Entschleunigung im Garten von Kos

Reisebuch von Ellen Katja Jaeckel

Kos ist ein kleines, geschundenes Eiland auf der Route der Seefahrer, Pilger, Ein- und Auswanderer, Eroberer und Flüchtlinge, Sehnsuchtsort für die einen und Ödnis für die anderen. In der Antike rühmte man seine blühenden Gärten. diablog.eu-Autorin Ellen Katja Jaeckel beschreibt in ihrem Merian live! – Reiseführer die Vielseitigkeit dieser Insel des Dodekanes.

Blick durch Tor

Ein heißer Mittag im Dikeos-Gebirge. Die Hitze dampft wie der Atem eines Hundes, die Grillen kreischen und die Pinien knistern, die Zapfen platzen auf den mit Nadeln übersäten Boden und werden vom Meltemi-Wind über die Phrygana geblasen. Jeder Schritt knackt auf dem Boden, die Spritzgurken schleudern ihren Saft durch die Natur, die Kaper steckt in voller Blüte, die Insekten summen. Die Natur spricht auch in der Einsamkeit ihre eigene Sprache, im Juni schreit sie geradezu. Ein Bild steigt vor mir auf: In Werner Herzogs erstem Film „Lebenszeichen“ wird der Held wahnsinnig über dieser Hitze und dem Wind; hunderte von Windmühlen flirren über die Leinwand. Der Schwarz-Weiß-Film aus dem Jahr 1968 ist ein Meisterwerk des jungen Regisseurs und eine große Hommage an die Insel Kos, wo Herzogs Großvater sechs Jahrzehnte zuvor das Asklepieion, die größte Heilstätte der Antike, ausgegraben hatte. Heute sind die Windmühlen Ruinen oder ganz verschwunden, aber die vom jungen Regisseur eingefangene Stimmung ist immer noch da, man muss sich nur ein wenig abseits vom Sommertrubel bewegen, und stellt schnell fest: die Insel Kos ist Levante, ein paar Seemeilen nur von der türkischen Westküste entfernt, ein üppiger Garten, in dem Hibiskus, Oleander und Bougainvillea in den intensivsten Farben leuchten und der Mensch seit Jahrtausenden den beschränkten Anbauflächen die Nahrung abringt: Reben, Kräuter, Ölbäume, Melonen und Tomaten gehören zu den wichtigsten koischen landwirtschaftlichen Erzeugnissen.

Was außerdem wenig bekannt ist: Die seit Mitte des 3. Jahrtausends ohne Unterbrechung bewohnte Hauptstadt Kos ist dank der Bauten aus der italienischen Besatzungszeit (1912-1943) ein Augenschmaus für Liebhaber der Architektur der Moderne. Ein großes Unglück hatte sich am Namenstag des Heiligen Georg 1933 ereignet, als ein schweres Erdbeben die Region erschütterte und das Leben vieler Koer und weite Teile der Bausubstanz zerstörte. Aus der Not machten die Italiener eine Tugend: sie legten archäologische Stätten frei und bauten eine moderne Stadt mit viel Gespür für Funktionalität und Ästhetik auf. Straßen wurden verbreitert, Bäume wie z.B. der berühmte Palmenboulevard am Kastell gepflanzt und öffentliche Gebäude errichtet. Im Gegensatz zu den italienischen Bauten auf Rhodos sind die koischen nicht ins Monumentale gesteigert, sondern entzücken mit verspielten Details bei der Gestaltung von Treppen, Fenstern und Rundbögen.

Grabsteine

Ausgezeichnete Infrastruktur

Schade nur, dass all dies auch Griechenland-Kennern so wenig bekannt ist, denn seit den 80er-Jahren vermarkten die Touristiker vor allem eines: Sonne satt und kilometerlange, leicht zugängliche Strände in der Ostägäis, und die Reiseveranstalter melden derzeit landesweit Buchungszuwächse. In ganz Griechenland zeichnet sich ein Trend zu mittelgroßen Zielen ab, zu den beiden so weit von einander entfernten, im Anlaut gleich klingenden Inseln Kos und Korfu. Warum das so ist? Beide Inseln bieten Urlaubern eine hervorragende touristische Infrastruktur, werden von zahlreichen mitteleuropäischen Flughäfen direkt angeflogen und sind in ihrer Größe überschaubar, die Wege kurz. Kos bietet sogar noch ein wenig mehr Schön-Wettergarantie als die etwas größere Schwester im Ionischen Meer. Für einen einwöchigen, erholsamen Strandurlaub ist Kos ebenso perfekt wie für den sportlichen Aktivurlauber sowie als Ausgangspunkt zum Inselhüpfen im östlichen Dodekanes: die griechischen Inseln Leros, Pserimos, Kalymnos, Patmos, Nisyros, Tilos und Rhodos sind schnell und unkompliziert erreichbar, und Tagesausflüge ins benachbarte türkische Bodrum gehören quasi zum Pflichtprogramm der Kos-Urlauber. Seit 2017 bietet die Casa Cook auf Kos Pauschalferien im stylischen Hipsterstil mit ambitioniertem Yogatraining und superschnellem Internetanschluss an und spricht damit erfolgreich eine junge anspruchsvolle Kundschaft an. Kos ist die perfekte Urlaubsinsel für Familien, Kurzurlauber, Sportliche, Faulenzer, Kulturbegeisterte, Sonnenanbeter und solche, die alles in sich vereinen. Langeweile kommt da gar nicht erst auf.

antike Säulen und Moschee

Internationales Flair

Erstaunlich ist die kulturelle und geschichtliche Vielfalt des kleinen, nur 290 Quadratkilometer umfassenden Eilands, dessen Silhouette auf den Kopf gestellt der eines Wales ähnelt: aufgrund seiner strategisch wichtigen Position war die Insel von zahlreichen Völkern und Kulturen geprägt, von Hellenen, Römern, Byzantinern, Kreuzfahrern, Osmanen, Italienern, Briten und Griechen. Die ältesten Koer hatten in ihrem Leben schon vier Staatsangehörigkeiten, ohne die Insel zu verlassen. Viele von ihnen haben darüber hinaus Erfahrungen in der Fremde gesammelt. Migration prägte die Insel bis heute: Noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind zahlreiche Koer aufgrund von Armut nach Australien und Amerika ausgewandert, und längst nicht alle sind zurückgekehrt. Viele von ihnen haben sich nach Jahren der Entbehrung eine neue Existenz im Tourismus in der Heimat aufgebaut, ein kleines Hotel oder ein Restaurant. Bei Rückkehr brachten sie eine gewisse kosmopolitische Weltläufigkeit, Sprachkenntnisse und die Erfahrung, was es heißt, ein Ausländer zu sein, mit. Das kommt ihnen heute täglich im Umgang mit dem xenos, was im Griechischen der Fremde, aber auch der Gast bedeutet, zugute.

Kos ist ein kleines, geschundenes Eiland auf der Route der Seefahrer, Pilger, Ein- und Auswanderer, Eroberer und Flüchtlinge, Sehnsuchtsort für die einen und Ödnis für die anderen. In der Antike rühmte man seine blühenden Gärten. So viele Pomeranzenhaine gab es, dass man Kos auch „Neratzia“ nannte, und das mächtige Kastell trägt immer noch den Namen der bitteren Orange, die roh nicht gegessen, aber z. B. zu Marmelade verarbeitet werden kann. Wer nur die Bilder von Bootsflüchtlingen, dem nach dem Erdbeben vom vergangenen Jahr eingefallenen Minarett der Defterdar-Moschee und Pauschalurlaubern vor Augen hat, wird vor Ort eines Besseren belehrt. Willkommen auf Kos! – Kalos irthate stin Ko!

Text und Fotos: Ellen Katja Jaeckel. Entnommen mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus:

Ellen Katja Jaeckel
128 S., 11,99 €
ISBN 978-3-8342-2981-6
Neuausgabe lieferbar ab 5.12.2018
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