Wie Bojen im Meer

Filmvorstellung von Andreas Deffner

„Wie Bojen im Meer“ heißt der mehrfach ausgezeichnete Dokumentarfilm der Berliner Filmemacherin Stella Nikoletta Drossa. Die Berliner Kulturspedition präsentierte den mehrfach ausgezeichneten Film der in Nordrhein-Westfalen aufgewachsenen Griechin Ende Juni im Schöneberger Kino-Theater O-Tonart. Der Schriftsteller und Griechenlandkenner Andreas Deffner moderierte den Abend. Für diablog.eu stellte er Stella Nikoletta Drossa einige Fragen zu ihrem Film und ihrer Einschätzung der Lage.

Filmplakat

In „Wie Bojen im Meer“ begleitet die Regisseurin und Produzentin Stella Nikoletta Drossa fünf junge Frauen um die 30 in Thessaloniki über den Zeitraum von 2010 bis 2016. Jede von ihnen ist – wie Drossa selbst – Tochter griechischer Gastarbeiter in Deutschland. Die fünf Frauen haben eines gemeinsam: Sie sind zurück in die Heimat ihrer Eltern gezogen. Eine von ihnen ist Irene, die Schwester der Regisseurin. Nikoletta Drossa hingegen, ist in Deutschland geblieben. Für ihre Langzeitdokumentation jedoch pendelt sie mit ihrer Kamera zwischen beiden Kulturen. Ihre Protagonisten erzählen authentisch von ihrer Suche nach dem Platz im Leben, mitten in der griechischen Wirtschaftskrise. Die Regisseurin fungiert als stille Beobachterin im Spagat zwischen deutschen und griechischen sozioökonomischen Wirklichkeiten. In intimen Porträts zeichnet sie dabei ein ehrliches Bild der griechischen Situation, mit all seinen Widrigkeiten, Alltagsproblemen und Existenzängsten der Frauen aus der so genannten „verlorenen Generation“.

Die nach Griechenland zurückgekehrten Frauen wirken fremd und gleichzeitig angekommen in ihrer „neuen“ Heimat, deren Wirtschaftskrise sie selbst in existenzielle Sorgen und Nöte führt. Der Film beeindruckt mit starken Bildern. Von mitreißender Lebensfreude bis herzzerreißender Traurigkeit, zwischen Leben, Tod und Aufbruch. Es ist ein Zeitzeugendokument, das in 90 Minuten ambivalente Gefühle erzeugt. Die Zuschauer verfolgen dabei gebannt die Lebensgeschichte der Frauen auf der Leinwand. Mittendrin, mitgerissen von den hautnahen Gefühlen der Protagonisten. Und schließlich gesellt sich zum Schicksal der Frauen auch noch eine ganz persönliche Familientragödie der Regisseurin und ihrer Schwester hinzu.

Frau mit zwei Mädchen

Wie Bojen im Meer, ©Stella Nikoletta Drossa

Nikoletta, du zeichnest mit deinem Film das Schicksal einer Generation anhand von fünf Beispielen nach und bist dabei tief in deren Leben eingetaucht. Bist du eigentlich froh, dass du nicht den Weg der Frauen gewählt hast, die in ihre Heimat zurückgekehrt sind? Du lebst in Berlin.

Ja! (lacht) Im Ernst, ich habe mich jahrelang gefragt wie es wohl wäre, wenn ich in Griechenland leben würde. Aber durch die Erfahrungen,  die ich während des Drehs für den Film gemacht habe, habe ich irgendwann aufgehört darüber nachzudenken.

In deinem Dokumentarfilm nimmst du die Zuschauer mit in den schwierigen Alltag der Protagonistinnen mit all seinen Problemen. Und dann ist während der Dreharbeiten auch noch deine Mutter schwer erkrankt. Du hast ihre Geschichte und die deiner Schwester Irene mit einfließen lassen. Ist es dir schwer gefallen, diesen sehr persönlichen Fall zu thematisieren?

Wir wollten es zuerst gar nicht ansprechen, aber wir haben festgestellt, dass wir dann Irenes Figur nicht gerecht geworden wären. Schließlich drehte sich zu dieser Zeit fast ihr ganzes Leben um unsere Mutter. Darüber hinaus zeigt sich darin die gesamte Bandbreite der Krise. Es ist eben nicht nur das Schicksal einzelner Personen, sondern auch ihrer Angehörigen. Irene war plötzlich nicht mehr nur für sich selbst verantwortlich.

Zuschauer erzählten uns, der Film habe ein Bild der Hoffnungslosigkeit und Trauer gezeigt und die Schicksale der jungen Frauen hätten sie sehr bewegt. Trotzdem empfanden sie diese spezielle griechische Lebenseinstellung, die Hoffnung nie aufzugeben. Was denkst du, wie es in Griechenland weiter geht ?

Die Lebensbedingungen sind während der Krise für viele extrem schlecht geworden. Griechenland wurde ausgepresst wie eine Zitrone. Das Tafelsilber wurde verscherbelt. Jetzt kann es eigentlich nur noch besser werden. Ich erinnere mich an mein Religionsbuch aus dem griechischen Unterricht. Darin war die Geschichte von einem Bauern, der sieben ganz magere Kühe hatte. Eines Tages sagte Gott zu dem Bauern: Es gibt sieben magere Jahre, danach kommen sieben fette. Alles ist im Wandel. Schlechter jedenfalls kann es nicht mehr werden.

„Wie Bojen im Meer“ feierte im März 2017 auf dem 19. Thessaloniki Dokumentarfilm Festival Weltpremiere. Beim 11. Docfest-Greek Documentary Festival in Chalkida wurde der Film für die Beste Regie ausgezeichnet und gewann den Zweiten Preis als Bester Langer Dokumentarfilm. Der Dokumentarfilm wird auch im griechischen öffentlich-rechtlichen Fernsehen ERT3 gezeigt.

Andreas Deffner hat mit der Regisseurin für sein neues Buch „Made in Greece“ ein ausführliches Interview geführt. Das Buch erscheint im Januar 2019 im Größenwahn Verlag, Frankfurt am Main.

Weitere Infos unter: www.abenteuer-griechenland.eu und www.stene-film.com.

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