Die Juden auf Korfu: Das Leben vor der Shoah

Artikel der Historikerin Diana Siebert

Exklusiv und mit freundlicher Genehmigung der Historikerin Diana Siebert bringt diablog.eu ihren Artikel zu den korfiotischen Juden, der in einer ausführlicheren Form im Jahrbuch „Hellenika“ im November 2018 erscheinen wird.

Die Romanioten

Als romaniotische Juden verstehen wir jene, die einem bestimmten jüdischen Ritus angehörten. Sie sprachen und schrieben griechisch, zumeist mit hebräischen Lettern — sogar noch Anfang des 20. Jahrhunderts. Romaniotische Gemeinden gab es seit der Antike im ganzen griechischen Raum, sie sind für Korfu aber zunächst nicht nachgewiesen. Nach der Besetzung Konstantinopels 1204 durch die Kreuzzügler begann eine „italienische Einwanderung“ von Juden in zuvor oströmisch-byzantinisches Gebiet und auch nach Korfu. Wie die nichtjüdischen Griechen, hatten sie sich zuvor von Griechenland aus in Süditalien angesiedelt. Dort blieben sie bis ins 15. Jahrhundert hinein neben italienisch- auch griechischsprachig und also ohne Sprachschwierigkeiten beim erneuten Übersiedeln nach Korfu. Die korfiotische jüdische Gemeinde wurde eine „romaniotische“.

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Wegweiser zum ehemals jüdischen Stadtviertel (Evraïki), ©Diana Siebert

Die Venezianerzeit

Während der über 400-jährigen Herrschaft der Venezianer von 1386 bis 1797 auf Korfu kamen, nach der ersten Einwanderung von Apuliern, seit 1492 auch sephardische Juden auf die Insel. Denn sie wurden aus Spanien und Portugal vertrieben. Sie siedelten sich u.a. im Osmanischen Reich und in den venezianischen Besitztümern an. Dadurch gerieten die romaniotischen Juden unter einen starken Assimilierungsdruck der sephardischen Juden. Eine Zeit lang koexistierten beide Gemeinschaften in relativer Harmonie. Später jedoch wurden vielerorts die romaniotischen Gemeinden „sephardisiert“. Die sephardische Sprache, das Ladino, blühte auf. In einigen Städten jedoch, besonders in den Gebieten des Despotats von Epirus, und auch auf Korfu, konnte sich die romaniotische Brauchtumsgemeinschaft einige Jahrhunderte lang erhalten. Das Ladino setzte sich hier nicht durch.

Die korfiotischen Juden mussten 1425 ihre Häuser auf der Halbinsel mit der Alten Festung verlassen, bald in das heute noch „Evraïki“ (jüdisch) genannte Stadtviertel umsiedeln. Anders als in Italien war es kein nachts abgeschlossenes Ghetto. Die Serenissima wünschte zwar eine bauliche Ghettoisierung, konnte sie aber nicht durchsetzen. Als Venedig die Juden 1571, nach der Schlacht von Lepanto, aus ihrem Herrschaftsbereich gänzlich vertreiben wollte, machte es für Korfu eine Ausnahme. Denn die Juden stellten sich bei den Schlachten 1537 und 1578 klar auf die Seite ihrer Mitinsulaner. Dadurch entspannte sich die Beziehung zwischen jüdischen und christlichen Korfioten. Doch letztlich blieben die Juden nur geduldet. Politische Rechte besaßen sie in dem „klein-venezianischen“ System von Adelsprivilegien, Gebietsbaronen und dem „Goldenen Buch“ (Libro d’Oro) so wenig wie die Bauernschaft.

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Im ehemals jüdischen Viertel von Korfu-Stadt, ©Diana Siebert

Die französische, russisch-osmanische und britische Zeit

Nach dem Zusammenbruch Venedigs 1797 fiel Korfu an das revolutionäre Frankreich, das in einer Art Territorialexport Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, darunter auch die volle Gleichstellung der Juden einführen wollte. Doch der alte Adel und die christlichen Handwerker weigerten sich, zusammen mit Juden im Inselparlament zu sitzen. Der Adel war es, der die Vernichtung der französischen Streitkräfte durch eine russisch-osmanische Flotte unterstützte.

Die beiden Vielvölker-Autokratien, das Russische und das Osmanische Reich, schufen auf Korfu und den anderen Ionischen Inseln von 1800-1807 den ersten griechischen Staat der Neuzeit, die „Sieben-Insel-Republik“. In dieser und in der bis 1864 folgenden Zeit britischer Oberherrschaft waren die Juden wieder benachteiligt.

Die Vereinigung mit Griechenland

Als 1864 die „Vereinigten Staaten der Ionischen Inseln“ ins Königreich Griechenland eingegliedert wurden („Enosis“), wurden die korfiotischen jüdischen Gemeinden zusammengenommen zur größten Griechenlands, da jüdische Hochburgen wie Kreta, Thessaloniki und Ioannina erst 1912/1913 und Rhodos 1947 zu Griechenland kamen.

In der Geschichtsschreibung wird immer wieder betont, dass alle Griechen jeglicher Konfession nun dieselben Rechte gehabt haben, aber die herausragende Rolle der griechisch-orthodoxen Kirche war damals in der Verfassung festgeschrieben (und ist es bis heute immer noch).

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Im ehemals jüdischen Viertel von Korfu-Stadt, ©Diana Siebert

Die italienische Besiedlung

Die Siedler, die seit dem 19. Jahrhundert aus Italien nach Korfu kamen, verfolgten das Ziel, die Insel zu italianisieren. Das „Cavour-Programm“, die Staatsraison des Drangs nach Osten des erst ab 1861 vereinigten Italiens, erzeugte als griechische Gegenreaktion einen heftigen Nationalismus, der Antiitalianismus mit Antisemitismus verband, zumal die Juden Korfus untereinander unter pugliesischem und venezianischen Einfluss italienisch sprachen, die Sprache des Intimfeinds der meisten christlich-orthodoxen Korfioten. Der moderne Nationalismus vermengte sich mit dem traditionellen Antijudaismus der orthodoxen Bevölkerung.

Der Pogrom

1891 kam es zu einem antisemitischen Pogrom: Als ein kleines jüdisches Mädchen verblutet im Ghetto aufgefunden wurde, gingen viele Christen davon aus, dass es sich um das christliches Opfer eines Ritual-Kindsmords handelte. Dem Pogrom fielen 20 Juden zum Opfer, was internationale Aufmerksamkeit erregte. In der Stadt dürfte damals etwa jeder Siebte ein Jude gewesen sein, bezogen auf die ganze Insel immerhin etwa jeder Zwanzigste. Nach dem Pogrom verließen 2.000 bis 3.000 der 5.000 ansässigen Juden die Insel auf Dauer, die größte jüdische Gemeinde des damaligen Griechenland schrumpfte stark. Seither und bis zum Vorabend der Shoah wurde die Zahl der korfiotischen Juden mit 2.000 angegeben. Korfu war noch 1928 die Region mit dem höchsten registrierten Ausländeranteil; dies betraf neben den Italienern, Sissi und Kaiser Wilhelm eben auch nicht wenige Juden.

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Die Synagoge mit der charakteristischen Anordnung der Bänke, ©Diana Siebert

Konflikte unter den Juden

Auch innerhalb der jüdischen Community blieben über die Jahrhunderte der Koexistenz hinweg Konflikte zwischen den verschiedenen Brauchtumsgemeinschaften nicht aus. Die romaniotischen und die sephardischen Juden konkurrierten miteinander, vermieden das Einheiraten in die jeweils andere Untercommunity. Man schwärzte sogar bei den Venezianern ein Fehlverhalten der jeweils anderen Untercommunity an, ein für die damalige Zeit ungewöhnliches Verhalten. Erst nach dem Pogrom von 1891 rauften sich die größere „italienische“ und die „griechische“ jüdische Gemeinde zusammen.

Die Metaxas-Diktatur

Der griechische Faschismus unter Diktator Ioannis Metaxas (1936-1941) war zunächst nicht antisemitisch. Die faschistische Jugendorganisation EON zeigte in Filmdokumenten aus der Zeit das jüdische Viertel nicht als Schandfleck der Stadt, sondern als Attraktion. Und nach dem „Ochi“ (Nein) des Diktators am 28. Oktober 1940, also der Ablehnung des von Benito Mussolini an Griechenland gestellten Ultimatums, traten Juden wie Christen zur Verteidigung des griechischen Vaterlands an.

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Liturgische Bücher in griechischer, hebräischer, russischer und englischer Sprache, ©Diana Siebert

Die italienische Besatzung

Die Italiener und der italienische Staat blieben unter der orthodoxen Bevölkerung Korfus verhasst. Dies steigerte sich noch, als Mussolini im August 1923 italienische Kriegsschiffe Korfu bombardieren ließ. Unter der italienischen Besatzung 1941 bis 1943 zogen viele Korfioten aus der Stadt aufs Land, die Juden unter ihnen hatten solche Möglichkeiten kaum. Die Juden wurden im italienischen Machtbereich, zu dem auch Korfu gehörte, nicht besonders verfolgt.

Die deutsche Besatzung

Ab September besetzten die Deutschen Korfu, doch ihre Niederlage im Weltkrieg zeichnete sich bald deutlich ab. Das gegenseitige Fremdsein zwischen christlichen und nichtchristlichen Korfioten begünstigte jedoch die Möglichkeit der deutschen Besatzer, zwischen dem 11. und 15. Juni 1944, keine vier Monate vor ihrem Abzug, mithilfe von örtlichen Kollaborateuren, neun Zehntel, etwa 1.800 der Juden Korfus, Männer, Frauen und Kinder in drei Schiffen über Patras und Athen nach Auschwitz zu deportieren und dort fast alle zu ermorden. Nur wenige von ihnen überlebten, unter anderem Gefangene aus dem KZ-Außenlager Hailfingen-Tailfingen. Die meisten der weniger als 200 Überlebenden kehrten allenfalls kurz nach Korfu zurück, zogen dann in andere Länder. 1957 zählte die korfiotische jüdische Gemeinde 104 Mitglieder, 1972 noch 84, heute sind es lediglich 60 Mitglieder.

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Tafel in der Synagoge mit den Namen der in den KZs umgebrachten korfiotischen Familien, ©Diana Siebert

Weitere Informationen:
Die Historikerin Diana Siebert hat 2016 die erste Monographie über die wechselvolle Geschichte Korfus von 1797 bis 1944 herausgegeben (s. auch diablog.eu https://diablog.eu/literatur/diana-siebert-korfu-geschichte-literatur/):
Siebert, Diana: Aller Herren Außenposten. Korfu von 1797 bis 1944, Köln 2016.
Das Buch kann im deutschen Buchhandel sowie in Griechenland bezogen werden: http://korfubuch.de/in-griechenland

Text und Fotos: Diana Siebert. Lektorat: A. Tsingas.

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