Von Euripides lernen

Ein Gespräch mit Vea Kaiser, Autorin

Nach der Athener Diskussion „Unter Europäern – Eine literarische Spurensuche“ der Friedrich-Ebert-Stiftung vom Mai 2017 sprach die Wiener Autorin mit unserer Redakteurin Andrea Schellinger. Vea Kaiser, geboren 1988 in Österreich, hat mit ihren Romanen einen regelrechten Senkrechtstart in der deutschsprachigen Literatur hingelegt. Ihr 2015 erschienenes Buch „Makarionissi“, aus dem diablog.eu bereits einen Ausschnitt übersetzte, wurde in Deutschland und Österreich zum Bestseller. Weil sie trotzdem auf dem Boden der Tatsachen geblieben ist, studiert sie Klassische Philologie in Wien und schreibt derzeit an ihrer Masterarbeit.

Bekannt ist sie vor allem durch den 2015 erschienenen opulenten Roman „Makarionissi oder Die Insel der Seligen“, der den Spuren einer Familie zwischen Griechenland und der österreichischen Provinz nachgeht. Nicht das erste Mal hat sich Vea Kaiser mit Griechenland befasst; davon zeugen ihr Jugendtheaterstück „Argonauten“ genauso wie die Wahl ihres Studienfachs: Altgriechisch. Demnächst rundet sie es mit einer Masterarbeit über „Jenseitsvorstellungen in der griechischen Lyrik“ ab.

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Vea Kaiser, Stavros Chatzisavvas, ©Friedrich Ebert-Stiftung Athen

Bei der Diskussion vor einigen Tagen war die Rede davon, dass wir in Europa zu wenig wissen vom jeweiligen Narrativ der anderen Europäer. Was hat Sie nun angestoßen oder bewogen, sich dem Kulturraum Griechenland zu nähern und von ihm zu erzählen?

Zunächst: Ich habe eine humanistische Schule besucht und möchte auch heute keinen Moment davon missen. Dann entschied ich mich mit 18, gewissermaßen als Gegenreaktion zur üblichen Favorisierung der Allerweltstudien Medizin, Jura, Wirtschaft usw., Altgriechisch zu studieren. Wenn meine Texte eine gewisse Kraft haben, dann geht sie zurück auf diese Schulung am kleinsten, feinsten Partikel, so wie man sie in diesen alten Texten entdecken kann. Mir persönlich hat es beim Schreiben enorm geholfen, den Satz ganz anders zu verstehen, Sprache anders zu visualisieren, etwa über die Bildung von zugleich differenzierten und anschaulichen Adjektiven, ganz zu schweigen von den Metaphern, Bildern, Vergleichen. Wenn ich mich in Euripides vertiefe, lerne ich mehr als in irgendwelchen creative writing-Kursen, in denen es oft darum geht, Texte für Schriftstellerwettbewerbe zu produzieren.

Und wie kam es zum Sprung von der Altphilologie zum Familienroman, dessen Handlung an der albanisch-griechischen Grenze beginnt?

Während des Studiums empfand ich immer mehr als Hybris, dass ich letztlich nichts über das neuzeitliche Griechenland wusste und auch dessen Literatur nicht kannte. So habe ich mich einfach in die Vorlesungen über neue griechische Geschichte gesetzt und mich in die Materie etwas vertieft. Dann kam der Moment, wo ich festgestellt habe, dass niemand in meinem großen Freundeskreis eine Vorstellung davon hatte, was in Griechenland zwischen der Antike und der Gegenwart eigentlich passiert war. Diese Leute wussten teilweise nicht einmal, dass die Osmanen jahrhundertelang über Griechenland herrschten, oder dass es dort von 1967 bis 1974  eine Militärdiktatur gab; während damals viele dort Urlaub gemacht und vom urtümlichem Griechenland geschwärmt haben, wurden Leute gefoltert. Ganz zu schweigen von der Besatzung durch die Wehrmacht und dem anschließenden blutigen Bürgerkrieg, oder von der Zäsur, die die „Kleinasiatische Katastrophe“ 1922 für Land und Leute bedeutete. Mir war schnell klar, dass unsere gelernten Geschichtskenntnisse auf das fixiert sind, was sich unter dem Stichwort „Westrom“ ereignete. Byzanz und seine Geschichte, das war schlichtweg ausgeklammert. Schon in der Schule wird also ein Begriff von Europa konstruiert, der die Wahrnehmung von Ost- und Südosteuropa und deren Eigenheiten ausgrenzt. Inzwischen sind wir zusammen mit Griechenland in einer Union, nämlich in der Europäischen.

Dazu kommt, dass 2010, als ich „Makarionissi“ zu schreiben begann, ununterbrochen über die griechische Wirtschafts- und Schuldenkrise geredet wurde und es ziemlich schwer war, über die von den Medien präsentierten „Fakten“ und Titelbilder hinaus Hintergründe zu erfahren. Das Schreiben stellte also für mich selbst einen Prozess der Klärung dar, die auch auf die Leser übergreift. Das zumindest wünsche ich mir.

Makarionissi, Cover

Was beeindruckt Sie in Griechenland besonders?

Die griechischen Frauen! Sie sind faszinierend stark auf ihre ganz eigene Art, und ich habe oft den Eindruck, in diesem Land herrscht so etwas wie ein Matriarchat. Sie sind selbstbewusst und haben ein sehr feministisches Grundbewusstsein, das den Begriff Feminismus überhaupt nicht nötig hat. Vermutlich spielt dabei auch die Tradition der Absicherung von Töchtern durch die „Mitgift“ eine Rolle – etwa in Form einer eigenen Wohnung -, die ja bis in die 1980er Jahre gesetzlich festgelegt war. Je älter ich werde, desto mehr kann ich solchen traditionellen Formen  etwas abgewinnen. Sie schützen Frauen, die, ob wir wollen oder nicht, vor allem mit kleinen Kindern in den beruflichen Entwicklungschancen einfach in gewisse Grenzen verwiesen sind und auf dem normalen Arbeitsmarkt ausgebremst werden. Es gibt so etwas wie einen natürlichen Feminismus bei griechischen Frauen. Der Wert der Frau ist in Griechenland anders; die Mutterrolle wird geschätzt, und man respektiert, im Gegensatz etwa zu Deutschland, eine Frau, die nur Mutter sein will. Auch ist mir ein selbstverständliches Bewusstsein der eigenen Weiblichkeit aufgefallen. Vorhin war ich in einem Geschäft für Lingerie, um mir einen Bikini zu kaufen. Je südlicher man kommt, desto schöner wird die Unterwäsche. In Deutschland und Österreich kann man kaum etwas finden, das nicht so aussieht, als stamme es vom Gesundheitsamt oder das vor lauter Synthetik überall zwickt und klebt. In diesem Laden waren alle Altersgruppen von Frauen vertreten, das fand ich toll. Es war Ausdruck eines ganz normalen Weiblichkeitsempfindens: „Ich bin eine Frau und das ist gut so!“ Im Norden bemerke ich einen Hang zur Geschlechtslosigkeit, resultierend aus einer falsch verstandenen Bescheidenheit oder auch aus Unsicherheit. Diese Eindrücke und die Erfahrung, wie selbstverständlich Dinge eingefordert und Ansprüche durchgesetzt werden, haben meine Gestaltung der Eleni in „Makaronissi“ sehr geprägt.

Kann man in Österreich vom Romanschreiben leben?

Ich bin froh, in einem Land zu leben, das verstanden hat, wie identitätsprägend Literatur ist und sie auch als Instrument der Kulturpolitik nach innen und außen einsetzt. Von Zeit zu Zeit leite ich Seminare für schreibende Jugendliche, denen Englisch eigentlich lieber wäre, weil sie möglichst schnell von möglichst vielen Lesern wahrgenommen werden wollen. Ich erkläre ihnen jedes Mal, dass es ein Riesenglück ist, auf Deutsch schreiben zu können, nicht nur, weil es im deutschsprachigen Raum sehr viele anspruchsvolle Leser gibt. Darüber hinaus haben wir einen geschützten Markt etwa durch die Buchpreisbindung, und eine  weltweit einmalige Literatur- und Kulturförderung  in Form von Preisverleihungen, Stadtschriftsteller- und anderen Stipendien. Speziell in Österreich gibt es bei neun Millionen Einwohnern so viele Stipendien und Preise, dass ca. 200 Autoren von ihrer Arbeit existieren können. Dazu kommen  Lesereisen, für die die Autoren in der Regel honoriert werden. Die deutsche Sprache hat zwar kein Vokabular, um über Liebe zu sprechen, aber vom Literaturbetrieb her ist sie ein großes Geschenk. Das prägt natürlich die Sichtweise auf die Funktion von Literatur und deren Wirkungsradius.

Europa ist für Sie, wie Sie sagten, ein Wertebündel? Woraus besteht dieses Bündel?

An erster Stelle: Freiheit, die den Frieden erhält. Soziale Freiheit: Jeder darf und kann das tun, was er will, solange er und sein Tun keinen anderen verletzen. Ganz nach Rosa Luxemburg: Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.

Die Freiheit, seine Meinung zu sagen, zu lieben, wen man lieben will. Die Freiheit, nicht gut zu finden, was man nicht gut finden will. Die Freiheit der Rede und der Bewegung. Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz; dazu gehört Gleichheit der Geschlechter. Die Möglichkeit zur Partizipation. Mich persönlich beschäftigt vorrangig die Freiheit der Rede, nicht nur wegen der letztens aufgeflammten Diskussion über fake news, sondern auch angesichts der Tendenzen, dass diese Redefreiheit, falsch verstanden, dazu benutzt wird, für den Frieden gefährliche Gedanken zu äußern, die dann zu potentiell gewalttätigen Konflikten und zu Spaltung führen.

Das Gespräch fand in einem kleinen Athener Hotel mit unserem Redaktionsmitglied Andrea Schellinger statt. Lesen Sie den Auszug aus „Makarionissi“, ins Griechische übersetzt von Marianna Chalari, auf diablog.eu.

Interview: Vea Kaiser/Andrea Schellinger. Foto: Ingo Pertramer, Stavros Chatzisavvas, ©Friedrich Ebert-Stiftung Athen.

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