssten sich ändern, sonst würde man ihn gleich an der Grenze einziehen. Marianne wird aber mit dem Baby ihre Schwiegereltern besuchen kommen – es wäre doch jammerschade, wenn Margarita den griechischen Sommer nicht kennenlernen würde. Ganz allgemein gesprochen kann man sagen, es ist unklar, wann wir uns wiedersehen. Es war rührend. Kartoffelsuppe und Fleischbällchen hatten wir schon vorgekocht, zum Nachtisch gab es Obstkuchen. Wir zündeten Kerzen und Duftstäbchen an, legten Platten auf und begrüßten Freunde. Geschenke gab es auch: Besetzt-Anstecker, ein Album von Ideal, ein Plakat mit Ulrike Meinhof. Als Baby Margarita schlief, machten wir es uns auf den Kissen gemütlich und gaben uns unseren Utopien hin. Bier und Tüten halfen natürlich dabei. Wir fragten uns, was sich auf dieser Welt bis zum Ende des Jahrhunderts unbedingt ändern sollte. Makis meinte: „Schafft alle Armeen ab – was jucken uns ihre Kriege.“ „Und die militärgeilen Regime. Westimperialisten und Ostschweine, sollen eure Eingeweide doch in der Hölle schmoren!“, war Inges Wunsch, deren halbe Familie auf der anderen Seite der Mauer zurückgeblieben war. „Hasch legalisieren, Konzerte besuchen und grenzenlos reisen!“, meinte Pavlos angeheitert. „Die Mauer muss weg! Prost!“, sagte ich und erhob mein Bierglas. „Nina Hagen hat in einem Interview erklärt, dass die Mauer definitiv fallen wird – das haben ihr UFOs im Vertrauen zugeflüstert“, fügte Marianne mit großer Geste hinzu, darauf tranken wir und bogen uns vor Lachen.

Ich für meinen Teil bin auf jeden Fall optimistisch. Wir sollten nicht vergessen, dass es noch vor zehn Jahren in Griechenland eine Junta gab; und jetzt hat Andreas Papandreou die Präsidentschaft der Europäischen Union übernommen. Die Menschheit ist dazu verdammt, sich weiterzuentwickeln. Punkt!

siegessäule berlin

Zur Autorin

Zefi Kolia wurde in Piräus geboren und hat Journalismus studiert. Veröffentlicht wurden vier ihrer Romane, ein Kinderbuch und eine Übersetzung von Edgar Allen Poe. Ihre Erzählungen erschienen in fünf Sammelbänden sowie in Zeitungen, Zeitschriften und Sites. Kolia, die zu den Gründungsmitgliedern der ökologischen Bewegung in Griechenland gehört, lebt und arbeitet in Athen.

Text und Fotos: Zefi Kolia. Die Erzählung basiert nicht immer auf persönlichen Erlebnissen, die beteiligten Personen sind aber historisch belegt. Aus dem dreisprachigen (englisch, französisch, griechisch) Erzählband „Passengers“, Verlag Free Thinking Zone, Athen 2018. Übersetzung: Angelika Gravert. Redaktion: A. Tsingas.

buchcover mit autolenker

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