Truggestalten

Auszug aus einem Erzählband von Rudolph Herzog

Neujahrsgeschichte von diablog.eu: Junger Grieche freundet sich mit älterer Dame aus Berlin an. Die beiden beginnen mit gegenseitigem Sprachunterricht. Doch unverhofft erwachen die Gespenster der Vergangenheit zu neuem Leben… diablog.eu bringt einen Ausschnitt aus dem Erzählband  „Truggestalten“ von Rudolph Herzog, illustriert durch Fotografien von Michel Fais aus der Serie „Grabbeigaben“.

Eine junge amerikanische Künstlerin sieht Blutflecken am Boden, die spurlos verschwinden. Ein Kreuzberger Hipster ahnt, dass mit seiner Wohnung etwas nicht stimmt. Den Manager eines Start-ups plagt ein Fiebertraum, der sich gespenstisch mit vergangenen Begebenheiten deckt. Nichts in „Truggestalten“ ist so, wie es zu sein scheint.

An der Oberfläche sieht das Berlin der Gegenwart aus wie der Inbegriff der modernen Metropole. Es ist eine Stadt der Neuankömmlinge, Investoren, Partyhungrigen, in der sich Gruppen vermischen, aber auch gegenseitig verdrängen. Doch zugleich ist dies geschichtsträchtiger Boden; die Stadt stand im Zentrum großer historischer Bewegungen – von den gesellschaftlichen Umbrüchen der Kaiserzeit bis zu den Schrecken des „Dritten Reichs“ und den Verwerfungen des Kalten Kriegs.

In sieben Episoden, die sich gegenseitig kommentieren und vervollständigen, werden Menschen des neuen Berlin von der Vergangenheit der Stadt eingeholt. Sie spüren ein unheimliches Nachwirken, ein Flackern auf der Retina, das sich nicht heilen lässt. Mit „Truggestalten“ legt der Filmregisseur und Sachbuchautor Rudolph Herzog sein erstes belletristisches Werk vor, ein Berlin-Buch voller Winkelzüge, Absurditäten und düsterer Überraschungen.

Rudolph Herzog, Truggestalten

Tandem (Ausschnitt)

Als Dimitri zu Hause war, googelte er »Lotte Wuttcke«. Die Suchanfrage blieb ergebnislos. Es gab einen Heinrich Wuttcke, der Archäologe war und in Griechenland Ausgrabungen geleitet hatte. Allerdings war das in den Zwanzigerjahren gewesen; Wuttcke war 1946 in Berlin gestorben.

Da nichts Aufschlussreiches über Lotte zu finden war und Dimitri nicht einschlafen konnte, klickte er willkürlich durch Filmchen auf Youtube. Er blieb an einem Clip hängen, in dem Forscher untersuchten, ob Eichhörnchen intelligent wären. Zu diesem Zweck hatten Wissenschaftler im Labor einen Kasten aufgestellt, der in zwei miteinander verbundene Kammern unterteilt war. In der ersten Kammer war eine kleine Taste, die mehrmals am Tag aufleuchtete. Wenn das Eichhörnchen mit der Pfote daraufdrückte, fiel aus einem Fach eine Nuss. Insgesamt reichte die Zahl der Nüsse, um den Kalorienbedarf des Tiers zu decken. In der zweiten Kammer kam entweder gar nichts oder eine große Nusskaskade, die aus einem Loch auf das Eichhörnchen regnete. Die Gesamtmenge reichte aber nur dazu aus, um die Hälfte des Nahrungsbedarfs zu decken. Das Ergebnis des Versuchs erstaunte die Wissenschaftler. Sobald die Eichhörnchen die herabprasselnden Nüsse in der zweiten Kammer gesehen hatten, wollten sie nur noch dort die Schaltfläche drücken. Selbst wenn sich zehnmal hintereinander nichts rührte, drückten sie die Taste fieberhaft weiter. Keines der Eichhörnchen überlebte das Experiment; alle verhungerten.

Kurz vor dem Treffen mit Lotte in der Niebuhrstraße ertappte sich Dimitri dabei, wie er sich feiner machte, als es der Anlass erfordert hätte. Erst wählte er einen marine-blauen Kaschmir-Pulli, von dem er mit übertriebener Sorgfalt Fusseln und Haare entfernte. Dann trug er etwas Feuchtigkeitscreme auf sein Gesicht auf, formte seine Frisur mit Haarwachs und sprühte sich Eau de Toilette auf den Hals.

Gegen zehn Uhr abends klingelte es an der Haustür. Lotte erschien in einem eleganten, gerade geschnittenen Kleid mit orientalischem Muster. Die Farbe des Stoffs changierte zwischen Schwarz und Aubergine.

Dimitri entkorkte eine Flasche Wein und schenkte sich und Lotte ein. Beide saßen eine Weile im Wohnzimmer zusammen. Sie plauderten über belanglose Dinge: eine Ausstellung im Gropiusbau, Weihnachtspläne, die Bars in Kreuzberg. Ab und zu notierte Dimitri etwas in seinem Vokabelbuch. Irgendwann entstand eine Pause.

»Soll ich anfangen zu kochen?«, fragte Lotte.
»Gern. Leider kenne ich mich in der Küche hier selbst noch nicht so gut aus.«
»Macht nichts. Ich habe alles vorbereitet. Wir brauchen nur eine Pfanne und Öl. Du magst doch Fisch, oder?«

Sie kramte in ihrer Handtasche und brachte daraus ein in Plastik und Papier eingewickeltes Päckchen zum Vorschein.

Sie gingen gemeinsam in die Küche. Lotte erhitzte etwas Sonnenblumenöl. Dann schlug sie das Papier auf.

»Überraschung!«

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©Michel Fais

Der Inhalt war in der Tat nicht das, was Dimitri erwartet hatte. Statt einer Forelle oder einem Dorschfilet lagen dort sorgfältig aus Teig geformte Fischlein.

Lotte bemerkte Dimitris erstauntes Gesicht.
»Wenn es ›falschen Hasen‹ gibt, dann darf es auch ›falschen Fisch‹ geben«, sagte sie, wobei sie ins Deutsche verfiel. »Keine Angst – die sind nicht aus Eicheln gemacht, sondern aus gemahlenem Futtermais. Schmeckt viel besser. Außerdem ist eine geheime Zutat darin.«

Nachdem sie die Küchlein mehrmals gewendet und goldgelb gebraten hatte, schaufelte sie Lotte mit einem Pfannenheber auf einen Teller und tupfte sie sorgfältig mit einem Stück Küchenrolle ab. »So – fertig« (έτοιμο).

Dimitri hatte im Wohnzimmer eingedeckt. Lotte servierte die ›Fischlein‹. Beide prosteten sich zu. Dimitri probierte einen der seltsamen Bratlinge. Er war fettig und schwer.

»Ich habe ein bisschen Lebertran dazugetan, damit es mehr nach Fisch schmeckt«, sagte Lotte.

Dimitri räusperte sich.

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©Michel Fais

»Gefällt es dir?« Lotte blickte ihn erwartungsvoll an. »Ja, nicht schlecht«, log Dimitri. »Es erinnert an einige Rezepte, von denen mir meine Oma erzählt hat. Das waren Dinge, die sie in der Besatzungszeit kochen musste, als in Griechenland Mangel herrschte. Versteh mich nicht falsch, das waren leckere Speisen, mit Phantasie und Liebe gemacht. Sie verwendete Dinge, die zur Verfügung standen. Bestimmt weißt du, dass die Deutschen die Nahrungsmittel beschlagnahmt haben. Sie wollten die Griechen gezielt aushungern, weil sie als ›arbeitsscheu‹ galten. Fisch gab es nicht – Angeln hatten die Deutschen bei Strafe verboten.«

Lotte beugte sich vor und blickte Dimitri gespannt an. »Erzähl mir mehr.«
»Meine Oma arbeitete als Lehrerin in Athen. Da war der Hunger am größten. Draußen lagen Tote auf der Straße.«

Lottes Augen leuchteten eigentümlich. Dimitri rutschte auf seinem Stuhl hin und her. Die Situation war ihm unangenehm. Trat er ihr zu nahe? Wie hielten es Deutsche, wie Lotte, mit dem Krieg?

»Weiter! Wie hat deine Oma überlebt?«

Dimitri überlegte einen Moment.

»Sie hat mir erzählt, dass der Schuldirektor gute Beziehungen zum Schwarzmarkt hatte. Manchmal hat er die Lehrer mit Naturalien bezahlt. Am wertvollsten war Olivenöl, das war wie Gold. Einmal gab es deswegen ein Dilemma. Abends hörte meine Oma einen Knall, ein Autokühler kochte; dann läutete jemand an ihrer Eingangstür Sturm. Als sie öffnete, stand dort ein deutscher Soldat. Sein Gesicht war schmerzverzerrt. Er hatte sich die linke Hand verbrüht und verlangte Olivenöl, um damit die Haut einzureiben. Kannst du dir das vorstellen? Eine so wertvolle Substanz, mit der sie ihre Familie ernährte – und nun sollte sie das Öl einfach auf die Hand eines Feindes schütten.«

»Was hat sie getan?«

»Keine Ahnung. Ich erinnere mich nicht an das Ende der Geschichte. Aber eins ihrer Kinder hat den Krieg nicht überlebt.«

Er hielt inne. Lotte hatte sich von ihm weggedreht. Ihre Schulter bebte.

»Ich muss gehen«, sagte sie mit tränenerstickter Stimme.

»Habe ich etwas Falsches gesagt?«, fragte Dimitri entsetzt.

»Nein … nein, natürlich nicht.«

Bevor er sich versehen konnte, war Lotte aufgesprungen und hatte ihren Mantel ergriffen. Er überlegte, ob er sie aufhalten sollte. Dimitri hasste solche Situationen.

»Ich wollte dich nicht deprimieren!«, sagte er hilflos.

Sie sah ihn mit geröteten Augen an.

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©Michel Fais

»Es ist nicht wegen dir«, brachte sie gepresst hervor. Dann verschwand sie durch die Wohnungstür. Dimitri hörte ihre Absätze auf der Treppe klappern. Er ging zum Fenster und blickte auf die nächtliche Straße hinab. Draußen nieselte es; das Licht der Laternen spiegelte sich diffus auf dem nassen Asphalt. Nach einigen Sekunden erschien Lotte und lief hastig auf die andere Seite. Sie hatte den Kragen ihres beigefarbenen Trenchcoats hochgeschlagen. Was war nur in sie gefahren? Warum benahm sie sich so seltsam?

Draußen verlangsamte Lotte ihre Schritte und stützte sich erschöpft an einer Litfaßsäule ab. Dann sackte sie in sich zusammen. Da es so langsam geschah, begriff Dimitri erst gar nicht, was sich vor seinen Augen abspielte. Er blickte ausdruckslos auf Lottes leblosen Körper.

Plötzlich löste er sich aus seiner Starre und handelte, ohne nachzudenken. Er rannte ins Treppenhaus und nahm die ersten drei Stufen mit einem Satz. Draußen fegten ihm zerstäubte Regentropfen ins Gesicht. Als er im Sprint die Litfaßsäule erreichte, lag dort niemand. Er schaute sich um. Die Straße war leer.

»LOTTE–––!«, rief er so laut er nur konnte. Niemand antwortete. Er wollte noch mal rufen, aber seine Stimme blieb weg.

Dimitris Blick fiel auf ein Werbeplakat für eine Brauerei. Es zeigte einen bekannten Komiker, der mit Strickjacke, Halbglatze und Hausschuhen auf Kleinbürger getrimmt war. Über dem Mann schwebte eine Sprechblase:

»Warum gibt es im Wald keine Pilse? Weil die Tannen zapfen.«

Er starrte entgeistert auf das Poster und japste nach Luft. Erst wenn man selbst einen Erstickungsanfall bekommen hat, weiß man, wie viele Muskeln im Brustkorb stecken. Die großen Stränge versuchten durch Heben und Senken die Luftnot auszugleichen. Doch so sehr Dimitris Muskulatur arbeitete, es kam nicht genug Sauerstoff in seinen Lungenflügeln an. Seine Luftröhre hatte sich auf einen Bruchteil ihres normalen Durchmessers verengt. Während er verzweifelt Luft holte, bemerkte Dimitri, dass er sein Notfallspray in der Wohnung liegen gelassen hatte.

Text: Rudolph Herzog. Auszug aus der Erzählung „Tandem“ aus dem Band „Truggestalten“ von 2017, mit freundlicher Genehmigung des Verlags Kiepenheuer & Witsch. Verlagswebite: www.galiani.de. Fotos: Michel Fais aus der Serie „Kterismata/Grabbeigaben“ in der Ausstellung im Choros Technis »24«, 2013.

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