„Reactivate Greece by the Greeks…“

Langzeitdokumentation von Fred Plassmann

Berliner Dokumentarfilmer sucht Hinweise auf innovative Projekte, die durch alternative Sozialökonomie mehr soziale Gerechtigkeit anstreben! Fred Plassmann ist zur Zeit in Griechenland unterwegs, um an seiner Langzeitdokumentation „Reactivate Greece by the Greeks…“ zu arbeiten. Dadurch will er die derzeitigen Veränderungen und Perspektiven kartographieren. diablog.eu leitet gern Ihre Vorschläge und Tipps weiter!

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1994 bin ich das erste Mal über Athen nach Kreta gereist, um als Praktikant in dem jungen Architekturbüro von Jenny Mavraki in Iraklion zu arbeiten. Seit dieser Zeit verbindet mich eine tiefe Freundschaft mit der Architektin und über die Jahre des intensiven Kontakts haben sich viele weitere Freundschaften und Beziehungen zu Menschen auf der Insel entwickelt.

Die griechische Wirtschaftskrise erfasste 2010 auch Kreta. Mich erreichten dramatische Berichte über die Familie von Jenny und ihren Bekanntenkreis. In 2013 besuchte ich die Insel und fing an Interviews zu führen, mit Jenny, ihren Freunden und Bekannten. Sie hatten sich zu einer „Parea“ zusammengefunden: Einer Wahlgemeinschaft von Menschen, die sich verbunden fühlen und sich gegenseitig im immer schwieriger zu bewältigenden Alltag unterstützen. In ihren wöchentlichen Treffen diskutierten sie politische Themen und mögliche Wege aus der Krise. Sehr viele Menschen waren in existentielle Notlagen geraten und die staatlichen Einrichtungen aus Geldmangel nahezu kollabiert. Zudem erreichten auch immer mehr flüchtende Menschen aus Syrien die Insel. Im Bekannten- und Freundeskreis entstanden Initiativen für soziale Einrichtungen und Netzwerke um den Ausfall der staatlichen Fürsorge aufzufangen, in ehrenamtlichem Engagement entstanden so z.B. kostenlosen ärztlichen Einrichtungen und Beratungsstellen.

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Jennys „Parea“ mit ihren engagierten Mitgliedern als Nukleus einer neuen Bewegung für mehr soziale Gerechtigkeit faszinierte mich und es entstand die erste Idee einer Langzeitdokumentation über die Wirtschaftskrise in Griechenland – auch um dem verzerrten Bild Griechenlands in der deutsche Medienlandschaft etwas entgegenzusetzen.

Seit 2013 besuche ich nun jährlich Kreta und führe Interviews mit dem gleichen Personenkreis und anderen Personen aus dem näheren Umfeld, seit 2016 auch in Athen.

So ist in den letzten 5 Jahren durch die Interviews und Dokumentation von Diskussionsabenden und Veranstaltungen ein Zeitdokument der jüngsten griechischen Geschichte entstanden – eine Chronik der politischen und gesellschaftlichen Veränderungen in der griechischen Gesellschaft. Die Interviews der letzten 5 Jahre zeigen die Verzweiflung, die Hoffnung und die Euphorie vor den Wahlen 2014, die Freude nach den Wahlen, die Enttäuschung nach dem Referendum, die Resignation. Kontroverse Diskussionen dokumentieren auch die unterschiedlichen Meinungen zu einer neuen griechischen Gesellschaft.

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Durch das langjährige Spardiktat der Troika, die Auflagen der europäischen Union wie auch die Maßnahmen der 2014 neugewählten linken Regierung (z.B. extrem hohe Steuerauflagen) erlebt Griechenland eine Zeit des wirtschaftlichen und politischen Stillstands, der wenig Hoffnung auf eine Erholung der Volkswirtschaft in den gängigen Mustern macht.

Zugleich entwickelt sich im Hintergrund der medialen Aufmerksamkeit eine alternative Sozialökonomie mit Agrar- und Produktionskooperativen und sozialen Krankenhäusern, die auf ehrenamtlichem Engagement beruhen. Diese parallele Ökonomie steht für mich beispielhaft für neue Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens und –wirtschaftens. Gerade in Zeiten verstärkt global und unangreifbar agierender Wirtschaftsmächte, für die das Bestehen gesunder Volkswirtschaften bestenfalls eine untergeordnete Rolle spielt, ist diese Entwicklung in Griechenland ein Zeichen des Wandels und der Hoffnung – auch für uns in Deutschland, wo alles noch „in Ordnung“ zu sein scheint, sich aber die Schere zwischen Arm und Reich unaufhaltsam auseinanderbewegt, der Staat seine Fürsorgepflicht in Privathände abgibt und soziale Absicherungen sukzessive abgebaut werden.

Ich erlebe in Griechenland einen Aufbruch in eine andere Gesellschaft, die neue Wege ausprobiert und sich auch wieder auf menschliche Werte besinnt.

Für diesen Sommer 2017 plane ich eine Tour quer durch Griechenland. Mein Ziel sind sozial arbeitende Gruppierungen und Kooperativen. Hier möchte ich Menschen kennenlernen, ihre Projekte und Ideen, um einer Bewegung nachzuspüren, die ich bei meinen letzten Besuchen auf Kreta gespürt habe – eine Bewegung in der griechischen Bevölkerung, die sich als zukunftsfähige Alternative zu unserer bestehenden, profitorientierten, umweltzerstörerischen momentanen Lebens-und Wirtschaftsweise herausstellen könnte.

Auf meiner Sommerreise quer durch Griechenland werde ich Interviews führen, positive wie auch negative Tendenzen untersuchen, dokumentieren und auswerten. Mein Ziel ist die Erstellung einer neuen medialen Landkarte: „Reactivate Greece by the Greek… Beispiel für eine zukunftsfähige soziale Ökonomie“.

Text und Filmstills: Fred Plessmann. Website: www.urbanfilmlab.org. Verfolgen Sie Fred Plassmans Reise über Instagram: https://www.instagram.com/rethink2017/

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2 Gedanken zu “„Reactivate Greece by the Greeks…“

  1. jassas, ich möchte auf zwei interessante Artikel zum Thema „Perspektiven auf Selbstorganisierung in Griechenland – Kollektivbetriebe im Agrarsektor Kretas“ hinweisen.

    „Im Zuge der Organisierungsbestrebungen in Griechenland gründen sich seit einiger Zeit vermehrt Kooperativen, welche aus einem anarchistischem Selbstverständnis heraus die Produktion von Lebensmitteln neu organisieren.“

    „Auf Kreta besteht dabei natürlich eine besondere Nähe, denn neben dem Tourismussektor trägt die Landwirtschaft hauptsächlich zum Einkommen der Einwohner*innen bei. Angebaut werden dabei vor allem Oliven und Gemüse sowie Obst, welches nicht nur Kreta, sondern ganz Griechenland versorgt und darüber hinaus sogar exportiert wird. Während Bäuer*innen immer aggressiver unter dem Druck von Lizenzerwerbungen geraten, sei es von Pharma- und Agrarkonzernen und der Europäischen Union in Bezug auf Anbaurechten von „nicht-normierten“ Sorten, der Verwendung von (genmanipuliertem) Saatgut und Pestiziden, wird auch der globale Widerstand gegen diese Industrialisierung der Landwirtschaft, befeuert von Monsanto, EU & Co, größer.“

    „Auf Kreta gibt es einige interessante Ansätze selbstorganisierter Netzwerkarbeit im Agrarsektor……..“

    http://lowerclassmag.com/2017/02/artikelserie-zu-anarchistischen-und-libertaeren-perspektiven-auf-selbstorganisierung-und-kapitalistischer-krisenverwaltung-in-griechenland-57-kollektivbetriebe-im-agrarsektor-kretas/

    „Im letzten Artikel haben wir die politische Vernetzung „Integral Cooperative Heraklion“ vorgestellt. Zusammen versuchen die Aktivisten, der kapitalistischen Agrarwirtschaft eine solidarische und ökologische Alternative entgegenzustellen. So haben wir einen Einblick in den Aufbau eines nicht-kapitalistischen „Produzenten-Konsumenten“-Netzwerks erhalten. Mit dem folgenden Beitrag über die Oliven-Kooperative „Becollective“ auf Kreta kann dieser Eindruck weiter vertieft werden.“

    http://lowerclassmag.com/2017/03/artikelserie-zu-anarchistischen-und-libertaeren-perspektiven-auf-selbstorganisierung-und-kapitalistische-krisenverwaltung-in-griechenland-67-fuer-das-getriebe-der-bewegung/

    Ich möchte auch dieses Buch empfehlen: Solidarität ist alles, was uns bleibt. Solidarische Ökonomie in Griechenland
    Solidarische Ökonomie in der griechischen Krise
    Lisa Mittendrein
    Taschenbuch, 208 S., 16,00 €
    AG Spak (2013)

    vg, kv

  2. Zum Projekt von Fred Plassmann: Lesvos Solidarity ist ein bewundernswertes dozialökonomischescProjekt, das sowohl Grichen als auch Flüchtlingen in Not hilft. Vermutlich kennt Ihr das bereits. Efi Latsoudi & Co haben ja bereits mehrfach zu recht Auszeichnungen erhalten.
    Besten Gruß
    Katharina Cramer-Hadjidimos

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