Das Österreichische Sprachdiplom in Griechenland

Bilanz nach drei Jahren Praxis

Neben den Prüfungen des Goethe-Instituts und dem Staatlichen Fremdsprachenzertifikat des griechischen Bildungsministeriums gibt es auch das Österreichische Sprachdiplom (ÖSD), insgesamt also drei Möglichkeiten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, im Rahmen des Europäischen Referenzrahmens Deutschkenntnisse prüfen und zertifizieren zu lassen. An den Bedürfnissen von Schülern orientiert, hat das ÖSD-Institut seit 2014 seinen Sitz in der traditionsreichen Athener Moraitis-Schule, wo sich diablog.eu mit Maria Christina Ruttner, der Abteilungsleiterin für Deutsch traf.

Wie lange gibt es das ÖSD schon?

In Österreich selbst wurde es 1996 als offizielle Prüfung zum Nachweis deutscher Sprachkenntnisse eingeführt. Träger ist ein gemeinnütziger Verein, hinter dem staatliche Einrichtungen – die Ministerien für Unterricht, Wirtschaft und Finanzen sowie die Universitäten Klagenfurt und Wien – als Kontrollorgane stehen. Das ÖSD bietet keine Kurse an, nur Prüfungen. Der Prüfungsstoff orientiert sich am Europäischen Referenzrahmen. Weltweit gibt es ca. 500 ÖSD-Prüfungszentren, an denen jährlich über 70.000 Kandidaten geprüft werden.

In Griechenland wurden 1998 erste ÖSD-Prüfungen durchgeführt, zuerst in der Sprachschule Gleiss, später im Deutschen Kurshaus in Maroussi. 2013 wurde mir angeboten, das ganze Prüfungs-Projekt zu übernehmen und daraus ein ÖSD-Institut zu machen. Die Moraitis-Schule, an der ich zu jenem Zeitpunkt schon als Abteilungsleiterin für Deutsch tätig war, erklärte sich damit einverstanden, dass dieses Institut seinen Sitz in der Schule nimmt, was nun seit 2014 der Fall ist. Das Athener ÖSD-Institut ist die einzige Außenstelle der Zentrale weltweit. Alle von der Zentrale entwickelten Innovationen werden zunächst hier getestet bzw. eingeführt und dann schrittweise weltweit implementiert.

Wie kommt es zu dieser Sonderstellung des Athener ÖSD-Instituts?

Das hat mit der enormen Zahl der Kandidaten zu tun. Von Österreich aus ist es kaum nachzuvollziehen, wie viele Menschen hierzulande sich ihre Deutschkenntnisse attestieren lassen wollen.

Wie gestaltet sich die Kooperation mit den weiteren Anbietern von Deutschprüfungen in Griechenland?

Aus meiner Sicht spielt der Gedanke der Konkurrenz dabei keine Rolle, ich stelle mir das vielmehr als ein Miteinander vor und als Möglichkeit von Alternativen für die Kandidaten. Letztlich geht es allen beteiligten Trägern um die Vermittlung der deutschen Sprache.

Ein Monopol ist immer schlecht, während man von Kollegen etwas lernen kann und oft Anregungen erhält, um etwas besser zu machen, einfach weil man andere Dinge sieht. Im Zentrum steht jedoch die deutsche Sprache und die Unterstützung von Wissen über den deutschsprachigen Raum; um das zu fördern, sollte man in jedem sich anbietenden Fall kooperieren. Selbstverständlich arbeiten wir, etwa bei Projekten, mit dem Goethe-Institut zusammen, schicken Schüler in dessen Sprachkurse und fördern jeden, der dessen Prüfungen favorisiert; daran darf überhaupt kein Zweifel bestehen.

Wo bietet aus Ihrer Sicht das ÖSD den Kandidaten alternative Optionen an?

Insgesamt versuchen wir im ÖSD-Institut, die Kandidaten praktisch und psychisch dadurch zu entlasten, dass wir insgesamt und im Einzelfall besonders kandidatenfreundlich sind. Der Hauptsatz ist: Die Prüfungsteilnehmer müssen sich wohlfühlen. Unser Vorteil dabei: Aus der jahrelangen Erfahrung von Moraitis-Schülern mit den Prüfungen des Goethe-Instituts war recht gut bekannt, wo es Optimierungsbedarf im Hinblick auf die Bedürfnisse von Kandidaten gab, so dass wir darauf mit Alternativen für die Betroffenen und auch deren Eltern reagieren konnten. Allerdings: Kandidatenfreundlichkeit ist für uns definitiv kein Marketing-Instrument und hat überhaupt nichts mit inhaltlicher Kulanz bei den Prüfungen selbst zu tun.

Auch bieten wir den Kandidaten an, bei den B2-Prüfungen ein griechisch-deutsches Lexikon und bei C1- und C2-Prüfungen ein deutsches Wörterbuch, etwa Duden oder Wahrig, zu benutzen. Das soll ein Hilfsmittel sein, um z.B. ein Schlüsselwort zu finden, keine Zeit damit zu verlieren und nicht irgendwo im Prüfungsstoff hängen und zurück zu bleiben.

Wir ermöglichen ab der B1-Prüfung, das Hörverstehen mit Hilfe von Kopfhörern zu prüfen. Auf diese Weise können sich die Kandidaten sehr viel besser konzentrieren, egal, ob nebendran jemand niest oder hustet. Die Module Hören und Lesen sind bekanntlich die Schwachpunkte bei der neuen B1-Prüfung und durch diese technische Hilfe wird der Prüfungsablauf enorm erleichtert. Für die Module Schreiben und Sprechen kann man leichter nach „strategischen“ Kriterien vorbereiten.

Und als „Kirsche auf der fertigen Torte“ übergeben wir nach getaner Tat, d.h. nach bestandener Prüfung den Kandidaten zusammen mit dem Zertifikat auch eine beglaubigte Übersetzung ins Englische und Griechische.

Zu erwähnen wäre noch, dass man bei den A1-, A2-, B2- und C1-Prüfungen den nichtbestandenen Teil der schriftlichen und mündlichen Prüfung innerhalb eines Jahres so oft man will wiederholen kann, bis die Gesamtprüfung im Kasten ist. Bei den anderen Stufen, d.h. bei B1 und C2 gilt sowieso das modulare System. Ab dem 1. Januar 2018 werden weitere „Entzerrungen“ der verschiedenen Prüfungsschritte eingeführt, um den Kindern und Jugendlichen ein wenig von dem ungeheuren Druck zu nehmen, unter dem sie ihre gesamte Schul- und Lernlaufbahn absolvieren.

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Sie sprachen gerade von strategischer Prüfungsvorbereitung? Was ist damit gemeint?

Damit spreche ich die fast ausschließliche Fokussierung des Deutschunterrichts auf die Prüfungsvorbereitung an, wie er hier in Griechenland betrieben wird. Das geht einher mit der Frage, der sich Deutschlehrende täglich gegenüber sehen: Welches Deutsch lehren wir? Das Prüfungsdeutsch oder die Sprache? Sollte man den Kindern und Jugendlichen beibringen, die jeweiligen Prüfungen zu bestehen oder sie mit dem deutschen Sprachalltag nach Aspekten kommunikativer Kompetenz vertraut zu machen. Bei diesem Thema agieren wir ununterbrochen in einem Spannungsfeld, denn zum Bildungserfolg nach den Vorstellungen griechischer Eltern gehört auch eine möglichst große Zahl von Sprachnachweisen auf möglichst gehobener Stufe, und das mit guten Ergebnissen. Deswegen ist Sprachenlernen in Griechenland sehr vom Prüfungsprozess her geprägt.

Wie gehen Sie als Pädagogin damit um?

In der Grundschule versuchen wir ernsthaft, uns mit der Sprache auseinanderzusetzen, in Form von Spielen, musikalischen und künstlerischen Aktivitäten, dem Einsatz neuer Technologien, indem wir an Wettbewerben teilnehmen oder kulturelle Veranstaltungen mit den Kindern besuchen, ihnen Geschichten, Märchen und Theaterstücke näherbringen. In höheren Klassen gibt es wegen des hohen Stundenvolumens an Schul- und Förderunterricht, aber auch an der bloßen Vorbereitung für die jeweils anstehenden Sprachprüfungen dafür einfach keinen zeitlichen Spielraum mehr. Das Lernen konzentriert sich notgedrungen auf Prüfungsvorbereitung, denn das entspricht dem allgemeinen Erwartungshorizont. Das bedeutet, hier wird vom Lehrer eine „strategische“ Vorbereitung eingefordert, und zwar unter einen beachtlichen Zeitdruck, denn Ende Juni muss man mit dem Curriculum durch sein.

Doch im Gegensatz zum Englischen haben die Kinder und Jugendlichen keinen täglichen außerunterrichtlichen Sprachkontakt mit der deutschen Sprache, etwa über die Medien, Internet, Musik oder Kinobesuche. Das bedeutet für uns Lehrer eine tägliche Herausforderung, die landeskundlichen und alltagssprachlichen Aspekte so weit wie möglich in die „strategischen“  Rahmenbedingungen der Prüfungsvorbereitung einzubringen. Diese Vision jedenfalls leitet uns im Alltag immer, und wir versuchen, sei´s auch nur Teile davon umzusetzen. Als Beispiel für das Feedback von Kindern möchte ich zitieren, was kürzlich eine Schülerin der Grundschule meiner Kollegin geschrieben hat: „Ich liebe Deutsch. Ich hoffe, ich liebe Deutsch auch im Gymnasium. Meine Schwester besucht die 8. Klasse. Sie mag Deutsch, aber sie liebt es nicht mehr. Sie macht die B1-Prüfung.“ In anderen Ländern ist es unfassbar, das sogar schon 10- bis 11-jährige Kinder Sprachprüfungen ablegen sollen. Mit dieser Ambivalenz haben wir täglich zu tun. Sie leitet sich nicht nur aus den elterlichen Erwartungen her, sondern stellt ein gesamtgesellschaftliches Problem dar: Wie belegt man in Griechenland Sprachkenntnisse, welche Relevanz haben sie, wie werden sie auf dem Arbeitsmarkt gegen mögliche Mitbewerber ins Spiel gebracht? Wahrscheinlich haben wir es hier in Griechenland mit einer Sondersituation zu tun.

Maria Christina Ruttner ist Absolventin der Deutschen Schule Athen, hat Germanistik in Österreich und Athen studiert und ihren Master von der Fernuniversität Patras erhalten. Mit 29 wurde sie Abteilungsleiterin für Deutsch in der Moraitis-Schule. 2014 übernahm sie parallel dazu die Leitung des ÖSD-Instituts Griechenland.

Die Fragen stellte Andrea Schellinger.

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