Kavafis, mit anderen Worten

Buchvorstellung von Elena Pallantza

Über das Werk von Konstantinos Kavafis ist einmal gesagt worden, es habe selten so viel Aufmerksamkeit für so wenig Lyrik gegeben. Zu dem kleinen Korpus der 154 veröffentlichten Gedichte kamen nach seinem Tod die sogenannten „Verborgenen“, die „Verworfenen“ und die „Unvollendeten“ hinzu. Das Verlagshaus Berlin veröffentlichte 23 der 75 verborgenen Gedichte in einer von Anja Nolte ansprechend illustrierten zweisprachigen Ausgabe, die von der Stiftung Buchkunst als „eines der schönsten deutschen Bücher“ im Jahr 2016 ausgezeichnet wurde: „Konstantínos Kaváfis 1863-1933. Im Verborgenen“, übersetzt von Jan Kuhlbrodt und Jorgos Kartakis. Elena Pallantza schreibt darüber aus der Sicht einer Griechin und Lyrikübersetzerin.

 

Kavafis´ Nachlass kam erst Jahrzehnte nach seinem Tod Stück für Stück ans Licht und erlaubte neue Einblicke: nicht nur in die Werkstatt eines wenigschreibenden Autors, sondern auch in die Geheimkammer eines Meisters des Halbdunkels; eines Dichters jedenfalls, der Innen und Außen klar – und gewiss nicht ohne Opfer – voneinander trennte. 1968 erschienen zum ersten Mal in Athen die unveröffentlichten Gedichte aus dem Archiv. 1993 folgte eine Gesamtausgabe mit dem Titel „Verborgene (Gedichte)“, bereichert um Material, das in den Unterlagen von Freunden und Verwandten gefunden worden war.

Dem deutschsprachigen Publikum bot bereits 1991 die Ausgabe Konstantin Kavafis, Die Lüge ist nur gealterte Wahrheit (Carl Hanser Verlag) einen ersten, repräsentativen Eindruck vom Archivmaterial (Gedichte, Prosatexte, Artikel, Notizen, Tagebucheinträge etc.) an. Mit ihrem eher dokumentarischen Charakter sollte sie in erster Linie das Bild des geheimnisvollen Dichters ergänzen. Darin enthalten sind 15 verborgene Gedichte in der treuen Übersetzung von Asteris Koutoulas, der sich darum bemüht, etwas vom authentischen Kavafis-Klang – den er als Grieche unmittelbar versteht – im Deutschen zu bewahren:

Aus dem, was ich tat und sagte,
sollte niemand zu ergründen suchen, wer ich war.
Eine Barriere war errichtet und ließ mich
mein Handeln ändern und auch die Art, mein Leben zu führen.
Eine Barriere war aufgebaut, ließ mich
oft innehalten, wenn ich anhob zu sprechen.
Meine unscheinbaren Gesten
und meine Schriften, die vielschichtigsten –
nur mit ihnen wird man ein Bild sich von mir machen können.
Vielleicht aber lohnt´s nicht, aufzuwenden
so viel Sorgfalt und Kraft, um uns´rer Bekanntschaft wegen.
Schließlich – in der vollendeten Gesellschaft –
wird jemand, aus gleichem Holz wie ich,
sich frei offenbaren und handeln. (VERBORGENES, Übers. Α. Κ.)

Wenige Jahre später erscheint ein Großteil des unveröffentlichten Materials in der Gesamtausgabe des Amman Verlags (Zürich 1997) in der Prosaübersetzung von Robert Elsie, die sich nach dem Vorbild der emblematischen französischen Übersetzung von Marguerite Yourcenar orientiert. Zu den Vorzügen dieser Übersetzung gehören zweifellos ihre sprachliche Nüchternheit und ihr Rhythmus:

Aus alldem, was ich tat und sagte,
Möge keiner versuchen herauszufinden, wer ich war.
Ein Hindernis war da,
Das meine Taten und meinen Lebensstil gewandelt.
Ein Hindernis war da,
Das mich oft abhielt zu sprechen.
Meine unscheinbaren Taten,
Meine deutlich verschleierten Schriften,
Aus ihnen allein wird man mich verstehen.
Aber vielleicht lohnt sich solche Anstrengung
Und Mühe nicht, mich ausfindig zu machen.
Später – in einer vollkommeneren Gesellschaft –
Wird ein anderer, beschaffen genau wie ich,
Sich frei offenbaren und handeln. (VERBORGENES, Übers. R. E.)

Zwanzig Jahre später holt das Verlagshaus Berlin erneut 23 verborgene Gedichte aus der Schublade hervor. Auswahl und Übersetzung stammen diesmal von Jorgos Kartakis und Jan Kuhlbrodt, zwei renommierten Lyrikern und Lyrikübersetzern, die eindrucksvollen Illustrationen dazu stammen von Anja Nolte. Das titelgebende Gedicht VERBORGENES – allerdings jetzt mit UNSICHTBAR übersetzt – steht zu Beginn und schürt geschickt die Erwartung einer über Jahre vereitelten Offenbarung: Es ist, als tauchte Kavafis selbst aus der Vergangenheit auf und zöge endlich den Vorhang beiseite. Und wer könnte dem schon widerstehen, wenn er zugleich „eines der schönsten deutschen Bücher“ in den Händen hält?

Mein Handeln wird euch
nichts von mir offenbaren.
Meine Taten verbargen und verwandelten
mein Wesen und die Weise meines Seins.
Verwehrt war mir
zu sagen,
was ich sagen wollte.
Nur in heimlichen Handlungen
in verborgenen Schriften
bin ich als der erkennbar, der ich bin. Wahrscheinlich ist es aber
nicht der Mühe wert
mich darin zu suchen, zu finden.
Später – in einer besseren Welt – vielleicht
wenn ein anderer sich darin findet
wird das was ich war verständlich sein und frei. (UNSICHTBAR, Übers. J. K. & J. K.)

Κein wirklich neues Textmaterial also, und auch keine intimen Einblicke oder andere Überraschungen. Neu ist allerdings das ästhetische Ergebnis: Kavafis in neuer Form und mit neuer Stimme. Spontan muss ich an viele Kavafis-Kenner und -Leser denken – vor allem griechischsprachige –, denen es sicher schwerfallen würde, ihren Kavafis in dieser Ausgabe wiederzuerkennen. Aber wer ist eigentlich ihr Kavafis? Und wer ist unserer oder der jedes einzelnen von uns? Über welchen oder wie viele Kavafis reden wir, wenn wir über Kavafis reden? Und wer ist dabei wir? Und wie verhält es sich dann erst mit dem übersetzten Kavafis, der ohnehin in viele Einzelstimmen zersplittert? Trotzdem hat der Westen den Dichter ausschließlich durch Übersetzungen lieben gelernt, wie Jan Kuhlbrodt zurecht anmerkt – eine Tatsache, die für den Leser, der mit Kavafis´ unverwechselbarer Sprache vertraut ist, vollkommen unbegreiflich ist. In den meisten Fällen konnten die Übersetzer nicht einmal Griechisch.

Die Rezeption eines Autors im Ausland unterscheidet sich bisweilen stark von der im eigenen Land. Dass dieser ungewöhnliche Dichter, der sich am Rande der griechischen Welt bewegt hat und – wie die Geschichte gezeigt hat – der literarischen Produktion des Mutterlandes so weit voraus war, im Westen einen solchen Erfolg hatte, ist zunächst folgender Konstellationen zu verdanken: Einerseits seiner Bekanntschaft mit dem britischen Schriftsteller E. M. Forster und folglich der tiefen Vertrautheit Kavafis´ mit der englischen Literatur, Sprache und Kultur, die seine Lyrik beeinflussten, und andererseits dem Maler David Hockney, und nicht zuletzt seiner Homosexualität. Forster lernte Kavafis vor etwa hundert Jahren persönlich in Alexandria kennen. Er übersetzte seine Gedichte und stellte ihn Persönlichkeiten wie T.S. Eliot vor, der Kavafis‘ historical sense bewunderte und ihn ins Pantheon der Moderne aufnahm. Ein halbes Jahrhundert später entdeckt der junge, noch unbekannte Hockney via Lawrence Durrell Kavafis´ Werk. Um der besonderen Atmosphäre der Liebesgedichte nachzuspüren, reist er nach Ägypten und nach Beirut und fertigt die berühmten Radierungen an (Illustrations for Fourteen Poems from C.P. Cavafy, Tate Gallery). Dem Aufstieg zum international bekannten Lyrik-Star steht nichts mehr im Wege: Kavafis‘ Werk wird zum Gegenstand vielfacher künstlerischer Auseinandersetzung und wissenschaftlicher Forschung. Kavafis selbst wird zu einem Mythos, der die Zeit überdauert.

Die Auswahl des Materials, die Übersetzung und die Illustrationen der Ausgabe Im Verborgenen lassen sich also in diese westliche Tradition der Kavafis-Rezeption einordnen, mit der diese sich kreativ auseinandersetzt. Eine Tradition, die sich nachvollziehbarerweise nicht auf die Sprache und die griechische Prägung (im kulturellen und nicht im nationalen Sinne) fokussiert, sondern – um es mit den Worten von Durs Grünbein zu sagen – auf „sein(en) überzeitlichen Schönheitssinn und die verborgene Homosexualität, […] zwei Grundkräfte, die sich in seinem Leben widerstrebend zusammenfügten…“ (Der Spiegel 44/1997). Einerseits ist ein solcher Ansatz teilweise reduzierend und ignoriert die kulturell bedingten Besonderheiten des Originals (weil diese in der Zielkultur gewöhnlich unbekannt sind). Andereseits aber eröffnet er die Möglichkeit einer neuen dynamischen Annäherung, die frei von ideologischen Zwängen und dem schweren Erbe ist.

Daher lese ich Im Verborgenen nicht unbedingt wie „einen wunderbaren Beitrag zum Verständnis des diskretesten unter den Riesen“, – wie es der brasilianische Künstler und Dichter Ricardo Domeneck in seinem ansonsten sehr informativen Nachwort zusammenfasst. Ich lese es eher als ein reizvoll experimentelles Spiel mit Kavafis, das kreative Kräfte freisetzt und den Dialog zwischen Lyrik und bildender Kunst neu belebt. Als eine Nachdichtung, in der ein Stück Kavafis-Aura transportiert wird und die einen frischen Blick auf eine Lyriklegende wirft. Doch idealerweise sollten die Leser eine gewisse Kenntnis des Originals mitbringen, um Missverständnisse zu vermeiden bzw. Abweichungen wertschätzen zu können, zumal die Auswahl der Gedichte nicht besonders repräsentativ ist und die Übersetzung sich gewisse Freiheiten nimmt – was ihnen, aus anderen Gründen wiederum, guttut. Konkreter:

Mehr als die Hälfte der 23 Gedichte dieser Sammlung sind reine Liebesgedichte. Im Gesamtkorpus von 154 Gedichten macht diese Kategorie jedoch nur etwa ein Drittel aus und bei den 75 „Verborgenen Gedichten“ sogar nur ein Fünftel aus. Die übrigen Gedichte des Bandes sind lose um das Thema Liebe arrangiert: „Im Haus der Psyche“, „Wer scheiterte“, „Ewigkeit“, „Die Schachfigur“, „Zweite Odyssee“, „Auf dem Gräberfeld“, „Haus mit Garten“ usw. Der kundige Leser wundert sich nicht nur über den falschen Eindruck einer thematischen Vielfalt, sondern vor allem über die fast vollständige Abwesenheit des „historischen“ Kavafis, der sich selbst ausdrücklich als solchen bezeichnete. Der Grund dafür ist offensichtlich: Um diesen ungewöhnlichen Dichter für das deutsche Lesepublikum möglichst leicht zugänglich zu machen, beschränkte sich die Anthologie auf die eingängigeren Gedichte über die Liebe und andere allgemeine Themen und ließ dabei jene aus, die Kenntnisse der griechischen und byzantinischen Tradition und Geschichte voraussetzen. Bis zu einem gewissen Punkt sind die Kriterien der Übersetzbarkeit, Zugänglichkeit und Unterhaltsamkeit gerechtfertigt. Sie vermitteln allerdings zugleich ein einseitiges, ein verzerrtes Bild. Wird außerdem diesen Aspekten zu viel Bedeutung beigemessen, besteht die Gefahr, dass sie zu einem verfälschenden Filter werden, der schließlich mitbestimmt, was die Zeiten überdauern wird.

Die Übersetzung fließt im Deutschen wunderbar und ihr gelingen zwei wichtige Dinge: Erstens erschafft sie nicht bloß einen Widerhall des Originals, sondern eine eigene poetische Sprache, frei von der schrecklichen Starrheit, die häufig die dem Original vollkommen unterworfenen Übersetzungen kennzeichnet. Und zweitens trifft sie genau jenen nüchternen Stil, der den Kavafis-Sound in der deutschen Sprache überzeugend abbildet. Dies gilt an vielen Stellen ebenfalls für den Rhythmus: „Im Haus der Psyche toben die Passionen“ oder: „Wer scheiterte, wer niederging, / wie schwer für ihn, die Sprache der Armut und andere Manieren zu erlernen!“ Damit dies gelingen kann, muss sie sich vom Original befreien. Das geschieht wiederum nicht ohne Verluste: Manchmal werden unübersetzbare Worte und Stilfiguren geopfert, wie z.B. die für Kavafis typischen Wort- oder Phrasenwiederholungen, die zugegebenermaßen für Nichtkenner merkwürdig klingen, wie etwa der Satz „ein Hindernis war da“ im Gedicht UNSICHTBAR. Manchmal werden zugunsten eines besseren Verständnisses vom Dichter gewollte Unklarheiten und Mehrdeutigkeiten aufgeklärt, wodurch die leise und geheimnisvolle Sinnlichkeit der Gedichte zerstört wird.

An einigen Stellen werden Grundmerkmale der kavafischen Lyrik umgangen oder verändert, über die schon bücherweise Analysen geschrieben sind. Einige Beispiele: Wird im Gedicht JANUAR 1904 das Wort „zurück“ oder „wieder“ im Vers „und in Gedanken Augenblicke modelliere“ ausgelassen (ξαναπλάττω με τον νου), geht ein für Kavafis´ Dichtung wesentlicher Mechanismus, das „ästhetische Wieder-Erschaffen des Verlangens“, verloren. Übersetzt man „ύποπτα“ mit „verräterisch“ (statt etwa „verschwörerisch“) im Vers „die Liebe, die ich wollte – deine Augen, müde und verräterisch, gaben es preis – die hättest du mir geben können“ im Gedicht AUF DER TREPPE, ergibt der geschilderte Sachverhalt des erotischen Blicks wenig Sinn. Die Wiedergabe von „ich sah dein unbekanntes Gesicht und du sahst meins“ (είδα το άγνωστό σου πρόσωπο και με είδες) in „sah ich in deine Augen, wie du mich erkanntest“ im selben Gedicht, ist nicht nur inkorrekt (das Gesicht ist unbekannt, kann also nicht wiedererkannt werden), sie zerstört das bei Kavafis stets wiederkehrende Motiv der flüchtigen erotischen Begegnung. Für Kavafis-Kenner sind solche Verluste kaum hinnehmbar. Wer sich jedoch mit Übersetzung beschäftigt, weiß, dass diese bis zu einem gewissen Maße unvermeidlich und deshalb zulässig sind, dass auch ein Missverständnis durchaus zu wirkungsvollen oder gar wunderbaren ästhetischen Ergebnissen führen kann. Jan Kuhlbrodt hat sich diesbezüglich häufig in Artikeln zur „Aufgabe des Übersetzers“ geäußert. Da jedoch gerade bei der kreativen Übersetzung die Grenzen zwischen Gut und Böse fließend sind, würde ein Hinweis darauf, dass es sich hier um eine freie Wiedergabe oder sogar Nachdichtung handelt, auch den nichtsahnenden Leser vor dem Irrtum schützen, er lerne hier den fremden Dichter ganz unmittelbar kennen und begreifen.

Auch die radikalen Bilder von Anja Nolte, die sich über eine oder gar mehrere Seiten erstrecken und an mehrteilige Gemälde oder Graffiti erinnern, gehen über die Grenzen der einfachen Illustration hinaus und lassen das Buch eher an eine Graphic Novel erinnern. Sie dringen buchstäblich in den ohnehin schon engen Raum der Gedichte ein und machen auch vor den biografischen Angaben zum Dichter nicht halt – ein Hinweis darauf, dass die Kenntnis der Lebensdaten und -details dazugehört. So drängen sie uns zu einer psychoanalytisch ausgerichteten Lesart, die vor allem Kavafis´ unterdrückte sexuelle Orientierung thematisiert: Menschen und Anthropoide, undefinierte Apparate und hybride Maschinenmenschen, verzerrte Darstellungen von Tieren und Pflanzen in Szenen aus Kindermärchen, die sich in Albträume verwandeln oder in Räume, die an Folterkammern erinnern – als hätte jemand die dunklen Kräfte der Verdrängung freigesetzt. Eine solche Lesart wird wohlgemerkt durch einige Kavafis-Experten unterstützt, die das Verhältnis zwischen poetischem Schaffen und Sexualität bei ihm erforschen und zurecht die homophobe Starrheit vieler Kritiker der letzten Jahrzehnte anprangern.

Abgesehen von einem gewissen Vorbehalt gegenüber der Einseitigkeit einer derartigen Sichtweise, ist das, was mich hier in erster Linie interessiert, eine ästhetische Frage: der eklatante Gegensatz zwischen den Bildern und dem zurückhaltenden Ton der Gedichte, die sie illustrieren. Was verbindet diese stürmische und laute Darstellung des Obszönen, Furchterregenden, Bedrückenden, Krankhaften und Abstoßenden mit jenem Ästheten und Dichter, der wie kein anderer die Schönheit und Vollkommenheit der Form liebte und ein Meister der Nüchternheit und der Selbstkontrolle war? Während es Hockney ein halbes Jahrhundert vorher gelungen ist, Kavafis´ Liebeswelten mit einigen wenigen Strichen abzubilden, schlicht und doch voller Verlangen und vollkommen zum zurückhaltenden Ton des Dichters passend, lässt sich Nolte wohl vom „Verborgenen“ inspirieren und bewegt sich in die genau entgegengesetzte Richtung: Sie zeichnet überschwänglich die Macht des Verdrängten, die Gefühle der Schuld und der Angst, die wohl die Gedichte in der Schublade versteckt bleiben ließen.

Einen der vielen Kavafis-Aspekte bietet uns also das kleine braune Buch mit seinem Einband aus Pappe an. Und es tut dies zweifellos auf eine Art, die den Leser fesselt. Kavafis selbst hätte das höchstwahrscheinlich auch gefallen. Der offene Buchrücken mit den sichtbaren schwarzen Nähten, das Markenzeichen der Reihe „Edition ReVers“, in der das Verlagshaus Berlin „in Vergessenheit geratene“ Manuskripte herausgibt, vermittelt uns Lesern das Gefühl, wir würden Texte in der Hand haben, die direkt aus der Schublade stammen. Fast automatisch muss ich dabei an die besondere Art und Weise denken, mit der Kavafis seine Werke selbst veröffentlichte. Er gab nie ein Buch heraus, obwohl er dazu mehrfach Angebote bekam. Er ließ die Gedichte auf lose Blätter drucken, die er selbst zu Sammlungen zusammenband. Die sogenannten „Verborgenen Gedichte“ hinterließ er vorbildlich geordnet in einem Umschlag mit der Aufschrift „Soll bleiben“. Ich kann mir nur zu gut vorstellen, wie dieser „diskrete Riese“ seine Freude über die Initiative des Berliner Verlages gekonnt hinter seiner Bescheidenheit verbergen würde: „… Wahrscheinlich ist es aber nicht der Mühe wert, mich darin zu suchen …“. In Wirklichkeit wollte er immer genau wissen, wo und wann ein Gedicht von ihm erschien, und vermerkte dies penibel, selbst wenn es sich dabei um ein unbedeutendes griechisches Provinzblatt handelte.

Kavafis war sich seines Talents sehr wohl bewusst und überzeugt, dass ihm irgendwann in ferner Zukunft die verdiente Anerkennung zuteilwerden würde. Eines Tages, in einer Buchhandlung in Alexandria, diktierte er dem Korrespondenten einer französischsprachigen Zeitschrift folgende Worte, die er zuvor auf einem Zettel notiert hatte: „Kavafis ist meiner Meinung nach ein ultramoderner Dichter, ein Dichter kommender Generationen. Außer dem historischen, psychologischen und philosophischen Wert seiner Dichtung sind es folgende Elemente, deren Bedeutung erst von zukünftigen Generationen wirklich gewürdigt werden kann: die Nüchternheit seines geschliffenen Stils, der zuweilen lakonisch wird, sein ausgewogener Enthusiasmus, der geistige Emotionalität offenbart, seine treffenden Bilder, die Ergebnis einer aristokratischen Natürlichkeit sind, seine leichte Ironie…“. Ich bezweifle, dass es eine treffendere Charakterisierung des Phänomens Kavafis gibt als diese: entwaffnende künstlerische Selbsterkenntnis und -überzeugung verbunden mit präziser Voraussicht. Aber ein Detail, von dem die meisten vielleicht nichts wissen, scheint mir wichtig für jeden, der Kavafis wirklich verstehen möchte: seine enge Verbundenheit mit der alten literarischen Überlieferung. Denn mit dieser Selbstdarstellung reiht sich Kavafis in die spielerische Tradition der hellenistischen Dichter ein, die ihre eigenen Grabinschriften zu schreiben pflegten, in denen sie von sich und ihrer Kunst sprachen und somit selbst für ihren posthumen Ruhm sorgten. Mit anderen Worten: dieser hochmoderne Alexandriner, der „spätgriechische“ Dichter, wie ihn Brecht mit seinem dichterischen Gespür treffend nannte, erobert die Zukunft mit den Mitteln der Vergangenheit.

Womöglich ist gerade das die große Stärke des Buches: Dadurch, dass es Kavafis aus den Tiefen der Zeit so ausdrucksstark in die Gegenwart holt, entlarvt es die ganze Dimension des Kavafis’schen Paradoxons. Wie kann nämlich ein Dichter, der so hartnäckig der Vergangenheit, der Erinnerung und der Tradition zugewandt war, gleichzeitig so modern, allgegenwärtig und aktuell sein? Und diese Frage führt zu weiteren: Was bedeutet modern? Wie und warum lesen wir immer noch und immer wieder eine solche Dichtung? Ist sie wirklich modern oder fühlen wir uns durch die Autorität eines Mythos zu ihr hingezogen und tragen so zu dessen Erhalt, Reproduktion und sogar Kommerzialisierung bei? Wie gehen wir mit Alt und Neu um? Können sich das Gestern und das Heute sinnvoll austauschen, jenseits von Trends, Simplifizierung und Ignoranz? Gibt es richtige und falsche Herangehensweisen?

Die schönsten Bücher sind die, die genau dort Fragen aufwerfen, wo eine konservative Haltung nicht das letzte Wort haben darf. Letzten Endes entscheiden die Leserinnen und Leser, ob und auf welche Weise sie Kavafis entdecken oder neu entdecken möchten. Und womöglich können selbst für einen Mythos gewisse „Verstärker“ manchmal gut sein, wenn dadurch seine leisen Töne besser zur Geltung kommen – insbesondere bei einem fremdsprachlichen Publikum – und er in Interaktion mit dem Neuen tritt. Ein poppig-moderner Kavafis, der allen die Tür aufhält, die sich für ihn interessieren, ist schließlich besser als ein vergessener Kavafis. In den besten Fällen, wie bei der Anthologie Im Verborgenen, sind die Ergebnisse einer solchen Interaktion nicht bloße Verstärker. Sie sind Ausdruck der immerwährenden Metamorphosen des Mythos selbst.

Text: Elena Pallantza. Übersetzung: Ina Berger. Illustrationen: Anja Nolte. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus: Konstantinos Kavafis, 1863-1933, Im/Verborgenen, Übersetzung: Jan Kuhlbrodt und Jorgos Kartakis, Illustrationen: Anja Nolte, Nachwort: Ricardo Domeneck.

Finden Sie hier mehr Beiträge unseres Redaktionsmitglieds Elena Pallantza: „Die Frau von früher“ – deutsches zeitgenössisches Theater in Athen, Homerika, Die schwierige Kunst, „Himmelweg“ oder die Unsichtbarkeit des Grauens.

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2 Gedanken zu “Kavafis, mit anderen Worten

  1. Ach wäre das schön, diesen Kavafis zweisprachig zu haben.
    Αχ, πως θα ήταν ωραίο αν υπήρξε αυτό το βιβλείο δίυγλωσσο.

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