Wer übersetzt griechische Literatur?

Tagung am 8. März 2019 in Athen

8. März 2019: Ist-Zustand und Perspektiven für die Übersetzung griechischer Literatur will eine Tagung im Athener Serafio-Kulturzentrum, 10.30-18.00 Uhr aufzeigen. Wie viel, wo und warum werden griechische Autor*innen in andere Sprachen übertragen und publiziert bzw. warum nicht? 25 Expert*innen nehmen dazu Stellung, teils vor Ort, teils per Skype zugeschaltet. Lesen Sie zum Thema einen Artikel von diablog-Chefredakteurin Michaela Prinzinger, die sich – zusammen mit Kollegen Theo Votsos – über die rege Beteiligung an der Ausschreibung zur Vice-Versa-Übersetzerwerkstatt, 5.-12. Mai 2019 in Thessaloniki, freuen darf: 50 Bewerbungen in beide Sprachrichtungen waren eingegangen, mehr als erhofft und ein großartiges Zeichen des Interesses von Kulturmittler*innen an Aus- und Weiterbildungsangeboten im deutsch-griechischen Literaturbereich.

Vielfalt ist wichtig, Monokultur ist langweilig. Literatur ist ein bedeutender Faktor für das Völkerverständnis, hat es aber im Vergleich zu den anderen Künsten wie Musik, bildende Kunst, Theater und Film unvergleichlich schwerer. Literatur lebt vom Wort und von der Fantasiewelt, die sich der Leser selbst erschafft. Sie ist vollkommen auf die Übersetzung angewiesen, um ihre Wirkung zu entfalten. Sie spricht keine anderen Sinne an als die Fantasie. In diesem Sinne ist es wichtig, auch griechische Autorinnen und Autoren hörbar zu machen, da sie dem deutschsprachigen Leser neue Welten und neue Erkenntnisse eröffnen.

Was könnte die deutschsprachigen Leser an einem griechischen Buch berühren? Eine gut erzählte, packende Geschichte mit überzeugenden Figuren. So funktioniert der Literaturmarkt im Bereich Prosa. Experimentelles und Lyrisches ist für den Buchmarkt von geringerem Interesse, aber es blüht und gedeiht auf wunderbare Weise in den sogenannten „Nischen“.

Solche Autoren werden im deutschsprachigen Raum durch Förderprogramme unterstützt. Im griechischsprachigen Raum, sind sie auf sich allein gestellt, bilden aber in Zeiten der Krise neue Gemeinschaften. Das ist eine der positiven Auswirkungen der gegenwärtigen Situation. Ich glaube, die „Nischen“ in beiden Sprachräumen können gut miteinander kommunizieren, da sie sich denselben Themen stellen müssen. Ich plädiere dafür, mit einer Kommunikation der „Nischen“ zu beginnen und nicht sofort den großen, kommerziellen Durchbruch zu erwarten. So etwas braucht Zeit und einen langen Atmen. Doch ohne funktionierende Übersetzungsförderung seitens des griechischen Staates wird es sehr schwierig, griechische Literatur deutschsprachigen Verlagen schmackhaft zu machen. Das bildet eine unabdingbare Voraussetzung für den Kulturtransfer.

In Bezug auf historische Forschung und den akademischen Betrieb kann man sagen, dass sich solche Förderungen lohnen, wie sie z. B. der deutsch-griechische Zukunftsfonds und die Stavros-Niarchos-Stiftung gewähren. So ist beispielsweise gerade ein universitäres Forschungsprojekt in der Größenordnung von 400.000 Euro für historische Übersetzungsforschung bewilligt worden. Im Bereich der zeitgenössischen Literaturübersetzung fehlen solche Förderstrukturen, die nicht nur einzelne Verlage fördert, sondern Unterstützung für die gesamte freie Literatur- und Verlagsszene bereithält.

Don Quijote mit Füllfeder

Lassen Sie mich eine Vision entwerfen: Die deutsch-griechische Übersetzungsförderung braucht ein innovatives Konzept, das über eine unilaterale, nationale Unterstützung von Übersetzungsprojekten hinausgeht. Damit würde ein interessanter Ansatz für andere „Sprachenpaare“ geschaffen und das deutsch-griechische Paradigma zum Vorreiter für eine europäische Kulturkommunikation. Dadurch würde der literarische Kulturaustausch auf eine europäische Ebene gehoben, die über Nationalstaaten hinausgeht und in Sprach-, Kultur- und Mentalitätsräumen im gesamteuropäischen Zusammenhang denkt.

So ein Konzept würde von zwei Sprach- und Kulturräumen ausgehen – vom deutschsprachigen Raum, der die Bundesrepublik Deutschland, Österreich und die deutschsprachige Schweiz umfasst, und vom griechischsprachigen Raum, der Griechenland, Zypern und die Diaspora einschließt. Es geht um den Dialog zwischen diesen Kulturräumen, der bislang stets einseitig finanziert wurde, und zwar von den einzelnen Nationalstaaten. Es ist an der Zeit, diesen Ansatz zu überwinden und einen Fonds zu schaffen, der aus nationalen, regionalen und überregionalen Geldern und auch von privaten Organisationen und Stiftungen sowie durch EU-Förderungen gespeist werden kann.

Das zweisprachige Kulturportal diablog.eu und der daraus entstandene gemeinnützige Verein Diablog Vision e. V. engagieren sich mit ihrem Übersetzerkollektiv seit 2014 für den Kulturaustausch. Sie alle, liebe Leserinnen und Leser, können uns durch Ihre Mitarbeit und Ihre Ideen unterstützen. Ein erstes Highlight bildete das fünftägige griechisch-deutsche Literatursymposium Syn_Energy Berlin_Athens zwischen 17. und 21. Oktober 2018 in Berlin. Darin wird weniger die klassische Erzählprosa vorgestellt, sondern es stehen die oben angesprochenen Vordenker*innen im Fokus, die an den Rändern des kommerziellen Literaturbetriebs produktiv und kreativ agieren. Ihnen gebührt in erster Linie öffentliche Unterstützung.

Syn-Energy Berlin-Athens setzte auf den griechisch-deutschen Dialog über Themen und Inhalte, die beide literarischen Sprachräume betreffen: Mythen, politisches Engagement, Digitalisierung, alternative Produktions- und Präsentationsformen, Kulturtransfer durch Übersetzung, der Einfluss von ethnischer und sozialer Herkunft sowie Geschlecht auf das Schreiben.

Zwei besonders schöne symbolische Gesten aus der Politik sind die beiden Grußworte, mit denen die jeweiligen Kulturministerinnen Syn-Energy unterstützten. Prof. Monika Grütters hebt die Arbeit der Übersetzerinnen und Übersetzer hervor: „Sie sind es, die das Denken, Wahrnehmen und Empfin­den aus der einen in die andere Sprache übertragen und so ganz neue Sprachwelten schaffen.“ Myrsini Zorba sagt über den Ansatz von diablog.eu: „Kulturelle Begegnung von der Basis aus – das ist ein wirklicher Einschnitt in der Art und Weise, Annäherung möglich zu machen.“

Was für eine wunderbare Ermunterung, weiter in diese Richtung zu gehen: nachhaltige und positive Synergien durch diablog.eu zu schaffen. Wir freuen uns auf eine Neuauflage von Syn-Energy am 2. April 2019 am Goethe Institut Athen: SAVE THE DATE!

Text: Michaela Prinzinger. Foto: diablog.eu (Bild des Künstlers Sieb Posthuma, aufgenommen im Teylers Museum Haarlem, NL).

Lesen Sie hier mehr zum Dossier von www.literature.gr zum Thema Übersetzen und Übersetzerinterviews, zusammengestellt von Emilios Solomou.

Flyer Ankuendigung

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