Faces of Athens: Schweigen als sozialer Protest

Video-Installation von Bernhard Hetzenauer

1.6.2017: Eröffnung von zwei Projekten im Wiener Künstlerhaus: der Video-Installation „Faces of Athens“ von Bernhard Hetzenauer und der Ausstellung „Walking Through… Thessaloniki/Vienna“ mit österreichischen und griechischen Künstlern. diablog.eu bringt ein Interview mit Bernhard Hetzenauer von Sophie Pouget und Francesca Narduzzi, das im Rahmen einer von Antonia Rahofer geleiteten Lehrveranstaltung an der Universität Salzburg entstanden ist. Die beiden Projekte sind bis 15. 7. zu sehen.

„Faces of Athens“ ist Bernhard Hetzenauers neuestes Projekt. Es handelt sich um eine Videoinstallation, die sich mit der schwierigen Situation des griechischen Gesundheitssystems auseinandersetzt. Die medizinische Versorgung in Griechenland leidet unter der schweren ökonomischen Krise, die das Land getroffen hat und dazu geführt hat, dass sich viele nicht einmal einen Arztbesuch leisten können. Dieser dramatische Zustand sowie die Art und Weise, mit der sich die europäischen Medien mit diesem Thema beschäftig(t)en, veranlassten Hetzenauer zu diesem Projekt. Die Videos zeigen Menschen in Nahaufnahme, die in die Kamera sehen, ohne zu sprechen. Aus dem Off erzählen sie aus ihrem Leben und von der aktuellen Situation in Griechenland. Das fertige Kunstwerk beinhaltet 20 Video-Porträts und wird 2017 in Museen und Galerien in Berlin, Wien, Belgrad, Athen, London und New York gezeigt.

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Woher rührte der Impuls her, „Faces of Athens“ zu entwickeln? Gab es einen konkreten Auslöser für diese Arbeit?

Ich war im Sommer 2015 in Mexico City, um dort an einem anderen Projekt zu arbeiten. Trotzdem verfolgte ich aus der Ferne die Medienberichterstattung aus Deutschland und Österreich zur Krise in Griechenland. Duktus und Haltung der AutorInnen irritierten mich sehr. Es schien mir schlichtweg unprofessionell, ja geradezu unverschämt, wie die deutschsprachigen JournalistInnen über Griechenland berichteten. Der massive innere Widerstand führte schließlich zum Gedanken, selbst ein eigenes Projekt zu realisieren, um ein differenzierteres, menschlicheres und ehrlicheres Bild der schwierigen ökonomischen Situation der Menschen vor Ort zu zeichnen. Als ich von Dr. Vichas und der Sozialklinik im Athener Stadtteil Elliniko erfuhr, war es nur noch ein kleiner Schritt bis zur Entscheidung, von Mexiko nach Europa zurückzukehren, um dieses Projekt zu beginnen. Die formale Umsetzung der Arbeit speist sich aus dem Faktum, dass ein Großteil der griechischen Bevölkerung massiv unter den durch die Troika erzwungenen Sparmaßnahmen zu leiden hat, während dieses Leiden in Mitteleuropa in seiner Tragweite meist beschönigt, unter den Tisch gekehrt oder überhaupt nicht zur Kenntnis genommen wird.

Warum sprechen die 20 Personen auf den Videos nicht und warum hört man ihre Stimmen und Erzählungen nur aus dem Off?

Das Schweigen oder Stummsein ist ein wichtiges konzeptuelles Element dieser Arbeit. Viele deutschsprachige Medien berichteten – und sie tun dies größtenteils immer noch – in einer Weise über Griechenland, die die Dramatik der Lage beschönigt. Was vielen Menschen momentan in Griechenland passiert, wird schlicht und einfach in den deutschsprachigen Medien nicht tiefgehend genug thematisiert. Dieses in unseren Breiten medial verordnete „Schweigen“ ist programmatisch für mein Installationsprojekt.

Zweitens werden durch meine Wahl einer visuellen Reduktion die ZuschauerInnen dazu angehalten, sich auf die jeweiligen Gesichter der ProtagonistInnen emotional einzulassen. In der Distanz von Bild und Ton führen die Erzählungen im Off letztlich zu einer narrativen Verdichtung.

Was bewirkt ein stummer Blick Ihrer Ansicht nach?

Ein stummer Blick, der mich im Alltag trifft, ist natürlich etwas vollkommen anderes als ein Kamerablick im Film oder Video. Der direkte Blick im Film betrifft den Zuseher unmittelbar, ohne dass dieser – wie in der Alltagsrealität – selbst den eigenen voyeuristischen Blick abwenden müsste. Ein direkter und stummer, langanhaltender Kamerablick im Film ermöglicht dem Betrachter, ohne Scham und Hemmung dem Blick des anderen standzuhalten und dessen Blick genau betrachten zu können. Es ist paradox, einem Blick zu begegnen, der mich anblickt, als würde er mich sehen, während dieser Blick aber letzten Endes „nur“  in eine Kamera gerichtet ist. Natürlich wussten die ProtagonistInnen, dass Menschen in Deutschland und Österreich ihre Portraits sehen würden. So gesehen transportiert ihr Kamerablick durchaus eine imaginäre Projektion in Richtung der BürgerInnen jener Länder, die auf Druck der EU unter starken Sparmaßnahmen leiden. Ein stummer Blick ist immer Bedeutungsträger und Projektionsfläche zugleich.

Wo wurden die Aufnahmen gemacht und wie haben Sie Zugang zu den Protagonisten gefunden?

Die Bild- und Tonaufnahmen wurden hauptsächlich in den Sozialkliniken in und um Athen (Elliniko, Piräus und am Omonia-Platz) aufgenommen. ÄrztInnen, VolontärInnen und PatientInnen waren uns gegenüber anfänglich skeptisch. Durch regelmäßige Besuche konnten wir sie nach und nach davon überzeugen, dass unser Anliegen im Gegensatz zu deutschsprachigen TV-Teams eine tiefergehende und ehrlichere Auseinandersetzung mit dem Phänomen Krise war. Vertrauen konnte auch leichter hergestellt werden, da unser Team aus nur zwei Personen bestand. Sehr hilfreich war außerdem die großzügige Unterstützung durch Maria Moschou (österreichische Griechenlandhilfe), die uns mit Rat und Tat, Freundschaft und Kontakten eng zur Seite stand.

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In welcher Sprache wurden die Interviews geführt?

Die Interviews wurden dort, wo es möglich war, in englischer Sprache geführt. Mit den ProtagonistInnen, die nicht Englisch sprachen, führten wir die Gespräche in griechischer Sprache, wobei Dolmetsch-StudentInnen der Athener Universität zusätzlich bei der Übersetzung halfen.

Wie konnten Sie Ihre Ideen umsetzen?

Ich ging von mehreren Interviews mit dem griechischen Kardiologen Dr. Giorgios Vichas aus, der in Zusammenarbeit mit anderen ÄrztInnen und Freiwilligen im Süden Athens die Sozialklinik Elliniko gründete, wo PatientInnen, die nicht mehr krankenversichert sind, gratis behandelt werden und Medikamente erhalten. ÄrztInnen und Personal arbeiten ehrenamtlich, meist neben ihren regulären Arbeitszeiten in anderen Krankenhäusern. Wir recherchierten sowohl in Ellininko, wie auch in zwei Sozialen Ärztezentren und Apotheken nahe des Omonia Platzes und in Piräus, führten lange Interviews und drehten Portraits der Menschen vor Ort.

Kann Kunst die soziale Realität verändern?

Diese Frage lässt sich in dieser Absolutheit kaum beantworten. Ich möchte eine Anekdote dazu erzählen. Vor Jahren – ich war noch Student an der Universität für angewandte Kunst Wien – besuchte ich Hubert Sauper in Paris, den ich für seinen Film „Darwin’s Nightmare“ bewunderte. Irgendwann kamen wir in einer Diskussion genau an den Knackpunkt der oben genannten Frage. Ich zweifelte an, dass ein Dokumentarfilm wirklich etwas am Lauf der Dinge in dem aktuellen global-markwirtschaftlichen System ändern könnte. Hubert sagte damals nur: „Egal, was du tust, es ändert immer etwas, selbst, wenn es nur im Kleinen geschieht. Durch dein Handeln wirkst du unmittelbar auf die Menschen um dich herum ein, so veränderst du jeden Tag im Kleinen dein engeres Umfeld. Dein Verhalten und die Entscheidungen, die du triffst, verändern die Welt.“

In diesem Sinn verstehe ich auch heute das Veränderungspotential von Film und Kunst ganz allgemein: die sozialen Probleme unserer Zeit lassen sich vielleicht mit einem einzelnen Projekt nicht unmittelbar verändern. Aber jede Idee, jeder Funke, jedes Aufblitzen von Zivilcourage – und diese verweist ja immer auf eine klare Haltung dem Menschsein gegenüber – ist wie ein Same, der in die Erde fällt und dort so lange im Verborgenen bleibt, bis daraus – vielleicht viel später – ein erster Trieb und daraus wiederum – vielleicht noch viel später – ein Baum wächst…

Bernhard Hetzenauer wurde in Innsbruck geboren, studierte Bühnengestaltung, Film und Gestalttherapie in Wien, New York, Quito, Buenos Aires und Hamburg. Hetzenauer schloss ein Diplomstudium an der Universität für angewandte Kunst in Wien und ein Masterstudium an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg ab. Er arbeitet als Autor und Medienkünstler, Regisseur, Kameramann und Produzent. Seine Arbeiten wurden im Rahmen von Festivals, Ausstellungen als auch im Kino und Fernsehen gezeigt. Seine wiederholten Aufenthalte in Argentinien, Ecuador und Mexiko inspirierten ihn zu zahlreichen Dokumentarfilmen, die vielerorts mit Preisen ausgezeichnet wurden.

Wie können künstlerische Arbeiten mit Worten ‚eingefangen‘ werden? Und: Geht das überhaupt? Der Herausforderung des (Be-)Schreibens widmete sich im Wintersemester 16/17 eine Studierendengruppe am Schwerpunkt für Wissenschaft und Kunst der Universität Salzburg. Im Rahmen der Übung „Kunstauftritt transnational“ wurden unter der Leitung der zwischen Athen und Wien agierenden Kulturmanagerin und Textgestalterin Antonia Rahofer praxisnahe Einblicke in Aufgabengebiete und Arbeitsweisen der Kunst- und Kulturvermittlung geboten – der Arbeitsschwerpunkt lag auf der sprach- und insbesondere textbasierten Präsentation von zeitgenössischer Bildender Kunst und rezentem Filmschaffen. In Zusammenarbeit mit ausgewählten KooperationspartnerInnen wurden (junge) KünstlerInnen und FilmemacherInnen sowie kunstvermittelnde Initiativen aus Griechenland und Österreich dabei unterstützt, sich sowohl einer kunstaffinen Öffentlichkeit als auch einem interessierten Fachpublikum fachkundig zu präsentieren.

Interview: Sophie Pouget, Francesca Narduzzi, Bernhard Hetzenauer. Fotos: Faces of Athens, Bernhard Hetzenauer.

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