Ein neues Kapitel – Die Insel

Illustrierte Geschichte von Chrysa Chouliara

Weihnachten auf diablog.eu: Chrysa Chouliara erzählt eine von ihr wunderschön bebilderte Geschichte im Sammelwerk „Ein neues Kapitel” aus dem Schweizer Verlag Baobab Books. Es geht um Flucht, Reise und Ankommen. Wir wünschen unseren Leserinnen und Lesern erholsame Feiertage und einen guten Rutsch ins Neue Jahr!

Wer weiss, wohin es einen noch verschlägt, wo die Flucht oder die Reise endet? Und was heisst Ankommen? Baobab Books möchte einen Beitrag zum komplizierten und komplexen Thema Migration leisten. Wir lassen sieben Geschichten erzählen von zehn AutorInnen und IllustratorInnen, deren Reise in der Schweiz, Deutschland oder Österreich ein (vorläufiges) Ziel gefunden hat.

Buchcover Ein neues Kapitel

Hamed Abboud, flüchtete 2012 aus Syrien und lebt nun als Autor in Wien. Ahmed Dahi, der sein Werk illustriert, stammt aus Ägypten und lebt heute als Jugendsozialarbeiter, Karikaturist und Künstler in der Schweiz. Chrysa Chouliara ist in Griechenland geboren, nach langen Reisen hat sie in der Schweiz ein Zuhause gefunden. Mohomodou Houssouba aus Mali lehrt und dichtet heute in Basel und verwirklicht mit seiner Frau, der Künstlerin Pia Gisler, wie in diesem Fall Buchprojekte. Koostella stammt aus Brasilien und lebt und arbeitet heute als Zeichner und Comic-Verleger in Basel. Thubten Purang kam als Kind aus dem Tibet in die Schweiz, wurde in Liechtenstein Töpfer und lebt heute als Künstler in Bern. Nacha Vollenweider, deren Schweizer Vorfahren nach Argentinien auswanderten und die nicht in ihrer Wahlheimat Hamburg bleiben konnte, ist nun wieder nach Argentinien zurückgekehrt. Die Geschwister Mehrdad und Mehrnousch Zaeri flüchteten in den 1980er-Jahren auf Irrwegen aus dem Iran nach Deutschland. Im Projekt «Ein neues Kapitel» arbeiten die Autorin und der Illustrator zusammen.

So sind sieben Werke entstanden, die in einer schön gestalteten Sonderedition im November 2018 bei Baobab Books veröffentlicht wurden. diablog.eu präsentiert die Erzählung „Die Insel” von Chrysa Chouliara.

Die Insel

Keiner von ihnen wusste, wie es dazu gekommen war, dass sie alle im selben Boot sassen. Sie wussten nur, dass sich die Dinge auf der Welt wieder einmal verändert hatten und dass in der Folge auch sie sich verändern mussten.

Heydar, der Hirsch, kommt aus einem abgebrannten Wald. In nur einer Nacht hatte er alles verloren: seine Familie, seine Freunde und seine Heimat.

Nichts ist mehr übrig, es gibt kein Zurück.

Amka und Nanuk kommen von sehr weit her. Wie alle Küstenseeschwalben waren sie von klein auf daran gewöhnt, jedes Jahr vom Nordpol zum Südpol zu fliegen. So konnten sie statt einem gleich zwei Sommer geniessen. Sie hatten die Reise schon viele Male unternommen, und nun hofften sie erneut, einen warmen Ort zu finden, um zu nisten.

Baxter, der kleiner Tiger, hatte seine Familie verloren. Viele Tage war er ganz allein durch den Wald geirrt. Obwohl er noch keine scharfen Zähne und Krallen hatte, zitterten alle Tiere bei seinem Anblick.

Rey ist ein Wanderfuchs. Er wurde in einer grossen Stadt geboren, in der jeder wie in einem Goldfischglas lebt. Keiner kommt dem anderen nahe.

Obwohl Rey immer in der Stadt gelebt hatte, fühlte er sich hier wie auf einem seltsamen Planeten, dessen Formen und Farben er nicht verstehen konnte.

Nun tauchte eine Insel am Horizont auf. Erschöpft von der langen Überfahrt, steuerten die Tiere ihr Boot auf die Insel zu.

Buchumschlag Die Insel

Als sie sich an Land umschauen wollten, hörten sie eine Stimme: «Was wollt ihr hier, Fremde?» Die Frage kam von einem Biber, der ganz und gar nicht zufrieden wirkte.

Rey streckte seine Hand aus, um den Inselbewohner zu begrüssen, doch der schaute ihn bloss verächtlich an und nahm sein Angebot nicht an. Rey stand mit ausgestreckter Pfote da.

Die Küstenseeschwalben liessen sich nicht aus der Ruhe bringen: «Wir sind Zugvögel.»

«Zugvögel? Davon haben wir schon genug hier, unsere Insel ist voll. Fliegt woandershin!», sagte der Biber und spuckte dabei vor lauter Aufregung ein paar Holzspäne aus.

Eine Krähe, die gerade vorbeiflog, landete in den Zweigen eines Baumes. «Am Himmel gibt es unend- lich viel Platz!», sagte sie mit Blick auf Amka und Nanuk. «Die anderen Tiere könnten sich in dem alten Haus einrichten, das seit Jahren leer steht. Es ist klein, aber trotzdem haben alle bequem darin Platz. Die Füchse leben in ihrem unterirdischen Bau, die Hirsche grasen im Wald und fressen kein Holz wie du. So wird dich kein Tier stören.»

Der Biber blickte nachdenklich zu Boden. «Dieser Tiger wird uns eines Tages alle auffressen», fauchte er zwischen den Zähnen, bevor er im trüben Wasser untertauchte.

Die Vögel flogen durch die zerbrochenen Fensterscheiben in das Haus hinein. Der Hirsch brach mit seinem Geweih die Tür auf, und der kleine Tiger und der Fuchs schlüpften durch eine Öffnung neben der Eingangstür.

Jeder suchte sich einen Schlafplatz im stockdunklen Haus. Die Vögel richteten sich ganz oben zwischen den Dachbalken, ein. Die Holzdielen im Erdgeschoss knarrten unter Heydars Hufen. er hatte dort sein Lager eingerichtet. Rey schlüpfte unter eine Liege im Keller. Der arme Baxter hatte im Dunkeln Angst.

Lange konnte er nicht einschlafen und schlich durch das einsturzgefährdete Haus, bevor er sich im Dachgeschoss an das Treppengeländer schmiegte.

Kaum drang am nächsten Morgen das erste Licht durch die zerborstenen Scheiben, flogen die Küstenseeschwalben nach draussen. Heydar machte sich auf den Weg, um zu grasen.

Vor der Tür hatten sich eine junge Wildkatze, ein kleiner Luchs und ein Löwenkind versammelt. Vorsichtig blickten sie sich um, bevor sie zögernd das Haus betraten.

Zeichnung mit Tieren

«Wir sind die kleinen Fleischfresser», sagte der Luchs mit Nachdruck. «Wir haben vom Biber gehört, dass ein Tiger auf unserer Insel gelandet sei.»

«Wir wollten schon immer einen echten Tiger kennenlernen», fiel ihm die Wildkatze ins Wort.

Als Baxter zur Tür kam, war er sofort von den anderen Tieren umringt. Das Löwenkind deutete mit der Tatze auf einen von Baxters Reisszähnen und sagte voller Bewunderung: «Schaut nur, wie riesig die sind!»

Der Fuchs lächelte und liess sie im Garten spielen. Auch er hatte beschlossen, nach draussen zu gehen und den umliegenden Wald zu erforschen. Dabei entdeckte er eine Wolfsfährte und schnupperte in der Luft den Geruch anderer Füchse, die in der Gegend lebten. Er ass sich an den Brombeeren satt und versuchte, mit einer selbst gebastelten Angel zu fischen.

Dann traf er auf seinen Freund, den grasenden Hirsch. Aus dem Augenwinkel sah er, dass in Nanuks und Amkas Nest ein kleines Ei schimmerte.

Müde vom Spaziergang nahm er unter einem Baum Platz. Die Krähe rief ihm vom obersten Ast einen Gruss zu. «Nun, wie gefällt es dir in deinem neuen Zuhause?», fragte sie.

«Zuhause» war ein grosses Wort, das Rey immer schon verwirrt hatte. Er war sich aber sicher: Auf dieser Insel fühlte er sich so glücklich wie noch nie zuvor. Verlegen blickte er zu Boden. Die Krähe war ein kluger Vogel, und so beschloss Rey, sie zu fragen:

«Wo bist du denn zu Hause?»

Die Krähe kniff die Augen zusammen.

«Sag du es mir!», antwortete sie und flog davon.

Text und Illustration: Chrysa Chouliara. Übersetzung: Michaela Prinzinger.

Chrysa Chouliara wurde 1982 in Griechenland geboren. Die Illustratorin, Autorin und Bildhauerin lebte eine Weile in den Niederlanden und bereiste die ganze Welt, bis sie sich schliesslich in Zürich niederliess. In ihrer Arbeit verknüpft sie ein breites Spektrum kreativer Ansätze. Besonders anregend findet sie es, neue Ideen in visuelle, narrative Reisen zu verwandeln.

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