Die Sehnsucht ist es, die unsere Seele nährt, und nicht die Erfüllung

Interview mit Michaela Prinzinger, Autorin und Übersetzerin

In diablog.eu geht es seit Ende August 2014 um die zeitgenössische griechische Kulturproduktion aus den Bereichen Literatur, Musik, Kunst, Film und Theater und um deutschsprachige Kulturakteure, die durch ihre Tätigkeit in Beziehung zu Griechenland treten. Besonderes Augenmerk wird auf das Übersetzen gelegt, das jede Form von Kulturaustausch überhaupt erst möglich macht. Chefredakteurin Michaela Prinzinger sprach mit Andrea Schellinger, Goethe Institut Athen, über ihre Motive und Pläne.

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Worum geht es bei diablog.eu?

Das Projekt basiert auf der Ökonomie der Tauschwirtschaft und auf der Philosophie der Freundschaft: Ich gebe dir einen Text, du gibst mir eine Übersetzung. Du gibst mir ein Bild, ich gebe dir einen Text. Das mag romantisch klingen. Aber die Romantik war, ideengeschichtlich betrachtet, einer der größten deutschen Exportschlager.

Wieso hier (Berlin) und jetzt (2014) ein Portal für zeitgenössische griechische Kultur? Was hat Sie motiviert, dem „Stiefkind“ Europas und weißen Fleck auf der europäischen Literaturkarte Griechenland eine digitale Plattform zu widmen?

Das deutsch-griechische Verhältnis ist beschädigt, Griechenland liegt am Boden. Da wollen wir die Hand ausstrecken. Jede Wirtschaftskrise beinhaltet auch eine emotionale Krise. Es gibt so viele Deutsche, die gerne in dieses Land reisen und mit Griechen freundschaftlich fest verbunden sind. Jedem dieser Reisenden ist an irgendeinem Ort des Gastlands etwas „ausgegeben“ worden: ein Stück Obst, ein Glas Wasser, ein Ouzo. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, etwas zurückzugeben. Ich will mithelfen, durch Übersetzungen einen Dialog zwischen Griechen und Deutschen zu initiieren und beide Kulturen einander verständlicher zu machen. Außerdem lebe ich in einer der vitalsten Metropolen Europas, die immer mehr zum Anziehungspunkt für junge Griechen wird. Mein Gefühl sagt mir, dass genau jetzt der richtige Zeitpunkt für ein solches Vorhaben ist. Unser kreatives Potential bietet einen Ausweg aus Unbehagen und Desillusion.

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Was will diablog.eu mitteilen, wen mit Informationen erreichen?

Ich wollte meine persönliche Frustration über das beklagenswerte und nicht nachvollziehbare Desinteresse deutschsprachiger Verlage und Literaturzeitschriften an Griechenland in ein positives Projekt umwandeln. Mein Wissen und Engagement aus einer jahrzehntelangen Beschäftigung mit diesem Land und seiner zeitgenössischen Kulturproduktion fließt hier ein. Darüber hinaus möchte ich ein Netzwerk schaffen, eine Plattform eröffnen, einen Dialogkanal erschließen für Menschen, die bislang auf die Berichterstattung in den Mainstream-Medien und die sehr eingeschränkte Auswahl der hiesigen Verlage und Zeitschriften angewiesen waren. Dabei bin ich auf die Hilfe von Kulturakteuren aus beiden Ländern und die Kooperation von Brückenbauern = Übersetzern angewiesen.

Wieso interessieren sich deutschsprachige Verleger nicht stärker für junge griechische Autoren?

In Verlagen, aber nicht nur dort, regieren die Bedenkenträger. Für renommierte Verlagshäuser ist ein unbekannter griechischer Autor, der nicht auf Anhieb annähernd 10.000 Exemplare zu verkaufen verspricht, uninteressant. Texte aus dem Griechischen zählen zum verschwindend geringen Prozentsatz an Übersetzungen aus den sogenannten „kleinen“ Sprachen. Übrigens: Angesichts der angloamerikanischen Übermacht gelten alle anderen Sprachen als „klein“. Außerdem steht der griechische Autor vor der Quadratur des Kreises. Er soll zwar über sein Land schreiben, aber – bitte schön – nicht zu viel Nabelschau. Wenn er über ein nicht griechenlandaffines Thema schreibt, winkt man wiederum gelangweilt ab. Ein angloamerikanischer Autor hingegen kann über Gott und die Welt fabulieren und findet einen Verleger.

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Inwiefern und worin unterscheidet sich die griechische Literatur- und Kunstszene von entsprechenden europäischen Szenen?

Die Frage setzt, wie ich meine, an der falschen Stelle an. Es geht doch nicht um Unterschiede, sondern um Gemeinsamkeiten. Gemeinsame Interessen, gemeinsame Erfahrungen führen die Menschen generell zueinander. Das gilt auch für Kulturakteure. Das Ziel von diablog.eu ist es, endlich einen antiquierten Philhellenismus abzustreifen, die bis in die 1970er Jahre gepflegte Idealisierung der griechischen Landschaft zu überwinden und das politisch aus dem Widerstand gegen die Junta 1967-74 geprägte Griechenland-Bild neu zu definieren. Unser gemeinsamer Reichtum ist die Kultur, an der wir alle teilhaben können. Und genau diese Möglichkeit eröffnet uns das Internet. Also rufen wir mit diablog.eu die Blogbesucher zur Mitarbeit auf. Sie können uns ihr Kapital schenken, sei es in Form von Wissen, Bildern und Texten, sei es in Form von Geld zur Finanzierung einer Buchübersetzung über ein konkretes Crowdfunding-Projekt.

Sollen auch junge, in Deutschland lebende und künstlerisch arbeitende Griechen zu Wort kommen?

Selbstverständlich. Es geht um die Arbeit zeitgenössischer griechischer Autoren, bildender Künstler und Musiker, die in Griechenland leben oder im Zusammenhang mit Mobilitätsbiografien im deutschsprachigen Raum wirken. Und es geht um kreativ wirkende Menschen aus dem deutschsprachigen Raum, die geistige und persönliche Beziehungen zu Griechenland haben und in ihr Werk einfließen lassen. Es gilt, diesen realexistierenden Reichtum an geistigem Austausch aufzuzeigen, bewusst zu machen und zu genießen.

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Kreativwirtschaft: Selbstausbeutung oder selbstbestimmtes Arbeiten?

Die Frage der Ausbeutung stellt sich hier nicht. Kreativwirtschaft ist für mich Tauschkultur, ein Geben und Nehmen, Geschenk und Gegengabe. Mein Motto ist ein Aphorismus von Arthur Schnitzler: „Die Sehnsucht ist es, die unsere Seele nährt, und nicht die Erfüllung.“ Provokant umformuliert: Der Businessplan ist zweitrangig angesichts dieser Sehnsucht, die mich antreibt.

Dr. Michaela Prinzinger, promovierte Neogräzistin, lebt seit 1990 als freie Autorin, Dolmetscherin und Übersetzerin in Berlin. Sie wurde mehrfach gefördert und ausgezeichnet, zuletzt 2003 mit dem Griechisch-Deutschen Übersetzerpreis. Seit August 2014 betreibt sie den Blog www.diablog.eu.

Die Fragen stellte Andrea Schellinger.

© Michaela Prinzinger und Goethe-Institut Griechenland/Internet-Redaktion
September 2014

Goethe-Institut

 

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2 Gedanken zu “Die Sehnsucht ist es, die unsere Seele nährt, und nicht die Erfüllung

  1. Zeugen für Träume

    Es werden Zeugen gesucht,
    wenn in mir Liebe entsteht
    werden Zeugen gesucht,
    wenn Schönheit in mir wächst
    Zeugen gesucht,
    wenn verzweifelte Träume and’rer
    helle Blitze und Donner laut
    durch einen Schlitz um Hilfe schrei’n,

    Zeugen,
    wenn ich Trümmer Altertümer zur Seite tu‘
    Schichten aus fremdem Schutt,
    damit lebendige Träume atmen und strahlen,
    wie Glitzersterne.
    Ich suche einen Zeugen für meinen bunten Traum,
    einst ein Alptraum
    vom Kampf um die Welt.

  2. Liebe Michaela, liebes Redaktions-Team.
    Ich bin sehr glücklich nun über Ihren Blog erfahren zu haben. Eine sehr interessante und im Inhalt sehr farbige und spannende Gestaltung.
    In Ihrem Interview bedauern Sie das Desinteresse deutscher Verlage an griechischen – insbesondere jungen – Autoren. Aber auch umgekehrt spürt man Desinteresse, ja sogar Arroganz.
    Ein Buch über das Leben und Werk der faszinierenden großen griechischen Malerin
    Thalia Flora -Karavia (eine griech. Malerin in ihrer Zeit zwischen Orient und Okzident), das ich schrieb, stellte ich mehreren griechischen und deutschen Verlagen vor.
    Ich erhielt nicht einmal eine Resonanz als Eingangsbestätigung.
    Lediglich „Exantas“, Berlin, veröffentlichte einen detaillierten bebilderten Bericht.
    Aber wenn ich das „Ti na kanoume“ mit „Das Unvermeidliche mit Würde ertragen“ übersetze spendet das Trost.
    Ihnen, Ihrem Team viel, viel Glück und auch Erfolg
    Petros Rottwinkel

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