Sifnos: Lichtstücke

Artikel von Susanne Isabel Yacoub

Kurzfilm über Sifnos noch bis 2. Juli 2017 im Museum für Völkerkunde in Hamburg zu sehen: Susan Chales de Beaulieu bat Menschen auf der Kykladeninsel Sifnos, sich für einen Moment ihren Gedanken hinzugeben. Zusammen mit ruhigen Szenen aus dem Alltag der Insulaner entstand so ein elf Minuten langer Film, der den atmosphärischen Höhepunkt einer kleinen Ausstellung im Hamburger Museum für Völkerkunde ausmacht.

Filmplakat

Eine junge Frau steht frontal vor der Kamera. Ihre langen, dunklen Haare wehen im Wind, ihre Augen sind geschlossen. Es ist ein schönes Gesicht, ein sympathisches dazu, auf dem ein versonnenes, zugleich offenes Lächeln die Mimik bestimmt. Die Architektin und Filmemacherin Susan Chales de Beaulieu bat Menschen auf der Kykladeninsel Sifnos, sich für einen Moment ihren Gedanken hinzugeben, Tagträumen zu folgen. Oder sich einfach nur dem stets präsenten Wind auszusetzen. Mit ihrer Aufforderung wandte sich die Regisseurin und Raumforscherin nicht nur an Personen, die sie von ihren Besuchen her gut kannte, sondern auch an Zufallsbegegnungen.

Alle halten gelassen dem forschenden Blick der Kamera stand, ob Inselarzt, Bergbauer oder eben die junge Frau, die am Hafen ein Café betreibt. Selten weicht der Blick der Porträtierten aus. Höchstens, wenn die Vorboten eines Sturms mit dunklen Wolken heran dräuen oder weil jemand ein bisschen lachen muss. Ruhige, fast statische Kameraeinstellungen folgen treibenden Wolken am Himmel oder dem Zipfel eines Bergmassivs, das sich überm glitzernden Meeresspiegel erhebt. Sie fangen nackte Kinderfüße ein, die über Treppen huschen, oder Schafe, die mit Feigenblättern gefüttert werden. Dabei ist das ja eigentlich ein Architekturfilm, zumindest ließ sich die Hamburgerin de Beaulieu von Architekturstudenten und Lehrenden der Hochschule Ostwestfalen-Lippe auf die griechische Insel locken. Nun ergänzt der elf Minuten lange Film als atmosphärischer Höhepunkt eine kleine Ausstellung im Hamburger Museum für Völkerkunde: Kirchen, Dörfer und traditionelle Töpferkunst auf Sifnos, akribisch erforscht im Lebenswerk des Architekturprofessors Friedrich Wagner.

Während der Film sich mehr und mehr zur Reflexion über Baukunst entwickelt, gerät der Zuschauer in einen eigentümlichen Sog. Wir blicken einer Frau über die Schulter, die historische Dorffotos durchblättert, aufgenommen vor 60 Jahren. Wir gelangen hinter die kühlen weißen Fassaden ins wohnlich geordnete Zuhause einer alten Dame. Wir entdecken, manchmal erst im letzten Moment, bevor die Szene wechselt, ein Detail in Mauern und Fugen. Und wir werden aufgesogen von der akustischen Welt der Dörfer. Neben dem Wind dringen Fetzen von Alltagsgeräuschen an unser Ohr, als seien wir selbst Gäste in den schmalen, doch perfekten Gassen.

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„Ich wollte vor allem das architektonische und gleichzeitig soziale Gefüge entdecken. Wie Menschen leben, wie Menschen bauen, wie das auf so einem kleinen Flecken Erde funktioniert, auf einem Inselchen, das da im Meer schwimmt“, berichtet Susan Chales de Beaulieu. Ihr Film ist dabei so prägnant puristisch wie die sagenhafte Kykladenarchitektur selbst. Statt eines gesprochenen Kommentars oder Interviews wählte die Filmemacherin Zitattafeln, weiß auf schwarzem Grund: Tiefenwirksame Anmerkungen, von Maler Paul Cezanne über den griechischen Philosophen Heraklit bis zu Peter Zumthor, Baumeister und Architekturtheoretiker der Gegenwart. Auf diese Weise vermeidet de Beaulieu die schwärmerische Falle, in welche Berichte über die ästhetischen Kykladeninseln oft geraten.

„Ich wollte die Idylle vermeiden und präzise schauen, wie die Verhältnisse auf so einer Insel weit weg von den Großstädten sind. Wie spiegelt sich da möglicherweise auch die griechische Gesellschaft, die so gebeutelt ist in diesen Jahren.“ Gefunden habe sie nicht nur eine Architektur, die regional und funktional alle Bedürfnisse abdecke und gleichzeitig einen so modernen Atem ausstrahle, betont sie. Entdeckt hat sie auch, wie die Inselbewohner dem Sozialen einen Raum geben und so der Krise standfest gegenübertreten.

Sifnos – Poesie des Lichts. – Bis 02.07.2017, Museum für Völkerkunde, Hamburg

Text: Susanne Isabel Yacoub. Filmplakat und Filmstills: © Susan Chales de Beaulieu

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