Euböa: Die große Unbekannte

Reiseartikel von Hans-Martin Koch

Die große Insel unweit von Athen ist für viele Touristen noch Neuland. Hans-Martin Koch hat sie besucht und lässt die diablog.eu-Leser an seinen Erlebnissen teilhaben.

Es ist ja alles da. Sonne, türkis und blau leuchtendes Wasser, verborgene Strände, Tavernen am Hafen und in schattigen Seitenstraßen, Zeugen der Antike und Wege zum Wandern in die Hügel und Berge. Alles wie aus den Katalogen von Attika über FTI bis Studiosus. Trotzdem bleibt Evia, zu Deutsch Euböa, die große Unbekannte im langen Konzert der griechischen Inseln. Es gibt nicht einmal einen Reiseführer, aber einen Prospekt des Hafenortes Marmari im Inselsüden. Darin steht ein Satz, (auf Deutsch) so falsch wie absolut wahr: „Die Reise nach Süd-Euböa leistet große Rührungen.“

Evia ist in Sachen Größe die Nummer zwei in Griechenland, 175 Kilometer lang. Nur fünf Inseln im ganzen Mittelmeer sind größer. „Es ist das Sommergebiet der Athener“, sagt Hotelier Constantin Iseris, „nur haben sie in diesen schlimmen Zeiten kein Geld.“ Die Saison sei immer kürzer geworden, sechs, acht Wochen im Juli und August. Dabei ist es im Mai so schön, im Juni, im September, oft noch im Oktober.

Auf der Insel kämen die Menschen einigermaßen klar, meint Iseris. Sie pflegen ein paar Olivenbäume, keltern ihren Wein, halten Ziegen, ernten Walnüsse, tuckern mit weißblauen Fischerbooten hinaus. Über die ganze Insel gesehen treiben „Steine, Fische und Touristen“ die Geschäfte an, sagt Iseris.Steine wie den grünen Marmor exportiert die Insel seit der Antike. Fischer ziehen zwar nur noch sporadisch gefüllte Netze aus dem Meer, dafür werden farmweise Doraden auf Tellergröße gezüchtet. Und Touristen? Da ist noch Luft nach oben.

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„Das Leben ist hier etwas langsamer“, sagt Athanasios Zafiris. Auch er hat ein Hotel im Süden der Insel, in Marmari. Die Zeit nagt ein wenig an seinem Haus, aber die Herzlichkeit macht das mehr als wett. Es ist das Unperfekte, das den Charme ausmacht, wie der Satz aus dem Prospekt. Und Zafiris strahlt wie so viele hier eine Gastfreundschaft aus, wie sie sonst nur noch in den Katalogen steht. Marmari, wo nach knapp einer Stunde von Athen die Fähre festmacht, das Städtchen Karystos oder in den Bergen das kleine Dorf Styra, sie alle wirken jenseits von Juli/August ein wenig verschlafen, als würden sie warten, dass es nun doch losgehen muss. Was auch immer.

Im Norden mag die Insel noch grüner sein, in der Mitte drängen sich an mickrigen Stränden gut gebuchte Hotelkästen, die „all inclusive“, mehr Luxus und weniger Herz besitzen. Im Süden Evias reihen sich viele kleine versteckte Strände, und Kyriakos Dikelas wirft jetzt im Hafen von Karystos den Außenborder seines Bootes an. Los geht die wilde Fahrt an einen Strand, der nur übers Meer oder 90 Minuten zu Fuß von der Straße zu erreichen ist.

Vorbei geht es an den privaten Petali-Inseln, hier trafen sich einst Onassis und die Callas, eine Insel gehört heute den Picassos. Vorüber fliegen grün schimmernde Felsen, winzige Stranddörfer, die dennoch eine Kirche besitzen und eine Taverne. Kurz sind Felsgrotten voller Stalaktiten zu sehen, Ziegenherden klettern in den Felsen, und in der Ferne liegt das Dorf Adiá, in dem sich die Menschen über eine Schlucht hinweg mit einer Pfeifsprache über Gott und die Welt verständigen. Reste von herumliegenden Säulen erinnern an die Zeit, als der Marmor von Karystos an die Römer ging, und als Zeichen der Gegenwart spargeln sich Windräder über die Hügel.

Wie so oft ist der Weg das Ziel, das Wasser am Strand Archampoli taugt gut zum Schnorcheln und Tauchen, sonst ist der Strand gar nicht so spektakulär. Aber Eisenminen gab es hier in antiker Zeit, Schlacke und Tonscherben liegen noch herum, ausgegrabene Fundamente lassen Geschichte spüren. Eine kleine Kapelle thront über der abgelegenen Bucht, außen unscheinbar, innen geschmückt und voller Weihrauchduft. Jeden Tag in der Frühe zünden Ziegenhirten Kerzen an, erbitten Schutz einer höheren Macht.

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Perser, Römer, Franken, Türken, Venezianer: Wo immer in Karystos und Umgebung gebaut wird, treten Zeugnisse aus alter Zeit zutage. Prägende Bauten in Karystos sind die trutzige Festung am Hafen und über der kleinen Stadt das Castello Rosso. Unterhalb des Kastells liegt in der archäologischen Kernzone das Weingut Montefoli, ein Idyll aus Geschichte, Landschaft und Genuss. Ausgezeichnete Süßweine bauen sie hier an, als Weinkeller dient eine frühere Kapelle. Aus Orangen und Zitronen kochen sie zudem Marmelade, von der sich noch jeder ein Glas mitnehmen wird.

Wer die Küste verlässt, taucht ebenfalls schnell zurück in alte Zeiten. Faszinierend sind die Drachenhäuser, die sich über die Insel verteilen. 1000 vor Christi sollen sie gebaut worden sein. Nichts Genaues weiß man nicht. Das größte steht auf dem Berg Ochi in knapp 1400 Meter Höhe. Leichter, aber auch nicht ohne kräftige Steigung sind zu Fuß die Drachenhäuser bei Styra zu erreichen. Bis heute wird gerätselt: Wie und wer baute zu welchem Zweck die Häuser aus großen Felsplatten, die sich übereinanderschichten. Unten im Dorf Styra, fünf Kilometer vom Meer, lässt sich über die Drachenhäuser philosophieren, am besten beim Wirt, der wie Sokrates aussieht, in der Taverne oben im Ort unter der gigantischen Platane.

Auf dem Weg von Karystos nach Styra im kleinen Dorf Kapsala betreibt Pandelis Papagimas ein kleines Heimatmuseum ländlicher Kultur und demonstriert begeistert – auf Deutsch – Butterfässer, Mahlsteine und Mistforken. Er hat sich nach vielen Jahren in Deutschland einen Traum in seinem Heimatdorf erfüllt. „1800 Exponate!“

Eine Deutsche, die sich dagegen auf Evia ihren Lebenstraum erfüllt hat, stellt sich mit „Ich bin die Lotti“ vor. Sie betreibt im zentralen Teil der Insel bei Kymi den Platanenhof. Den Namen hat sie deutsch belassen, das Café im Freien mit grob gezimmerten Tischen und Bänken besitzt alternativen Hippie-Charme mit Pferden, Katzen, Hunden. Mit ihrem Mann kam Lotti auf die Insel, der Platz wurde zu ihrer Heimat; Deutschland ist weit weg, eine alte Ausgabe der „Zeit“ liegt im kleinen Laden, der handgemachten Schmuck und Marmelade bietet.

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Vier Kilometer oberhalb von Kymi liegt ein älterer Platz der Stille, das Kloster der Verklärung Christi, in dem 15 Nonnen per Zettel notierte Wünsche der Besucher per Gebet weiter nach oben reichen. Die Nachfrage ist groß. Die Nonnen geben gern Auskunft, Fotos aber sind verboten. Unten im Dorf Kymi muss Baklava probiert werden, die Portion füllt für den Rest des Tages ab, und um die Ecke duftet es unwiderstehlich nach Kaffee, tatsächlich findet sich dort eine winzige Rösterei.

Überhaupt die Küche: Wer griechisches Essen öde findet, wird auf Euböa tellerweise eines Besseren belehrt. Die Küche ist bodenständig und kreativ, sie schöpft aus dem Vorhandenen, bietet überraschend gute Weine, und nie schmeckt eine Paprika, eine Tomate, eine Aubergine nach Großhandel. Wie überall sind es nicht die Lokale am Wasser, sondern die in den kleinen Straßen, die den Unterschied machen. Wer zum Beispiel in Karystos in der Cava d‘oro gegessen hat, kommt wieder, wundert sich, dass es viel zu günstig ist und freut sich abschließend auf „local water“, wie sie dem Besucher den Tsipouro, den Absacker, erklären. Sie werden so lange nachschenken, bis der Besucher sagt: „Die Reise hierher leistet große Rührungen.“

Anreise: Vom Flughafen Athen mit Mietwagen oder Taxi zum Hafen Rafina. Weiter mit der Fähre in knapp einer Stunde nach Marmari in den Süden Euböas. Oder mit dem Auto über die Brücke bei der Stadt Chalkida.

Text und Fotos: Hans-Martin Koch. Erstpublikation in der Landeszeitung für die Lüneburger Heide 2017.

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3 Gedanken zu “Euböa: Die große Unbekannte

  1. Aus Versehen habe ich den griechischen Text über Euböa
    gelöscht. Ist es möglich, mir den nochmal zu schicken?

    • Für alle, die dasselbe Problem haben: Am Textende unten rechts gibt es zwei Symbole: fürs Ausdrucken und für die Erstellung einer PDF. Dadurch kann man einen Text ganz leicht abspeichern.
      Mit bestem Gruß, die Redaktion

  2. Ich finde den Bericht über Euböa sehr sehr interessant. Wir sind Griechenlandreisende, und fühlen uns dort immer sehr herzlich aufgenommen. Vielleicht werden wir beim nächsten Griechenlandstart Euböa in Augenschein nehmen.

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