Siatista Teil II: Die osmanische Pascha-Brücke

Eine Ortsbegehung von Paschalis Tounas

Paschalis Tounas, Redaktionsmitglied von diablog.eu, nahm uns vor kurzem auf einen Besuch in die griechische Stadt Siatista mit, um uns im Herrenhaus Maliongas-Argyriadis auf eine Wandmalerei von „Franckfurt am Mayn” aufmerksam zu machen. Gleich im Anschluss nutzte er die Gelegenheit, eine Steinbrücke aus osmanischer Zeit zu besichtigen. Lesen Sie heute seinen neuen Reisebericht!

Nachdem ich in Siatista das Herrenhaus Maliongas-Argyriadis verlassen hatte, machte ich noch vor meinem Besuch in der Manoussis-Bibliothek einen Halt im Kafenion auf dem Platz der drei Brunnen. Rundherum nur altehrwürdige Häuser und Herrenhäuser, manche gut erhalten und restauriert, andere ziemlich heruntergekommen. Auffällig ist dabei, dass die meisten Kafenia und Cafés auf dem Platz in neu errichteten Gebäuden liegen. Ich suchte mir ein Kafenion aus, das mit der Zubereitung des Mokkas auf Holzkohlenglut warb. Ich bestellte einen und schaute mir beim Warten die gerade geschossenen Fotos vom Herrenhaus Argyriadis an. Auf dem Fresko von „Franckfurt am Mayn” wurde mein Blick wie magisch von der steinernen Bogenbrücke angezogen, der sog. Alten Brücke. Westlich davon wurde in der deutschen Stadt viele Jahre später eine Fußgängerbrücke als Stahlkonstruktion errichtet, die – wie die meisten anderen auch – in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs gesprengt wurde. An der wiederaufgebauten Stahlbrücke, dem Eisernen Steg, brachte man im Goethejahr 1999 die Aufschrift „ΠΛΕΩΝ ΕΠΙ ΟΙΝΟΠΑ ΠΟΝΤΟΝ ΕΠ ΑΛΛΟΘΡΟΟΥΣ ΑΝΘΡΩΠΟΥΣ» (etwa: Auf weinfarbenem Meer segelnd zu Menschen anderen Sprache) aus Homers Odyssee an.

Die sommerliche Trägheit der Kafenionkunden wurde von einer Rentnergruppe, drei Tische weiter, unterbrochen, die sich über die Zerstörung eines Bauwerks der Gegend unterhielt: „Nein, die Engländer waren´s!“ – „Du meinst, die Neuseeländer!“ – „Waren es nicht die Deutschen?“, meinte einer von ihnen auffällig zögerlich. Und fügte hinzu: „Die Deutschen sind doch heute noch an allem schuld.“ Die Temperatur, außerhalb und innerhalb des Kafenion stieg noch mehr, als sich auch die anderen Gäste – wie in allen griechischen Cafés üblich – hinreißen ließen, sich ins Gespräch einzumischen. Daraus bildete sich eine eigentümliche Volksvertretung. Die Rentnergruppe erteilte, wie der Präsident des griechischen Parlaments, das Wort an die Anwesenden, und diese trugen stolz ihre Meinung vor, egal, ob mit Wissen oder nur mit sicherem Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit ausgestattet. Die Rede war von einem Pascha, von Steinmetzen, einer Wassermühle, vom Sieg der griechischen Partisanen 1943 über ein italienisches Bataillon nach viertägigem Kampf bei Fardykampos und auch, dass die Pascha-Brücke (aha, darum stritt man sich!) von derselben Bauart wie die berühmte Brücke von Arta war, wenn auch etwas kürzer. Die bekannteste und vielbesungene historische Brücke Griechenlands in Arta fiel der Legende nach jede Nacht in sich zusammen; anders als dort war zumindest hier, bei der Pascha-Brücke, die Ursache dafür halbwegs bekannt.

Der Fluss Aliakmonas ©P. Tounas

Alle, die je eine alte Steinbrücke besucht haben, waren bestimmt beeindruckt, wie die Brückenbögen mit der umliegenden Landschaft harmonieren. Ich kehrte zu meinen Fotos zurück, nippte an meinem Kaffee, der bereits abgekühlt war, während das „Parlament“ eine Pause einlegte. Aber nicht für lange. An einem Ecktisch, der lichtüberflutet mit Blick auf die Hauptstraße platziert war, trank ein junger Mann seinen Kaffee, umringt von hellen Papierbögen, die wahrscheinlich großformatige topografische Pläne waren. Er war derjenige, der dem Gespräch über die Brücke einen anderen Ton verlieh. Wie ein „unabhängiger Abgeordneter“ erhob er sich von seinem Platz und sagte mit einer Gewissheit, die keinen Widerspruch duldete, dass der Name der Brücke von einer alten osmanischen Tradition herrührt: Der Geldgeber für den Bau und die Wartung einer Brücke war fast immer ein hoher Würdenträger – in unserem Fall Mahmoud Pascha, der 1690 den Fluss Aliakmonas an der Grenze zwischen den Provinzen Kozani und Grevena mit einer Brücke überbauen ließ, über die eine Straße führte.

Straße in Landschaft

Unterwegs zur Brücke ©P. Tounas

Jemand vom Tisch der Senioren unterbrach den, wie sich herausstellte, Vermessungsingenieur und ergänzte etwas blasiert, dass die Brücke laut dem Franzosen François Pouqueville, der als Geisel des Osmanischen Sultans in den Jahren 1798-1820 ausgiebig das besetzte Griechenland bereiste, vom „Roumeli Valesí“ (dem Generalgouverneur von Roumeli, also Zentralgriechenland) errichtet wurde, um Gott als Erretter einer seiner Frauen zu preisen, die wie durch ein Wunder aus den Fluten des Aliakmonas gerettet werden konnte. Der Vermesser bestritt diese Informationen nicht und fügte lediglich hinzu, dass öffentliche Bauwerke oft als Zeichen für die Rettung des Stifters aus einer Notlage gedeutet oder auch zur Sühne für eine böse Tat errichtet wurden.

Die Zeiger der Kirchturmuhr von Agios Dimitrios und die Zeiger der Kafenionuhr, aber auch die eingehenden Anrufe auf den Mobiltelefonen der älteren Herren, die sie zum heimischen Mittagstisch beorderten, ermahnten mich übereinstimmend, sofort die Manoussis-Bibliothek aufzusuchen, sollte ich nicht vor verschlossener Tür stehen wollen. Also stand ich eilig auf und stieß dabei mit dem Vermesser zusammen, den derselbe Grund zu treiben schien. „Ich muss unbedingt noch in die Bücherei“, sagte er – und ich bekräftigte, weil ich dachte, er spräche zu mir –, „Ich auch“, bevor ich merkte, dass er in sein Handy gesprochen hatte. Er lachte und wir stellten uns anlässlich dieses witzigen Missverständnisses gegenseitig vor. Kurz entschlossen gelangten wir zur Manoussis-Bibliothek, die 1858 gegründet worden war, nachdem Theodoros Manoussis, der erste Geschichtsprofessor der Neuzeit an der Universität Athen, der Gemeinde seinen umfangreichen Bücherbestand geschenkt hatte.

Abgerissene Stromkabel ©P. Tounas

In der Bibliothek, einem neueren Gebäude aus dem Jahr 1953, blieben wir alle beide bis zum Ende der Öffnungszeit. Ich blätterte in den Büchern von Argyriadis, dem Besitzer des Herrenhauses, das ich zuvor besucht hatte, während sich der Vermessungsingenieur, Professor an einer griechischen Universität, auf die Suche nach alten Fotos und Gravuren der Pascha-Brücke machte, um seine Forschungen zu ihrem Wiederaufbau voranzutreiben. So erklärte sich also sein kenntnisreicher Einwurf in der Kaffeehausdebatte, dachte ich. Der Bibliotheksangestellte merkte, wie sehr wir in unser Material vertieft waren, und erinnerte uns daran, dass die Bücherei in fünf Minuten schließen würde. Wir legten die Dokumente zurück in die Vitrinen und machten uns zur Pascha-Brücke auf, wie mir der Vermesser vorschlug.

Wohnwagen in einer Schafsstallung ©Π. Tounas

Er kannte die Strecke zur Brücke gut, und ich folgte ihm mit meinem eigenen Auto. Parallel dazu hatte ich auch Google Maps eingeschaltet, um die Zuverlässigkeit des Programms herauszubekommen, da ich mit dem Gedanken spielte, einen Reiseartikel für diablog.eu zu verfassen. Also öffnete ich die entsprechende App auf meinem Handy, aktivierte die GPS-Funktion und wurde für diese 13-minütige oder 11 km lange Route durch eine weibliche Stimme navigiert, erst über die Nationalstraße Kozani-Ioannina und dann die von Grevena-Kastoria.

Die irderne Sphinx ©P. Tounas

Alle drei (also der Vermesser, ich und die mich leitende Google-Stimme) fuhren über eine kurze, wenn auch überraschende Route – es gab abgerissene Starkstromleitungen, Schotterwege, die abrupt aufhören, einen Wohnwagen in einer Schafsstallung, eine irdene Sphinx, alte und halbverfallene Betonbrücken, die durch neue mit modernen Autostraßen ersetzt wurden – und erreichten die Pascha-Brücke oder – besser gesagt – ihre Überreste, die prächtig am tosenden Aliakmonas standen und eins mit den umliegenden nackten und steilen Felsen zu sein schienen.

Das von Kugeln durchsiebte Ortsschild ©P. Tounas

Das Geräusch unserer Schritte auf dem Feldweg wetteiferte mit dem Blätterrascheln der Pappeln und Platanen und dem Rauschen des Flusses. „Pascha-Brücke“, stand auf dem schrotkugeldurchschossenen Ortsschild, das an die Aktion vom 14. April 1941 erinnerte, als um 9 Uhr morgens englische oder neuseeländische Sprengstoffspezialisten bei ihrem Rückzug vor den Deutschen Teile der Brücke in die Luft jagten. „Wir sind aufgefordert, weitere Brückenreste zu lokalisieren, die das heftige Erdbeben von 1995 überstanden haben, um die Brücke so weit wie möglich wiederaufzubauen“, sagte der Professor. „Das ist äußerst schwierig, da sie von Bewohnern der umliegenden Dörfer als Baumaterial verwendet wurden, weiteres Material wurde von den Fluten des Aliakmonas mitgerissen“.

Die Pascha-Brücke©P. Tounas

Die Pascha-Brücke besteht aus 6 Bögen unterschiedlicher Spannweite und ist – eine Seltenheit – aus Porosgestein (Kalktuff) errichtet, um die Konstruktion leichter zu machen. Höhe und Spannweite des mittleren Bogens betrugen 15 Meter. Das, zusammen mit ihrer Länge von 100 m, machten die Pascha-Brücke zur längsten in Nordgriechenland und zur zweitlängsten in ganz Griechenland nach der berühmten Steinbrücke von Arta. Das ist auch der wichtigste Grund, weshalb sie wieder aufgebaut werden soll, damit sie zur touristischen Entwicklung der Region beiträgt“, fügte der Professor hinzu. „Und was soll das Ganze kosten?“, fragte ich. „Die Studie selbst wird von der Region Westmakedonien getragen. Soweit ich weiß, wurden das Vereinigte Königreich und Neuseeland bereits gebeten, das Projekt aus moralischen Gründen finanziell zu unterstützen“, antwortete er.

Die Pascha-Brücke©P. Tounas

Eine Weile standen wir neben dem längsten erhaltenen Brückenabschnitt. Der Vermessungsprofessor untersuchte das vorhandene Material und vermaß die Ruine. Ich selbst versuchte den tieferen Sinn der Brückenrekonstruktion zu ergründen. Warum sollten die Teile und Fragmente der Ruine nicht Bestandteile ​​eines gedanklichen Gerüsts sein, Elemente der Imagination und der Reflexion der Menschen, die dieses Architekturdenkmal besuchen? Die rekonstruierte Brücke wäre ohnehin nicht mehr von praktischem Nutzen, andere Bauwerke haben längst ihre Rolle übernommen. „Retrospektiven und Rekonstruktionen, so nützlich sie auch sein mögen, werden zu unmenschlichen Dingen. Denn was sonst bleibt uns von der Gegenwart, diesem unmerklichen Augenblick?“, fragte sich bereits der Dichter Seferis unter Verwendung des Zitats von Mark Aurel.

Meine Gedanken wurden vom Professor unterbrochen. „Gut, diese Daten habe ich im Kasten. Jetzt muss ich noch nach verwendetem Brückenmaterial in den umliegenden Dörfern Ausschau halten.“ Wir verabschiedeten uns und ich trat die Rückreise an. Unterwegs dachte ich über Sinn oder Unsinn des Wiederaufbaus der Pascha-Brücke nach. Wäre eine digitale Restauration nicht auch eine denkbare Alternative?

Text: Paschalis Tounas. Fotos: Paschalis Tounas. Übersetzung: A. Tsingas. Redaktion: Michaela Prinzinger.

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Ein Gedanke zu “Siatista Teil II: Die osmanische Pascha-Brücke

  1. Wäre eine digitale Restauration nicht auch eine denkbare Alternative?

    Das gleiche Argument könnte man im Bezug auf die Trümmer Nachkriegsdeutschlands verwenden.

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