Rund um das Bourinosgebirge

Auf geologischer Entdeckungsreise zwischen Siatista und Aiani

diablog-Redaktionsmitglied Paschalis Tounas führt uns durch das Bourinosgebirge in der Nähe von Kozani. Nehmen Sie sich Zeit für einen ganz besonderen Blick auf die Gesteinsformationen und die am Wegesrand liegenden Dörfchen. Slow food für die Seele!

Als zeitgenössischer „Wanderer“, der seine kostbare Zeit und die Genauigkeit der Informationen im Raum-Zeit-Kontinuum respektiert, schlage ich, noch bevor ich den Motor meines Autos anwerfe, die Google-Karte auf meinem Smartphone auf, besser gesagt: Ich berühre sie lediglich. Die Bewegungsfolge kenne ich blind. Seit knapp drei Jahren gehöre ich zu den Local Guides. Das ist eine globale Community von Entdeckern, die bei Google Maps Rezensionen schreiben, Fotos teilen, Fragen beantworten, Informationen zu Orten hinzufügen oder bearbeiten und Fakten checken. Ihre Beiträge dienen den Nutzern als Orientierung. Google wird für seine Monopolpraktiken angeprangert. Was allerdings die Karten angeht, so haben die Local Guides diese erheblich verbessert, indem sie neue, nicht kartierte Routen vorschlagen. Bei bestimmungsgemäßer Verwendung können so der Tourismus und andere Wirtschaftszweige in weniger gut entwickelten Gebieten angekurbelt werden.

Das Denkmal der Schlacht von Fardykambos zum denkwürdigen Sieg der griechischen Partisanen 1943 über ein italienisches Bataillon liegt jetzt hinter mir und kurz bevor ich in die Via Egnatia einbiege, mache ich auf einer neuen Brücke halt, um die Aussicht zu genießen. Ich befinde mich inmitten zweier Bergmassive, die miteinander verwandt sind und ursprünglich auch aus einem Guss waren. Eine turbulente geologische Entwicklung von Jahrmillionen hat sie aber voneinander getrennt. Zu meiner Linken erstreckt sich also um den Gipfel Velia des Bourinos- beziehungsweise Vourinosgebirges herum eine beinahe unheimliche Mondlandschaft, die vorwiegend aus Kalkstein besteht, und zu meiner Rechten die intensiv grüne, niedrige Vegetation des westlichen Bourinos. Sie genießt unter den Geologen wegen der Schichtfolge der Gesteine einen guten Ruf. Es sind ophiolitische, grünliche Schlangensteine (die an die Schuppenfarbe der Schlangenhaut erinnern), die aus einem urzeitlichen großen Ozean, dem Tethysmeer, aufgestiegen sind. Reste des Meeresbodens der Tethys finden sich heute noch im östlichen Mittelmeer.

berglandschaft mit himmel

Als ich weiterfahre, erscheint auf dem grün-braunen Kartenrelief meines Displays eine neue Route als blaue Linie mit einer Länge von etwa 45 km und einer Fahrdauer von etwa 40 Minuten. Sie umfasst den westlichen und südlichen Teil des fast rechteckigen Berges. Auf der Karte scheint die Straße in einem von Wasser korrodierten Relief am Rande des Berges eingegraben zu sein. Möglicherweise auf der nach Millionen von Jahren einstmals flüssigen, jetzt verfestigten und versteinerten roten Lava, die aus den Eingeweiden des Berges gequollen ist, als sich dieser aus dem Ur-Ozean erhob. Es ist wahrscheinlich der gleiche Pass, den der Major der griechischen Pioniere Schinas bereits 1886 aufzeichnet hatte.

Also beginne ich, den Fuß des Berges hochzufahren. Die Vegetation ist von niedrigem Wuchs, drumherum schlängelt sich ein Band unfruchtbarer Erde. Auf dem felsigen Gelände sind die einzigen sichtbaren, lebenden Organismen Ziegen, die zu ihren Stallungen zurückkehren. Die Straße mit den leicht ansteigenden Kurven folgt dem Umriss des Westhangs des Bourinosgebirges. „Paleokastro“ steht auf dem sonnengebleichten Ortsschild. Links, genau gegenüber von einem marmornen Heiligenstock, befindet sich ein Tierstall und Holztroge für die Tiere, auf eine Weise angeordnet, die selbst zeitgenössische Installationskünstler vor Neid erblassen lassen würden.

berglandschaft mit holztrogen

Ich fahre mit geringer Geschwindigkeit bergab, den Blick auf einen Teil des Tethysmeeres gerichtet, der bald zu einem Geopark umgewidmet werden soll. Bevor ich nach rechts in Richtung Dafneró und Exarchos abbiege, möchte ich im Dorfzentrum eine kurze Pause machen.

Ich erreiche den fast quadratischen „Platz der Helden“, der mich an norditalienische Dörfer denken lässt, eingerahmt von niedrigen Häusern und einem Glockenturm. Der Platz erinnert eher an eine mit roten und ockerfarbenen Steinen gepflasterte Kreuzung als an einen Dorfplatz. Die Form ist jedoch zweckmäßig. Auf der einen Seite spielen Kinder, ihnen gegenüber sitzen einige Alte vor dem einzigen, schon recht betagten Kafenion des Dorfes. Sein Dach ist bestückt mit Funkantennen und einer Straßenlaterne des Elektrizitätswerks. Die Alten sitzen auf einer geräumigen und bequemen neoklassizistischen Holzbank. Kafenion und Platz sind zu einer Einheit verschmolzen.

haus mit sitzbänken

Gegenüber dem Kafenion befindet sich die kleine Dorfarztpraxis, Tür und Fenster sind weit geöffnet. An der niedrigen Umfassungsmauer des Platzes ruht sich eine Dame aus, wahrscheinlich die Ladenbesitzerin. Sie sitzt auf einem weißen Plastikstuhl, der mittlerweile zum Inbegriff des Ländlichen geworden ist – und der (nicht nur) griechischen Ästhetik des Realen. Die Dame scheint die kühle Brise zu genießen, die durch die fast unmerkliche Luftbewegung auf natürliche Weise und durch den rotierenden Metallventilator künstlich erzeugt wird. Das Sirren der Luftmaschine vermischt sich mit dem rhythmischen Aufschlagen des Balls, den ein Kind gegen die braune Wand des Hauses wirft.

Ich versuche, unbemerkt zu bleiben. Wie unbemerkt kann aber jemand bleiben, der eine Kamera in der Hand hält und alles, was sich bewegt oder auch ruht, festhält und noch dazu die einzige Person ist, die im Sonnenlicht steht? Alle anderen haben sich in den Schatten geflüchtet, um sich vor der Glut des späten Sommernachmittags zu schützen.

„Junger Mann, du musst den versteinerten Wald besuchen!“, höre ich eine Stimme aus dem Kafenion, als ich dabei bin, eine Ladenfront mit heruntergelassenem Rollo zu fotografieren. „Meint er den berühmten Steinwald auf Lesbos?“, frage ich mich und antworte: „Meinen Sie nicht, dass der von hier ein Stückchen zu weit weg ist“. „Nicht den auf Lesbos“, hallt es zurück, „hier gibt´s auch einen, in Paleokastro!“ Ich setze den Fotoapparat ab, packe ihn in die Ledertasche und gehe auf das Kafenion zu.

Beim Stichwort Stein fällt mir in Verbindung mit Paleokastro nur die älteste Steinaxt Griechenlands ein. In einer Vitrine der Archäologischen Sammlung von Kozani zieht sie alle Besucherblicke auf sich. Aber von einem versteinerten Wald hier in der Gegend hatte ich noch nie etwas gehört. „Jawohl“, sagt ein alter Mann voller Stolz zu mir, „auch bei uns gibt es einen Steinwald.“ Dann berichtet dann kenntnisreich davon.

„2007 entdeckten Forscher der Universität Athen Fragmente versteinerter Baumstämme wie Nadelbäume, Eichen, Palmen, die ein in Griechenland zum ersten Mal entdecktes Merkmal  aufweisen. Sie sind von einem wahrscheinlich vulkanischen, meist weißem Mineral bedeckt: Kristalle, die im Sonnenlicht funkeln. Ich erinnere mich nicht“, sagt der alte Mann, „wie dieses Mineral heißt, irgendwas mit „Ku“. „Quarz vielleicht“, frage ich? „Ja, Quarz! Das war’s! Darüber hinaus haben die Forscher versteinerte Blätter von Bäumen gefunden – und auch Muscheln, was darauf hinweist, dass es hier vor Millionen von Jahren wahrscheinlich ein Meer gab. Ist es nicht so?“, fragt der Alte rhetorisch. „Offensichtlich handelt es sich um das Tethysmeer, einen Ur-Ozean“, antworte ich. Und wie kommt man dahin?“

„Der versteinerte Wald erstreckt sich zwischen den Präfekturen Kastoria und Grevena und möglicherweise auch noch über die Nordgrenze Griechenlands hinaus. Um dort hinzukommen, muss man sicherlich von einem Einheimischen begleitet werden, der sich in der Gegend auskennt. Aber den Weg kann man auch auf der Landkarte sehen. Dort drüben, der Kirche gegenüber, steht eine Hinweistafel für Besucher, leider ist sie von den Blättern verdeckt.“ Ich bedanke mich bei dem ergrauten Experten, wünsche ihm und seinem Freundeskreis Gesundheit und ein langes Leben und gehe auf die andere Straßenseite, um mir die Touristenkarte anzuschauen. In mein Notizbuch schreibe ich dann von der Tafel ab: Versteinerter Wald mit Quarzkristallen, Gipfel Flambouro (900 m), antike Siedlung Gla, Schutzgebiet Ceverna-Bourinos.

Ich sitze wieder im Auto und fahre weiter auf der Landstraße Siatista-Knidi. Gleich nach den letzten Häusern von Paleokastro animiert mich ein Fußballplatz anzuhalten. Nein, es sind nicht die Fangesänge, nicht das Pfeifen des Schiedsrichters, es ist auch kein Ball auf die Straße gerollt. All das scheint seit langem der Vergangenheit anzugehören. Das Fußballfeld gibt es jedoch immer noch, es ist eigentlich kaum mehr als ein eingezäunter Acker. Knapp außerhalb des Spielfeldes bildet aber ein Ausläufer des Bourinosgebirges eine einmalige natürliche Fankurve. Eigentlich müsste dieser Platz in die Liste der weltweit beeindruckendsten Fußballplätze aufgenommen werden.

fussballplatz vor gebirge

Ich fahre wieder auf dem relativ guten Belag der Landstraße. Auf dem Ortsschild steht Dafneró, das liegt sehr nah bei Paleokastro, so dass ich mich frage, zu welchem Ort das Spielfeld wohl gehört. Am Eingang der Siedlung, gegenüber der alten Marienkirche, gibt es einen Kinderspielplatz mit Blick auf die Gipfel des Bourinosgebirges. Aber hier gibt es keine Kinder. Man hat das Gefühl, dass das Dorf, erbaut auf einer vom Fluss Aliakmonas gebildeten Hochebene, schon längst verlassen ist. Die Landstraße durchquert das Dorf und bald finde ich mich in einer naturbelassenen Umgebung wieder. Die drei aufeinanderfolgenden Ebenen – vom Aliakmonas erodierter Boden, flache Hügellandschaft mit niedriger Macchiavegetation und trapezförmige Bourinoshänge – werden immer eindrucksvoller, unterstützt durch das sich wandelnde Tageslicht und die verspielten Formationen weißer Wölkchen.

  • hügellandschaft mit macchia

Ich öffne erneut die digitale Landkarte. Nein, ich habe mich nicht verfahren. Ich brauche sie, um eine Blume zu orten! Vor einiger Zeit, als ich die Flora des Bourinosgebirges erforschte, bin ich auf eine interessante griechisch-österreichische Kooperation gestoßen: Eine endemische Pflanze auf dem Bourinos, Hesperis theophrasti genannt, hat noch einen zweiten Beinamen, nämlich den des innovativen österreichischen Botanikers Karl Heinz Rechinger. Dieser machte ab 1965 zahlreiche detaillierte Aufzeichnungen der einheimischen Flora, die als Liebeserklärung an Bourinos und seine Pflanzen gelten kann.

Aufgrund dessen haben die Kräuterkundler und -sammler vom Botanischen Garten und Botanischen Museum Berlin in Dahlem einige Koordinaten der Hesperis theophrasti rechingeri in ihre Datenbank aufgenommen. Ich will versuchen, diese Angaben zu überprüfen. Sicher gibt es spezialisiertere Koordinatenmessgeräte als mein Handy, aber ich habe nichts zu verlieren. Also tippe ich eine lange Reihe von Zahlen in mein Gerät ein und aktiviere die Lupe der Suchfunktion. Ich begebe mich zum angegebenen Punkt. Werde ich das Glück haben, die Hesperis aus der Nähe betrachten zu können? Leider bleibt sie für mich unauffindbar, aber ich werde es bei einem zukünftigen Besuch erneut versuchen und mir mehr Zeit dafür nehmen.

Ein klein wenig enttäuscht, aber mit dem Vorsatz, die Suche nach der Hesperis nicht aufzugeben, setze ich meine Reise fort. Die nächste Station soll die Ortschaft Exarchos sein, bereits im Bezirk der Stadt Grevena. Die ca. 8 km lange Strecke zwischen den Orten Dafneró und Exarchos wirkt ziemlich unheimlich: Links von mir, ganz nah am Weg ziehen sich die westlichen Ausläufer des Bourinosgebirges hin. Hier wirkt der Straßenbelag mitgenommen und witterungsbedingt beschädigt, stellenweise fehlt jede Fahrbahnmarkierung. Wenn eine zeitnahe Wartung ausbleibt, wird die natürliche Bodenerosion den Straßenbelag bald wegschwemmen. Die einzigen unauslöschlichen Markierungen sind die Urinspuren der Ziegen, die diese Straße mehr als jeder Mensch benutzen. An mehreren Stellen am Fuß des Berges und sogar dicht neben der Straße sind Schürfspuren zu erkennen. Sie sind auf die Suche nach Mineralien oder auf illegale Sandentnahme zurückzuführen. Jetzt sind daraus wilde Mülldeponien und Schuttabladeplätze geworden. Trotzdem hat der Weg etwas Metaphysisches an sich, denn sein Zyklus wird von der Natur bestimmt. Die Siedlungsabfälle – Dachziegel, Zement, Badezimmerfliesen – kehren an den Ursprungsort ihrer Materialien, den Berg, zurück.

see vor gebirge

Die Stille der kleinen Siedlung wird nur durch die vorbeifahrenden Autos unterbrochen. Ich komme an einer Kreuzung mit einem kunstvoll gestalteten Marmorbrunnen vorbei. Links davon sehe ich die roten Dächer geduckter Häuser und über ihnen das hiesige Dach der Welt, das Bourinosgebirge. So nah und doch so fern. Ich verlasse meine ursprüngliche Route und schlage den Weg zum Berg ein. Ein sanfter Hang, an Strohballen und Kuhherden vorbei, bringt mich dem imposanten Bergmassiv immer näher. Ich schalte den Gang runter, da die Straße plötzlich bemerkenswert steil ansteigt, und halte bei erster Gelegenheit an. Ich befinde mich jetzt auf Augenhöhe mit der vulkanischen Masse, die vor Jahrmillionen zu Stein erstarrt ist. Rechts von mir sehe ich einen kleinen See, der das herabfließende Gebirgswasser auffängt.

strohballen in der gebirgslandschaft

Irgendwo zwischen Berg und See stechen zwei Hüte hervor, der eine rot und der andere grün, die sich durch die Vegetation wie die Farben einer Straßenampel abwechseln. Bei früheren Besuchen hatte ich schon mehrmals eifrige Forscher gesehen, die nach bestimmtem Berggestein suchten. Heute scheinen sie Glück zu haben. Große Serpentinitsteine, das Material antiker Steinwerkzeuge, haben sich aufgrund natürlicher Prozesse vom Berg gelöst und sind direkt hinter der Kapelle des Agios Athanassios zum Stehen gekommen, umgeben von Eichen, in die der Blitz eingeschlagen hat. Ich will die Forscher bei ihrer Arbeit nicht stören und begebe mich zum Dorfplatz.

see vor berg

Ich fotografiere die modernen Ruinen und eine Kirche mit Rissen in den weißen Wänden. Das zerborstene Fensterglas in den byzantinischen Rundbogenfenstern erlaubt einen Blick ins Kircheninnere. Dort scheint alles an seinem Platz zu sein. Neben dem Eingang steht ein glockenloser Kirchturm. „An der Kirche hat der Zahn der Zeit genagt“, höre ich einen der drei Wanderer sagen, die den Weg hochkommen. Sie waren offensichtlich Kokkinuschka sammeln. Das ist ein besonders edler Pilz mit orangerotem Hut und Haselnussgeschmack, Lieblingsspeise auch der römischen Kaiser, wie sein wissenschaftlicher Name Amanita caesarea verrät.

Einer der beiden Herren, ein Pensionär, meint, dass das hier die ältere Kirche des Agios Nikolaos sei, die ein Erdbeben der Stärke 6,6 auf der Richterskala im Jahr 1995 baufällig und unzugänglich gemacht hat. „Die Dorfbewohner, das heißt diejenigen, die nicht weggezogen sind“, sagt nun der zweite, ein Polizist aus Grevena und Sohn des anderen Herrn, „besuchen den Gottesdienst jetzt etwas weiter oben in der neuerrichteten Kirche, ebenfalls dem Agios Nikolaos geweiht. Es gab ein Versprechen, die alte Kirche nach dem Erdbeben wieder aufzubauen, aber wie Sie sehen, gab es bisher keinerlei Fortschritte. Das Gebäude ist nicht sehr alt, darin ist auch Gehölz vom Bourinos beziehungsweise Pyrinos verbaut.“

bergkirchlein mit fenster

„Meinen Sie Bourinos beziehungsweise Vourinos?“, frage ich. „Nein, ich meine Pyrinos oder sogar auch Pourinos, wie ihn andere nennen. Der Berg, den wir heute sehen, war einst ein Vulkan. Irgendwann gab es eine Eruption und glühende Materie wurde in die Luft geschleudert, heiß wie Pyr, das altgriechische Wort für Feuer.“ – „Lava heißt das, Opa “, ergänzt jetzt der dritte Wanderer, ein junger Mann. „Ja, Lava, danke! So, kommen Sie mal hierher. Sehen Sie hinter den Kiefern des Kirchhofs den schwarzen Hang? Diese Farbe kommt nicht von verbranntem Unkraut, es ist Lavagestein. Deshalb nennen wir den Berg bei uns auch Pyrinos.“

„Hier gibt es aber auch viel Wasser“, werfe ich ein. „Als ich den Hang zur Kapelle des Agios Athanassios hinunterging, sah ich einen kleinen See voller Wasser, eine Tränke für die Tiere und rechts der Straße einen langen, durchgehenden Wasserkanal aus Natursteinen, der gut gewartet wird.“ – „Richtig. Die reichen Wasserressourcen dieser Region waren einst die treibende Kraft von fünf Wassermühlen. Auch heute wird mit diesem Wasser die Siedlung versorgt und es ist geplant, damit Flaschen abzufüllen und zu vermarkten. Stellen Sie sich vor, wie viele Menschen in dieser Abfüllanlage arbeiten könnten. Das Dorf würde aufleben, es gäbe Ruhm und gute Einnahmen für die Region“, sagt der Rentner etwas enttäuscht, dass es noch nicht so weit ist.

flusslandschaft vor bergen

Ich verabschiede mich von den Pilzsammlern, setze meine Reise fort und komme nach Vari, das letzte Dorf vor der Landstraße Vari-Aiani. Dieser Straßenabschnitt von Exarchos nach Vari ist eine fast durchgehend gerade Strecke. Linkerhand verläuft weiterhin der Bourinos, während auf der rechten Seite größere Flächen von Ackerland und Weiden zu sehen sind. Die durchgehende rote Linie, die von der Kamera eingefangen wird, ist der Zaun eines Tierhaltungsbetriebs in der Nähe eines Berghangs. Gegenüber von diesem roten Zaun zeichnet sich eine natürliche rote Linie ab. Das ist ein Schürfgebiet für Chromit, dem Rohstoff zur Herstellung von rostfreiem Stahl.

feld mit roter linie vor bergen

Um lästigen Fragen und möglichen Verboten des Wächters zu entgehen, bin ich auf einen nahe gelegenen Hügel gestiegen, von dem aus ich die neue Chromitverarbeitungs- und -anreicherungsanlage sehen kann. Hier also liegen die unterirdischen Stollen des Minerals mit dem enormen wirtschaftlichen Wert, dessen Vorkommen in der Region Bourinos auf etwa 5 Millionen Tonnen geschätzt wird. Wahrscheinlich handelt es sich um die umfangreichsten Chromitvorkommen Griechenlands. Die Existenz des Minerals im Bourinosgebirge ist seit Beginn des vorigen Jahrhunderts bekannt. In der Nähe des Nachbardorfes Chromio haben immer wieder griechische Firmen geschürft. Es gibt auch Berichte über die Ausbeutung von Chromit durch die Deutschen während der Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg und Hinweise, dass die Partisanen das verhindern wollten.

Die wirtschaftlichen Vorteile dieses Bergbaus sind sicherlich enorm. Aber zu welchem Preis für die Umwelt? Kann man von „Schändung der Erde“ sprechen, wie der Architekt und Vordenker Dimitris Pikionis (1887-1968) schrieb? Solche Gedanken kommen in solchen Fällen wie von alleine. Ich sehe bereits die irreversiblen Auswirkungen auf die Umwelt: Der Bergbau hat die ursprünglichen Merkmale der Landschaft und das Relief des Berges ästhetisch und in seinem Wesen verändert, dazu kommen die ständige Staubbildung und die Lärmbelastung. Aber vielleicht können die Maßnahmen der sogenannten Umweltverträglichkeitsstudien, die die Bergbauunternehmen erstellen müssen, diese Vorkommnisse etwas mildern. In den letzten Jahren werden Anstrengungen unternommen, das Bourinosgebirge in das Netzwerk der UNESCO Global Geoparks zu integrieren. Angebote wie geführte Wanderungen zu geologischen Besonderheiten und zu Bergbaumonumenten könnten den Tourismus und damit die wirtschaftliche Entwicklung der Region unterstützen.

Rasch durchfahre ich die Siedlung Vari, die sich zwischen den Ausläufen der Berge Bourinos und Kissavos befindet. Es ist nicht der Berg Kissavos (oder Ossa) in Thessalien – der sich in dem bekannten Volkslied aus der Zeit der griechischen Befreiungskämpfe gegen die Osmanen sogar mit dem Olymp anlegte und von dem Goethe so angetan war, dass er den Text ins Deutsche übersetzt hat (siehe https://epub.ub.uni-muenchen.de/11828/1/fauriel_11828.pdf, Seite 15) –, sondern der Kissavos hier, der etwa 800 Meter niedriger als der Bourinos ist. Er also ist ein Teil von Natura 2000, einem zusammenhängenden Netz von Schutzgebieten innerhalb der Europäischen Union. Langsam fahre ich am kleinen Dorfplatz vorbei, wo eine Marmorstele an die zivilen Opfer erinnert, als das Dorf während der deutschen Besatzungszeit niedergebrannt wurde. Einige Meter weiter links bin ich wenig später wieder auf der Straße Richtung Chromio und Aiani.

feld vor bergen mit wolken

Die Fahrbahn ist schiefergrau vom Regen, der wenige Minuten zuvor eingesetzt hat, Ton in Ton mit den bleischweren Wolken, die sich am Gebirgskamm des Bourinos festgesetzt haben. Dazwischen die dunklen Hänge und das goldschimmernde Feld mit den Stoppeln des geernteten Getreides. Auf der ganz geraden Strecke bis Chromio kann dieser Anblick wie ein Gemälde wirken, das jeden Vorbeifahrenden von der Fahrbahn abzulenken droht. Zu dieser riskanten Schönheit der Landschaft gesellen sich noch die Regengüsse und die Schlaglöcher, die hauptsächlich auf die schweren Lastwagen zurückzuführen sind. Die Warnschilder verdeutlichen es: Achtung! Baustellen-Ausfahrt. Damit werden die zahlreichen Schürfstellen inerter Materialien rechts und links der Straße gekennzeichnet. Die Schutthalden und der Berg im Hintergrund erwecken den Eindruck einer Einheit. Es ist wahrscheinlich einer der wenigen Fälle einer ästhetisch ansprechenden Koexistenz von technischem Eingriff und der Natur selbst. Ich fahre langsamer, die Fahrbahn ist mit Erdklumpen übersät, die ein Traktor auf die Straße befördert hat, als er eins der schlammigen Felder verließ, die noch nicht zum Schürfen genutzt werden. Kurz vor Chromio, dem Chromitendorf, sehe ich noch eine Mine – hoffentlich die letzte. Sie ist ein fast rechteckiger, terrassierter Krater. Gegenüber liegt die quadratische Wasserzisterne der Siedlung und in der Ferne ein imposantes Massiv mit einem Streifen in der Mitte. Ein Feldweg, auf dem gelbe Bagger klar zu erkennen sind. Auch dort sieht es aus wie auf einem Schlachtfeld.

terrassierte landschaft vor bergen

Die Wolken haben sich zum größten Teil aufgelöst. Die Sonnenkollektoren auf einem Dorfgrundstück richten sich rasch auf ihre Energiequelle aus. Auch ich kann einige Kalorien vertragen, eine kleine Stärkung ist jetzt angesagt. Kein Essen aus der Taverne, sondern etwas Schnelles auf die Hand. Nichts anderes als die bescheidene, aber nahrhafte Kombination von Brot, Käse und Tomate! Der Feta-Käse ist von hier, aus Chromio! Ich sitze am Brunnen mitten im Dorf. Neben mir steht eine Holztafel mit Touristeninformationen und ein Hinweisschild mit der Aufschrift „Museum des Makedonischen Kampfes“. Eine historische Dimension des Berges, die meiner Meinung nach neben dem geologischen und archäologischen Aspekt, ebenso einen Besuch lohnt. Der Museumskomplex besteht aus Herbergen, Steinbrücken, Statuen und Büsten griechisch-makedonischer Freiheitskämpfer und anderer historischer Figuren der jüngeren Vergangenheit. In der angrenzenden Kirche des Agios Nikolaos wurde 1878 die Provisorische Regierung konstituiert und, als Reaktion auf den „Frieden von San Stefano“, die „Revolution von Bourinos“ gegen Osmanen und Bulgaren ausgerufen.

steintreppe mit relief

Nach 4 km zwischen der niedrigen Vegetation des Berges und Neupflanzungen bin ich wieder in Chromio und dann auch auf der Landstraße Vari-Aiani. Die Landschaft wirkt deutlich anders. Wilder. Die Straße wurde den harten Felsen des Berges abgetrotzt. Die spärliche niedrige Vegetation gibt für Ziegen und Rinder wenig her. Rechts und links der Route sehe ich zum Teil sorgfältig errichtete, aber auch improvisierte, temporäre Stallungen. In einer Kurve kann ich zum Glück noch rechtzeitig bremsen: Eine Rotte Wildschweine wetzt in vollem Schweinsgalopp den Berghang runter auf die andere Straßenseite, wo der Fluss Aliakmonas ein weiteres Mal gestaut wurde und so der neue künstliche See von Ilarionas entstanden ist.

Ich lasse auch das fünfte und letzte Tier der Wildschweinrotte vorbeiziehen und halte ein paar Meter weiter wieder an, um die Aussicht auf den neuen See zu genießen. Seine unregelmäßige Form folgt den Ausläufen der sie umgebenden Gebirgskette und erinnert an einen Alpensee. Ein gut ausgebauter Feldweg unterbricht die Einheit der Landschaft. Es ist ein notwendiger Eingriff für die Lastwagen, die inertes Material, Olivin bzw. Dunit, einen relativ seltenen olivgrünen Stein, zu der nahe gelegenen Fabrik befördern. Diese Straße wird Mitte Januar jedes Jahr auch von den traditionellen Reitern aus Aiani und anderen Siedlungen genutzt, die die Reliquien des Osios Nikanoras vom Zavordas-Kloster, das sich hoch über dem Aliakmonas erhebt, nach Aiani überführen.

fluss, der sich durch landschaft schlängelt

Die Sicht reicht sogar bis zum künstlichen See Polyfytos östlich des Ilarionas-Stausees. Das ist ein wichtiges Gebiet zur Erhaltung der Artenvielfalt und insbesondere attraktiv als Schutzgebiet und Nahrungsquelle für Vögel.

Etwas außerhalb von Aiani, in der Nähe der ältesten Weinberge der Siedlung, gibt es Spuren weiterer Bergbauarbeiten, wahrscheinlich zur Gewinnung von weißer oder hellgrauer Kieselgur (pulverisierte Kieselerde). Das Aiani-Becken ist unter anderem für Ablagerungen von extrem feinem, bröckeligem Gestein bekannt, versteinerte Reste von Kieselalgen bzw. Diatomeen. Deutschland gilt heute als führend bei der Produktion und Verarbeitung von Kieselalgen. Es ist das Rohmaterial zur Herstellung von Filtern für die Zementindustrie (Isoliersteine) und zur Herstellung von Insektiziden.

Ein wilder Verbund grauer Wolken taucht am Himmel auf. Das Wetter schlägt um, Regen kündigt sich an. Noch ein paar Meter bis zu den ersten Häusern von Aiani. Mein Telefon klingelt. Es ist mein Neffe. Wenn ich in etwa 30 Minuten am neuen Stadion von Aiani vorbeikommen könnte, wäre sein Training beendet und ich könnte ihn abholen. Also habe ich genug Zeit, um der Kirche Agios Dimitrios von Aiani an den südwestlichen Ausläufen des Bourinos einen Besuch abzustatten. An der Kapelle des Agios Raphael biege ich links in einen unbefestigten Landweg ein und fahre ungefähr 2 km weiter, die großen und spitzen Steine der Strecke sind ​​dem Stadtauto nicht wohlgesonnen. Über mir verlaufen die Starkstromtrassen, die riesigen Trägermasten wirken wie Wächter der Umgebung.

berge mit himmel und stromleitungen

Zwischen trockenem Gras, Macchia und einem Eichenwäldchen steht die geweißelte Kapelle des Agios Nestor, einige Meter weiter die Ruine einer Feldsteinbasilika, der ersten aus nachbyzantinischer Zeit in dieser Gegend – wer weiß, wie lange noch…

  • haus und zwei bäume vor wolken

Von dort wandert mein Blick etwas höher zu einer felsigen Anhöhe mit der charakteristischen „schrägen Eiche“. Hier steht auch die dreischiffige Basilika des Agios Dimitrios mit ihrer einzigartigen, halbsechseckigen Apsis. In den weichen Stein ihrer Wände sind Sgraffiti eingraviert. Zu ihren Füßen und ganz in der Nähe der Bergausläufe wächst in diesem heiligen Bezirk, demütig in Zeit und Raum, ein Wald aus jahrhundertealten Eichen und Macchiasträuchern, die ganz besonders am 1. Mai den Bewohnern von Aiani, aber auch den Besuchern eines gemäßigten religiösen Tourismus, freigebig Schatten spenden. Eines Tourismus, der diesen heiligen Wald respektieren und ihn vor potenziellen Übeltätern schützen sollte, denke ich entrüstet vor einem gefällten Baum. Gleichzeitig bin ich angetan von der Aktion einiger Unbekannter, die die altersschwachen Äste einer Eiche mit Hölzern wie riesige Krücken abgestützt haben.

  • haus mit baum vor wolken

Für diesen Besuch hatte ich 30 Minuten zur Verfügung. Sie waren ebenso schnell vorbei wie das Wetter, das umgeschlagen ist. Die Wolken lauern schon über dem Bourinosgebirge, während drüben Richtung Aiani und Kozani der Regen wie ein schwerer grauer Vorhang auf die Erde fällt. Als die ersten Tropfen auf die Windschutzscheibe fallen, mache ich mich auf den Weg zum Fußballplatz, um Alexandros abzuholen. Ich wähle eine andere Route, die 500 Meter länger ist als die übliche, eine Schotterstraße ohne gefährliche Steine ​​und in der Folge sogar asphaltiert. Zur gleichen Zeit kehrt, wahrscheinlich wegen des schlechten Wetters, eine Herde eigenwilliger, flinker Ziegen in ihre Stallung Richtung Agios Nestor zurück. Ich halte an, bis die ganze Herde vorbei ist, grüße den sonnengegerbten Hirten und lege dann wieder den ersten Gang ein.

Nachdem ich an den Pinienhainen von Agii Anargyri und der Wasserzisterne vorbei bin, von der Aiani gespeist wird, gerate ich in einen kleinen Stau vor dem neuen Stadion von Aiani. Die Spieler der Ortsmannschaft „Aliakmonas“, benannt nach dem gleichnamigen Fluss, haben sich wegen des bevorstehenden Sturms chaotisch zu den parkenden Autos begeben. Irgendwo zwischendrin steckt auch mein Neffe. Wir müssen eine Weile warten, bis sich das Durcheinander gelegt hat. Mit Geduld ziehen wir dann am Ende der Autokolonne weiter. Links steht eine Reihe hochgewachsener Zypressen in toskanischem Stil. Wir haben eine kleine Herde von Pferden hinter uns gelassen, die unbeeindruckt vom plötzlichen Wetterwechsel weiter weiden.

grasende pferde auf weide vor landschaft

Dann sind wir in Aiani. In der Nähe der Kirche des Agios Georgios endet, meiner digitalen Karte zufolge, die Landstraße Vari-Aiani und damit auch meine Tour durch den westlichen Teil des Bourinos- oder Vourinosgebirges.

Text und Fotos: Paschalis Tounas. Übersetzung: A. Tsingas.

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