«Gra-Gru»: Graphic Novel aus Griechenland in Berlin

Einladung zum internationalen literaturfestival berlin 2018

9. September 2018: Graphic Novel Day beim ilb berlin 2018 und «Gra-Gru», ein griechisches Beispiel, ist 16-17 Uhr im Haus der Berliner Festspiele mit dabei! Die Drehbuchautoren Giannis Palavos und Tassos Zafeiriadis und der Zeichner Thanassis Petrou beschreiben für diablog.eu ihre Arbeit. Am Sonntag, den 30. September 2018 übersetzt Michaela Prinzinger Beispiele aus dieser Graphic Novel zusammen mit dem Publikum in der Amerika-Gedenk-Bibliothek Berlin, 13-14.30 Uhr, im Rahmen des Hieronymustages, des internationalen Übersetzertages.

Tassos Zafeiradis

ein Mann mit SonnenbrilleDas erste Bild, das ich vor mir sah, war die Steinbrücke, die im Nebel verschwindet. Die Wahl des Restaurants «Gra-Gru» als Ort der Erzählung geschah eher assoziativ, aufgrund der Nebelbänke, die es des öfteren in der Landschaft um das Dorf Kastania liegen. Diese Straße kennen alle Nordgriechen, die die Gegend aus der Zeit vor der Fertigstellung der Via Egnatia-Autobahn kennen.

«Gra-Gru» war eine Wegmarke an der in Serpentinen gewundenen Strecke voller Lastkraftwagen, an der der Schnee immer hoch lag. Es war ein kleiner hübscher Bau aus den 1920er-Jahren, der nach dem alten Griechenland duftete, das sich in der Erzählungen der Älteren immer noch findet. Das war der Ausgangspunkt, von dem die Geschichte nach und nach mit Material, auf das wir unterwegs stießen, angereichert wurde. Der heilige Christophoros mit seiner Kapelle gleich gegenüber des Lokals «Gra-Gru» überquert den Fluss mit dem Jesuskind geradeso wie die Brücke. Dann war da noch die Geheimsprache der Bauleute, die im Sommer ihr Zuhause verließen, um die Steine zu behauen. Und da waren die traditionellen Handwerksleute wie der berühmte osmanische Meister Mimar Sinan oder Ziogas Frontzos aus Pyrsogianni, aber auch Erzählungen von Einwohnern aus Kastania, deren Straße nach 2004 für immer verödete.

Die steinerne Brücke ist ein vieldeutiges Symbol des Fortschritts und des Übergangs. Die altüberlieferte Sage vom Menschenopfer, das dargebracht werden muss, damit eine Brücke auch hält, verwandelt sich hier in die Opferung der regionalen Gesellschaft, die von der alten Straße lebte, damit eine moderne Autobahn mit ihren Talbrücken gebaut werden konnte, wodurch die Entfernungen minimiert und der heiß ersehnte Fortschritt in diese Gegend gebracht wurde.

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Giannis Palavos

ein MannDas kleine Restaurant «Gra-Gru», das auf den alten Nationalstraße zwischen Kozani und Veroia achtzig Jahre lang stand, ist Teil meiner Kindheit. Immer wenn wir mit der Familie aus meinem Dorf nach Thessaloniki fuhren, machten wir dort Halt. In mein Gedächtnis haben sich viele Einzelheiten eingeprägt: der knarrende Holzboden, der knisternde Ofen, die Gestalt der alten Köchin, aber auch die Kapelle des heiligen Christophoros, des Schutzheiligen der Reisenden, die gegenüber stand und immer noch steht, während das «Gra-Gru» 2004 im Zuge der Bauarbeiten für die neue Straße abgerissen wurde. Am beeindruckensten aber waren die Landschaft und die Stimmung: das Gebirge und der Wald und selbst im Sommer war es dort oben kühl, und im Winter herrschte dichter Nebel. Als Tasos Zafeiriadis, mit ich 2001 bereits einen anderen Comic schrieb, mir eine Story vorschlug, die im «Gra-Gru» spielen sollte, sagte ich sofort zu. In unserer Graphic Novel fungiert dieses kleine Lokal, das in ganz Nordgriechenland ein Begriff war, als eine Art Wartesaal: Reisende kommen von überallher, um die in den Nebel getauchte Brücke zu überqueren, die hinter dem Gebäude beginnt. Jeder von ihnen hat seine eigenen Gründe dafür – und diese Geschichten wollten wir erzählen, indem wir teils auf unsere eigenen Erlebnisse Bezug nahmen, teils auf die Volkstradition und regionale Sagen.

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Thanassis Petrou

Mann der Buch signiertMit Giannis Palavos und Tassos Zafeiradis arbeitete ich 2011 zum ersten Mal im Comic «Der Tote» zusammen, das war unsere «Feuertaufe» gewesen. Tassos hatte mir damals die Idee von «Gra-Gru» kurz als eine Geschichte von einer Brücke dargestellt, die ins Unbekannte führt. Erst gut drei Jahre später bekam ich das Drehbuch in die Hand. Und es gefiel mir auf Anhieb, weil es regional «gefärbt» ist und historische Teile enthält, ohne jedoch ein historischer oder folkloristischer Comic zu sein.

Die bekannte Wegmarke des «Gra-Gru» bot den Anlass, um vor den Augen des Lesers eine Geschichte aufzurollen, die einen zutiefst existenziellen Charakter hat. Die Erzählung ist lückenhaft und die Dialoge sind sparsam. Daher war es wichtig, dass es mir zeichnerisch gelang, Räume und Stimmungen wahrheitsgetrau einzufangen, aber gleichzeitig auch die Ruhe und das Schweigen zuzulassen, das die Erzählung durchzieht, und dabei ikonografisch interessant zu bleiben und weder den Leser zu ermüden noch ins Melodramatische abzugleiten.

Text: Giannis Palavos/Tassos Zafeiriadis/Thanassis Petrou. Übersetzung: Michaela Prinzinger. Fotos des historischen Lokals: Tassos Anastasopoulos.

Außerdem: Am 8. September 2018 wird ein Werk des Komponisten Itay Dvori aufgeführt, das unter anderem von «Gra-Gru» inspiriert wurde: http://literaturfestival.com/festival/programm/2018/specials-en/graphic-novel-day-en/concert-with-itay-dvori-israel-d

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