Der vermisste Großvater – Teil 1

Eine Reise in die Vergangenheit von Thomas Tiemeier

1,2 Millionen Deutsche gelten nach den Wirren des zweiten Weltkriegs heute immer noch als vermisst. Thomas Tiemeiers Großvater war einer von ihnen, seine Spur verliert sich vor 74 Jahren in einem Dorf auf der Peloponnes. Mit Hilfe von Jannis Skourtis, einem ihm bis dahin unbekannten Griechen, hat Thomas die Suche aufgenommen – und erzählt auf diablog.eu die Geschichte einer zutiefst menschlichen Kooperation. Lesen Sie hier Teil 2 der Geschichte aus der Perspektive von Jannis Skourtis.

Die Vorgeschichte

Am 10.3.2011 erhielt ich ein Schreiben von der „Deutschen Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht“ (WASt) in Berlin. Ein Jahr zuvor hatte ich dort eine Anfrage nach dem Verbleib meines Großvaters Gerhard Paul Wierschke gestellt. Gerhard war einer von 17 Millionen deutschen Soldaten, die „dem Führer des Deutschen Reiches […] unbedingten Gehorsam zu leisten hatten.“ Er kehrte nicht nach Hause zurück.

  • porträt eines mannes
    Gerhard Paul Wierschke

In meiner Familie wurde sein Schicksal nie weiter thematisiert. Man war froh, nach Krieg und Übersiedlung in der noch jungen Bundesrepublik Fuß fassen zu können – die Vergangenheit sollte nun ruhen, man hatte sich schließlich um „wichtigere Angelegenheiten“ zu kümmern.

Als ich vor einigen Jahren einen Familienstammbaum erstellte, blieb das Feld mit der Vita meines Großvaters schmerzlich leer. Seine Frau, im Jahr 2009 verstorben, hatte aus unerfindlichen Motiven alle Bilder, Dokumente und Erinnerungen verbrannt.

Es ließ mich nicht los, dass Gerhard, dessen zweiter Vorname Paul der meines Sohnes ist, aus unserer Chronik nahezu ausradiert war. Und so machte ich mich auf eine Spurensuche mit offenem Ausgang.

Das Schreiben der Deutschen Dienststelle enthielt neben Heimatanschrift, Truppenzugehörigkeit, Einsatzraum und Dienstgrad folgenden Hinweis: Vermisst: 02.07.1944 bei Psari/Peloponnes. Die Vermisstenmeldung enthält den Vermerk: „Von Banden verschleppt, vermutlich ermordet.“

Die Internet-Recherche nach Psari gestaltete sich schwierig. „Psari“ bedeutet auf Griechisch „Fisch“, und so bekam ich neben allerhand leckeren maritimen Kochrezepten und jeder Menge Reisetipps zu Griechenlands schönen Küsten nur wenige Ergebnisse, die auf Orte dieses Namens hindeuteten. Da es auf dem Peloponnes mehrere Dörfer namens Psari gibt, galt es zudem herauszufinden, um welches es sich in der Vermisstenmeldung handelte.

Nach einigen Versuchen mit unterschiedlichen Suchbegriffkombinationen stand fest, dass es nur Psari bei Stymfalia sein konnte, knapp 30 Kilometer südlich von Korinth. Und tatsächlich existierte zu diesem Psari eine umfangreiche Website psarikorinthias.gr.

Landschaft mit Aufschrift Psari Korinthias

Screenshot der Webseite

Mein Herz schlug schneller, als ich im Archiv der Seite einen ausführlichen Bericht über Kämpfe der griechischen Partisanenarmee ELAS gegen Soldaten der Wehrmacht entdeckte. Sämtliche dort angegebenen Daten spiegelten exakt das Ergebnis meiner bisherigen Recherchen wider. 
Als Verantwortlicher für die Website war ein Jannis Skourtis genannt.

Erster Kontakt

Was schreibt man als Deutscher einem Griechen, dessen Vorfahren und Heimatdorf von der Wehrmacht und namentlich vom eigenen Großvater, auf brutalste Weise malträtiert worden waren? Wie wohlgesonnen kann dieser Grieche dem Deutschen sein, zumal sich die aktuelle deutsche Regierung in der Griechenland-Krise als überheblich und oberlehrerhaft aufspielt?
 Lange Zeit unternahm ich nichts, um einen Kontakt herzustellen. Zu geringe Aussichten, zu heikel, falscher Zeitpunkt. Ausflüchte gab es stets.

Anfang März 2017 gab ich mir einen Ruck und schrieb Jannis Skourtis auf Englisch an. Ihm versichernd, dass mir die Untaten der Deutschen in damaliger Zeit überaus leid täten, teilte ich ihm mit, ich sei der Enkel eines daran beteiligten Wehrmachtssoldaten. Vorsichtig fragte ich, ob er eventuell über weitere Informationen zu dessen Schicksal verfüge oder mir jemanden als Ansprechpartner nennen könne.
 Eine Reaktion erwartete ich nicht.

Zwei Tage später wurde ich eines Besseren belehrt. Die Antwort auf meine E-Mail war voller Verständnis, Freundlichkeit und Herzenswärme. Jannis schrieb, er wünschte, die Zeit zurückdrehen zu können, um diese schrecklichen Ereignisse ungeschehen zu machen. Das Schicksal meines Großvaters und der anderen Soldaten bedauere er sehr. Dann folgte wie eine Vorankündigung und gleichsam ein Versprechen an zukünftige Begegnungen:
I hope that through our communication we will have the chance to know each other better and one day that you will have the chance to come to Greece and visit Psari.

Von diesem Tag an wurde unser Kontakt intensiver. Jannis ließ nichts unversucht, Details über die damaligen Ereignisse in Psari ans Tageslicht zu fördern. Er sprach mit Zeitzeugen (!), recherchierte in der griechischen Literatur, schickte Fotos und Berichte. Dank ihm entstand ein nahezu lückenloses Journal der ersten Tage im Juli 1944. Es war ein mehr als glücklicher Zufall, dass ich mit Jannis ausgerechnet den leidenschaftlichen Historiker des Ortes kontaktiert hatte.
Nur zu gern hätte ich mich erkenntlich gezeigt. Eine Quelle von Jannis‘ Verständnis mir gegenüber mag die Tatsache sein, dass auch sein Onkel ein Vermisster des Zweiten Weltkriegs ist. Seine sterblichen Überreste werden in den Bergen Albaniens vermutet. Ich versuchte, im Gegenzug Jannis bei seiner Suche zu helfen, konnte aber leider nicht viel ausrichten.

Während unserer Korrespondenz begannen wir beiläufig, uns über Privates auszutauschen. Familienfotos wechselten von der Nordsee an die Ägäis und zurück, wir tauschten Lebensziele und Träume unserer Kinder aus. So entstand mit der Zeit eine Freundschaft, deren Basis mehr beinhaltete als das gemeinsame Interesse an der Vergangenheit.

Als wir Ende 2017 den Sommerurlaub mit unseren Kindern (14 und 15 Jahre alt) planten, waren wir uns über das Ziel schnell einig: Griechenland. Als Kompromiss in Bezug auf die Bedürfnisse aller, wurde ein Hotel nahe der Küstenstadt Ermioni gewählt. Von dort aus sollte es für ein Wochenende nach Psari gehen, wo wir uns mit unseren griechischen Freunden verabredet hatten.

Die Reise beginnt

16. Juli 2018. Nach drei Stunden Flug ab Bremen landen wir am späten Vormittag in Athen. Am Flughafen werden wir freudestrahlend von der kompletten Familie Skourtis begrüßt, die uns anschließend mit zwei Autos zur Fähre nach Piräus bringt. Das Eis ist schnell gebrochen, wir reden über Politik, Triviales und über das bevorstehende gemeinsame Wochenende.

Ein vorläufiger Abschied mit vielen Umarmungen, dann geht es mit der Fähre nach Ermioni und von dort aus mit dem Taxi zum Hotel. Wir staunen, wie der Taxifahrer es schafft, fünf Personen inklusive Gepäck in einem Mercedes unterzubringen. No problem, no problem, wird uns mehrfach souverän versichert. Was man mit einem guten Bindfaden so alles am Auto befestigen kann!

Nächster Halt: Psari

21. Juli 2018, Samstagmorgen. 135 Kilometer Fahrstrecke in nordwestliche Richtung liegen vor uns, als wir unser Feriendomizil in Thermisia in Argolis verlassen. Nach der Geborgenheit des Urlaubsresorts erscheint die schroffe Wildheit der Berglandschaft wie eine andere Welt. Die Reise führt uns durch pittoreske, in der wabernden Hitze dösende Dörfer. Gut ausgebaute Straßen verjüngen sich hinter der nächsten Biegung zu abenteuerlich kurvigen Schotterstrecken, welche uns mahnen, die Reisetabletten beim nächsten Mal nicht zu vergessen. Beidseitig flankierend immer wieder hohe Berge, in der Ferne ein gleißender Marmor-Tagebau.

  • Antiker Tempel mit Baum und Wiese
    Zeustempel in Nemea/Ο ναός του Διός στη Νεμέα

Nach zwei Stunden eine größere Stadt. Nemea, wo uns die Säulen des antiken Zeustempels eindrucksvoll begrüßen.
 Ein kurzer Anruf bei den Gastgebern, dass unsere Ankunft unmittelbar bevorsteht. Man will uns am Ortseingang von Psari treffen, zum Haus von Jannis‘ Mutter geleiten und uns dort ausführlich in Empfang nehmen.

Nun ist es also soweit. Ich stehe auf einem Berg südlich von Psari und mir wird schlagartig bewusst, dass dies die Gegend ist, durch die 74 Jahre zuvor, ebenfalls im Juli, mein Großvater mit Waffe und Rucksack marschiert ist. Immer wieder war ich in den letzten Monaten seinem Weg gedanklich auf der Karte gefolgt. Immer wieder hatte ich mir ausgemalt, wie die persönliche Begegnung mit der Familie Skourtis ablaufen könnte. Ich spüre so etwas wie Angst.

The Germans are back

Am Ortseingang von Psari begrüßt uns Jorgos, Jannis‘ ältester Sohn. Jorgos, Student an der Universität Piräus, hatte für seinen Vater die Übersetzungsarbeit unserer Korrespondenz geleistet. Er führt uns zum Haus seiner Großmutter, wo die anderen im schattigen Innenhof auf uns warten. Es ist eine illustre Gesellschaft: Jannis mit Familie und aus New York angereist seine Jugendfreundin Elsa mit ihrem Mann Bruce und Tochter Sophia.

  • sitzende gruppe
    Bei der Großmutter/Επίσκεψη στη γιαγιά

Die Atmosphäre ist entspannt und freundlich. Wir reden über Reisen, Politisches, Psari und die Planung für den nächsten Tag. Anschließend eine erste gemeinsame Mahlzeit, gefolgt von einem ausgedehnten Kaffeetrinken.

Den Rest des Nachmittags sind wir in der näheren Umgebung unterwegs, während wir den mal rauen, mal liebreizenden Charme der argolischen Landschaft in uns aufnehmen. Es dämmert bereits, als wir zurück in Psari sind. In phantastischer Stimmung lassen wir den Abend gemächlich in der Taverne ausklingen.

Κάθαρσις – Ein Tag der Erkenntnis

22. Juli 2018, Sonntagmorgen. Der Beginn einer Zeitreise zurück in das Jahr 1944. Unsere erste Station ist ein großer Felsblock, der „Makri Lithari“ (Langer Stein). Hier hielten sich die 32 deutschen Soldaten, unter ihnen mein Großvater, vor den Partisanen auf der Straße unterhalb des Felsens versteckt. Es nützte ihnen nichts – eine weitere Einheit der ELAS kam den Berghang hinab, erschoss die Hälfte der Soldaten und nahm die verbliebenen 16 gefangen.

  • zwei männer vor landschaft
    Auf dem Makri Lithari/Πάνω στο Μακρύ Λιθάρι

Jannis und ich stehen auf dem Felsen, sehen uns um. Ich frage mich, was die Deutschen hier gewollt haben könnten. Kein strategisch wichtiger Ort, keine kriegswichtigen Ressourcen, nur Felslandschaft, durchsetzt mit kargem Gras, ein paar Ziegen.

Wir sind auf dem Rückweg zur Straße, als die Besitzerin des Areals uns mit frischem Ziegenkäse und einer Flasche Tsipouro entgegenkommt. Jannis erklärt mir, dass es ein Brauch sei, die Fremden zu bewirten, wenn sie das eigene Grundstück überqueren. Nicht zum ersten Mal bin ich von der griechischen Gastfreundschaft beeindruckt.

Unsere nächste Station ist eine kleine Kapelle am gegenüberliegenden Hang des Tals. Steinige Serpentinen lassen uns spüren, dass ein Fiat Punto kein Geländewagen ist. An einigen Steigungen muss ich meine Familie bitten, den Wagen zu verlassen. Mich beruhigt, dass man bei diesem Tempo den Schildkröten auf der Straße besser ausweichen kann.

  • Wegweiser

Wir erreichen die Kapelle ein paar Minuten nach unseren Begleitern. Von hier aus führt ein Pfad fußläufig zu einer großen Höhle im Fels, der „Spilia tou Godzi“ (Godzis Höhle). Um sich vor nachrückenden deutschen Truppen zu verstecken, suchten die Partisanen der ELAS mit ihren 16 Gefangenen diese Höhle auf. Hier verbrachten sie die Nacht.

Der Ort konnte nicht besser gewählt sein. Aus dem Tal ist die Höhle nicht einsehbar, davor breitet sich vor dem Betrachter die weite Landschaft aus. Für mich an diesem Tag ein überwältigender Anblick, aber ich frage mich, was meinem Großvater damals am gleichen Ort durch den Kopf gegangen sein mag. Ob er wohl vermutete, dass dieses Bild der letzte Eindruck von Schönheit in seinem Leben war? Oder, ob er angesichts dieses Panoramas doch noch Hoffnung verspürte?

Ich ertappe mich dabei, unauffällig nach Spuren zu suchen. Ohne Erfolg.
 Als wir die Höhle verlassen, hält mich Jannis zurück. Wir sehen uns an, er drückt mir etwas in die Hand. Es ist ein breiter Nagel, von Rost überzogen. Ein Nagel, wie er zum Beschlagen von Soldatenstiefeln verwendet wurde.

Wir wandern zurück zur Kapelle. Ich fühle mich bedrückt, trauernd um den mir unbekannten Opa. Auch Jannis ist in diesem Moment sehr still. In seinem Gesicht meine ich etwas Ähnliches wie die Emotion ablesen zu können, die auch mich in diesem Moment bewegt. Doch Ablehnung, Feindschaft oder gar Hass ist da nicht zu spüren, weder bei ihm noch bei mir.

Über nun wieder gut befahrbare Straßen erreichen wir schließlich die letzte Station unserer Zeitreise. Weit außerhalb von Psari lebt die Familie Gatsiopoulos, die als eine der wenigen Käse und Joghurt aus eigener Herstellung noch selbst vertreibt.

Wir befinden uns auf einer überdachten Terrasse. An der Hauswand hängt eine rostige Munitionskette, das Kaliber der Patronen gleicht dem eines deutschen Maschinengewehrs.
Jannis stellt mich Herrn Gatsiopoulos, dem Sohn eines ELAS-Angehörigen, vor. Herr Gatsiopoulos reicht mir die Hand, sieht mir dabei nicht in die Augen, wendet den Blick nach unten. Was mir im ersten Moment wie ein Ausdruck von Abneigung erscheint, ist tatsächlich eine tiefe Scham. Jannis erklärt mir, dass die Bewohner von Psari und der umliegenden Gebiete nicht gewillt sind, die Deutschen für deren Abscheulichkeiten in den Kriegsjahren zu verurteilen. Vielmehr schämen sie sich des brutalen Umgangs der ELAS mit ihren deutschen Gefangenen.

Ich bin in diesem Moment fassungslos. Vorbereitet war ich zu Beginn der Reise auf ein Spektrum zwischen Ablehnung und Wohlwollen. Nun steht mir dieser Mann gegenüber, der sich vor einem Nachkommen der Invasoren schämt. Ich möchte ihn am liebsten umarmen, ihm damit deutlich machen, dass die Schuld auf Seiten meines Volkes liegt, bin mir aber nicht sicher, ob diese Geste angebracht wäre. Vorsichtig berühre ich ihn an der Schulter, senke ebenfalls den Blick, und hoffe, dass er dies als ein Zeichen der Versöhnung deutet.

Inmitten der umliegenden Felder befindet sich ein natürliches Wasserloch (griech.: Katavóthra), dass senkrecht in einen unterirdischen Flusslauf hinabführt. Die Ränder wurden in den 70er-Jahren betoniert, direkt benachbart liegt ein von Bäumen und viel Gras umringter kleiner See. Ein Idyll.

  • menschengruppe vor landschaft
    Das eingefasste Wasserloch/Η περιτειχισμένη καταβόθρα

Am 3. Juli 1944 endete an diesem Ort das Leben von Gerhard Paul Wierschke. Die Männer der ELAS stießen die 16 Soldaten der Wehrmacht in das Wasserloch hinab. Eine Überlebenschance bestand angesichts der Tiefe nicht.

Wir stehen am Rand des Katavothras. Herr Gatsiopoulos sagt leise etwas. Jannis übersetzt es für mich ins Englische: Dein Großvater sieht jetzt aus dem Himmel auf dich hinab und freut sich, dass er nicht vergessen ist.

Jannis und ich stehen noch eine lange Zeit dort. Arm in Arm. Blicken hinab. Wir haben beide Tränen in den Augen. Es ist einer der bewegendsten Momente in meinem Leben.

Epilog

Wir verließen Psari am Nachmittag. Nicht, ohne uns während eines letzten gemeinsamen Essens mehrfach bei unseren Gastgebern zu bedanken. Sämtliche Rechnungen der vorherigen Mahlzeiten hatten die griechischen Freunde beglichen – jeglicher Widerspruch war zwecklos. Diesmal kamen wir ihnen zuvor und bezahlten heimlich noch während des Desserts. Als Jannis es gegen Ende des Essens merkte, schmunzelte er und meinte: This is the greek way.

  • see mit landschaft
    Der kleine See/Η μικρή λίμνη

Selten sind mir so freundliche, hilfsbereite und gastfreundliche Menschen begegnet wie unsere neuen griechischen Freunde. Ihr Verhalten uns gegenüber machte eine Reise – angetreten vor einem sehr ernsten Hintergrund und durchzogen von einer moralischen Last auf beiden Seiten – zu einem unvergesslichen Erlebnis. Unsere Freundschaft wurde durch diese beiden Tage gefestigt, und eigentlich ist es unnötig zu erwähnen, dass wir sobald wie möglich wieder nach Psari zurückkehren werden. Oder die Griechen zur Abwechslung uns überfallen. Als Reiseziel für einen längeren Aufenthalt oder einen Abstecher möchte ich Psari uneingeschränkt empfehlen. Die „Paths Of Culture – Psari“, eine überwältigende Landschaft, zuvorkommende Menschen, historische Stätten seien nur beispielhaft genannt.

Erwähnen möchte ich auch die unermüdliche Arbeit, die Jannis Skourtis für seinen Heimatort leistet. Sei es die Pflege seiner hervorragenden Website psarikorinthias.gr, die Neuerrichtung einer wunderschönen Kapelle, die Tätigkeit als Chronist oder die Förderung des Tourismus vor Ort. Hier könnte noch vieles mehr aufgezählt werden, was er in Eigenregie oder in Zusammenarbeit mit Elsa Stamatopoulou auf die Beine stellt.

Bedanken möchte ich mich neben der Familie Skourtis bei Elsa und Sophia Stamatopoulou sowie Bruce Robbins für seine geistreiche und kluge Begleitung, hilfreiches Dolmetschen und nicht zuletzt für seinen unnachahmlichen Humor.

Die Kapitelüberschrift Κάθαρσις geht auf Elsa zurück. Als mir auf die Frage nach meinen Emotionen zu unserer Begegnung eine Äußerung schwerfiel, brachte sie als sehr treffende Beschreibung den Begriff der Katharsis („Reinigung“) ins Spiel. Nach der Definition der antiken griechischen Tragödie steht die seelische Reinigung am Ende des Erlebens von Schrecken und Trauer.

Text: Thomas Tiemeier. Fotos: Thomas Tiemeier und Jannis Skourtis. Lektorat: A. Tsingas. Redaktion: M. Prinzinger.

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3 Gedanken zu “Der vermisste Großvater – Teil 1

  1. Schäuble sagte mal, von den Muslimen könne man biel lernen. (!!) Schäuble!!! Leider kennt er dieses Land Grechenland, seine Leute nicht, die 5 Wörter für Liebe haben. Eines davon steht für die Liebe, die sich in (Gast)Freundschaft ausdrückt. Ich denke, seine Politik wäre eine andere gewesen. Ich fahre seit über 30 Jahren in dieses zauberhafte Land, das meine Seele nährt.

  2. Ιch bin von der Geschichte einfach beeindruckt. Da ich von einer griechischen Familie abstamme, die als Gastarbeiter in der 60er Jahren nach Deutschland kamen, habe ich jegliche Vorurteile gegen die Deutschen abgelehnt. Mein Opa erzählte mir sehr viele Geschichten über die Deutschen Soldaten in seinem Dorf. Sie haben ein Schwimmbecken am Bach gebaut, sie waren vorkommen und nett zu den Dorfbewohner. Es hat sich alles geändert als die Partisanen einen Soldaten mit einem Geschoss von der Anhöhe schwer verletzt haben und der Schuppen eines Dorfbewohners in Brant steckte. In dem Schuppen war Munition und Kriegsmaterial, die in der Luft gegangen sind. Die Vergeltung war da. Zwei Anwohner müssten aufgehängt werden und einige eingesperrt werden. Die Geschichte habe ich hundert Mal detailliert erklärt bekommen vom Opa und Vater, der damals 7 Jahre alt war. Er hat mitansehen müssen, wie die zwei junge Männer auf dem Dorfplatz aufgehängt würden. Das ganze belehrt uns, dass beim Krieg keine Gesetze gelten. Dr Mensch wird zu einem Bestie, egal ob man Eroberer oder Verteidiger ist.
    MfG Jannis Kalimeris
    Koblenz

  3. Moin und Kalimera, kann mich da nur anschließen, eine sehr beeindruckende Geschichte.

    vg aus Hamburg, kv

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