Aktion Sühnezeichen: Solomon Parente in Berlin

Artikel von Marianna Tsatsou

9. und 10. November: Jahrestag der „Reichskristallnacht“. Aus diesem Anlass lädt die Aktion Sühnezeichen Friedensdienste Solomon Parente aus Thessaloniki nun schon zum zweiten Mal in diesem Jahr nach Berlin ein, um ein Zeichen gegen Diskriminierung und Rechtsextremismus zu setzen. Parente nimmt an der Ausstellungseröffnung „Menschen im Widerstand“ teil, die aus den Aktionen im Sommerlager der ASF in Kastoria hervorgegangen ist. Bereits im Mai davor hatte die ASF im Rahmen ihrer Jahrestagung zu Veranstaltungen mit dem Thema „Erzählen und Erinnern als Form des Widerstands gegen das Vergessen. Was ist das Besondere am jüdischen Gedenken in Griechenland heute?“ geladen, zu der auch Sοlomon Parente als Zeitzeuge angereist war. Dort hatte Marianna Tsatsou für diablog.eu die Gelegenheit, seine Schilderungen vom Leben seiner Eltern nach der Shoa und von der jüdischen Gemeinde in Thessaloniki zu hören, aber auch darüber, wie er selbst gegenüber den Deutschen empfindet.

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Solomon Parente, ©Dimitrios Kostaras

Es ist das erste Mal, dass die ASF die griechische Geschichte zur Zeit der NS-Besatzung, mit Schwerpunkt auf den Problemen des griechischen Judentums, öffentlich erörtert. Selbst in Griechenland würden vorwiegend Filme und Dokumentationen über den Holocaust gezeigt, deren Hauptaugenmerk auf den deutschen oder polnischen und weniger auf den griechischen Juden liege, die „verschwunden“ seien, wie Solomon Parente, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Thessaloniki, hervorhob.

Bis zu einem gewissen Grad kann man sich vielleicht noch die Gefühle vorstellen, die jemand empfindet, der im Zug zu einem der zahllosen Konzentrationslager unterwegs ist. Kaum mehr nachzuvollziehen ist es allerdings, was jemand fühlt, der solche traumatischen Ereignisse überlebt hat und wie er mit dieser schrecklichen Erinnerung umgeht.

„Jeden Tag beim Mittagessen wurden wir durch die Erzählungen unseres Vaters nach Dachau zurückversetzt“, erzählte Herr Parente tief bewegt. Seine jüdischen Großeltern waren die ersten Familienmitglieder, die ums Leben kamen, aber auch seine Eltern mussten einen harten Weg gehen, obwohl sie viel mehr Glück hatten. Sie konnten dem KZ buchstäblich in letzter Minute entrinnen, doch diese ganze Erfahrung ist für die Familie eine offene Wunde geblieben.

Parentes Mutter wurde aus dem paradoxen Grund gerettet, weil ihr die eigene Schwiegermutter das Baby entriss – in der Hoffnung, auf diese Weise davonzukommen. Aufgrund des Streits, der dabei zwischen den beiden Frauen entstand, schritt ein deutscher KZ-Aufseher ein, und als er begriff, was die Schwiegermutter im Sinn hatte und warum sie das Baby festhielt, schickte er sie geradewegs in die Gaskammer, Parentes Mutter hingegen bugsierte er in eine andere Gruppe, deren Mitglieder schließlich gerettet wurden.

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Zeitdokumente

„Ich empfinde keinen Hass gegen die Deutschen, aber mein Vater konnte sie nicht ausstehen – sie hatten ihm seine ganze Familie genommen. Trotzdem habe ich in all den Jahren, in denen ich aus beruflichen Gründen immer wieder nach Deutschland gekommen bin, keine deutschen Freunde gefunden. Die einzige Ausnahme ist die Begegnung mit Christine Bischatka, der verantwortlichen Koordinatorin für die internationalen Sommerlager des ASF, die mich heute hierher eingeladen hat“, betonte er. Er erzählte von der inneren Anspannung, die ihn jedes Mal überkam, wenn er mit seinem Bruder an Dachau vorbeifuhr. „Bloß schnell weg hier“, sagte er dann zu ihm.

Nie verspürte er den Wunsch, ein Konzentrationslager zu besuchen. Stattdessen sprach er lieber ein Gebet für die Opfer. „Das klingt fast, als hätten Sie ein schlechtes Gewissen, als ob Sie das Gefühl hätten, etwas dafür zu können“, merkte Joana Bürger, die Moderatorin des Gesprächs, an. Solomon Parente entgegnete darauf, es gebe einen bedeutenden Unterschied zwischen seiner Generation bzw. der seiner Eltern und der heutigen Generation: Die ältere hätte einen direkten Bezug und selbst mit den Ereignissen zu tun, während das für die Jüngeren alles ferne Vergangenheit sei.

„Mittlerweile wird der Holocaust – auf Druck der jüdischen Gemeinde Thessaloniki – in den griechischen Schulen im Unterricht behandelt. Seit 45 Jahren beschäftige ich mich mit dem Schicksal der Juden von Thessaloniki. Sie müssen bedenken, dass die Stadt vor dem Holocaust stark von den jüdischen Einwohnern geprägt war: Es gab über 40 Synagogen, einen historischen, über 2000 Jahre alten Friedhof, zehn Zeitschriften jüdischer Verleger und zahlreiche Geschäfte. Das hat sich nach der Shoa allerdings vollkommen verändert. Die Überlebenden kamen völlig mittellos zurück und waren obdachlos, da ihre Häuser inzwischen von anderen bewohnt waren“, fügte er hinzu.

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Joana Bürger, Solomon Parente, Soultana Zorpidou, ©Dimitrios Kostaras

Natürlich gibt es im Leben eines griechischen Juden, auch wenn es immer diese dunkle Seite der Vergangenheit hat, auch Heiteres zu berichten, wie beispielsweise die folgende Begebenheit:

„Beim Militär hatte ich eine ziemlich gute Zeit. Ich erinnere mich da sogar an eine amüsante Geschichte. Es waren griechisch-orthodoxe Ostern und der Kommandant rief einen Soldaten auf, zum Morgenappell ein Gebet zu sprechen. Der Soldat begann aber versehentlich das Tagesgebet zu sprechen, und nicht das Auferstehungsgebet. So musste sich der Kommandant nach jemandem umschauen, der den richtigen Text konnte. Als sich keiner meldete, trat ich schließlich vor, denn ich hatte es aus dem Schulunterricht in Erinnerung. Er hatte keine Ahnung, dass ich Jude war, denn ich habe immer versucht, meinen Glauben zu verbergen. Nachdem er mich gelobt hatte, bestrafte er trotzdem die ganze Einheit, mich inklusive, mit einer fünftägigen Ausgangssperre.“

An seine Kindheit und Jugend in Thessaloniki hat Parente ziemlich gute Erinnerungen. „Wir hatten ein sehr gutes Verhältnis zu den Nachbarn, die andersgläubig waren, obwohl es auch solche Leute gab, die uns völlig ungeniert erklärten, es geschehe uns ganz recht, dass die Deutschen Seife aus uns gemacht hätten“, meint Solomon Parente. In seiner Jugend drehte sich sein Leben um den Sportclub Maccabi Thessaloniki, der ab 1965-1966 wieder aktiv wurde, wenn auch mit nur wenigen Mitgliedern. 1967 wurde Parente griechischer Meister im Boxen, eine Sportart, für die er sich auch deshalb begeisterte, weil sie ihm Selbstvertrauen schenkte.

Die Berliner Veranstaltung in Anwesenheit von Solomon und Dolly Parente war ein wichtiger Schritt im Dialog zwischen Griechenland und Deutschland, der für beide Seiten notwendig ist, um die Folgen der historischen Ereignisse zu verstehen. Die griechischen Juden müssen sich – auch im Ausland – äußern, damit nicht in Vergessenheit gerät, was sich vor nicht allzu langer Zeit direkt vor unserer Haustür abgespielt hat.

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Solomon Parente, Soultana Zorpidou, Dolly Parente, ©Dimitrios Kostaras

Die Zusammenarbeit der Organisation ASF mit Griechenland begann 2015 mit der Durchführung des ersten Sommerlagers in Kastoria zum Thema „Das Verschwinden der jüdischen Gemeinde von Kastoria und das Massaker von Kleisoura“, zwei dunkle Punkte (von vielen) in der griechischen Geschichte aus der Zeit der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs. Solomon und Dolly Parente unterstützen die Aktivitäten der Sommerlager in Kastoria. Sie sprechen mit den Teilnehmern über die Erlebnisse ihrer Familien, wodurch diese unmittelbar mit dem wenig bekannten Thema des Holocaust der griechischen Juden in Kontakt kommen.

Finden Sie hier den Link zur Jahrestagung der ASF und hier den Link zum Sommerlager in Kastoria.

Text: Marianna Tsatsou und Soultana Zorpidou. Übersetzung: Maria-Theresia Kaltenmeier, Redaktion: Michaela Prinzinger. Fotos: Dimitrios Kostaras. Link zur Veranstaltung am 9. November 2017: https://www.asf-ev.de/be-europe/.

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