Die polyphonen Lieder von Epirus

Musik aus den Tiefen der Zeit

Die ältesten polyphonen Lieder von Epirus gehen vermutlich auf Totenrituale zurück. Bei dieser besonderen Art der Mehrstimmigkeit mit eigenständig geführten Stimmen handelt es sich ursprünglich wahrscheinlich um eine kollektive Totenklage.

Der Gesangsstil wurde 2005 in die UNESCO-Liste der Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit eingetragen und 2008 in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit.

Entlang der heutigen griechisch-albanischen Grenze lebten bis 1944 Albaner und Griechen, Aromunen und slawische Mazedonier. Aus dieser Gegend stammen die polyphonen, also mehrstimmigen Volkslieder. Im heutigen griechischen Staatsgebiet ist die epirotische Polyphonie mit ihren eigenständig geführten Stimmen einzigartig.

Gebirge im Abendlicht

Die Gesangsgruppen bestehen aus mindestens vier Personen, Männern und Frauen. Gesungen wird in zwei, drei, vier oder fünf Stimmen. Rolle und Technik jedes Sängers innerhalb der Gruppe sind genau definiert.

1 – Die Hauptstimme, der Nehmer (Pártis), kann von Männern oder Frauen gesungen werden, sie können sich aber auch abwechseln. Der Nehmer stimmt das Lied an und nimmt die Melodie auf. Deshalb wird er auch Heber (Sikotís) genannt.

2 – Der zweite Sänger antwortet ihm. Er ist der Wender (Gyristís), der das Lied wendet (gyrízo) oder knickt (tsakízo).

3 – Jetzt kann ein weiterer Sänger hinzukommen (zusätzlich oder statt des Wenders), der Fadenspinner (Klóstis), der, wie beim Jodeln, Kehlkopflaute im Falsett singt und damit das Lied zwischen Grundton und Unterton der Melodie „spinnt“. Sein Gesang ist die Hand, die beim Spinnen des Fadens die Spindel nicht nur zum Rotieren bringt, sondern sie auch von Zeit zu Zeit hebt und senkt.

4 – Der Tonhalter (Isokrátis; Plural: Isokrátes) hält die Tonhöhe der Klangmelodie auf einer Ebene.

5 – Der Neiger (Ríchtis) lässt die Stimme „fallen“.

Beim fünfstimmigen Gesang sind alle Teile vorhanden. Bei vier Personen können die Rollen des Fadenspinners und des Neigers von einer Person übernommen werden. Es gibt aber auch Ensembles von bis zu 12 Personen. Dort gibt es mehrere Tonhalter (Isokrátes), die das Lied „tragen“, füllen und zum Schweben bringen.

Am Ende brechen der Wender und der Fadenspinner den Gesang im Unterton der Melodie abrupt ab, so dass mit dem letzten Laut des Nehmers eine starke Dissonanz entsteht. Sie ist das Hauptmerkmal dieser polyphonen Form und verleiht ihr einen besonderen Abgang.

Steinbrücke von oben

Die Liedtexte sind eng mit der natürlichen, historischen und sozialen Umgebung verbunden: Es sind akritische Lieder (Anm. 1) und mittelalterliche Balladen, historische Erzählungen des Kampfes gegen die osmanische Herrschaft, aber auch Lieder über die Eheschließung, das Leben fern der Heimat, sogar über den Karneval.

Vieles weist darauf hin, dass dieser polyphone Gesang vielleicht sogar aus vorgriechischer Zeit  (späte Jungsteinzeit bis mittlere Bronzezeit, ca. 3000-1500 v. Chr.) stammt, da seine Melodien die pentatonische Halbtonskala (fünfstufige Tonleiter ohne Halbtöne) beibehalten haben. Das deckt sich mit dem dorischen Gesang der Antike. Im Laufe der Jahrhunderte kamen neue Einflüsse hinzu, beispielsweise die byzantinische Kirchenmusik, die zweifellos die tonalen und halbtonalen Klänge des Wenders sowie den Gesang der Tonhalter beeinflusst hat.

An der Technik des Nehmers und des Fadenspinners ist eine gewisse Nachahmung der „polyphonen“ Spielweise des Dudelsacks zu erkennen. Ähnlich klingen auch die alten epirotischen Klarinettisten und Geiger, wenn sie beim Spiel der traditionellen Weisen die einfache oder die Doppelspielpfeife nachahmen.

traditionelles Dorf mit Steinbauten

Die Ballade von Giánnos und Marigó ist eines der schönsten Beispiele epirotischer Volksdichtung. In einer der vielen überlieferten Varianten heißt es:

Giánnos und Marigó

Der Giannos ging mit Marigó zusammen in die Schule,
der Giannos lernte lesen da, die Marigó die Lieder.
Die beiden waren sehr verliebt, doch niemand durft‘ es wissen.
Bis Giannos sich dazu entschloss, es Mutter zu erzählen.
– Ich liebe meine Marigó, zur Frau will ich sie nehmen.
– Was sagst du da, du armer Tor, hat dich ´ne Schlang‘ gebissen?!
Kusine ist die Marigó, Kusine ersten Grades!
Da scheint’s mir besser doch zu sein, ein Totenhemd zu nähen,
als euch die Stefana zu flechten, die hübsche Hochzeitskron´.
Als Máro sich verlobte dann, schied Giannos aus dem Leben.
Im Trauer- und Verlobtenzug verschmolzen ihre Wege.
Doch laut vom Freudenzug der Braut niemand ´ne Frage stellte,
nur Máro fasste sich ein Herz und bat um eine Auskunft.
– Die Leiche, wessen, sagt mir doch, liegt da im gold΄nen Sarge?
– Der arme Giannos, wer denn sonst, der liegt im gold΄nen Sarge.
In Ohnmacht sinkt die Holde hin, stirbt dann am Sarg untröstlich.
Gebettet wurden beide dort, wo sich die Straße gabelt.
Bei Giannos wächst das Schilfrohr nun, bei Máro die Zypresse.
Und wenn das Schilf im Winde weht, dann küsst es die Zypresse.
Nun schaut euch mal das Pärchen an, die beiden so Verliebten.
Wenn´s diesseits auch kein Küssen gab, so gibt’s das doch im Jenseits.

Der namenlose Dichter erzählt die tragische Geschichte in gefasster und lakonischer Sprache, ohne dabei seine eigenen Gefühle in den Vordergrund zu stellen. Marigó folgt ihrem geliebten Giánnos in den Tod. Auf den benachbarten Gräbern der jungen Leute wachsen Bäume in den Himmel, die bei Wind ihre zärtlichen Umarmungen über den Tod hinaus fortsetzen.

Viele der epirotischen Balladen befassen sich mit unglücklichen Liebesgeschichten und im erweiterten Sinn mit häuslicher, oft grausamer Willkür und Gewalt. Sie spiegeln die strengen ungeschriebenen Gesetze der Gemeinschaft wider, die auf jeden Fall einzuhalten sind.

traditionelles Steinhaus

Eine optische Umsetzung der oben genannten Ballade finden Sie hier: https://www.youtube.com/watch?v=xQaECIa0kTU.

Den neunminütigen Kurzfilm von 2005 hat die dänisch-niederländische Regisseurin Lea Binzer in den epirotischen Bergen realisiert. Gezeigt werden auch die Sängerinnen und Sänger aus dem Dorf Ktismata Pogoniou an der griechisch-albanischen Grenze. Einige von ihnen hatten an der legendären LP/CD von 1993 mitgewirkt, die den epirotischen polyphonen Gesang einem breiteren griechischen Publikum näher gebracht hatte.

Zu weiteren Liedern des Ensembles Ktismata Pogoniou siehe https://www.youtube.com/watch?v=SnTQAyrKgf0.

Zu einer zeitgenössischen Interpretation der epirotischen Lieder siehe das Duett Dafni-Dimitris https://www.youtube.com/watch?v=tz4bv3rvAws, allerdings mit Begleitung von Musikinstrumenten, die das Fehlen der weiteren Stimmen kaschieren.

Anm. 1:
Akritische Lieder sind Volkslieder in Verserzählung des 12. Jahrhunderts, die sich auf die Heldentaten der Akriten beziehen, der Wächter an den Ostgrenzen des Byzantinischen Reiches. Das bekannteste davon ist das „Epos der Digenes Akritas“. Es gilt als ältestes Zeugnis der mittelgriechischen Literatur und stellt somit die sprachgeschichtliche Verbindung zwischen alt- und neugriechischer Literatur her.

Text und Übers. der Ballade: A. Tsingas. Fotos: Kostas Antonopoulos. Der Arzt ist leidenschaftlicher Wanderer und fotografiert seit Jahrzehnten die griechische Landschaft.

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