Y-Residency: Künstlerisches Wohnprojekt in Athen

Artikel von Christoph Berger

Athener Künstlerinitiative bietet Plätze zum Wohnen und Arbeiten für Kollegen aus aller Welt. diablog.eu bringt einen Bericht über Y-Residency, der im Rahmen einer von Antonia Rahofer geleiteten Lehrveranstaltung an der Universität Salzburg entstanden ist.

Man stelle sich eine WG vor, die stets ein Zimmer für Freunde aus aller Welt bereitstellt. Ein ständiges Kommen und Gehen unterschiedlichster Charaktere, die nicht nur das Notwendigste mit im Gepäck haben, sondern vor allen Dingen jede Menge neuen Input. Menschen, von denen man im selben Ausmaß lernen kann, wie sie von einem selbst lernen können und wollen.

Diese Idee hatten auch die AthenerInnen Lina Danoula, Christiana Chiranagnostaki, Antonis Theodoridis und Konstantinos Koukoulis. Die GründerInnen der Y-Residency sind Freunde und arbeiten alle im Bereich Fotografie, (Dokumentar-)film und Videoproduktion. Immer wieder wollten zahlreiche befreundete KünstlerInnen und KollegInnen aus dem Ausland sie in Athen besuchen um dort für kurze Zeit arbeiten, doch hatten sie in ihren kleinen Wohnungen nie genügend Platz um stets alle gleichzeitig zu beherbergen.

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©Y-Residency

Im Sommer 2014 fassten sie also den Entschluss, einfach ein großes Haus zu suchen, das genügend Platz für KünstlerInnen und vor allem auch für das gemeinsame Arbeiten bieten würde. Bereits im November desselben Jahres wurde die Idee realisiert und ein Haus in Gyzi gemietet – ein ehemaliges Viertel der Mittelklasse, das aber in den vergangenen, von der Wirtschaftskrise geprägten Jahren zu einer Nachbarschaft mit leeren Geschäftslokalen und Wohnungen wurde. Durch die daraus resultierenden niedrigen Mieten blüht es aber derzeit wieder auf. Nun sind es junge Familien und Studierende, die sich vermehrt in Gyzi niederlassen.

Mittlerweile haben Christiana, Antonis und Konstantinos ihre Zelte abgebrochen und sind in andere Stadtteile oder Länder gezogen. Antonis lebt jetzt in Connecticut, USA, Konstantinos in Lesbos und Chistiana arbeitet an ihrem eigenen Dokumentationsprojekt. Damit hat sich auch das kuratorische Team der Residency geändert. An ihrer Stelle führt Lina das Wohnprojekt nun mit Maria Galvan Cobo, einer spanischen Künstlerin, die bereits seit fünf Jahren in Athen lebt. Die beiden wohnen derzeit mit bis zu vier weiteren KünstlerInnen in dem charmanten Haus, das in den Sechzigern erbaut wurde und sich über vier Stockwerke inklusive Dachterrasse erstreckt.

Doch die Frage stellt sich: Was kommt bei dem Ganzen eigentlich heraus? Immerhin ist das Projekt neben all den positiven Begleiterscheinungen auch mit einigem Aufwand verbunden und läuft als Non-Profit-Organisation, die sich finanziell nicht immer leicht über Wasser halten kann.

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©Y-Residency

Die Motivation der Y-Residency findet sich bereits im Namen. Y auf Englisch ausgesprochen klingt wie das Fragewort „why“. Kunst stelle in erster Linie Fragen, meinen Lina und Maria. Es gehe darum, sich mit Kunst, Mobilität und der Welt kritisch auseinanderzusetzen – in welcher Form auch immer. Diese kritische Auseinandersetzung ist auch aus dem Programm der Y-Residency ersichtlich: Die KünstlerInnen, die aus aller Welt stammen – beispielsweise Emma Benestan aus Frankreich, Christiane Peschek aus Österreich, Ivana Tkalčič aus Kroatien oder Mart Samper Vidal aus Spanien – leben nicht nur mit ihren griechischen KollegInnen zusammen und machen Urlaub bei FreundInnen, sie organisieren regelmäßig Lesungen, Workshops, Diskussionen und Präsentationen. Eine kritische Auseinandersetzeung mit Projekten steht dabei im Mittelpunkt.

Y-Residency beschäftigt sich mit der Globalisierung und versteht sich als international agierende, grenzübergreifende Initiative. Es geht darum, dass KünstlerInnen global arbeiten. Durch die Unmenge an Informationen im Internet verändern sich auch künstlerische Arbeiten und die Methoden, mit denen diese entwickelt werden, sowie auch Form und Inhalt. Es wird immer unerlässlicher, sich auf internationalem Parkett zu bewegen. Die Y-Residency bietet genau für diese Internationalität und Formenvielfalt Raum. Die Initiatoren sehen Griechenland als Knotenpunkt zwischen östlichen und westlichen Kulturen, vor allem wegen seiner geopolitischen Situation, aber auch geschichtlich betrachtet. Auch das findet sich im Namen wieder. „Y“ wird in romanischen Sprachen „i-grec“ (z.B. Französisch) ausgesprochen. In allen möglichen Sprachen wird dieser Buchstabe als „griechisches I„ bezeichnet, womit der sprachenübergreifende Griechenlandbezug gegeben ist.

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©Y-Residency

Im Prinzip kann sich jede/r, der/die sich künstlerisch beschäftigt und betätigt, teilnehmen. Ganz unabhängig davon, woher die Person stammt oder in welcher Form sich ihre künstlerische Auseinandersetzung äußert.

Anmeldungen aus aller Welt für alle kreativen Disziplinen innerhalb des Programmes werden laufend entgegengenommen. Es wird auf etwa drei bis sechs Monate im Voraus geplant, damit das Gebäude immer ausgelastet ist, da Y-Residency keine Unterstützung erhält. Die „Y-Residents“ bearbeiten jede Bewerbung so schnell wie möglich und entscheiden sich auch rasch, wer einziehen darf.

Auf lange Sicht geht es Y-Residency darum, mit anderen wissenschaftlichen und künstlerischen Fächern zusammenzuarbeiten, egal ob AnthropologInnen, ArchitektInnen oder ÜbersetzerInnen. Es sei wichtig, so das Kuratorium, die Zukunft der Stadt unter tatkräftiger Mitarbeit der Y-Residency selbst mitzugestalten.

Mehr Informationen finden sich auf www.yresidency.org, facebook.com/yresidency.

Text: Christoph Berger. Fotos: ©Y-Residency. Korrektorat: Tanner Kauffman Gore, Veronika Fahrengruber.

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