Time for Change

Wie Yanis Varoufakis seiner Tochter die Wirtschaft erklärt

Am 27.7. erscheint das neue Buch von Yanis Varoufakis „Time for Change„, in dem er seiner Tochter die Wirtschaft erklärt. Vielleicht haben wir Kulturfritzen auf dem Niveau jetzt auch noch mal die Chance, die Zusammenhänge von Geld und Macht zu begreifen. Die begleitenden Abbildungen stammen vom Kreuzberger Künstler Michael Paul, der sich in seiner „Zeitgeist-Serie„ über Begriffe wie Börse, Rettungsschirme und Wachstum so seine Gedanken gemacht hat.

Erfrischender Querdenker – oder Totengräber des Euro? Yanis Varoufakis, ehemaliger Finanzminister von Griechenland, vertritt Thesen, die so kontrovers diskutiert werden wie sein Outfit. In lässigen Auftritten erklärt er die Welt, redet Klartext, wo andere nur Worthülsen produzieren. Viele Menschen berührt er sympathisch, andere sehen in ihm den Leibhaftigen. Wer ist er wirklich, was treibt ihn um? Varoufakis ist ein Meister darin, ökonomische Fragen mit der Geschichte der Kolonialisierung, mit den Matrix-Filmen und aktuellen Bezügen zu verbinden. Sein Buch will Interesse an der Wirtschaft wecken und bezieht leidenschaftlich Position für den Menschen und gegen eine Ökonomie der Unterdrückung.

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Vorwort zur deutschen Ausgabe

Zu den nachhaltigsten Erinnerungen meiner frühen Kindheit gehören die Sendungen der Deutschen Welle mit ihrem Knistern und Rauschen. Es war in den düsteren Jahren der griechischen Militärdiktatur (1967–1974), als die Deutsche Welle den wichtigsten Beistand der Griechen gegen die erdrückende staatliche Propaganda darstellte. Mutter und Vater saßen dicht aneinandergedrängt am Radio, manchmal sicherheitshalber noch mit einer Decke über den Köpfen, damit neugierige Nachbarn keinen Anlass fanden, die Geheimpolizei zu rufen.

So kam Nacht für Nacht etwas frischer Atem in unsere Wohnung durch diese »verbotenen« Sendungen aus einem Land, das den griechischen Demokraten zuverlässig zur Seite stand: Deutschland. Ich war noch zu jung, um zu verstehen, was meine Eltern da gebannt am Radio hörten, aber meine kindliche Phantasie sah Deutschland als eine Quelle der Hoffnung. Dieses Buch richtet sich nun auch an einen jungen Menschen, meine Tochter, und ich habe beim Schreiben des Vorworts zur deutschen Ausgabe das große Bedürfnis, diese Erinnerung mitzuteilen. Sie zu einer kleinen Hommage für die Idee von Europa als Raum gemeinsamer demokratischer Ideale werden zu lassen. Zu einer kleinen Widerstandsgeste gegen die Tendenz, dass die europäischen Völker, die sich bisher immer nähergekommen waren, ausgerechnet durch eine gemeinsame Währung auseinandergebracht werden sollen.

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fresh money %, ©Michael Paul

Unsere Europäische Union war in der Annahme ins Leben getreten, wir müssten zuerst unsere wirtschaftlichen Interessen verbinden, um eine politische und gesellschaftliche Einheit zu erreichen; die Wirtschaft würde dann den Weg in eine gemeinsame europäische Politik bahnen. Die Idee war gut, doch im Lauf der Jahre und Jahrzehnte ergab sich dabei ein Problem: Unser gemeinsames Verständnis von »Wirtschaft« wurde immer barbarischer. Wir gerieten in den Strudel einer simplifizierenden Denkweise, durch die sich der Bereich der Wirtschaft von dem der Politik, Philosophie und Kultur abzukoppeln, zu isolieren begann. Der wirtschaftliche Bereich erlangte auf diese Weise selbst eine gewaltige diskursive und gesellschaftliche Macht; sie ließ Demokratie, Politik und Kultur immer mehr verblassen und zum Schatten ihrer selbst werden.

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fresh money%, ©Michael Paul

Für diese stetige Erosion unseres gemeinsamen Verständnisses des Wirtschaftsbereichs waren, wie ich zugeben muss, wir Ökonomen verantwortlich. Überraschend schnell waren die Märkte nicht länger Mittel, die im Dienst sozialer Ziele stehen sollten, sondern sie wurden unbemerkt zum Selbstzweck. Unter dem Einfluss einer wachsenden Macht des Finanzwesens und neuer Wirtschaftstheorien begannen wir uns Oscar Wildes Definition des Zynikers anzunähern: Jemand, der alles über Preise und nichts über Werte weiß. Natürlich kamen auch die Institutionen der Europäischen Union zunehmend zu der Überzeugung, dass wichtige Entscheidungen von technokratischen Gremien getroffen werden sollten, die »politikfreie Zonen« darstellen. Ironischerweise führte die Sprache der Ökonomen zu einer Ausrichtung, die nicht nur die aktive Politik und Kultur, sondern auch die aktive Wirtschaft aus den Fluren der Macht und den Entscheidungsorten verbannte. Doch genug davon ! Dieses Buch ist nicht als Schmährede auf Europa, auf Deutschland, auf Griechenland oder auf sonst etwas gedacht, was meine Tochter langweilen würde.

Der Verfasser wollte damit seine Fähigkeit testen, aufmüpfige Jugendliche davon zu überzeugen, dass die Wirtschaft zu wichtig ist, um sie den Wirtschaftswissenschaftlern zu überlassen. Dass sie also viel zu viel Spaß machen kann, um von Menschen links liegen gelassen zu werden, die an anderen Dingen interessiert sind als an Geld und Finanzen. Dass mit einem scharfen Auge betrachtet hinter jeder ökonomischen Vorstellung, jeder wirtschaftlichen Theorie eine faszinierende Auseinandersetzung mit menschlichen Ängsten steckt. Habe ich dieses Buch also tatsächlich für meine Tochter geschrieben? Nicht wirklich. Letztlich habe ich es geschrieben, um die Grenzen meines eigenen Verständnisses auszuloten. Denn wenn ich einem jungen Menschen die fundamentalen Wirtschaftsfragen nicht erklären könnte, würde es ein schlechtes Licht auf meine eigenen Einsichten werfen.

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Wenn man Jugendliche nicht dazu bringen kann, sich für das Wesen von Reichtum, Armut, Wirtschaftsmacht (und ihre Verteilung in der Gesellschaft) zu interessieren, zeigt sich, dass man dem, was unsere Gesellschaft antreibt, selbst nicht genügend Wichtigkeit beimisst. Aber es stimmt schon, dass meine Tochter dabei eine große Rolle gespielt hat. Sie ist mir gegenüber äußerst kritisch, und so habe ich mich am Ende jedes Kapitels gefragt, ob sie mir jetzt beim Lesen einen angewiderten Blick zuwerfen würde. Nichts motiviert einen Autor mehr als so eine Schreckensvision! Hier ist es also. Das Buch möchte Lesern, die gewöhnlich nichts mit ökonomischen Themen zu tun haben, die Macht wirtschaftlicher Ideen und ökonomischer Prozesse über unsere Vorstellungskraft, unsere Überzeugungen und Leidenschaften deutlich machen und so ein Interesse für diese Themen wecken.

Dazu stellt es Fragen: Wie konnte sich die Wirtschaft von der Kontrolle durch Politik und Militär so befreien, dass sie in unserer Gesellschaft immer mehr die Herrschaft übernahm? Wie hat sich die moderne Welt herausgebildet? Und warum sind die Theorien der Ökonomen eher Teil der Probleme, die diese Welt ständig produziert, als Teil der Lösungen?

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Zwerg Wachstum, ©Michael Paul

Kapitel 1: Warum gibt es so viel Ungleichheit?

Wieso sind die australischen Aborigines nicht in England eingefallen?

Alle Babys kommen gleich nackt zur Welt. Aber schon bald werden manche von ihnen in teure Kleidung aus Luxusläden gesteckt, während die große Mehrzahl eher Lumpen trägt. Wenn sie ein bisschen größer geworden sind, rümpfen die einen regelmäßig die Nase, wenn ihnen Verwandte und Paten noch mehr zum Anziehen schenken, während sie selbst lieber andere Geschenke hätten, und die anderen träumen davon, dass sie eines Tages in Schuhen zur Schule gehen können, die keine Löcher haben. Das ist die eine Seite der Ungleichheit, die unsere Welt bestimmt.

Du hörst vielleicht etwas von dieser Ungleichheit, aber du bist nicht damit konfrontiert. Denn in deine Schule gehen keine Kinder, die wie die bedrückende Mehrzahl zu einem Leben verurteilt sind, das von Entbehrungen und sogar von Gewalt gezeichnet ist. Zumindest theoretisch ist dir allerdings schon bewusst, dass es den meisten Kindern auf der Welt nicht so gut geht wie dir und deinen Mitschülern, das weiß ich. Neulich hast du mich gefragt: »Warum gibt es so viel Ungleichheit?« Mit meiner Antwort war … nicht einmal ich zufrieden. Insofern hoffe ich, du erlaubst mir, dass ich es noch einmal versuche, und diesmal habe ich eine eigene Frage.

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fresh money %, ©Michael Paul

Du lebst in Sydney, und deshalb gibt es in deiner Schule viele Unterrichtsstunden und Veranstaltungen zu den Aborigines – über das Unrecht, das man ihnen zugefügt hat, über ihre Kultur, die die britischen weißen Kolonialherren zwei Jahrhunderte lang mit Füßen getreten haben, über die Armut, in der sie empörenderweise heute noch leben. Hast du dich aber jemals gefragt, wieso die Briten in Australien eingefallen sind und den Aborigines ohne weitere Umstände das Land geraubt haben (und sie im Grunde damit vernichtet haben) und wieso sich nicht das Umgekehrte abgespielt hat? Wieso sind nicht Aborigines-Krieger in Dover gelandet und schnell nach London vorgedrungen und haben dabei jeden Engländer umgebracht, der sich ihnen zu widersetzen wagte?

Ich wette, in deiner Schule hat kein Lehrer an so eine Frage auch nur zu denken gewagt. Die Frage ist aber wichtig. Wenn wir sie nicht ausführlich beantworten, laufen wir Gefahr, gedankenlos zu akzeptieren, dass die Europäer letztlich klüger und fähiger waren. Das umgekehrte Argument, dass die australischen Aborigines bessere Menschen waren und deshalb nicht selbst zu herzlosen Kolonialisten geworden sind, ist nicht überzeugend. Der einzige Weg, das zu beweisen, hätte vorausgesetzt, dass sie imstande waren, große Ozeanschiffe zu bauen, und auch die nötigen Waffen und die Kraft hatten, die englische Küste zu erreichen und das britische Heer zu schlagen, und dass sie sich trotzdem entschlossen hätten, die Engländer nicht zu versklaven und ihnen auch nicht in Sussex, Surrey und Kent ihr Land wegzunehmen.

Insofern bleibt die Frage weiter zentral: Warum gibt es so viel Ungleichheit zwischen den Völkern? Sind manche Völker klüger als andere? Oder gibt es vielleicht etwas anderes, was nichts mit Abstammung oder menschlicher DNA zu tun hat, als Erklärung dafür, dass du in den Straßen deiner Stadt nie die Armut gesehen hast, die dir auf einer Reise durch Thailand begegnen würde?

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Märkte sind nicht dasselbe wie Wirtschaft

In der Gesellschaft, in der du aufwächst, herrscht die irrige Meinung, dass Wirtschaft und Märkte dasselbe seien. Aber was genau sind denn Märkte? Sie sind eine Sphäre des Austauschs. Im Supermarkt füllt man den Einkaufswagen mit Gegenständen und »tauscht« sie gegen Geld, das später gegen andere Dinge eingetauscht wird, die derjenige haben will, der es einnimmt. Das kann der Besitzer des Supermarkts sein, der Mitarbeiter im Supermarkt, der von dem Geld seinen Lohn bekommt, das wir an der Kasse bezahlen, und so weiter.

Wenn es kein Geld gäbe, müssten wir dem Verkäufer andere Güter überlassen, die für ihn wichtig sind. Deshalb sage ich, der Markt ist der Ort, an dem der Tauschverkehr stattfindet. Und dieser Ort kann mittlerweile auch digital sein – wie zum Beispiel dann, wenn du mich dazu bringst, dir Apps bei iTunes oder Bücher von Amazon zu beschaffen. Ich sage das, weil die Menschen schon Märkte hatten, als sie noch auf den Bäumen lebten, bevor wir den Ackerbau entdeckten.

Wenn einer unserer Vorfahren einem anderen eine Banane anbot und dafür einen Apfel wollte, war das eine Form des Austauschs; ein unvollkommener Markt, bei dem eine Banane den Preis für einen Apfel darstellte und umgekehrt. Aber es war keine richtige Wirtschaft. Damit eine richtige Wirtschaft zustande kam, war etwas Weiteres nötig: dass die Menschen zu produzieren anfingen, anstatt einfach nur Tiere zu jagen, Fische zu fangen und Bananen zu pflücken.

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fresh money %, ©Michael Paul

Zwei große Sprünge nach vorne: Sprache und Überschuss

Vor ungefähr 82 000 Jahren machten die Menschen den ersten großen Sprung nach vorne: Es gelang ihnen, die Stimmbänder so einzusetzen, dass sie nicht nur unartikulierte Schreie von sich gaben, sondern eine Sprache. 70 000 Jahre später (also vor etwa 12 000 Jahren) machten sie den zweiten großen Sprung: Es gelang ihnen, den Boden zu kultivieren.

Die Sprache und die Fähigkeit, Nahrung zu produzieren, statt nur zu schreien und das zu verzehren, was uns die Natur bot (Wildtiere, Nüsse oder Früchte), haben das hervorgebracht, was wir Wirtschaft nennen. Heute, 12 000 Jahre nach der »Erfindung« der menschlichen Fähigkeit, die Erde zu kultivieren, haben wir allen Grund, diesen Augenblick wirklich historisch zu nennen: Es gelang dem Menschen zum ersten Mal, sich nicht auf die Großzügigkeit der Natur zu verlassen, sondern er lernte, sie unter Mühen dazu zu bringen, für ihn Güter zu produzieren.

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fish are more important than charts, ©Michael Paul

War das ein Augenblick der Freude und Begeisterung? Auf gar keinen Fall ! Der einzige Grund, weshalb die Menschen gelernt haben, die Erde zu bestellen, war der Hunger. Nachdem sie durch ihre findigen Jagdmethoden die meisten Wildtiere ausgerottet und sich so stark vermehrt hatten, dass die Früchte der Bäume nicht mehr für sie ausreichten, zwang sie der schiere Hunger, sich Methoden des Ackerbaus auszudenken. Wie bei allen technischen Revolutionen hatten wir auch hier keine bewusste Entscheidung in diese Richtung getroffen.

Die Anbautechnik, die Agrarwirtschaft, sie hatten sich einfach ergeben. Und mit ihr wandelten sich ohne unser ausdrückliches Zutun die menschlichen Gesellschaften. Die landwirtschaftliche Produktion schuf erstmals das wesentliche Element einer echten Wirtschaft: den Überschuss. Aber was ist das? Es ist ein Produkt der Erde, das nicht nur ausreicht, einen zu ernähren und das Saatgut zu ersetzen, das im selben Jahr ausgebracht (und im Jahr davor aufgespart) wurde, sondern das darüber hinausgeht und so eine Vorratshaltung für den späteren Gebrauch erlaubt: zum Beispiel Getreide, das entweder für eine schlechte Zeit – wie etwa bei der Zerstörung der nächsten Ernte durch Hagelschlag – gelagert wird, oder um es als zusätzliche Saat zu benutzen, die im nächsten Jahr in die Erde kommt und auf diese Weise den künftigen Überschuss weiter vermehrt.

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fish are more important than charts, ©Michael Paul

Hier musst du auf zwei Dinge achten. Erstens, dass Jagen und Fischen und das Sammeln von Nüssen und Früchten kaum einen Überschuss hervorbringen konnten, denn die Fische, Hasen und Bananen waren nach kurzer Zeit nicht mehr genießbar oder verfault, im Gegensatz zum haltbaren Getreide, Mais, Reis und der Gerste. Zweitens, dass die Erzeugung von landwirtschaftlichem Überschuss folgende Wunder der Gesellschaft erschuf: Schrift, Schulden, Geld, Staaten, Heere, Priester, Bürokratie, Technik und sogar die erste Form eines biochemischen Krieges. Lass es uns der Reihe nach betrachten …

Yanis Varoufakis, Jahrgang 1961, ist ein griechisch-australischer Wirtschaftswissenschaftler und Autor zahlreicher Buch- und Zeitschriftenpublikationen. Er war Professor für ökonomische Theorie an der Universität von Athen und an der Lyndon B. Johnson School of Public Affairs der Universität in Austin, Texas. Von Januar bis Juli 2015 war er Finanzminister der Regierung unter Alexis Tsipras. Blog: yanisvaroufakis.eu und bei Twitter: @yanisvaroufakis

Vorabdruck mit freundlicher Genehmigung des Hanser Verlags aus: Yanis Varoufakis: Time for Change. Aus dem Griechischen von Birgit Hildebrand. 180 Seiten. Klappenbroschur. € 17,90 (D) / € 18,50 (A). ISBN 978-3-446-44524-6. Erscheinungstermin: 27.07.15, © Carl Hanser Verlag München

Abbildungen: Zeitgeist Serie 4_13 Objekte/Leinwandbilder von Michael Paul, www.michart.de

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