The Krank: „Urban Art“ in Berlin und Athen

Ein Beitrag von Loukas Troll über den Künstler Vassilis S.

Vassilis S. alias „The Krank“ setzt auf künstlerische Intervention im öffentlichen Raum als politisches Statement. Sein letztes Projekt „Verlassenschaft“, das er in den historischen Flüchtlingsunterkünften auf dem Athener Alexandras-Boulevard realisierte, bezieht sich auch auf seine persönliche Familiengeschichte. Loukas Troll, der 2018 ein Praktikum bei diablog.eu absolvierte, traf sich mit dem Künstler in seinem Atelier in Prenzlauer Berg.

Vassilis S.’ Künstlername ist „The Krank“ und bezieht sich auf das deutsche Wort, welches bekanntermaßen das Gegenteil von „gesund“ bedeutet. 2013 verließ der Künstler Vassilis S. Athen und ging nach Berlin, um von seiner ziemlich schwer zu diagnostizierenden „Krankheit“ geheilt zu werden. Man kann nicht leugnen, dass ihn sowohl das Streben nach psychischer Gesundheit, das finanzielle Prekariat, wodurch das Leben der jungen Menschen in Griechenland nach wie vor bestimmt wird, als auch der „deutsche Traum“ zur Nestflucht aus der zwar sicheren, aber auch klaustrophobischen Heimat in Athen gezwungen haben. Aber, wie Vassilis S. später merkte, reichten diese Gründe nicht aus, um vollständig zu erklären, wie sich sein Leben nach der Emigration veränderte. Denn, selbst wenn sich in Berlin seine finanzielle Situation gebessert hätte – was nicht der Fall war –, gab es da eine Sache, der er nicht entkommen konnte, und der er, wie er mir selbst versichert, auch nicht entkommen wollte: sich selbst.

Kunstwerk auf Mauer

Seinen letzten, familiär bedingten Aufenthalt in Athen nutzte er zu seiner jüngsten künstlerischen Intervention im öffentlichen Raum, der Aktion „Verlassenschaft“, bei der er 20 seiner Werke an unterschiedlichen Orten im Gelände der historischen Flüchtlingssiedlung auf dem Alexandras-Boulevard buchstäblich „aussetzte“. „Verlassenschaft“ ist in diesem Zusammenhang zweideutig, weil sich der Begriff zum einen auf das Hinterlassen der Kunstwerke bezieht, und zum anderen auf das Verlassen und Aufgeben dieser Gegend durch den Staat. Die Besucher wurden aufgefordert, bei einem interaktiven Spiel mitzumachen und das Wohnviertel mit Hilfe eines Stadtplans zu erkunden. Darauf waren die Stellen vermerkt, an denen sich die „ausgesetzten“ Kunstwerke befanden. Die meisten von ihnen, wenn nicht alle, wurden von Bewohnern und Besuchern des Viertel „adoptiert“.

Diese Aktion war der Versuch, die Flüchtlingsgeschichte seiner Familie aufzugreifen. Die Großeltern väterlicherseits waren nach dem in einer schweren Niederlage endenden kleinasiatischen Feldzug der griechischen Armee im Jahr 1922 als Vertriebene nach Griechenland gelangt. Sie kamen in dürftigen, speziell für Flüchtlinge errichteten Mehrfamilienhäusern in Patras unter, wo sie heute noch wohnen. Dort haben sie Kinder und Enkelkinder großgezogen, eine Zeitlang auch Vassilis S. alias „The Krank“.

Kunstwerk bei Baum

Obwohl Vassilis S. den griechischen Spruch „Heimat ist da, wo man lebt“ schätzt und den Nationalismus verabscheut, obwohl er immer wieder Umwälzungen erlebt hat, obwohl Entwurzelung Teil seiner Familiengeschichte ist, obwohl er sich bislang nirgends heimisch gefühlt hat – so fehlt ihm doch sein ureigener Ort, auch wenn er gar nicht genau weiß, wo der sein soll. Mit seiner Ausstellung versuchte er das Recht zu beanspruchen, das jedem Migranten, jedem Wirtschaftsflüchtling, jedem Brain-Drain-Opfer, jedem Abenteurer – ob männlich oder weiblich – zusteht: das Recht auf Heimweh.

Wir sitzen im Wohnzimmer von Vassilis (so nennen ihn seine Freunde und Freundinnen, nicht „The Krank“), ich auf dem Sofa, er am Computer. Der Ventilator müht sich ab, uns Kühlung zu verschaffen. Auf dem Bildschirm scrollt Vassilis langsam nach unten, zu einem „Angebot“ auf einer Sub-Webseite von TAIPED, der griechischen Verwaltung staatlicher Vermögenswerte. Das Angebot lautet: Privatisierung eines Küstenabschnitts: 32.000 Euro.

„Bist du dabei, sollen wir ein Stück Küste kaufen? Man kann auch in Raten zahlen“, meint er im Scherz, wenn auch mit bitterem Unterton.

Auf der gleichen Webseite wird auch die Flüchtlingssiedlung auf dem Alexandras-Boulevard angeboten. Am 7. März 2018 erklärte der griechische Staatsrat die Übertragung von 157 Wohnungen an die TAIPED für rechtmäßig. Die historischen Gebäude wurden zwischen 1933 und 1935 mit staatlicher Hilfe errichtet und Vertriebenen zur Verfügung gestellt, die gezwungen waren, ihre Häuser in Kleinasien zu verlassen. Ihr Schicksal gewann erneut an Aktualität, als die Absicht geäußert wurde, die Gebäude zu renovieren, um Krebspatienten unterzubringen, die in der Agios-Savvas-Klinik behandelt werden.

baufällige Häuser

Vassilis meint, er sei relativ zufrieden mit dieser Entwicklung, was aber nicht heißt, dass er glaubt, die Zukunft der Viertels und seiner Bewohner sei gesichert. Der Kontakt zu den Bewohnern des Quartiers während der Ausstellung hat bei ihm das Gefühl der Ungerechtigkeit noch verstärkt. Doch genau das hatte ihn ja animiert, seine Werke und Gerätschaften zu schultern und alles von Berlin nach Athen zu verfrachten, um die geplante Installation einzurichten. Die Interaktion der Besucher und Bewohner mit seinen Exponaten hat bei ihm einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Ein paar Kinder aus der Umgebung benutzten zum Beispiel eine seiner Arbeiten, ein längliches papyrusartiges Stück Papier, als Umhang. Nachdem sie ihn getragen, stolz betrachtet und schließlich genug davon hatten, ließen sie ihn zerknüllt auf dem Boden liegen. Andere Besucher der Ausstellung kamen vorbei und – weniger mutig als die Kinder vor ihnen – fotografierten das hingeworfene und zerlumpte Kunstwerk nur, ohne es zu berühren.

Vassilis S., der den Prozess aus der Ferne beobachtete, erinnert sich:

„Ich sah mich selbst als Kind, wie ich sorglos im Flüchtlingsviertel von Patras spiele, Pfeil und Bogen und Holzschwerter bastele, während die Erwachsenen auf weißen Plastikstühlen auf dem blanken Zementboden in einem von vollgehängten Wäscheleinen eingefassten quadratischen Raum sitzen und Schatten unter dem Maulbeerbaum suchen, den unsere kleinasiatischen Großeltern einst gepflanzt haben. Sie sprechen über die Hitze und den Alltag unter dem Gezwitscher der unzähligen Kanarienvögel von Herrn Thodoros. Die Klänge aus der Vergangenheit werden von der Hupe eines Autos unterbrochen, das gerade den Boulevard entlangfährt. Ich brauche den Moment eines Augenaufschlags, bis ich mich wieder fange. Dann sehe ich vor dem inneren Auge das auf dem Boden liegende Kunstwerk, mit dem ich mich identifiziere, zwischen Erde und Müll, allein und von allen verlassen, fast im Boden vergraben, in einem hoffnungslosen Zustand. Und dabei versuche ich, mit den wenigen Menschen irgendwie zu kommunizieren, die es/mich anschauen, fotografieren, kurz darüber nachdenken und dann weitergehen… “

Kunstwerk auf Tür

Kommen wir nochmals auf den Begriff „krank“ zurück, der bekanntermaßen das Gegenteil von „gesund“ bedeutet. Gern würde Vassilis S. behaupten, dass hinter dem Pseudonym, das er sich für seine künstlerische Tätigkeit ausgesucht hat, eine faszinierende Geschichte oder ein intelligentes Wortspiel stecken. Da er jedoch ganz willkürlich und eher unbewusst darauf kam, wäre das geheuchelt. Etwaige semantische Konsequenzen dieser Willkür wurden, auf bewusster Ebene, erst später wahrgenommen. Die gleiche Zufälligkeit galt auch jedes Mal, wenn er seinen ersten schwarzen Pinselstrich auf einer weißen Wand oder Leinwand machte, was er dann Kunstwerk nannte. Mittlerweile hat er beschlossen, seinen bis vor kurzem diffusen künstlerischen Sturm und Drang zu zügeln, um mit komplexeren und bedeutungsvolleren Themen zu experimentieren als denen, die ein assoziativer oder spontaner schöpferischer Prozess hervorbringt. Das ist ein Versuch, sich von seinem Dialog mit sich selbst zu lösen und einen neuen Dialog aufzunehmen, zwischen sich und den anderen Menschen.

Vassilis S., der unter dem Pseudonym „The Krank“ arbeitet, ist ein in Berlin ansässiger Vertreter von „Urban Art“. Sein besonderes Augenmerk liegt auf der Technik der Chiffrierung und einem allegorischen, abstrakten Expressionismus. Sein erster Kontakt zu künstlerischer Tätigkeit war 2002, als er als Teenager in Street Art und Graffiti eine Möglichkeit erkannte, sich auszudrücken und auszutoben. Inzwischen ist er ein bisschen zu alt, um noch über Mauern zu klettern, doch Elemente aus dieser Vergangenheit sind immer noch in seiner Arbeit zu erkennen. Seine Beziehung zu Street Art ist, wenn auch in anderer Form, noch immer spürbar.

Text: Loukas Troll. Übersetzung: A. Tsingas. Textredaktion: Michaela Prinzinger. Fotos: The Krank. Besuchen Sie die Website des Künstlers: www.thekrank.de.

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