Milos – Schatzinsel, aus Vulkanen geboren

Reiseartikel von Tobias Schorr

Tobias Schorr beschreibt für diablog.eu eine seiner Lieblingsinseln: Milos. Seit 2001 beschäftigt er sich als Fotograf und Reiseleiter mit der Insel. Am 19. Januar 2018 präsentiert er im Restaurant & Theater „Friedenau“ in Stuttgart alle Facetten der Insel.

Etwa 150 km südlich der griechischen Hauptstadt Athen befindet sich die Insel Milos – berühmt als Fundort der Venus-Statue, die sich heute im Pariser Louvre befindet. Aber nicht nur in archäologischer Hinsicht ist Milos eine spannende Insel.

Nur wenige wissen, dass Milos zu den als aktiv geltenden Vulkanen der Ägäis zählt und man auch heute noch Zeichen von Vulkanaktivität beobachten kann. Vor etwa 5-6 Millionen Jahren gab es zahlreiche, unvorstellbar heftige Vulkanausbrüche, die nach und nach die Inseln Antimilos, Kimolos, Polyägis und die Hauptinsel Milos erschufen. Hunderte Meter vulkanischer Asche bedecken noch heute die Inseln und dort, wo Thermalwässer durch die Schichten und Risse flossen, reicherten sich wertvolle Bodenschätze an.

Milos hat nicht nur in der Umgebung, sondern im ganzen östlichen Mittelmeerraum Spuren hinterlassen. Schon in vorgeschichtlicher Zeit, also vor etwa 6000 bis 7000 Jahren, wurde an alten Vulkanen ein besonderer Rohstoff abgebaut. Er war so wichtig wie heutzutage etwa Stahl und entstand beim raschen Abkühlen zähflüssiger, siliziumhaltiger Lava. Wenn heftige phreatische Explosionen Gesteinstropfen hoch in die Atmosphäre schleudern oder wenn ein Lavastrom sehr schnell abkühlt, entsteht vulkanisches Glas, sogenannter „Obsidian“. Diese dunkelgrauen bis schwarzen Knollen wurden von den prähistorischen Inselbewohnern auseinandergebrochen. Ihre technischen Fähigkeiten waren so gut ausgeprägt, dass sie aus dem muschelförmig splitternden Glas feine Messer und Pfeile brachen, die sogar heikle Operationen an lebenswichtigen Organen ermöglichten.

Noch heute findet man in vielen prähistorischen Ausgrabungen in Griechenland die aus Obsidian gefertigten Waffen, die vor mehr als 7000 Jahren auf dem Seeweg überallhin exportiert wurden. Milos war sozusagen das prähistorische „Silicon Valley“. Auch heute noch wird Obsidian für Klingen in der Chirurgie verwendet, da man damit äußerst exakte Schnitte machen kann.

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Die Naturschätze der Insel sind Chance und Gefahr zugleich. Noch heute lagern im Boden von Milos Erze im Wert vieler Milliarden Euro. Die halbe Insel ist von Bergwerken geprägt, in denen wertvolle Industriemineralien abgebaut werden. Aber wem ist schon klar, dass er mit der Verwendung von Katzenstreu zur Zerstörung dieser wunderschönen Insel beiträgt?
Denn Katzenstreu wird aus „Bentonit“ gewonnen, der für eine „Katzentoilette“ im Grunde viel zu schade ist. Mit Bentonit wird der Boden in trockenen und unwirtlichen Gegenden verbessert und fruchtbar gemacht.

Auch der feine, weiße Putz an vielen Neubauhäusern stammt aus den Vulkanen von Milos. Das dafür benötigte „Perlit“ wird am Rand der Kaldera Tsingrado abgegraben. Ganze Kraterfelder mit Dutzenden kleiner, perlithaltiger Krater sind sozusagen schon auf LKWs „gewandert“. Denn dieses Mineral, das zur Gruppe der „Zeolithe“ gehört, hat eine besondere Eigenschaft, die es besonders wertvoll macht. Erhitzt man das zerkleinerte Mineral, so verhält es sich wie Popcorn. Das im Kristallgitter enthaltene Wasser dehnt sich aus und vergrößert bei etwa 700-900 Grad Celsius das Volumen um ein Mehrfaches. Dadurch erhält man ein ideales Material zum Filtern von allen möglichen Flüssigkeiten. Perlit wird viel in der Nahrungsmittelindustrie verwendet – zum Beispiel, um Bier zu filtern. Die Frage stellt sich daher angesichts dieser Schätze: Wie lange wird die Schönheit dieser Region noch erhalten bleiben?

Zwei der auffälligsten Vulkane der Insel Milos erblickt man gleich als erstes, wenn man mit dem Schiff in die zentrale Bucht der Insel einfährt. Der Gipfel des Profitis Ilias dominiert die Insel und der etwas niedrigere Chontro Vouno nebenan ist von kleinen Fahrwegen durchfurcht. Darauf transportierte man vor einigen Jahren Bohrmaschinen, um das Innere der Vulkane zu erkunden. Schon an ihrer Oberfläche erkennt man Risse, die durch Quarz und Amethyst gefüllt sind. Diese hübschen Kristalle sind zwar nicht von Edelsteinqualität, aber an ihren Rändern befinden sich kleine Hohlräume, die oft mit goldglänzendem Pyrit gefüllt sind. Dieses Mineral kennt man als „Katzengold“, das als nicht besonders wertvoll gilt. Es hat aber eine besondere Eigenschaft: In seinem atomaren Kristallgitter gibt es Hohlräume, die sich bisweilen mit wertvollen Stoffen, wie Kupfer, Silber und Gold füllen. Und Gold ist an den Vulkanen zwar fast immer zu finden, jedoch meist nicht abbauwürdig. Nicht so in Milos! Es gibt Goldgehalte von bis zu 9 Gramm auf eine Tonne Material. Und das macht die Insel für den Goldabbau interessant. Man hat errechnet, dass in den Vulkanen, die die Insel dominieren, Goldvorräte von mehreren Milliarden Euro stecken. Der Bergbauindustrie läuft also das Wasser im Mund zusammen…

Doch in den letzten zwei Jahrzehnten wurde der Tourismus immer wichtiger für die Insel, wobei die letzten zwei Jahre besonders erfolgreich waren. Da fragten sich viele Bewohner, ob es Sinn macht, die Insel durch den Abbau der Mineralien für immer zu zerstören. Ist das Gold erst mal abgebaut, bleiben nicht nur giftige Reste zurück, sondern man richtet darüber hinaus Landschaft und Natur zugrunde. Die Insel ist dann für immer unattraktiv. Der Tourismus verspricht dagegen eine dauerhafte, sichere Einnahmequelle, ohne dass man die Schönheit der Insel beeinträchtigt. Es organisierte sich also großer Widerstand und die Bergbaufirmen mussten ihren Traum vom schnellen Gold erst mal ad acta legen.

Die Bewohner von Milos hatten schon einmal schlechte Erfahrungen mit ihren geologischen Schätzen gemacht. In den 1980er-Jahren versuchte die staatliche Stromgesellschaft, Geothermie zu nutzen, und baute ein Geothermiekraftwerk. Doch leider, ohne die Erfahrungen anderer Länder wie Italien oder Island zu nutzen. So wurde der Umweltschutz vernachlässigt. Bohrungen und Energiegewinnung waren zwar erfolgreich, durch mangelhafte Technik wurden jedoch die umliegenden Felder mit Schwefel, Arsen und anderen giftigen Stoffen belastet. Die Einheimischen verloren das Vertrauen in diese im Grunde vorbildliche Energiegewinnung, und jetzt stinkt wieder das technisch veraltete Dieselkraftwerk zum Himmel: Wie man es auch dreht und wendet, der Schaden bleibt bestehen. Dabei könnte man in geringer Tiefe in Schichten bohren, in denen 200-400 Grad heiße Lösungen zirkulieren, welche die Energieversorgung nicht nur von Milos allein sichern könnten.

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Milos ist eine wunderschöne Insel mit einer atemraubenden Küste aus vulkanischen Felsen in vielfältigen Farben. Da sind die tiefroten Felsen am Nordwestkap Vani, die schwarzen Lavasäulen bei der Sykia-Meerhöhle, die weißen Klippen von Kleftiko und die bunten Felsen bei Paliochori. Der Vulkanismus hat eine einmalige Landschaft geschaffen, die viel zu schade ist, um für die Produktion von Katzenstreu abgebaggert zu werden!

Milos ist ein große Insel. Wer dort wandert, sollte sich gut vorbereiten, denn im Westteil der Insel gibt es so gut wie keine touristische Infrastruktur. Bis zur Agia-Marina-Kirche kommt man hingegen gut mit dem Leihwagen. Dort in der Nähe führt eine schöne Route auf den höchsten Vulkan der Insel mit grandioser Aussicht. Auch die Wanderroute an der Nordküste ist für jeden geeignet, der ein wenig Ausdauer besitzt. Vor Ort gibt es ein gutes System von ausgeschilderten Routen, die im Rahmen des Programms „Miloterranea“ der Gemeinde Milos erstellt wurden.

Noch ist Milos nicht vom Massentourismus überlaufen. Aber das könnte sich ändern, würde man den kleinen Flughafen ausbauen und würden regelmäßig Kreuzfahrtschiffe anlegen. Auf Milos gibt es keine großen Hotels, daher kann man noch in Ruhe die Insel erkunden. Der nachhaltige Tourismus ist die größte Chance der Insel und das beste Instrument gegen die Zerstörung durch Bergwerke, die den Ostteil der Insel durchfurcht haben. Aber ohne Bergbau könnten viele Milier nicht ganzjährig auf der Insel leben. Vielleicht sollte man den Betrieb der Minen nicht nur negativ sehen. Denn er verhindert, dass sich Milos vollkommen abhängig vom Massentourismus macht. Wenn die Betreiber ihre Minen nach der Ausbeutung vernünftig rekultivieren würden, könnte der Schaden minimiert werden. Zudem haben die Bergbaufirmen viele wichtige Einrichtungen finanziert, wie etwa das absolut sehenswerte Bergbaumuseum in Adamas.

Text und Fotos: Tobias Schorr. Textredaktion: Michaela Prinzinger.

Dauer des Vortrags: 60-70 Minuten
Eintritt frei!
Einlass um 18:30
Beginn um 19:00

Adresse:
Restaurant Theater Friedenau
Rotenbergstraße 127
70190 Stuttgart
Tel. 0711 2626924
Veranstalter: El Politismos

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Ein Gedanke zu “Milos – Schatzinsel, aus Vulkanen geboren

  1. Moin und Kalimera, sehr interessanter Artikel.

    Würde mich freuen den Vortrag über Milos mal in Hamburg zu sehen.

    vg aus Hamburg, kv

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