Farbige Hinterlassenschaft

Eine Bilderchronik von Kyriakos Sifiltzoglou

diablog.eu präsentiert Aufnahmen des Dichters und Fotografen Kyriakos Sifiltzoglou von einer Reise zu verlassenen Häusern im Norden Griechenlands, aber auch auf Chios.

Dort überall gibt es alte Häuser, die – obwohl sie unbewohnt sind – die Farbe an ihren Wänden hartnäckig verteidigen. Die meisten sind fast hundert Jahre alt, sie wurden 1922 von Muslimen erbaut. Im Zuge des Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei mussten die alten Bewohner gehen, die christlichen Flüchtlinge kamen und vereinnahmten die Häuser. Jetzt schweben sie in der Zeit, und mit ihnen der Staub, die Spinnen und die Fledermäuse – bis die Natur sie eines Tages allesamt verschluckt. Bis dahin verbergen sie sich jedoch in Überresten von Wänden, die wie gerahmte Bilder, wie Gemälde sind.

Sie bewahren die intensiven Farben, wie eine alte Frau, die ihren Lippenstift nicht aufgeben will – wider die Falten, wider die Risse. Es sind Mauern, die Gegenstände und Spuren eines vergangenen Lebens zeigen. Der Mensch mag hier seit Jahrzehnten schon abwesend sein, aber eine Strickjacke, ein Heiligenbild, eine Hose, ein Kopftuch und einige Bilder halten durch, solange der Nagel hält, an dem sie hängen. Die Häuser wirken wie Ampeln, die dauerhaft auf Orange geschaltet sind – weder auf Rot noch auf Grün; es ist ein Schwebezustand, bis das Dach in sich zusammenfällt.

Wie eine Vorgeschichte, die sich im Kreis dreht – kaum beißt sie sich in den Schwanz, versteinert sie. Wände wie Anwesenheitslisten, wie Wachsfiguren, wie der unerhebliche Rest einer Subtraktion. Eine farbige Hinterlassenschaft mit den Wundmalen der Zeit, ein Handschlag, mit dem man hastig offene Rechnungen beglich. Alles geschah in Abwesenheit, dennoch wissen diese Wände, wie man vor der Linse posiert.

Umleitung

die Entscheidungsträger würden sich
verbiegen wenn sie könnten
wie würden sogar Lichtblitze vom Zentrum
in die Peripherie umleiten   wo
Schüsse fallen wenn die Dunkelheit
hereinbricht und die Hähne vor langer Zeit
krähten

Zugvögel

das Land leidet
an einem infektiösen Fieber

ein schwacher Beginn
und ein Kopfschmerz
Gastfreundlichkeit zeigt sich als Hautausschlag

eine Nymphe aus unheilvollen Zeiten
kommt aus Senegal
schlief in Andikythira

Schlaf könnte auch ein Schutz
vorm Reisen sein

die Umwelt
ist nicht so natürlich
kindisch stillen
unreife Säugetiere

na und wenn wir
die besten Gastgeber sind

die Schuld
wird immer
eine rote
Brust
tragen

Text und Fotos: Kyriakos Sifiltzoglou. Übersetzung: A. Tsingas. Redaktion: M. Prinzinger. Die Gedichtübersetzungen stammen aus dem Band „Kleine Tiere zum Schlachten. Neue Gedichte aus Griechenland“. Köln, parasitenpresse 2017. Übersetzung: Adrian Kasnitz und Wassiliki Knithaki.

Kyriakos Sifiltzoglou wurde 1983 in Drama geboren. Seine Eltern gehören der zweiten Flüchtlingsgeneration an: väterlicherseits Türkischsprachige aus Kappadokien, mütterlicherseits Pontier vom Schwarzen Meer. An der Aristoteles-Universität in Thessaloniki hat er Jura (Abschluss 2004) und Politikwissenschaften (Abschluss 2011) studiert und lebt in Drama.

Er hat vier Gedichtsammlungen veröffentlicht, im März 2018 erschien sein fünftes Buch beim Verlag Antipodes. Es ist eine Sammlung von zweiundzwanzig Prosastücken und zweiundzwanzig Fotoaufnahmen, die paarweise zu einer Einheit verschmelzen. Seit 2013 beschäftigt er sich systematisch mit der Fotografie. Seine Gedichte wurden in mehrere Sprachen übersetzt, einige sind auf Deutsch in der Sammlung „Kleine Tiere zum Schlachten – Neue Gedichte aus Griechenland“ (parasitenpresse 2017) zu finden.

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