Bauhaus im Schatten des Parthenon

Eine Ortsbegehung von Ingo Starz

Hundert Jahre Bauhaus – Athen feiert mit: 1919 wurde das Bauhaus in Weimar von Walter Gropius als Kunstschule gegründet. 2019 wird zum hundertjährigen Jubiläum auch in Athen gefeiert. Der Kunsthistoriker Ingo Starz wirft für diablog.eu einen Blick auf die Spuren, die das Bauhaus in Athen hinterlassen hat.

Weltweit wird in diesem Jahr der Bauhaus-Gründung im Jahr 1919 gedacht. Die revolutionäre Einrichtung nahm sich zum Ziel, das Architektur- und Kunstschaffen zu erneuern und zur gesellschaftlichen Veränderung beizutragen. Die Wirkungsgeschichte hält bis heute an. Das Athener Goethe-Institut zeigt vom 20. März bis 19. April 2019 die Ausstellung „Bauhaus Imaginista” und ergänzt diese um ein reichhaltiges Rahmenprogramm.

Wer Athen hört, denkt zunächst an die Akropolis und den Parthenon, an den antiken Ort als kulturelle Wiege des Abendlandes. Wenige dürften, wenn der Name der griechischen Hauptstadt fällt, an moderne Stadtplanung und Architektur denken. Zugegeben, wer durch Athen spaziert nimmt moderne Bauten zumeist als unvermeidlichen und oft unerfreulichen Kontrast zum antiken und neoklassizistischen Erbe wahr. Diejenigen, die genauer hinschauen, werden aber erkennen, dass es auch im Südosten Europas eine bemerkenswerte Hinterlassenschaft an qualitätsvoller, moderner Architektur gibt.

Das ist weniger überraschend, wenn man sich ins Gedächtnis ruft, dass hier im Jahr 1933 der IV. Internationale Kongress für Neues Bauen stattfand, der unter der Federführung von des Architekten Le Corbusier die Charta von Athen hervorbrachte. In diesem wichtigen Dokument wird grundlegend über die funktionale Stadt, d.h. die Aufgaben moderner Städteplanung nachgedacht. Das Bauhaus war zum Zeitpunkt dieses Manifests bereits durch nationalsozialistische Repressalien zur Schließung gezwungen worden. Doch, kommen wir zurück zum Athen unserer Tage: Wo sind sie nun, die Spuren des Bauhauses in Athen?

Neubau mit treppe

Odeion Athinon/Konservatorium, ©Ingo Starz

Das Athener Konservatorium, das an der Ecke Rigillis/Vasileos-Konstantinou-Straße gelegene Odeion Athinon, ist ein gutes Beispiel für eine vom Bauhaus geprägte Architektur. Seine kubische, langgestreckte Form, welche eine Grünfläche und den zum Untergeschoss führenden Lichtschacht integriert, ist von Funktionalität und schlichtem Erscheinungsbild bestimmt. Der Portikusumgang erschließt über zwei Treppenanlagen Ober- und Untergeschosse und führt zum ebenerdigen, an einer der Schmalseiten gelegenen Haupteingang, der in den gleichsam öffentlichen Bereich des Gebäudes führt. In der Gestaltung der Innenräume wie zahlreicher Details wird ersichtlich, wie sehr dieses Bauwerk einem einheitlichen Formwillen folgt. Das unvollendet gebliebene Auditorium, welches eine Soundinstallation der Documenta 14 beherbergte, verweist mit seiner Form auf das antike Theater. Der Architekt des Odeion Athinon, Ioannis Despotopoulos (1903-1992) studierte am Bauhaus unter dessen Gründungsdirektor Walter Gropius (1883-1969). Er plante von 1959 an einen großen Kulturkomplex in Athen, von dem letztendlich nur das Konservatorium realisiert wurde.

Gang mit Marmor

Odeion Athinon/Konservatorium, ©Ingo Starz

Walter Gropius begegnet einem noch an anderer Stelle in Athen. Zwanzig Gehminuten vom Odeion Athinon entfernt befindet sich am Vasilissis-Sofias-Boulevard die US-Botschaft. Deren älteres Gebäude wurde zwischen 1959 und 1961 nach Plänen des Bauhaus-Architekten realisiert. Es gehört zu den wichtigsten Bauten der Moderne in Athen und nimmt mit seinem elegant formulierten Pfeilerumgang Bezug auf den Parthenon. Ebenfalls als Referenz zum Tempel der Athena Parthenos lässt sich ein erst jüngst entstandener Bau lesen: der sogenannte Leuchtturm auf dem Dach des neuen, von Renzo Piano geplanten Opernhauses (Stavros Niarchos Kulturzentrum).

Der architektonische Modernismus hat vielfältige Spuren in Athen hinterlassen, die mal mehr, mal weniger den Ideen des Bauhauses verbunden sind. Im urbanen Umfeld der beiden genannten Bauwerke befindet sich beispielsweise das 1963 eröffnete Hilton. Das zwischen Konservatorium und US-Botschaft gelegene Hotel beeindruckt mit seinem leicht gekrümmten Hochhauskörper und dem großformatigen Relief von Yannis Moralis auf der stadtseitigen Schmalseite.

Hotel Hilton Athen

Hotel Hilton Athen, ©Thanassis Tsingas

Nicht weniger interessant ist ein Komplex von Wohnhäusern, der zwischen 1933 und 1935 zur Aufnahme der Flüchtlinge am Alexandras-Boulevard errichtet wurde, die als Folge des Kleinasiatischen Feldzuges nach 1922 nach Griechenland strömten. Die schlichte Fassadengestaltung, die funktionalen Grundrisse und weitere Details zeigen deutlich die Ideen des Neuen Bauens.

Haus mit Bäumen

Flüchtlingshäuser, ©Ingo Starz

Wer mit offenen Augen durch Athen geht, stößt immer wieder auf moderne, den Ideen des Bauhauses folgende Architektur. Ein genauer Blick auf Arbeiten und Aussagen der Gropius-Generation offenbart zudem eine Inspirationsquelle, die uns direkt nach Griechenland führt. Gemeint sind die weiß gekalkten Häuser der Kykladen. Diese auf einfachen, kubischen Formen beruhende Architektur ist einer der Referenzpunkte des Neuen Bauens. Man könnte daher sagen, dass das Bauhaus auch ein wenig in Griechenland erfunden wurde.

Ingo Starz ist Kunsthistoriker und arbeitet als Kurator und Kritiker in Athen. Bisweilen führt er Reisende abseits ausgetretener Pfade durch die griechische Hauptstadt und lässt sie die moderne und zeitgenössische Stadt entdecken. Aktuell: https://drp-kulturtours.de/reisen/kulturmetropole-athen.

Text: Ingo Starz. Fotos: Ingo Starz, Thanassis Tsingas.

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