Die Nadeln des Aufstands – eine Kulturgeschichte des Strickens

Essay von Katerina Schiná, übersetzt von Doris Wille

Stricken ist nicht nur eine Tätigkeit für einsame Herzen oder bloß eine Freizeitgestaltung. Es ist gleichzeitig mathematische Gleichung, musikalische Partitur, visuelle Leinwand, poetisches Werkzeug, Waffe des Widerstands, Mittel der Sozialisierung, Feld feministischer Erkundung, Ausgangspunkt für Reflexion. Denn hinter dem Kunsthandwerk steht eine ganze Kultur.

Katerina Schiná, die seit Jahrzehnten ausdauernd strickt, fängt in ihrem Buch die vielen Facetten des Strickens ein und greift dabei auf Poesie und Prosa, Anthropologie, Sozialwissenschaften, bildende Kunst, Mathematik und Bewegungen der kritischen Hinterfragung zurück. Gleichzeitig beschreibt sie ihre „Strick-Karriere“ anhand der Geschichten rund um die Pullover, die durch ihre Handarbeit entstanden sind, und der Menschen, die sie tragen oder getragen haben. (Klappentext der griechischen Buchausgabe)

Das Buch liegt angenehm schwer in der Hand. Die Buchstaben des Umschlags im Halbrelief geben das Spitze der Stricknadeln wider, der dunkle, abstrakte Hintergrund bringt die Schrift zusätzlich zur Geltung.

Zwischen den Buchdeckeln verbirgt sich eine ganze Welt bislang verborgener Querverbindungen, das Buch ist eine Wundertüte.

Ein Strickbuch mit Kapiteln wie „Nadel und Schwert“, „Feministinnen, an die Nadel“, „Was ist ein Mann“, „Das Gedicht stricken“ und „Korallenriffe und Umweltsorgen“  macht neugierig – schauen wir mal rein:

Nadel und Schwert

Bevor ich zu den Nadeln griff, teilte ich allerdings die stereotype Einstellung meiner Generation zu allem, was praktisch und nützlich ist. Meine allererste Berührung mit einer Strickarbeit war ein Paar Söckchen aus rosa und weißer Wolle gewesen, in die ich hineinbiss, auf denen ich herumkaute und die ich über Wochen mit enormer Gewissenhaftigkeit ausfranste, bis es mir gelang, sie komplett zu zerfleddern. (Vielleicht lässt sich mein Interesse am Geheimnis des Strickens auf diese Zeit zurückdatieren.) Es folgten die unvermeidlichen grässlichen Kinderpullis, die meistens kratzig und viel zu warm waren, aus den Händen gelangweilter Großmütter, die sich nicht sonderlich um Muster und Farbkombinationen scherten. Bis ich mich groß genug fühlte, um sie ohne Rücksicht auf Verluste zu boykottieren, ganz zum Leidwesen meiner Mutter, für die mein Ableben infolge einer Lungenentzündung nur eine Frage der Zeit war.
[…]

pink bestrickter Panzer

Pink M. 24 Chaffee, A tank wrapped in pink Marianne Jørgenson/Dänemark; Photographer: Barbara Katzin (Edition Converso)

Feministinnen, an die Nadeln!

Wenn der Körper – in Begriffen Lacans27 – die Grenze zwischen dem wahren und dem erwünschten, dem realen und dem imaginä­ren, dem inneren und dem äußeren Selbst ist, wenn die Stoffe, die sich zwischen die Haut und die Außenwelt schieben, oft entweder als Ersatz für den Körper oder als Vehikel für seine Präsentation dienen, damit der biologische Körper Bedeutung und Gestalt an­nimmt oder vielmehr als die Ganzheit erscheint, die er sonst nie­mals sein könnte, und wenn schließlich die »Materialisierung des Geschlechts«, um mit Judith Butler zu sprechen, durch regulative Normen geschieht, die sich auch durch die Bekleidung konsoli­dieren, dann wird deutlich, worauf die Bejahung des Strickens, der Nadeln und der Scheren seitens der dritten Welle der Frauen­bewegung beruht: nämlich auf dem Verweben und seinem Zerrei­ßen, dem Zusammennähen und Auftrennen. Denn was sonst sind die »Ausschnitte«, die Schlitze, die Öffnungen? Es sind die Ele­mente, die Diskontinuität und Mängel suggerieren, es sind die Symbole des Defizits, die Gegebenheiten, die unaufhörlich jene beharrliche psychoanalytische Frage aufwerfen, mit der sich die Geschlechtsidentität herumplagt, die aber auch das erotische Ver­langen bestimmt; das Verlangen, das nichts anderes ist als die Brücke zwischen Fragmentierung und möglicher Vervollständi­gung.
[…]

27 Jacques Lacan (1901-1981), französischer Psychoanalytiker. Das Imaginäre und das Reale sind, wie auch das Symbolische, zentrale Begriffe in Lacans Theorie.

Was ist ein Mann?

»Woher weiß ich denn, wie ich als Mann sein soll?«, fragt sich der zeitgenössische, in Arizona lebende Künstler Mark Newport und entlehnt »weibliche Praktiken«, um über die Rolle als Mann und über die männliche Identität als Konstrukt zu sprechen. Nach sei­ner Ausbildung an der Kunsthochschule in Chicago widmete sich Newport zunächst der abstrakten Skulptur. Er war vertraut mit dem Werk der Radikalfeministin Andrea Dworkin und mit den Ar­beiten von Eva Hesse und Louise Bourgeois, zweier Bildhauerin­nen, die die Materialien für ihre Kunst neu definierten und dabei nicht zögerten, sich auch mit vollkommen wertlosem Material ab­zugeben. Später, als er in die heimische Welt seiner Kindheit zu­rückkehrte – er war ein begeisterter Sportfan und ein besessener Sammler von Karten mit prominenten Fußballern und Basketball­spielern –, begann er zu sticken und die Sammelkarten, die seine damaligen Idole zeigten, mit Perlen zu verzieren. »Dekorative Kri­tik an der Männlichkeit« nennt Newport die Arbeiten der ersten Phase, »Erforschung der äußeren Häute oder Hüllen der Identität, ohne das Wissen über die innere Machart«. Dann wurde er selbst Vater und sah sich mit der Herausforderung durch Normen kon­frontiert. Schon bald lehrte ihn die eigene Erfahrung, dass die Va­terschaft nicht unbedingt ein Garant für Stabilität und Sicherheit ist. Es war die Zeit, in der er anfing, seine heute berühmte Reihe Superhero Costumes (Kostüme für Superhelden) zu stricken.
[…]

strickender Opa

Nikolaos Gyzis: Großvater und Enkelkind, 1882 (Edition Converso)

Das Gedicht stricken

Das Ganze beginnt mit einer einfachen Schlinge
und Nadeln. Mit Wort und Stift.49
Gwyneth Lewis

Zur Feier des hundertjährigen Bestehens der britischen Poetry So­ciety (Lyrikgesellschaft) im Jahr 2009 hatten deren Mitglieder den Plan ausgeheckt, das erste gigantische Strickgedicht der Welt herzustellen. »Ich habe immer gedacht, dass der Prozess des Schrei­bens eines Gedichts dem des Strickens sehr ähnlich ist«, bemerk­te Gwyneth Lewis, Lyrikerin und erklärte Strickerin, in einem Be­gleittext zur Veranstaltung der Society. »Bei beidem gibt es eine ähnliche rhythmische Wiederholung, die in einen leichten Tran­cezustand führt, eine Art Erhebung. Und es berührt mich, dass beides der normalen Alltagszeit entspringt, die man sich oft von den sogenannten wichtigen Tätigkeiten stiehlt.« Das Stricken als handwerkliches Gegenstück zur Dichtkunst. Oder anders gesagt, das Strickgewebe als Reminiszenz an den Text.
[…]

49 Aus Gwyneth Lewis: How to Knit a Poem. Bloodaxe Books 2005. Für dieses Buch aus dem Englischen von Alissa Walser.

Korallenriffe und Umweltsorgen

Entlang der Küste von Queensland erstreckt sich vor Australien das Great Barrier Reef. Dieses große Korallenriff ist ein wahres Feuer­werk an Farben und Formen, wie es nirgendwo auf der Welt seines­gleichen hat. Ein schöner und verletzlicher Riese, der durch Erder­wärmung und Umweltverschmutzung bedroht ist. Die Bedrohung geht vor allem von der australischen Bergbauindustrie aus, von ih­ren Plänen, das größte Steinkohlebergwerk der Welt zu bauen und es an eine neue Schifffahrtslinie anzuschließen, die mitten durch das Riff führen soll. Wissenschaftler befürchten, dass es in den kommenden Jahren veröden wird. Doch engagierte Häklerinnen haben schon vor Jahren begonnen, das Riff zu verteidigen. Das Korallenriff durch Häkeln zu schützen und zu erhalten, ist er­klärtes Ziel eines Projekts des Institute For Figuring (IFF, Institut für Darstellung – eher frei übersetzt), das die Mathematikerin und Physikerin Margaret Wertheim und ihre Zwillingsschwester Christine, eine Philosophieprofessorin, vor ein paar Jahren in Los Angeles gegründet haben: ein unermesslich großes Korallenriff, geschaffen mit der Häkelnadel, inspiriert von dem herrlichen aus­tralischen Korallensystem, dieser unvorstellbar reichen Quelle an Biodiversität, das in immer rasanterem Tempo verblasst, zerfällt und verschwindet. Die Wertheim-Schwestern hatten die Idee zu diesem Häkelprojekt; sie realisierten es zunächst nach und nach im Wohnzimmer ihres Hauses in Los Angeles, um es dann in an­deren Städten und Ländern fortzuführen und zu einer globalen Bewegung zu machen, wobei sie selbst von den unerwarteten Aus­maßen überrascht waren, die es über die Jahre annahm.

[…]

Die Übersetzerin und Herausgeberin Doris Wille, die den Originaltext flüssig und kunstfertig übertragen hat, erläutert zu guter Letzt den facettenreichen Gebrauch des Verbs πλέκω/pleko/stricken in der griechischen Alltagssprache.

Die poetische Nachlese der ins Deutsche übertragenen Gedichte von John Taylor, Jackie Cay, Pablo Neruda, Jo Shapcott, und Emily Dickinson rundet das Buch ab, gefolgt von einer umfassenden Bibliographie, dem Index der im Buch genannten Kunstwerke, dem umfangreichen Namensregister, dem Bild- und Textquellenverzeichnis und den nichtdeutschsprachigen Bildunterschriften.

Wer sich trotz der überbordenden Lebenslust, die dieses Buch auszeichnet, nicht mit ihm anzufreunden vermag, der werfe bitte einen Blick in das Verlagsprogramm der Edition Converso – Mediterrane Sprachwelten. Aus sämtlichen Regionen rings ums Mittelmeer und den dort gesprochenen Sprachen gibt es hier Belletristik, erzählende Sachbücher, aber auch Lyrik zu entdecken – immer in optisch und haptisch ausgezeichneter Gestaltung.

buchdeckel

Die deutsche und die griechische Ausgabe

Die Nadeln des Aufstands – Eine Kulturgeschichte des Strickens
Aus dem Griechischen und hrsg. von Doris Wille, 2021
Ausgezeichnet mit dem Griechischen Staatspreis für Essay und Sachbuch (2015)
216 Seiten, mit 14 farbigen Abbildungen und einer Lyrikabteilung.
Gedichte übertragen u. a. von Alissa Walser
ISBN: 978-3-9822252-5-8
Preis: 28,- € [D], 28,80 € [A]

PS: Die Verlegerin Monika Lustig würde gern eine große Ausstellung mit allen Künstlerinnen und Künstlern machen, die im Buch erwähnt werden. Das sollte jetzt die deutschen KuratorInnen auf den Plan rufen.
Die Nadeln des Aufstands sollen auf der Art Cologne gezeigt werden.

Katerina Schiná (Athen 1956) studierte Jura an der Universität Athen und Musik an der Nationalen Musikhochschule. Sie hat für Zeitungen, Zeitschriften, Radio und Fernsehen gearbeitet und ist seit 1986 Mitarbeiterin der griechischen Nationaloper. Sie lehrte Kulturberichterstattung an der Panteion-Universität Athen (1995-2004) und literarische Übersetzung am EKEMEL (Europäisches Zentrum für die Übersetzung von Literatur und Wissenschaft, 2002-2011). 1997 wurde sie von der Hellenischen Gesellschaft der Literaturübersetzer für die Übertragung von „Sehr blaue Augen“ der Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison und 2008 von der Zeitschrift Gourmet für die Übersetzung von Ben Schotts „Sammelsurium Essen und Trinken“ (2008) ausgezeichnet. Ihr Buch „Die Nadeln des Aufstands. Eine Kulturgeschichte des Strickens“ wurde 2015 mit dem Griechischen Staatspreis für Essay und Sachbuch geehrt.

Doris Wille hat Germanistik und Kunstgeschichte studiert und ein Aufbaustudium in Journalistik und Öffentlichem Recht absolviert. Aus dem Griechischen übersetzt sie sehr erfolgreich seit 1998. Als Übersetzerin und Journalistin widmet sie sich unter anderem der deutschen Okkupation Griechenlands im Zweiten Weltkrieg und dabei vor allem der Oral-History. Für ihre Befragung von Zeitzeugen auf der griechischen Insel Kefalonia, auf der sie wohnt, wurde sie vom italienischen Verein „Associazione Nazionale Divisione Acqui“, der sich dem Gedenken an die Soldaten der gleichnamigen Division widmet, mit einem Orden geehrt. Auf Kefalonia wurden im September 1943 mehrere Tausend italienische Offiziere und Soldaten von der deutschen Wehrmacht exekutiert. Das Massaker auf Kefalonia gehört zu den größten Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs.

Text: Verlage Kichli und Converso, A. Tsingas. Übersetzung: Doris Wille. Fotos: Edition Converso.

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