Ein Hoch auf den Ruin!

Gerasimos Bekas zum Motto „Von Athen lernen“

Mit einem Text von Gerasimos Bekas geht die Reihe der Kommentare zum Motto „Von Athen lernen“ der documenta 14 zu Ende. In jeweils ganz persönlichen Anmerkungen wurde auf Fakten und Faktoren verwiesen, die von dieser Stadt in der Tat zu lernen wären. Für diablog.eu verfasst von einem Grenzgänger beider Kulturen, der eine Zeitlang im Athen der Krise gelebt hat.

Athen war lange Zeit eine vergessene Stadt, sie entzog sich in weiten Teilen der deutschen Wahrnehmung. Diese Lücken lassen sich nicht von heute auf morgen schließen, schon gar nicht durch Kamerateams, die immer dieselben drei Leute im Zentrum fragen, wie es ihnen geht und immer die gleichen Antworten bekommen: schwierige Zeiten, die Leute kaufen nichts, wir wissen nicht, wie es weitergeht. Hilft es, selbst hinzufahren?

Während documenta in Athen sah der Check-in-Schalter von easyJet in Berlin-Schönefeld aus wie die Schlange vor dem Berghain. Und die deutsche Kultur-Hipster-Community, die von Athen lernen wollte, kam mit Sonnenbrand und dem Fazit zurück: „geiles Essen, geile Locations, aber die Kunst hat mich nicht so abgeholt“.

Damit keine Missverständnisse entstehen: Ich finde es erstmal gut, dass so viele Menschen nach Athen kommen und dort eine gute Zeit haben. Es wäre mir lieb, wenn nicht so viele von ihnen Immobilien zu Spottpreisen aufkaufen würden, um dort Ateliers oder Airbnb-Zimmer einzurichten, aber da spricht der Neid aus mir.

Ich erwarte auch nicht, dass sie mehr in Athen sehen als eine tolle exotische Kulisse. Die Armut und Perspektivlosigkeit der Anderen ist eine klassische Inspirationsquelle für Kunst, die von Mami und Papi subventioniert wird. Bitter ist das allerdings für die Athenerinnen und Athener, die mitbekommen, dass Touristen ihre Selfie-Sticks jetzt nicht nur vor antiken Säulen schwingen, sondern auch vor den Street Art-verzierten modernen Ruinen. Art is art und Schnaps ist Schnaps. Noch ein Ouzo, parakalo.

Zigarrenrauchende Anzugträger in Kolonaki können währenddessen ihr Cabrio unbehelligt in der Fußgängerzone parken und den wahren Lieferhelden den Weg versperren, die auf ihrem eigenen Mofa mit ihrem eigenen Benzin für einen Hungerlohn Essen außer Haus liefern, obwohl sie ihren Master in England gemacht haben, dazwischen Obdachlose.

Für die meisten Athenerinnen und Athener ist das normal. Die einen wollen weg, die anderen sagen, sie leben am besten Ort der Welt. Dazwischen trotzen die Menschen den Umständen und stellen sich dem Überlebenskampf, als wüssten sie, was sie da tun. Ich muss dabei oft an den Schwarzen Ritter von Monty Python denken, der, selbst nachdem ihm beide Arme und ein Bein abgeschlagen wurden, König Arthur weiter provoziert:

Black Knight: Come here!
King Arthur: What are you gonna do, bleed on me?
Black Knight: I’m invincible!
King Arthur: …You’re a loony.

Für mich ist es vor allem der Cocktail aus Größenwahn und Minderwertigkeitskomplexen, der die Leidensfähigkeit der Athenerinnen und Athener ausmacht. Sind wir eine Metropole oder ein Haufen verschmolzener Dörfer? Sind wir die Wiege der Zivilisation oder ein Entwicklungsland am Rande Europas? Genies oder Hochstapler? Die Fragen hören nicht auf und die Antwort ist immer: Ja. Nikos Dimou hat das in seinem Buch „Über das Unglück, Grieche zu sein“ pointiert zusammengefasst.

Positiv formuliert, könnte man von Athen das Motto „Aufrecht in der Niederlage“ lernen, aber Athen macht auch zynisch und ich würde behaupten, wer nicht mal aufrecht siegen kann, kann auch nicht aufrecht verlieren.

In einer Stadt, in der Altruismus bestenfalls naiv wirkt, lernt man trotz allem das Gute im Menschen kennen. Junge Menschen, die sagen, wenn ich sowieso arbeitslos bin, kann ich auch in der Flüchtlingsunterkunft mit anpacken. Alte Menschen, die von der Tafel leben, weil sie ihre gekürzte Rente den Enkelkindern zustecken. Ärzte, die nach der Schicht im Krankenhaus ehrenamtlich weiter arbeiten… Aber ist das nachahmenswert?

Mir mangelt es an Pragmatismus, um diese Zustände als Vorzeigemodell zu sehen. Von Athen kann man in den letzten Jahren lernen, dass der Mensch sich an vieles gewöhnt. Vielleicht kann man in Zukunft von Athen lernen, dass der Mensch sich nicht an alles gewöhnt.

Gerasimos Bekas wurde 1987 in Ostwestfalen geboren. Er studierte Politikwissenschaft an der Universität Bamberg. Beim open mike-Wettbewerb in Berlin gewann er 2014 den Publikumspreis. Zurzeit lebt er als Autor und Dramatiker in Athen und Berlin. Sein Stück „Glitschgott“ wurde 2015 im Studio des Maxim-Gorki-Theaters in Berlin aufgeführt, sein Text „G for Gademis“ im gleichen Jahr an der Experimentalbühne des Nationaltheaters in Athen. Die Uraufführung seines letzten Stückes „Das große Wundenlecken“ fand in der Spielzeit 2016/17 am Theater Augsburg statt.

Text: Gerasimos Bekas. Redaktion der documenta-Serie: Andrea Schellinger. Foto: Michaela Prinzinger (Kunstwerk von Daniel Knorr, Athener Konservatorium im Rahmen der documenta 14).

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