Fallschirmseide/Μετάξι αλεξίπτωτων

Ein Buch von Deborah Jeromin

Deborah Jeromin bringt in ihrem zweisprachigen Buch „Fallschirmseide/Μετάξι αλεξίπτωτων“ Kriegsgeschichte und textile Handarbeit zusammen. 1934 wurde die Seidenraupenzucht für die Herstellung von Fallschirmen in Deutschland eingeführt. Jeromins Recherche zur NS-Seidenraupenzucht brachte sie zwangsläufig auf die Luftlandeschlacht von Kreta 1941 und die lokale Wiederverwendung der Fallschirmseide.

Ihr Dokumentarfilm „Verwundene Fäden/Μπερδεμένες κλωστές“ wird ab dem 1. Mai 2021 bei den Kurzfilmtagen Oberhausen online zu sehen sein.

holzbau und buchtitel

Seidenraupen-Zuchtschuppen ©Deborah Jeromin

Deborah Jeromin schreibt zur Entstehung des Buches, das sie selbst als Essay bezeichnet:

„Meine Recherche begann 2014 in einem Leipziger Kleingartenverein, in dem ich selbst einen Kleingarten pachte. Auf der Suche nach der NS-Geschichte des Vereins stieß ich auf Hinweise zur Seidenraupenzucht – Maulbeerhecken, einen Schuppen für die Seidenraupen und schließlich auch einen Ordner mit Dokumenten, der die Zucht detailliert belegt. Ich verfolgte das Material bis nach Kreta, wo 1941 die größte Luftlandeschlacht der Geschichte stattfand.“

Sie hat zum selben Thema den Dokumentarfilm „Verwundene Fäden/Μπερδεμένες κλωστές“ (2020, 40 Minuten) gedreht, der im Herbst 2020 auf dem Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm (DOK Leipzig) gezeigt wurde, und ab dem 1. Mai 2021 bei den Kurzfilmtagen Oberhausen online zu sehen sein wird.

Bekannt ist, dass die Wehrmacht durch ca. 15.000 Fallschirmjäger die Insel einnahm und sie 3 Jahre lang besetzt hielt. Jeromin: „Die Literatur über die deutsche Besatzung auf Kreta wurde zum größten Teil von Männern verfasst, die wiederum über Männer geschrieben haben. Frauen tauchen kaum auf, weder als Autorinnen noch als Akteurinnen. Ich habe nach ihrer Perspektive gesucht, nach Frauen, die mir ihre Geschichte erzählen wollten – ›Herstory‹ als Schwerpunkt und Gegennarrativ.“ Auf ihrer Spurensuche nach der deutschen Fallschirmproduktion ließ sie Zeitzeuginnen zu Wort kommen, deren Familien durch die Jahrhunderte selbst Seidenraupen züchteten, und Freud und Leid des Spinnens, Webens und Nähens von Fäden kannten. Später, als die Deutschen abgezogen waren, verarbeiteten sie die Fallschirme der Invasoren zur zivilen Nutzung.

windmühle mit stoffstück

Windmühle/Taschentuch ©Deborah Jeromin

Schnell bekam Jeromin Einblick in die damals herrschenden Bedingungen, die Perspektiven der Inselbewohnerinnen, ihre Handarbeitsprozesse – und die Verbrechen der Besatzungsmacht: Es gab Massenexekutionen und an die 40 Dörfer wurden verheert. Diese Erfahrungen hat Jeromin seit 2014 in unterschiedlichen Installationen präsentiert, als Erweiterung der verbreiteten Heldenerzählung und als Versuch, eine andere, feministische Geschichte zu erzählen und den alten Zeitzeuginnen Gehör zu verschaffen. Ihren Gesprächspartnerinnen begegnet sie mit großer Zuneigung:

„Alle Interviewpartnerinnen geben ihre Arbeitsschritte vom Anbau über das Spinnen bis zum fertigen Textil genauestens wieder. Sie gestikulieren die Erinnerung an die textilen Verarbeitungsprozesse herbei. Vor ihnen wachsen, verdrehen und entwickeln sich die Fäden. Vor uns bauschen sie sich auf, werden gekämmt und versponnen. Die alten Frauen erinnern sich an jeden einzelnen Schritt. Ihre Finger bewegen sich mit dem imaginären Garn.“

alte frau mit seidenstoff

Zeitzeugin ©Deborah Jeromin

Viele Aspekte ihrer langen Forschungsarbeit sind nun in ein Buch geflossen, das vor wenigen Monaten, im Februar 2021, im Leipziger Verlag Spector Books herausgegeben wurde. Am Ende von drei Jahren des Schreibens, Gestaltens, Lektorierens, Übersetzens und Korrigierens stand eine Crowdfunding-Kampagne, die die Bildbearbeitung und einen Teil der Druckkosten abdecken sollte. Ein knappes Video hatte offensichtlich Appetit aufs Buch gemacht. Die Resonanz und Solidarität war überwältigend – und das Resultat hat die Erwartungen sicher übertroffen: Das Herzblut von Jeromin und die Expertise des Verlags (Zuneigung zu diesem Projekt wäre wahrscheinlich angebrachter), der Bücher am Schnittpunkt von Kunst, Theorie und Design herausbringt, waren eine ideale Konstellation. Durch die Gestaltung ist es eine optische und haptische Freude, das Buch in den Händen zu halten und darin zu schmökern. Denn bis Jeromin ab der Mitte des Buches zur Besatzung Kretas kommt, erzählt sie die Kulturgeschichte der Seidenproduktion in beiden Ländern, Deutschland und Griechenland. Dazu hat sie Unglaubliches zusammengetragen, viele Exkurse in den Bereich der Kunst und in historische wie zeitgenössische internationale (Fach-)Literatur unternommen und überraschende Parallelen im Rahmen dieser angeblich weiblichen Beschäftigung gezogen. All das versteht sie lebendig und fesselnd zu erzählen.

Das liebevoll gestaltete Buch ist auf den ersten Blick in sehr eigenwillige Kapitel unterteilt, die sich aber beim Lesen als plausibel und ineinanderfließend erweisen (s. Anm. 1). Die zahllosen Fußnoten am Ende jedes Kapitels sind Beweis  der Sorgfalt, mit der Jeromin ans Werk gegangen ist. Umfangreiche Dokumentensammlung, Bibliografie und Bildnachweis könnten ihre Arbeit zu einem Standardwerk erheben.

frau mit buch

Ein Prototyp/das fertige Buch ©Deborah Jeromin
Das Buchcover kommt ganz ohne Schrift aus. Titel, Verfasserin und Verlag sind auf dem Buchrücken vermerkt.

Ein großer, mehrheitlich weiblicher Stab hat den klaren und sehr ansprechenden Druck realisiert. Es gibt so viel Neues und Frisches zu entdecken – und dann ist da auch noch die Freude, alles, wirklich alles (auch Fußnoten, Dokumentensammlung, Bibliografie und Bildnachweis) zweisprachig lesen zu können, ein deutsch-griechisches Buch auf Augenhöhe. Großes Kompliment an die kreative Deborah Jeromin, die fähigen Übersetzerinnen in beide Sprachrichtungen, die feinsinnige Gestalterin und die risikofreudigen Herausgeberinnen. Das Buch sei PhilhellenInnen, KleingärtnerInnen, Textil-ArbeiterInnen, FeministInnen, HistorikerInnen, Kreta- und Leipzig-TouristInnen und allen BuchliebhaberInnen ans Herz gelegt.

Anm. 1

Einleitung/NS-Seidenraupenzuchtprogramm/Seidenproduktion/Die deutsche Seidenraupe/Schmutz und Reinheit/Frauen und Raupen/Die Seidenschwester/Abwertung von Arbeit und Menschen/Kreta-Luftlandeschlacht/Widerstand auf Kreta/Herrschaftssysteme/Geschlechterverhältnisse/Materialnot und Recycling/Falter und Geschlecht/Schwellen/Das andere Zeichensystem/Doppelaxt-Handtücher/Mitgift/Textil-Dinosaurier/Behälter/Schluss – Farben, Textil, Wasser/Dokumente/Dank/Bibliografie/Bildnachweise.

Kurzvita

Deborah Jeromin hat Medienkunst studiert und lebt in Leipzig. Sie beschäftigt sich meist mit historischen Themen, die sie aufarbeitet und künstlerisch zugänglich macht. Ihr Interesse gilt textilen Handarbeitsprozessen, feministischer Geschichtsschreibung und NS-Orten. Dazu arbeitet sie in Film, Schrift und Video-Installationen. Damit möchte sie Dialoge anstoßen und in ihnen mitmischen. Ziel ist es, einen Kommunikations- und Verständigungsprozess in Gang zu setzen. Der beginnt bereits bei der Entstehung des Projektes und öffnet sich dann durch die Präsentation der fertigen Arbeit. Die jeweiligen örtlichen Gegebenheiten spielen dabei eine große Rolle.

Seit 2014 arbeitete Jeromin zum Thema NS-Seidenraupenzucht als Rüstungswirtschaft und den Folgen der Luftlandeschlacht von Kreta 1941.

Siehe auch deborahjeromin.net und verwundenefaeden.net.

Buchdaten

Deborah Jeromin: Fallschirmseide/Μετάξι αλεξίπτωτων
Spector Books, Leipzig/ Originalausgabe 2020, 20 €
Herausgegeben von Anne König
Gebunden,  13,5 cm x 18 cm, 244 Seiten mit 50 Schwarzweiß- und 85 Farbabbildungen
Durchgehend zweisprachig gehalten, deutsch und griechisch
ISBN: 9783959053952

Auszüge: Deborah Jeromin; mit freundlicher Genehmigung von lux19-frauenarbeit.de und Spector Books. Zusammenstellung: A. Tsingas. Fotos: Deborah Jeromin.

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Ein Gedanke zu “Fallschirmseide/Μετάξι αλεξίπτωτων

  1. Grade gekauft und bald lesen.So eine Geschichte.An die Autorin grossen Dank für die Fäden.

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